November, 2007 Archives
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Umstellung
by Maximilian Buddenbohm in
Manche Dinge werden mit Kind wesentlich schwerer, noch schwerer sogar, als ich es mir je vorgestellt habe. Es gibt nämlich Gewohnheiten, die man im Laufe der Jahre sehr, sehr lieb gewonnen hat, von denen man sich mit Kind unvermittelt trennen muß, ganz egal, wie bestimmend sie bisher für die Persönlichkeit waren.
Zum Beispiel kann ich nicht mehr, wie ich es doch seit vielen, vielen Jahren gewohnt bin, schlechtgelaunt aufwachen, bis zum ersten Kaffee nur Brummgeräusche von mir geben und die Augen dabei gerade eben soweit aufmachen, daß es für eine grobe Orientierung Richtung Badezimmer reicht. Das geht einfach nicht mehr.
Man kann nicht in Frieden schlechtgelaunt sein, wenn man morgens mühsam ein Auge öffnet und aus Richtung Kinderbett ein umwerfendes Strahlen sieht, eine überbordende Begeisterung und freudig aufgerissene Augen. Wenn man dazu noch dieses Jauchzen hört, diese kleinen, hohen, jubelnden Begeisterungsschreie, wenn man diese wild und enthusiastisch wedelnden Ärmchen sieht – und wenn man selbst bei größtmöglichem Bemühen um Ignoranz nicht verkennen kann, daß diese ganze Freude nur der Tatsache gilt, daß Papa endlich wach ist, da muß man einfach gutgelaunt den Tag beginnen. Es ist vollkommen hoffnungslos.
Am Ende werde ich den Tag routinemäßig mit einem seligen Dauergrinsen beginnen, wie damals die Sonntagmorgen-Rama-Familie im Werbefernsehen, die Älteren erinnern sich bestimmt noch. Sehr peinlich, aber da muß man durch.
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Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
“Rechts und Links” von Joseph Roth, zuerst erschienen 1929. Der Roman beginnt so:
“Ich erinnere mich noch an die Zeit, in der Paul Bernheim versprach, ein Genie zu werden.
Er war der Enkel eines Pferdehändlers, der ein kleines Vermögen gespart hatte, und der Sohn eines Bankiers, der nicht mehr zu sparen verstand, aber vom Glück begünstigt wurde. Pauls Vater, Herr Felix Bernheim, trug ein sorgloses und hochmütiges Angesicht durch die Welt und hatte viele Feinde, obgleich ihn ein normaler Grad von Torheit befähigt hätte, von seinen Mitbürgern geschätzt zu werden. Sein ungewöhnliches Glück erweckte ihren Neid. Als hätte es das Schicksal darauf abgesehen, sie vollends zur Verzweiflung zu bringen, bescherte es ihm eines Tages einen Haupttreffer.”
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Tips für Väter (5)
by Maximilian Buddenbohm in
Wenn Sie sich versehentlich die ungünstige Kombination “sehr großes Kind – sehr kleiner Kinderwagen” zugelegt haben, erreichen Sie verblüffend schnell den Punkt, an dem das Kind zwecks Ausfahrt gefaltet werden muß, da es sonst nicht mehr recht in das kuschelige Nest paßt. Mütter sehen es allerdings im allgemeinen nicht gern, wenn man die Kinder mittig einknickt, um sie der Länge von Gebrauchsgegenständen anzupassen, da nützt auch der Hinweis auf die Kostenersparnis nichts, wenn der Wagen noch ein wenig länger gefahren werden kann. Der Vorschlag, am Fußende etwas aus dem Wagen zu schneiden, so daß der überlange Nachwuchs während der Fahrt mit den Füßen entspannt an der frischen Luft herumstrampeln kann, stößt sicher auch nicht auf Begeisterung, obwohl die Füßchen bestimmt gar nicht mal so kalt werden, wenn man sie mit mehreren Lagen Socken versorgt und den Wagen gelegentlich mit dem Fußende unter einem der neuerdings so zahlreichen Heizpilze in der Stadt parkt.
Nein, Gegenwehr ist vollkommen zwecklos. Gehen Sie hin und kaufen Sie einen neuen Wagen. Einen sehr, sehr großen Wagen. Und sehen Sie zu, daß Sie bald mal einen Tag allein zu Hause sind, damit Sie wenigstens in Frieden am Kinderbett werken können. Schon mit wenig billigem Kistenholz, einer Säge und einem Hammer kriegen Sie da nämlich eine mittig eingebaute und tadellose Verlängerung hin – wenn man Sie nur läßt.
