September, 2007 Archives
Sep
Frühe Warnung
by Maximilian Buddenbohm in
Ich hörte im Vorbeigehen die Herzdame zu unserem Sohn etwas murmeln, über das Kinderbettchen gebeugt klang es besorgt: “Mein süßer Kleiner, nicht immer an deinen Ohren ziehen, sonst siehst du später mal aus wie Papa!”
Sep
Sep
War einmal ein Revoluzzer
by Maximilian Buddenbohm in
Ich tue mich ja ein wenig schwer mit der Lehre von der Wiedergeburt, ich hatte da schon im letzten Leben so meine Zweifel – aber manchmal ist sie natürlich eine wunderschöne Erklärung für gewisse Verhaltensweisen. Unser Sohn zum Beispiel pflegt vor dem Stillen die linke Hand zur Faust zu ballen und wütend gen Himmel zu recken, wozu er lange und energisch, aber komplett unverständlich herumbrüllt, bis er endlich an das Leben in Saus und Braus herankommt. Danach ist ihm der revolutionäre Impuls schlagartig wieder egal und er schläft schmatzend und friedlich in seiner Schlaraffenlandnische ein, eine Hand an die Stirn gelegt, als würde er schwer nachdenken, eine Hand am kugeligen Bäuchlein, in dem es träge umherschwappt. Der Genosse Julius.
Sep
Der relative Riese
by Maximilian Buddenbohm in
Julius ist ein ziemlich großer, vor allem aber ziemlich langer Neugeborener. Es gibt zwar viele, die noch wesentlich schwerer und größer zur Welt kommen, aber er war schon sehr deutlich über den Durchschnittswerten. Auf der Kinderstation, in der er die erste Woche zugebracht hat, lag er neben filigranen, klitzekleinen Frühchen, ein sehr merkwürdiges Bild. Eine Reihe von winzigen Geschöpfen mit streichholzdünnen Ärmchen, dann unser Kind, welches figürlich in dieser Umgebung stark an einen etwas verfetteten Rambo erinnerte, zumal der Gesichtsausdruck auch durchaus oft in die Richtung geht. Wenn die Frühchen gefüttert wurden und hinterher zart den Rücken beklopft bekamen, perlte leise etwas Luft aus ihnen heraus. Wenn man Julius nach dem Trinken auf den Rücken klopft, erinnert das dadurch provozierte Geräusch dagegen stark an den sicher allseits bekannten Rülpser in “Dinner for one”.
“Nordostwestfalen”, murmelte ich mit Kennermiene, als ich das beeindruckende Geräusch zum ersten Mal hörte. “Deine Gene”, antwortete die Herzdame pikiert. Das wird noch ein wenig zu diskutieren sein.
Sep
Luft und Licht
by Maximilian Buddenbohm in
Gestern zum ersten Mal mit dem Kinderwagen draußen gewesen. Rund drei Stunden Vorbereitung gebraucht, bis wir endlich loskamen.
Mit der geballten Kompetenz meiner zwanzigjährigen Berufserfahrung in Prozeßgestaltung und Controlling vermute ich hier noch ein gewisses Optimierungspotential.
Sep
Merlix kauft ein
by Maximilian Buddenbohm in
Man kann Verkäuferinnen für Babykleidung übrigens sehr verstimmen, wenn man sich durch endlose Stapel von bunter Wäsche wühlt und schließlich arglos fragt, ob es denn nicht auch etwas in coolem Schwarz und ohne blöde Bärchen geben würde. Die Frage scheint irgendwie unüblich zu sein, den Blicken nach zu urteilen.
Sep
Ganz der Vater
by Maximilian Buddenbohm in
Ist es übrigens nicht umwerfend sympathisch von dem Kind, daß es genau am Stichtag zur Welt kam, getreu dem Babyticker? Ist Pünktlichkeit nicht eine schöne Kardinaltugend, die der Herzdame immer vollkommen fremd blieb, die mich aber besonders auszeichnet – ist der Kleine da nicht ganz, ganz der Vater?
Und ist es nicht erheiternd, daß unser Kind als Sternengucker zur Welt kommen wollte, wo doch der Vater u.a. auch Astrologe ist? Ist es nicht auch da ganz, ganz der Vater?
Und ist es nicht bezaubernd, daß sich der Junge die ganze Woche im Krankenhaus über nur richtig wohl fühlte, wenn sich mindestens drei Frauen gleichzeitig um ihn kümmerten, ihn herzten und küßten? Ist das Kind da nicht auch ganz, ganz – ach, lassen wir das.
Sep
Werbung in der Weltstadt
by Maximilian Buddenbohm in
Die nervtötenden Tageszeitungswerber, die an Ständen vor dem Hamburger Hauptbahnhof versuchen, ihre Drei-Wochen-Abos loszuwerden, werden anscheinend immer verzweifelter. Anders kann ich es mir nicht erklären, daß sie jetzt auch auf japanische Touristen losgehen, aus denen ganz gewiß keine treuen Stammleser werden können.
