September, 2007 Archives
Sep
Sep
Die Würden der Vaterschaft
by Maximilian Buddenbohm in
Seit unser Nachwuchs da ist, muß irgend etwas mit meiner Ausstrahlung passiert sein. Eine mysteriöse Änderung. Wahrscheinlich wirke ich jetzt schlagartig würdevoller, seriöser, erhabener, sehe deutlich mehr nach rudelführendem Silberrücken aus – nun ja, zumindest so in der Richtung. Oder wie ist es sonst zu erklären, daß mich die dreijährige Tochter der schönen Nachbarin gestern “Opa” genannt hat?
Sep
Lesen
by Maximilian Buddenbohm in
Cem und Percanta haben mit sehr freundlichen Worten einige Fragen an mich weitergereicht. Hier meine Antworten:
Liest Du gerne?
Ja, natürlich.
Wenn ja, welches Genre?
Wo es mich gerade hintreibt. Mit Ausnahmen: Keine Fantasy-Bücher, kein Science-Ficiton, keine historischen Romane. Sehr viel aus Deutschland, England und Frankreich aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Viele Kochbücher. Jeden Morgen ausführliche Presseschau deutscher Zeitungen, sofern sie denn online verfügbar sind, ich kaufe keine Zeitungen. Viele Blogs (siehe rechte Spalte). Nahezu alles, was an astrologischen Fachbüchern erscheint.
Dein letztes Buch hieß wie?
“Der Knüller”, von Evelyn Waugh. Was ich gerade lese, sieht man auch immer in der rechten Spalte. Unter der Rubrik “Merlix empfiehlt” findet man stets das, was tatsächlich gerade auf meinem Nachttisch liegt.
Würdest Du es weiterempfehlen?
Unbedingt! Und beim Stichwort Empfehlung füge ich hinzu: Man hat nie genug Simenon gelesen. Und Joseph Roth nie oft genug.
Warum hast Du Dir genau dieses Buch zugelegt?
Ich lese gerade alles von Evelyn Waugh. Großartig. Allgemein bekannt ist von ihm ist leider nur noch “Wiedersehen mit Brideshead”, durch die hervorragende TV-Verfilmung, aber auch die anderen Werke lohnen.
Welches war das miserabelste Buch, das Du je in der Hand hattest?
Unmöglich zu sagen – ich habe längere Zeit in einem Antiquariat und in Bibliotheken gearbeitet, da begegnet einem unfaßbar schlechtes Zeug in rauhen Mengen.
Bist Du ein Bücherquäler? Entsorgst Du z.B. die Schutzumschläge, machst Eselsohren oder besudelst die Seiten?
Nein. Ich betrachte Bücher heute noch als potentielle Ware, daher beschädige ich sie nicht.
Was machst Du mit den Büchern, wenn Du sie gelesen hast?
Wenn sie sehr gut waren, kommen sie ins Regal, ohne Perfektion nach Ländern und Epochen sortiert, wenn sie mäßig oder schlecht waren, werden sie sofort wieder verkauft. Bücher zu verkaufen bleibt verlockend.
Sep
Sep
Die Romantik des Stillens
by Maximilian Buddenbohm in
“Die Romantik des Stillens wird ja maßlos überschätzt”, sagte die Herzdame und klappte das Buch auf ihrem Schoß zu.
In den Ratgeberbüchern sind immer sehr lieb lächelnde Kinder abgebildet, die in einem rosa umflorten Zimmer an einer mütterlichen Brust friedlich nuckeln, während die huldvoll Nährende sinnend zu ihrem Heiligenschein aufblickt und leicht den Hinterkopf des wonniglichen Babys streichelt, wobei vor dem Fenster eine milde Sonne hinter den gepflegten Hecken der Vorstadt versinkt. Ein Idyll erster Klasse. Die Wirklichkeit, liebe Freunde der Fortpflanzung, die Wirklichkeit sieht anders aus, zumindest bei uns.
Unser Sohn hält es für sinnvoll, im Falle einer Hungerattacke den Busen der Mutter minutenlang mit wutverzerrtem Gesicht anzubrüllen um dann, wenn man ihm nicht die Händchen rechtzeitig ein wenig festhält, ein paarmal kräftig dagegen zu boxen. Nach diesen seiner Meinung nach vermutlich milchbildenden Maßnahmen verschwindet ein unfaßbar großer Anteil des Busens in seinem bedrohlich weit aufgesperrten Schnabel, er saugt gierig und hektisch, wobei er die Augen angestrengt zukneift und hochkonzentriert nach Arbeit oder Leistungssport aussieht. Nach einer ziemlich langen Weile, wenn sein Bäuchlein schon kugelig hervorzutreten scheint und man zu fürchten beginnt, das Kind könnte in wenigen Minuten platzen, wird das Saugen allmählich langsamer und langsamer, bis sein Kopf schließlich mit einem zufriedenen Rülpsen nach hinten kippt, es atmet einmal tief durch und fängt dann übergangslos an zu schnarchen. Dabei bewegen sich weiter unten die unverwertbaren Reste der vorletzten Mahlzeit geräuschvoll windelwärts.