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Unser täglich Brot
by Maximilian Buddenbohm in
Herzdame und Sohn haben am Wochenende beschlossen, daß der Herr Papa sie ja mal wieder mit einer Virusinfektion und hohem Fieber in ein Krankenhaus einliefern könnte, weswegen ich jetzt ganz überraschend noch eine Hamburger Institution der medizinischen Grundversorgung mehr kenne.
Mir ist schon bei den letzten Kontakten mit diesen Anstalten unangenehm aufgefallen, wie ausgeprägt grauenhaft die Verpflegung dort war, obwohl doch eigentlich jedem klar sein müßte, das gerade Menschen in der Rekonvaleszenz besonders gutes Essen benötigen. Nicht umsonst gehört, um nur ein Beispiel zu nennen, die gute Hühnersuppe zum Wochenbett. Jedem Angehörigen und Freund ist das anscheinend klar, nur keiner Entbindungsstation, aber das nur am Rande. In dem Krankenhaus aber, das ich jetzt am Wochenende kennengelernt habe, weil der Sohn fieberte wie ein kleines Kraftwerk und die Mutter jenseits aller Zurechnungsfähigkeit übermüdet und selbst krank war, habe ich einen verblüffenden neuen Rekord an schlechter Patientenernährung festgestellt.
Dort war beim Abendbrot die Relation zwischen Brot, Käse, Wurst und Butter tatsächlich so beschaffen, daß man auch bei sparsamster Verteilung der knappen Güter eine Scheibe Brot komplett trocken essen mußte. Oder natürlich gar nicht. Eine Scheibe trockenen Graubrotes ist, sicher doch, immer noch mehr, als die meisten in Afrika haben, schon klar. Die Vorstellung der zahlreichen Kassenpatienten aber, die abends in ihren Zimmern frustriert auf der Bettkante sitzen und ergeben eine staubige Brotrinde mümmeln – wenn das kein gutes Bild für den Zustand des Gesundheitssystems ist?
Ein System übrigens, über das man viel, viel mehr schreiben müßte – wenn man nur nicht so verdammt froh wäre, möglichst wenig darüber zu wissen.
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Ein wertvoller Hinweis
by Maximilian Buddenbohm in
Gänzlich zusammenhangslos sei hier einmal darauf hingewiesen, daß mir die zunehmende Ausbreitung des Modewortes „wertig“ maßlos auf den Geist geht. Bis vor kurzer Zeit nur eine verzweifelte Entgleisung der Werbetexter in Autoprospekten, in denen die Wurzelholzoptik der Mittelkonsole noch etwas aufgehübscht werden sollte, ist der Begriff heute schon auf der Seite einer Stadtteilinitiative in unserem Revier angekommen, die sich nach „wertiger“ Gastronomie im heruntergekommenen Teil des Viertels sehnt. Wertige Gastronomie! Kunden fragen in Läden tatsächlich nach „wertigen“ Geschenken, ich habe es genau gehört, in Versandhauskatalogen gibt es wertige Accessoires, auch schon für Säuglinge. Da werden sich die Kleinen aber freuen!
Es ist, um es präzise zusammenzufassen, widerwertig.
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Schön, schön
by Maximilian Buddenbohm in
Wenn man als Mann gerade sehr viel zu tun hat und daher abends verbissen am Computer sitzt, hat man natürlich wenig Lust, sich die Modenschau der Gattin anzusehen, die tagsüber einkaufen war und nun die Beute vorführen möchte.
Man kann sich als findiger und kommunikationsstarker Mensch aber behelfen und ohne genau hinzusehen gelegentlich etwas wie “schön, schön” oder “naja” oder “hmmm” murmeln, während die neue Kleidung im Auf- und Abgehen vor dem Spiegel präsentiert wird und die Berichte von den Einkaufserlebnissen munter aus der Frau heraus perlen. Das geht sehr gut. Was nicht gut geht, ist gar nicht hinzusehen und trotzdem etwas zu sagen.
Als die Herzdame vorhin zum zwanzigsten Mal an mir vorbeiging, murmelte ich ohne auch nur den Kopf zu heben ein lässiges “zu kurz” – auch so eine Bemerkung, die normalerweise gerne als ernsthafte Einlassung verstanden wird. Es wäre allerdings deutlich besser für den Rest des Abends gewesen, ich hätte vor dieser Bemerkung gemerkt, daß die Herzdame gerade nur einen Slip anhatte.
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Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
Georges Simenon: Betty. Übersetzt von Raymond Regh, zuerst erschienen1961. Der Roman beginnt so:
“Möchten Sie eine Kleinigkeit essen?” Sie schüttelte den Kopf. Es schien ihr, als habe die Stimme, die sie hörte, einen unnatürlichen Klang, so als hätte jemand hinter einer Glasscheibe gesprochen. “Wissen Sie, wenn ich sage, eine Kleinigkeit, dann meine ich Hase, denn wie Sie ringsum feststellen werden, ist heute Hasentag. Pech für Sie, wenn Sie das nicht mögen. Wenn Kabeljautag ist, dann gibt es nur Kabeljau.”