Beruhigend aber, daß die Gäste immerhin korrekt über ihre Rechte aufgeklärt werden, wenn auch in zweifelhafter Sprache. Im Vorbeigehen hörte ich gestern, wie einer dieser Werber einer japanischen Touristin beschwörend versicherte: “Oh yes, yes, you can kündigen by internet! No problem!”
Sep
Nachts
by Maximilian Buddenbohm in
4 Uhr15: Die Herzdame bittet mich, den Sohn zu wickeln. Gern.
4 Uhr 25: Fertig. Neben der Wickelkommode liegt ein neuer Babyschlafanzug. OK
4 Uhr 35: Erstaunlich viele Knöpfe an der Rückseite des Schlafanzugs.
4 Uhr 45: Kind schreit. Zu lange rumgefummelt.
4 Uhr 55: Wirklich sehr viele Knöpfe. Wie das wohl gehört?
4 Uhr 50: Kind macht währenddessen in Windel. Alles neu.
5 Uhr 00: Kind gibt sirenenartige Geräusche von sich.
5 Uhr 05: Knöpfe anscheinend völlig wahllos angeordnet. Mache sie wahllos zu.
5 Uhr 10: Verblüffend, wie blöd man sich fühlen kann.
5 Uhr 15: Kind sieht aus, als hätte ein Dreijähriger ein Geschenk verpackt.
5 Uhr 20: Erneute lange Versuchsreihe der Knöpfordnung leider ergebnislos.
5 Uhr 25: Prêt-à-porter ist etwas anders.
5 Uhr 30: Kind verfärbt sich leicht lila vor Schreien.
5 Uhr 35: Man kann das Kind ja auch einfach in Decken wickeln.
5 Uhr 40: Versuche, Herzdame generellen Vorteil von Freikörperkultur bei Babys zu erklären.
6 Uhr 30: Herzdame lacht immer noch.
Sep
Kleine, braune Dinger
by Maximilian Buddenbohm in
Menschen, die schon Kinder haben, wissen es: Das Hirn der Frau, die gerade Mutter geworden ist, wird durch die Stilldemenz geradezu pulverisiert, zumindest wirkt es so auf die Gesprächspartner. Die vorhergehende Schwangerschaftsdemenz (wir berichteten) ist nur eine leichte Andeutung, sie dient dazu, die Partner der Frauen schonend vorzubereiten. Man sollte wohl gut vorbereitet und nervenstark sein, wenn man fortwährend Gespräche führen muß, die etwa so verlaufen:
Herzdame: [Starrt sinnend an die Zimmerdecke] “Wie heißen denn nochmal…”
Ich: “Ja?”
Herzdame: [nach erstaunlich langer Pause] “Was?”
Ich: “Du wolltest etwas fragen?”
Herzdame: [milde lächelnd] “Ja.” [sehr lange Pause]
Ich: [geduldig wartend] “Und?”
Herzdame: [überrascht] “Was und?”
Ich: “Was wolltest du denn fragen, mein Herz?”
Herzdame: Ich?”
Ich: “Ja.”
Herzdame: [sehr konzentriert] “Wie heißen denn noch mal diese kleinen, braunen Dinger?”
Ich: “Hamster? Pimpfe?”
Herzdame: “Nein. Gemüsiger.”
Ich: ” Gemüsiger? Braun?”
Herzdame: “Ja. Du weißt schon.”
Ich: “Nein. Ich weiß nicht”
Herzdame: “Na, was es gestern gab.”
Ich. “Ach so. Pilze”
Herzdame: “Was?”
Ich: “PILZE.”
Herzdame: [guckt mich sehr verblüfft an] “Ja und?”
Ich: “Pilze. Du hattest nach Pilzen gefragt.”
Herzdame: “Ich?”
Ich: “Ja.”
Herzdame: [guckt irritiert] “Warum?”
Und so weiter. Noch sehr viel weiter. Man kann im Laufe so eines Gespräches problemlos sehr, sehr viele kleine, braune Dinger braten.
Sep
Schwester Merlix
by Maximilian Buddenbohm in
Wenn man als Mann notgedrungen eine ganze Woche auf der Wöchnerinnenstation verbringt, was soll man da tun, wenn die Herzdame gerade mal keinen Bedarf daran hat, etwas zugereicht zu bekommen und auch nicht zu ihrem Kind geschoben werden möchte? Naheliegend eigentlich, auch die Bettnachbarin der Herzdame zu fragen, ob sie nicht vielleicht einen Tee wolle, ob man mal ihr Bett höher stellen solle oder ob die Blumen von vor drei Tagen nicht allmählich mal entsorgt werden könnten. Man kommt so ins Gespräch, über Kinder und dies und das, es ist aber immer noch sehr viel Zeit übrig. Krankenhausstunden sind etwa zehnmal so lang wie die Stunden draußen, im Alltag. Da kann man sich ja auch im Zimmer nebenan, in dem die sehr nette Afghanin liegt und dessen Tür gerade offensteht, mal eben nützlich machen. Und deren Bettnachbarin wiederum möchte ein Malzbier, bitte sehr, bitte gleich und Vorlesen kann ich auch, doch, doch. Wenn ich schon mal da bin.
