Neu auf dem Nachttisch

Colette: Frauen – Erzählungen. Aus dem Französischen von Alexandra Auer. Zuerst erschienen 1949.

Die Geschichte „Rivalinnen“ darin beginnt so:

„Hübsches Kleid“, befand Clara. „Doch mir scheint, Antoinette sieht nicht besonders gut aus. Vielleicht auch nur, weil ich mir wünsche, daß sie nicht gut aussehen soll. Wir werden ja sehen, was er davon hält. Wie kann ein Mann mit Geschmack sich bloß für eine Frau mit einer so hohen Stirn interessieren?“
Sie beugte sich über die Schulter einer jungen Frau, die auf einem der vergoldeten Stühle vor ihr in der ersten Reihe saß.
„Sind sie schwindelanfällig, Marise?“
„Schwindelanfällig? … Ja, allerdings“, antwortete Marise eilfertig. „Erinnern Sie mich nicht daran, allein bei dem Gedanken fühle ich schon ein Ziehen in den Waden…“
„Dann sehen Sie nur ja nicht auf Antoinettes Stirn. Die reinste Abfahrtpiste. Schneewüste, soweit das Auge reicht. Ihre Haare beginnen irgendwo dort hinten, weit hinter ihrem Kopf. Das ist… ich weiß nicht, wie ich es sagen soll… unanständig.“

Anmerkung zu Peter Altenberg, Sonnenuntergang im Prater

Je länger ich in der Stadt lebe, desto mehr fällt mir auf, daß ich den noch naturnahen Schriftstellern aus der Zeit vor den beiden Weltkriegen immer weniger folgen kann. Anscheinend verlerne ich Jahr für Jahr weitere Pflanzen – und während diese Autoren auf jeder Seite kunstvoll Bilder mit Blumen abstimmen und Bäume passend zur Situation einsetzen, ist mir alles nur irgendwie grün oder bunt blühend, ich rate so herum, was weiß ich. Schleedornröschen, Leontodon, Heliotrop, Reseden, Sumpfgräser, Berberitzen, Sternblumen, Georginen – alle schon auf den ersten Seiten. Mir fällt nichts dazu ein. Oder nicht mehr, vielleicht kannte ich die ja einmal, als ich noch auf dem Land lebte.

Wenn ich heute aus dem Fenster sehe und einen Baum sehe, denke ich nur Baum und wenn ich einen Busch sehe, denke ich nur Busch. Ist eine Pflanze grün und steht in meiner Küche, denke ich Basilikum, das immerhin.

Aber es ist doch ein schwerer Fall von Vokabelverlernen. Die Pflanzennamen fallen aus meinem Hirn wie im Herbst das Laub von den Dings. Sehr schade.