Oktober, 2007 Archives
Okt
Meine schwarzen T-Shirts sind meine roten Tulpen
by Maximilian Buddenbohm in
Jens Scholz warf hier ein paar Fragen zu meinen Schlafgewohnheiten ein, wohl wissend, daß diese gerade durch den oft nachtaktiven Nachwuchs kaum noch als Gewohnheiten zu bezeichnen sind. Hier meine Antworten:
Lieblings-Schlafklamotte?
Schwarze T-Shirts, aus guten Gründen. Manche kennen vielleicht noch die Tiergeschichten von Manfred Kyber, einem ziemlich aus der Mode gekommenen, sehr esoteriktauglichen deutschen Schriftsteller aus dem letzten Jahrhundert. Da gibt es eine Geschichte von einer Käferfrau, die abends mit ihrem Käfermann in einer Tulpe schlafen geht und ihren Mann dadurch wahnsinnig macht, daß sie ihn alle fünf Minuten bittet nachzusehen, ob die Tulpe wirklich rot sei, denn in gelben Tulpen könne sie nun mal nicht schlafen. Das macht sie solange, bis es zu einem heftigen Ehestreit kommt, denn der Mann könnte eigentlich überall schlafen, wenn seine Frau ihn nur nicht immer durch Fragen daran hinderte. Die Moral von der Geschicht’ ist natürlich, daß es gar nicht darauf ankommt, welche Farbe die Tulpe hat, solange man darin ein bequemes Nachtlager findet, es geht also eigentlich um das, was wirklich wichtig ist, im Leben. Was ich aber eigentlich sagen wollte: In weißen oder bunten T-Shirts könnte ich nicht schlafen.
Lieblings-Bettwäsche?
Sateng. Ich mag es, nachts durch die Gegend zu rutschen. Da die Herzdame das aber nicht mag, ist das Vergnügen eher selten und auf Geburtstage und andere Jubelfeiern begrenzt.
Lieblings-Schlafposition?
“I liag am Ruckn und stier mit zugmachte Augn in die Finsternis um mi herum” (Ludwig Hirsch, keine Gewähr für die lautmalerisch korrekte Wiedergabe – Etosha, übernehmen Sie)
Hast Du ein “Einschlafritual”?
Herzdame küssen, Kind küssen, Wecker stellen, Licht ausmachen. Mit der Herzdame eine halbe Stunde die Anzahl der Zentimeter diskutieren, die das Fenster geöffnet sein darf. Warten, bis die Herzdame endlich eingeschlafen ist. Das Fenster dann heimlich richtig aufmachen. Zufrieden einschlafen.
Hast Du ein Kuscheltier, Knuddelkissen o.ä.?
Ich habe seit Jahren genug damit zu tun, das Stoffnashorn (sic!) der Herzdame zu ignorieren.
Was machst Du, wenn Du nicht schlafen kannst?
Ins Büro gehen, denn dann ist es ja schon Tag.
Wie groß ist Dein Bett?
1,40 mal irgendwas, wie die eben so sind. Wir brauchen ja nicht viel.
Wie viele Kissen hast Du?
Eines. Aber ein sehr, sehr großes.
Linke oder rechte Seite?
Die Herzdame liegt immer rechts von mir. Das hat einen guten und wichtigen Grund, denn ich weiß aus einem sicheren Gefühl heraus, daß die Welt schlagartig untergehen würde, wenn sie jemals auf der falschen Seite liegen sollte. Etwas viel Verantwortung, die ich da übernehme, ich weiß, aber ich tue das mit Freude. Wirklich, gern geschehen. Keine Ursache. Auch morgen wird die Sonne wieder für uns alle aufgehen, denn die Herzdame und ich, wir schlafen auf der richtigen Seite.
Wie läßt Du dich wecken?
Handywecker oder Kind oder Gelenkschmerz. Der Wecker ist dabei die unwahrscheinlichste Variante.
Stehst Du direkt auf oder bleibst Du liegen?
Ich versuche zunächst, den Klammergriff zu lösen, mit dem das Kind meinen Zeigefinger festhält. Damit es dabei nicht aufwacht, darf ich mich nur millimeterweise und in Zeitlupe bewegen, daher dauert das Aufstehen zur Zeit oft etwas länger.