So gesehen, auch eine nette Woche. Mir liegen jetzt verschiedene, sehr interessante Angebote als Butler oder Hausfreund vor, bisher ungeahnte Möglichkeiten tun sich auf. Gibt es nicht noch so etwas wie “Gesellschafter” als Beruf, weit abseits der schnöden GmbH-Begrifflichkeit?
Sep
Hmmmm
by Maximilian Buddenbohm in
Schewrr tzu tippem,. wemm mamm ein kleinkond aufdem schkosss hat. Tzunge trifft sdo nswchgwwer die tasdazur
Sep
Später Champagner, Sorgen und Statistik
by Maximilian Buddenbohm in
Unter dem letzten Beitrag stehen sehr, sehr viele gute Wünsche. Vielleicht liegt es auch an diesen zahlreichen Wünschen, daß ich hier nach einer kleinen Pause wieder zu hoffentlich fröhlichen Geschichten übergehen kann, es sah zwischendurch leider nicht ganz danach aus.
Als ich am letzten Sonntag so vergnügt “Mutter und Kind wohlauf” schrieb, konnte ich nicht ahnen, daß das schon am nächsten Tag anders aussehen sollte. Der Kleine, der eben nicht ganz so klein war, kam per Kaiserschnitt zur Welt, was der Herzdame überhaupt nicht paßte, aber das kam mir noch nicht dramatisch vor. Als ich aber am Montagabend, nach einem sehr langen Tag in der Klinik nach Hause kam und schlaflos auf dem Bett saß, war klar: Weder Mutter noch Kind waren wohlauf. Den Auftakt zu einigen Tagen voller wildester Angst flüsterte mir eine Krankenschwester am Montagmorgen zu: “Der Kinderarzt möchte sie beide noch einmal sprechen. Es wäre besser, wenn auch der Vater dabei wäre”. Einer von diesen typischen Sätzen, bei denen man sofort weiß, gleich hat man ein Problem..
Ein paar Stunden später stellte man fest, nicht nur der Sohn hat ein Problem, nein, auch eine normale PDA während der Geburt kann gänzlich unerwünschte und äußerst schmerzhafte Nebenwirkungen haben, die mit zeitlicher Verzögerung auftreten. Für Kenner: Postpunktionelles Syndrom. Am Abend bereits war die Herzdame vollkommen außer Gefecht und ich im Krankenhaus treppauf, treppab unterwegs, zwischen dem mit einem undefinierbaren, während der Geburt bei Mutter und Kind festgestellten Virus kämpfenden Sohn auf der Neonatologie und der fast bewegungsunfähigen und sichtlich bis an die Grenze des Erträglichen gequälten Herzdame in der Wöchnerinnenabteilung. Die Wahrscheinlichkeit dessen, was an schrecklichen Besonderheiten nach dieser Geburt auftrat, entsprach ungefähr der Chance, im Lotto zu gewinnen, aber solche Zahlenspiele helfen einem in diesen Situationen auch nicht weiter, wenn sich Stunde um Stunde eine Unwahrscheinlichkeit an die nächste reiht. Statistisch gesehen können sich alle jetzt schwangeren Frauen aus Hamburg entspannen, die Herzdame und unser Sohn haben alle Komplikationen, die nach einer Geburt vorkommen können, verbraucht und abgeräumt, die Bahn ist frei. Nach uns nur noch normale Geburten, wir haben das auch mit den Schwestern der Station so vereinbart.
Dann vier Tage voller Sorgen – Sorgen in einem mir bis dahin gänzlich unbekannten Ausmaß. All der mir bisher so schwer erschienene Liebeskummer meines Lebens, das bißchen Heimweh und der Ärger über den verfehlten Beruf, die Ängste vor Zahnärzten und anderen Monstern, die paar Depressiönchen, die niedliche Midlife-Crisis – alles nichts, gar nichts, überhaupt nichts gegen die Sorge um das eigene Kind und um die Frau.
Und jetzt, nach fünf schier unendlich langen Tagen und Nächten, ist das Kind über den Berg und die Herzdame mit einem weiteren Eingriff wiederhergestellt, liegt der Kleine endlich doch nebenan friedlich schlafend auf dem Bauch der Mutter im Bett, wir sind zuhause, es ist alles gut, beide gesund und wir haben den nachgeburtlichen Champagner mit etlicher Verspätung heute nachmittag mit der schönen Nachbarin doch noch nachgeholt.
Die guten Wünsche unter dem letzten Beitrag, die haben wir wirklich alle, alle gebraucht. Noch einmal unseren herzlichsten Dank dafür!
Und morgen dann wieder weiter mit den heiteren Aspekten der Geschichte.
Sep