Wirklich sehr romantisch.
Sep
3. Hochzeitstag
by Maximilian Buddenbohm in
Den Nachwuchs mal eben bei der schönen Nachbarin, der Baybsitterin unseres Vertrauens geparkt und mit der Herzdame auf einen Drink zu der Bar um die Ecke gerannt, um uns dort, unter einer Decke Arm in Arm draußen sitzend, traditionsgemäß und feierlich zu fragen, ob wir uns noch einmal heiraten würden. Wir haben tatsächlich schon wieder ja gesagt.
Und weil es sich bei mir nach wie vor nicht anbietet, selber zu singen, lasse ich der Herzdame hier mal von der Hamburger Spezialität Bernd Begemann ein Ständchen bringen. Der Text paßt sehr gut und die Stelle am Alsterufer, die der junge Mann für das Video ausgesucht hat, ist auch die Szenerie unseres üblichen Abendspaziergangs.
Das ist dann doch fast schon wie selbstgesungen, finde ich.
Sep
Fortschritte
by Maximilian Buddenbohm in
Das erste Mal die Windeln draußen, in freier Wildbahn gewechselt. Das erste Mal mit Kinderwagen auf einer Rolltreppe. Das erste Mal den Kinderwagen eine nicht rollende Treppe hochgeschleppt. Das erste Mal ein Telefonat beendet, weil mit schreiendem Kind auf dem Arm eh nichts zu verstehen war. Weiß immer noch nicht, wer dran war.
Eine Hupe für den Kinderwagen bestellt.
Man arbeitet sich so ein.
Sep
Sag was
by Maximilian Buddenbohm in
Wir saßen auf dem Steg und langweilten uns, Sarah, Stefan, Bente und ich. Unter normalen Umständen wäre es uns nie eingefallen uns zu langweilen, aber wenn Erwachsene Sätze wie “Geht spielen” benutzten, wurden wir immer sehr einfallslos. “Geht spielen” hatten sie zu Sarah, Stefan und mir gesagt, “und nehmt Bente mit”. Bente war etwas jünger als wir und guckte unentwegt so, als hätte man sie gerade ganz furchtbar erschreckt, auch wenn gar nichts war. Sie war die Tochter einer neuen Freundin meiner Mutter und immer, wenn die zu Besuch kam, zogen wir mit der Tochter, die eigentlich doch zu klein für uns war, zum Strand. Es war so eine Sache, mit der Gastfreundschaft. Bente sprach nicht, nie, kein einziges Wort. Als ihr betrunkener Vater einmal in einem Wutanfall alle ihre Stofftiere im Kamin vor ihren Augen verbrannte, hatte sie einfach aufgehört zu sprechen. Das war schon über ein Jahr her, aber seitdem sah sie mit einem dauerhaften Ausdruck ungläubigen Staunens in die Welt und sagte lieber nichts mehr. Die Mutter von Bente war nach diesem Vorfall in ein Frauenhaus gezogen, was die Erwachsenen immer ganz besonders leise aussprachen und besonders betonten, wir wußten gar nicht recht warum. Was war an einem Haus, in dem nur Frauen und Kinder lebten, so schlimm? Gelegentlich besuchte sie meine Mutter und dann hörten wir Kinder unweigerlich bald: “Geht spielen – und nehmt Bente mit”, denn Bentes Mutter und die anderen Freundinnen führten immer sehr ernste Gespräche, bei denen sie uns ausdrücklich nicht dabei haben wollten. Wir gingen hinunter zum Strand.
Sep
Travemünde
by Maximilian Buddenbohm in
Hier ist lange keine Geschichte aus Travemünde mehr erschienen, das wird sich aber in wenigen Stunden ändern. Schließlich kann man in durchwachten Nächten nicht nur das Baby herumtragen, seltsame Lieder singen und sich fragen, welche Windelmarke die beste ist, man kann auch zumindest einfingrig ein wenig an Texten weiterarbeiten. Manchmal.
Da auf diesen Seiten aber auch des öfteren nach den Geschichten von der Ostsee gesucht wird und sie leider gar nicht so einfach zu finden sind, da es hier keine Kategorien oder Schlagworte gibt, poste ich zwischendurch einmal eine Liste mit den Links zu den gesamten Texten.