Dein erster Gedanke am Morgen?
Darüber habe ich schon einmal im alten Blog geschrieben: Hier.
Was machst Du um wach zu werden?
Irgendwann während des ersten Kaffees stellt sich das Gefühl wach zu sein in der Regel ein. Sollte das nicht klappen, trinke ich einen weiteren Kaffee oder auch noch einen. Wenn das auch nicht hilft, liege ich sehr wahrscheinlich noch im Bett und träume nur, daß ich Kaffee trinke.
Okt
Wieder was verpaßt
by Maximilian Buddenbohm in
Während ich mich in Hamburg auf eine weitere Bürowoche voller toller, neuer Zahlen vorbereitete, brachte die Herzdame im Heimatdorf unserem Sohn den besonderen Charme der Rassegeflügelschau näher. Gestern war, man mag den Namen kaum glauben, Gluckenfest in Friedewalde.
Zur Verköstigung der interessierten Besucher gab es gegrillte Hähnchen. Das findet man dort nicht einmal lustig.
Okt
Theorie der freien Zeit
by Maximilian Buddenbohm in
Die Herzdame bleibt mit dem Kind eine Woche im Heimatdorf. Ich bin schon wieder in Hamburg und könnte jetzt theoretisch an den kommenden Abenden ein gewaltiges Arbeitspensum bewältigen, ich könnte gleich mehrere freiberufliche Aufträge zu Ende bringen und sogar neue Geschichten schreiben. Theoretisch.
Leider merke ich gerade, daß ich mich nicht mehr konzentrieren kann, wenn mich nicht spätestens alle zehn Minuten ein nörgelnder Säugling unterbricht. Neue Dimensionen der Fehlplanung.
Okt
Wochenende
by Maximilian Buddenbohm in
Okt
Merlix wird umworben
by Maximilian Buddenbohm in
Als ich neulich in der Innenstadt bei einem Juwelier war, um für die Herzdame etwas Geschmeide zu erwerben, fragte mich die Verkäuferin, um welchen Anlaß es sich denn handeln würde. Darauf ergab sich in etwa folgendes Gespräch:
Ich: Gerade Kind bekommen.
Verkäuferin: Oh, gratuliere! Und jetzt Schmuck für die Frau, wie nett von ihnen!
Ich: Nicht wahr?
Verkäuferin: Was soll es denn sein? Ein Ring?
Ich: Nein, es muß schneller zu wechseln sein.
Verkäuferin: Bitte?
Ich: Es muß ganz schnell wieder abgehen und die Körperseite wechseln können.
Verkäuferin: Bitte?
Ich: Wegen der Brüste.
Verkäuferin: Äh…
Ich: Sie stillt. Stillende Frauen können sich nichts merken. Auch nicht, welche Brust dran ist.
Verkäuferin. Ah ja.
Ich: Da dachte ich, wenn sie etwa immer ein goldenes Armband da hinmacht, wo das Kind zuletzt dran war…
Verkäuferin: Hach.
Ich: Bitte?
Verkäuferin: Wie süß von ihnen. Was haben sie da für einen Ring auf?
Ich: Ring? Ich? Ach, so eine Art Siegelring. Nichts Besonderes.
Verkäuferin: Mit Familienwappen? Sind sie von Adel?
Ich: Nein. Kein Wappen. Kein Adel. Ich bin normal. So in etwa.
Verkäuferin: Männer wie sie sollten aber trotzdem ein Wappen haben
Ich: Ach?
Verkäuferin: Ja. Unbedingt. So eine maskuline Erscheinung wie sie!
Hier wurde das Gespräch durch einen minutenlangen Lachanfall meinerseits unterbrochen, was sicherlich ganz unvorteilhaft für meine maskuline Erscheinung war. Ein dringender Rat an die Trainer, die dem armen Verkaufspersonal solche Sätze als Standard einhämmern: Man kann es auch übertreiben.
