Neu auf dem Nachttisch

Wolf Haas: Der Knochenmann. Zuerst erschienen 1997. Das Buch beginnt so:

„Jetzt ist schon wieder was passiert. Aber der Frühling ist eine herrliche Zeit, da gibt es Gedichte und alles, und weiß ein jeder, daß im Frühling das Leben erwacht. Da hat es am Anfang niemand glauben wollen, daß es auf einmal umgekehrt sein soll. Aber so ändern sich die Zeiten. Am Schluß hätten wir viel gegeben, wenn es nur so schlimm gewesen wäre, wie es am Anfang ausgeschaut hat.“

Hinterher: Cesare Pavese, Der schöne Sommer

Auf besonderen Wunsch eines einzelnen Lesers soll es hier auch einen Eintrag nach dem Lesen geben, nicht nur, wenn das Buch neu auf dem Nachttisch liegt. Ich werde daher nach dem Genuß der Bücher jeweils kurz etwas zur Brauchbarkeit anzumerken.

„Der schöne Sommer“ ist ein ideales Buch, um sich zu erinnern. Zum einen daran, daß es tatsächlich Sommerabende gibt, an denen die Hitze des Tages in der Stadt nachglüht und man sich dankbar in den nächstbesten Schatten setzt. Abende, an denen man die Kühle genießt. Das klingt exotisch und bizarr und eigentlich glaubt es wohl auch kein Mensch, aber es ist schön, an den Sommer zu denken, wenn man dabei auf Hamburger Aprilregen sieht, auf schwarze Wolken über der Alster, leer am Steg dümpelnde Tretboote und auf Menschen, die unter Regenschirmen in Cafés flüchten.

Das Buch ist aber auch ganz hervorragend geeignet, um sich an Jugendsommerabende zu erinnern, an denen alles möglich war, an die Zeiten, als jeder Abend riesig vor einem lag, als noch die sinnloseste Gesellschaft immer voller Möglichkeiten schien und es vollkommen undenkbar war, zu Hause zu bleiben. Eines dieser Bücher, nach denen man sich noch ein wenig älter fühlt. Ein wunderbares Buch. Der Autor hat sich ein Jahr nach der Veröffentlichung aus Liebeskummer umgebracht und wenn man das weiß, liest man die Beschreibungen der Liebe ja immer etwas anders, aber von erfülltem Liebesglück findet man hier ohnehin nichts. Nur von der Ahnung, daß es etwas in der Art einmal geben könnte, wenn man noch jung genug ist, es nicht besser zu wissen.

Das Buch ist ganz leicht und ganz schnell vorbei und man weiß gar nicht, wie der Autor es anstellt, aus dem Nichts so treffende und intensive Bilder entstehen zu lassen, obwohl er fast nichts beschreibt und fast nichts passiert – was für eine Kunst.

Ein lesenswerter Artikel mit dem schönen Titel „Der Beischläfer der Göttin“ zu Pavese und auch zu dem Buch findet sich hier bei der Zeit.