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Tips für Väter (4)
by Maximilian Buddenbohm in
Wenn Ihre stillende Frau eine mechanisch zu bedienende Milchpumpe besitzt, könnte es passieren, daß sie sich beim Pumpen eine Sehnenscheidenentzündung zuzieht. Das ist verständlich, denn nur wer genug abpumpt und für die Fütterung eine akzeptable Milchmenge zu Hause läßt, bekommt abends auch Auslauf. Daher ist der Ehrgeiz groß, dieses kleine Gerät schwungvoll in Grund und Boden zu bedienen, was ein untrainiertes Handgelenk gerne mal übelnimmt.
Da die Frau dann nicht mehr recht pumpen kann, wird sie sich natürlich an Sie wenden – und als Kavalier und Gentleman werden Sie hoffentlich sofort die Gelegenheit, bzw. die Pumpe ergreifen und der Dame gerne dienlich sein. Unter fröhlichen Ausrufen wie etwa “Alle Mann an die Pumpen!” legen Sie los und stellen bald fest, es ist ein überraschend mühsames Geschäft. Entspannen Sie sich dennoch, machen sie langsam, Geschwindigkeit bringt rein gar nichts. Bleiben Sie freundlich. Sagen Sie nichts über Kühe, die viel bedienerfreundlichere Proportionen haben. Sagen sie keine spontan erdachten Bauernregeln auf (”Hört er abends das Kindchen schrein, melkt der Bauer das Mütterlein”)und vergleichen sie die abgepumpte Menge auch nicht mit der durchschnittlichen Leistung einer Holsteiner Schwarzbunten. Machen Sie nur ruhig weiter. Sagen Sie nichts, pumpen Sie.
Am nächsten Tag stellen Sie dann einfach bis auf weiteres den Gebrauch Ihrer nunmehr ebenfalls ruinierten Handgelenke ein und besorgen sich eine elektrische Pumpe. Wenn Weihnachten, Geburts- oder Hochzeitstage in der kalendarischen Nähe sind – auch prima als Geschenk geeignet!
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Der weiße Pfeil
by Maximilian Buddenbohm in
Vor einiger Zeit zeigte mir ein Bekannter, der befremdlicherweise regelmäßig die Bild-Zeitung liest, einen Artikel aus dem grauenvollen Blatt. Dieser war mit einem Haus bebildert, das mir deutlich bekannt vorkam. Auf eines der Fenster unter dem Dach, das mir sehr nach unserem Schlafzimmerfenster aussah, zeigte ein riesiger, aufmontierter weißer Pfeil. Einer jener Pfeile, neben denen in dieser Zeitung üblicherweise etwas steht wie „Hier wohnt der Schafschänder“ oder „Da haust das Blogger-Liebchen“. Neben dem Pfeil aber, der da unverkennbar auf unser Schlafzimmer zeigte, stand erfreulicherweise nur: „Bis dahin wird alles abgerissen“. In dem Artikel darunter, betitelt mit „Hamburgs größte Baustelle“ war anschaulich beschrieben, daß hinter unserer Schlafzimmerwand nach einer größeren Zerstörungsorgie eine Art neuer Stadtteil entstehen wird, mit etlichen neuen Wohn- und Bürogebäuden, Wegen und Straßen – Baubeginn Dezember 2007.
Die Erwartung, daß eines Morgens in den nächsten Wochen eine Abrißbirne drei Meter neben unserem Bett zuschlagen wird, macht uns seitdem etwas nervös. Mich, weil ich mich noch nicht ausreichend mit den Gesetzmäßigkeiten der Mietminderung befaßt habe, die Herzdame, weil es ihr Lebenstraum ist, einmal ein Haus abzureißen und sie schon wieder nicht mitspielen darf.
Ich glaube es gibt eigentlich nichts, worauf wir jemals ähnlich reagieren.
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Geräusche
by Maximilian Buddenbohm in
Geträumt, jemand würde vor dem Schlafzimmerfenster mit einem kleinen Aufsitzrasenmäher unentwegt im Kreis fahren. Dann aber aufgewacht, nachgesehen und gemerkt, daß das Motorengeräusch in Wirklichkeit von den ersten schweren Maschinen kommt, die in Stellung gebracht werden, um das Nachbarhaus abzureißen.
Man träumt aber auch schlimm, manchmal.