Okt
Kleinwild
by Maximilian Buddenbohm in
Es liegt mir natürlich vollkommen fern, mit meinem Sohn anzugeben. Wer weiß, wo das hinführen würde, man erwähnt erst nur hier und da mal eine Besonderheit und am Ende meldet man jeden Tag vermeintliche Fortschritte, die in Wahrheit alle Kinder zur gleichen Zeit machen, sehr peinlich. Nein, nein, das möchte ich nicht.
Aber daß er im Alter von sechs Wochen mit seinen herumwirbelnden Händchen gerade eben eine Mücke in seinem Stubenwagen erschlagen hat – das finde ich doch schon sehr cool.
Okt
Die kluge Frau baut vor
by Maximilian Buddenbohm in
Man sollte niemals die Vernunft nordostwestfälischer Frauen unterschätzen. Immer wenn man denkt, man hat das ganze Ausmaß endlich begriffen, stößt man auf eine weitere Steigerung. Als die Herzdame am Morgen das Bad für eine nicht nur gefühlte Ewigkeit blockierte und mit Staunen meine nicht mehr ganz friedlich gesonnene Frage hörte, was sie denn bitte in so langer Zeit da drinnen um Himmels willen bloß machen könne, kam die Antwort gelassen und klar durch die Tür:
“Ich muß mich gerade nach der Schwangerschaft sehr sorgsam pflegen, cremen und ölen. Du könntest früh versterben und wenn ich dann schon faltig aussehe, finde ich vielleicht keinen anderen mehr.”
Okt
Zahltag
by Maximilian Buddenbohm in
Von einem Neugeborenen wird man sechs Wochen lang angestrullt, angekackt, angespuckt und angesabbert. Dann wird man angelächelt.
Sehr cleverer Schachzug von Mutter Natur.
Okt
Doppeldank
by Maximilian Buddenbohm in
Okt
Der gute Rat
by Maximilian Buddenbohm in
Viele Menschen geben Eltern Ratschläge, zu nahezu allen denkbaren Themen. Man erfährt zum Beispiel, ob und wie lange man ein Baby schreien lassen soll, nämlich gar nicht, mal zwischendurch oder auch ruhig stundenlang oder wenn er so guckt und blau wird, dann lieber doch nicht. Man erfährt, wie man ein Baby zu halten hat, nämlich so, ganz anders oder guck mal, ich zeig mal, nein, höher mit dem Kopf. Mit dem Kopf!
Man lernt, wie man ein Baby anzuziehen hat, nämlich erst so was drunter, dann so ein Ding da und dann erst ach, das habt ihr gar nicht? Na, wie soll das denn gehen?
Das hört man sich alles friedlich an und gar nicht selten hört man auch sehr nützliche Hinweise, die man bestens umsetzen kann. In den letzten Tagen habe ich viel gelacht über den sehr gutgemeinten Hinweis, man müsse beim Kinderwagenschieben den Bügel, mit dem man schiebt, unbedingt von unten her anfassen, also in etwa so, als wolle man einen Tisch hochheben. Würde man den Griff nämlich so anfassen, wie es alle tun, also in dem man einfach die Hände unbedacht darauf legt und losschiebt, könne man sich schwere Haltungsschäden zuziehen – weil man ja immer vorne abgestützt gehen würde.
Deswegen nämlich gehen viele ältere Menschen so gebeugt. Sie haben sich an ihren Kindern kaputtgeschoben! Ich merke es mir schon mal vor, um es unserem Sohn dereinst vorzuwerfen. „Ich habe mich an deinem Kinderwagen krummgelaufen“ klingt doch wirklich wie ein ungemein anwendbarer Vorwurf. Und so unverbraucht.
Okt
Neu auf dem Nachttisch
by Maximilian Buddenbohm in
“Nana”, von Emile Zola, aus dem Französischen von Gerhard Krüger. Der Roman, zuerst erschienen 1880, beginnt so:
“Um neun Uhr war der Zuschauerraum des Théatre des Variétés noch leer. Auf dem Balkon und im Parkett warteten einige Leute verloren zwischen den granatfarbenen Samtsesseln im Dämmerlicht des mit halber Flamme brennenden Kronleuchters. Ein Schatten ertränkte den großen roten Fleck des Vorhangs, und kein Geräusch kam von der Bühne; das Rampenlicht war nicht angezündet, die Pulte der Musiker in Unordnung.”