Bei Gelegenheit, wenn die Herzdame, meine technische Direktorin, wieder einmal wach und ansprechbar ist, richten wir dann auch noch einen separaten Link zu all diesen Texten ein.
Hier das Travemündegeschichtenverzeichnis:
2. Ein Herrengedeck für Canaris
5. Ich küsse ihre Hand, Madame
10. Die Liebhaber meiner Mutter (1): Leo
11. Die Liebhaber meiner Mutter (2): Einar
12. Die Liebhaber meiner Mutter (3): Orlando
13. Die Liebhaber meiner Mutter (4): Albert
14. Komm, wir gehen die Feen füttern
15. Zwanzig Pfennig für die Liebe
16. Kurkonzert mit Marienerscheinung
Sep
Sep
Sep
Kinderlieder
by Maximilian Buddenbohm in
Die Herzdame hat nach bedeutender Selbstüberwindung ein Kinderliederbuch bestellt, denn weder sie noch ich sind als sehr kompetent zu bezeichnen, was so etwas angeht. Ich dachte bisher allerdings immer, ich könnte wenigstens die einfachen Sachen, so etwa “Alle meine Entchen” und dergleichen – was eben jeder kann.
Ein Blick in das Buch läßt mich aber erschüttert feststellen: “Alle meine Entchen” hat zwei Strophen! Ich würde jeden Eid ablegen, von der zweiten noch nie im Leben etwas gehört zu haben. Unfaßbar.
Sep
Nachts
by Maximilian Buddenbohm in
Ein Polizeiauto fährt mitten in der Nacht an unserem Haus vorbei, es biegt an der Ecke nach rechts ab, fährt um den Block, ein kurzes Stück an der Alster entlang und kommt dann gleich noch einmal die Straße hoch, immer wieder und wieder. Die Reifen quietschen in den Kurven und es hat eine seltsam kaputte Sirene, sie klingt nicht so kräftig wie sonst, sie ist schwächer, dünner, elender – fast klingt sie wie ein weinendes Baby. Fast klingt sie sogar wie unser Baby. Ich wache auf.
Es ist drei Uhr sechsundzwanzig, Regen und heftiger Wind am Dachfenster, das Baby weint, die Herzdame schnarcht. Ganz friedlich und ungerührt liegt sie da, gleichmäßig und tief geht ihr etwas lauter Atem, von Regentropfen zersplittertes Mondlicht spielt um ihre Nase. Das Baby weint, ich überlege wer ich bin, wo ich wohne und wieviel Arme und Beine ich wohl habe, es ist drei Uhr siebenundzwanzig. Die rechte Hand der Herzdame hebt sich wie von einem Faden hochgezogen vom Laken, geisterhaft schwebt sie über der Bettdecke, der Zeigefinger klappt aus wie bei einer beweglichen Puppe und zeigt auf das Kind. Sie schnarcht dabei leise weiter und sieht aus, als würde sie seit Wochen im Koma liegen. Ihre Hand bewegt sich sachte vor und zurück, der Zeigefinger stupst immer wieder in die Luft, dahin, wo das weinende Baby liegt. Der Mund der Herzdame bewegt sich jetzt sacht, ganz leicht kräuseln sich die Lippen und ich höre einen ganz leisen, nur hingehauchten, kaum wahrnehmbaren, aber doch gut erkennbaren, gekonnt nachgemachten Babyfurz. Die Lippen der Herzdame entspannen sich wieder, der Finger klappt ein, die Hand sinkt sanft zurück auf die Bettdecke, sie schnarcht leise weiter, wie sie es seit Stunden tut, das Mondlicht verweilt auf ihrer schlafglatten und von keinem störenden Gedanken getrübten Stirn.
Es ist drei Uhr achtundzwanzig. Ich gehe das Baby windeln.
Sep
Überschlagsrechnung
by Maximilian Buddenbohm in
“Gesunde Säuglinge schreien durchschnittlich zwei bis drei Stunden pro Tag.” (Aus einer Broschüre unserer Krankenkasse).
Toll, dann haben wir das Geschrei für die nächsten sechs Tage ja heute schon erledigt. Hauptsache der Mittelwert stimmt.
Sep
Haarige Nachrichten
by Maximilian Buddenbohm in
Unser Sohn folgt erstaunlichen Vorbildern. Das, was da auf seinem Kopf langsam als Frisur sprießt, sieht von hinten stark nach einem bestimmten Vogel aus, von vorne aber verblüffend nach einer vormals sehr bekannten Auslandsreporterin. Seltsam.