Okt
Okt
Triumphmarsch
by Maximilian Buddenbohm in
Mein Leben ist nicht unbeträchtlich dadurch geprägt, daß ich eigentlich nichts richtig gut kann. Nichts außer Lesen und Schreiben, wie einige freundlich gesonnene oder angetraute Menschen an dieser Stelle einzuwerfen pflegen, wofür ich jedesmal sehr dankbar bin, aber da bleibt dann doch immer noch ein Nichts beträchtlicher Größe. Daher ist es mir immer ein unbeschreibliches Vergnügen, gelegentlich Kleinigkeiten festzustellen, bei denen ich nicht komplett versage oder sogar brauchbar bin – so kann ich etwa ganz gut Nägel krumm hauen, Geld verplempern oder unfotogen sein.
Und jetzt, nach all den grauen Jahren ausgeprägter Mittelmäßigkeit, habe ich tatsächlich eine Spitzenbegabung bei mir entdeckt, eine phänomenale Gabe, ein Ausnahmetalent ersten Grades! Ich kann etwas ganz Besonderes! So richtig! Womöglich bin ich sogar Weltbester!
Ich bin nämlich eine Spitzenkraft, wenn es darum geht, ein Kind bäuern zu lassen, sofern das überhaupt der richtige Ausdruck dafür ist. Sagt man das so? Egal, Sie wissen schon, die Luft muß aus dem Kind. Die Herzdame zum Beispiel kann das nicht, sie klopft und rüttelt ergebnislos an unserem Sohn herum, der sich davon gänzlich unbeeindruckt auf ihrer Schulter sichtlich langweilt, nach einer Weile gähnt, zusehends mißmutig guckt und mir mit den Fingerchen heimlich Zeichen gibt. “Gib mal her”, sage ich, wenn ich das arme Kind so sehe. Ich schwinge den Kleinen über meine Schulter, es vergehen keine zwei Sekunden und wir hören, was alle Eltern gerne hören und der Rest der Welt nur kopfschüttelnd zur Kenntnis nimmt. Zwei Sekunden! Oft reicht es sogar, wenn ich das Kind nur scharf angucke! Und das ist natürlich nicht nur ein einmaliger Effekt, das ist wiederholbar, berechenbar, nachweisbar, das klappt immer. Immer!
Wenn Sie Säuglinge haben, die kein Bäuerchen machen wollen, rufen Sie mich an. Geben Sie mir zwei Sekunden mit Ihrem Kind. Sie werden staunen.
Die Herzdame verläßt derweil noch während ich schreibe beleidigt die Wohnung, weil ihr, wie sie sagt, mein Triumphgeheul maßlos auf die Nerven fällt. Das verstehe ich sogar, denn die Herzdame gehört zu diesen Menschen, die ganz viel können. Sie kennt daher dieses herrliche Gefühl gar nicht, endlich, endlich auf eine wirkliche Eignung zu stoßen. Bei gewissen Themen werden wir uns nie verstehen.
The king of Bäuerchen. Ich weiß zumindest, was ich daran habe.
Okt
Bücher
by Maximilian Buddenbohm in
In Ergänzung zu den Fragen über mein Leseverhalten neulich werde ich hier ab sofort, wann immer ich mit der Lektüre eines neuen Buches beginne, die ersten drei Sätze daraus zitieren. Ich liebe Buch- oder Geschichtenanfänge – und ich bin damit ja vielleicht nicht der Einzige.
Im Moment liegt neu auf dem Nachttisch: “Eine Handvoll Staub”, von Evelyn Waugh, aus dem Englischen von Lucy von Wangenheim. Der Roman beginnt so:
“Ist jemand verunglückt?”
“Erfreulicherweise kann ich sagen: niemand”, antwortete Mrs. Beaver, “nur zwei Hausmädchen, die den Kopf verloren haben und durch ein Glasdach in den gepflasterten Hof gesprungen sind. Dabei waren sie überhaupt nicht gefährdet.”




