Juli, 2007 Archives

31
Jul

GVK 3

by Maximilian Buddenbohm in

Die dritte Stunde des Geburtsvorbereitungskurses. Die Hebamme zeigt die Geräte, die dann zum Einsatz kommen, wenn nicht alles ohne Hilfe klappt, also die Saugglocke und die Zange. Beides wird herumgereicht. Während die Männer durchweg die technischen Eigenschaften der Instrumente kommentieren und interessiert von “stabilem Stahl“ „geringer Druckkraft im kurzen Winkel“, und „optimierter Zerlegbarkeit“ sprechen, werden die Damen reihenweise sehr blaß und geben die Dinger schnell und kommentarlos weiter. Die Hebamme deutet vorsichtig an, daß es bei Einsatz dieser Sondermittel kurzfristig zu sichtbaren Folgen am Kind kommen könnte, also etwa leichten Druckstellen oder Dellen im Kopf. Dies würde sich aber schon nach wenigen Stunden wieder geben und außerdem gäbe es dergleichen auch mal bei einer normalen Geburt, leicht verbogene Ohren zum Beispiel seien durchaus normal und häufig. Und nach ein paar Stunden verschwänden diese Spuren von selbst. Dellen würden sich wieder ausgleichen, Ohren bald in die richtige Position drehen. In der Regel schon in wenigen Stunden. Spätestens nach ein paar Tagen.

Nach mittlerweile vierzig Jahren muß ich mir aber wohl keine Hoffnung mehr machen, was die Ohren betrifft, nehme ich an.

29
Jul

Merlix rennt

by Maximilian Buddenbohm in

Man sollte sich für die letzten Wochen der Schwangerschaft gewisse Kommunikationsregeln zulegen. Finde ich. Die Herzdame findet das nicht. Sie findet nichts dabei, mir eine Mail ins Büro zu schicken, mit dem Hinweis, sie hätte ungewöhnliche Kreislaufbeschwerden und außerdem Schmerzen, es könnten wohl auch durchaus Wehen sein – und sie findet es auch in Ordnung, direkt nach dieser Mail den Computer auszumachen und nicht mehr ans Telefon zu gehen, nicht ans Handy, nicht ans Festnetz. Nein, sie geht, weil es ihr urplötzlich doch wieder besser ist, mal eben einkaufen.

Und wundert sich, als sie wiederkommt, sehr über den schwer atmenden Ehemann vor der Haustür, der jetzt aber immerhin genau weiß, wieviel Minuten er in eiligen Fällen von der Arbeit bis nach Hause braucht.

27
Jul

Merlix massiert

by Maximilian Buddenbohm in

Kein Buch über Schwangerschaft, in dem nicht betont wird, wie wichtig es sei, die Frau unentwegt mit diversen Pflegeprodukten massierend einzureiben, damit es später keine Streifen, Dellen oder andere Folgeschäden gibt. Keine Hebamme, die nicht bei einem Beratungsgespräch zwischendurch mit kritischem Seitenblick auf den Gatten die Frau fragen würde: “Und? Wirst du auch schön massiert?” Kein Geburtsvorbereitungskurs, in dem man nicht dauernd hören würde: “Ja, auch die Männer müssen etwas tun.”

Und natürlich tut der Mann etwas. Weisungsgemäß kaufe ich in erstaunlicher Vielfalt Pflegeprodukte in rosa Verpackung und zu verblüffenden Preisen, mit denen die Herzdame verwöhnt zu werden seit Monaten beansprucht. Wenn man sich die Inhaltsangaben auf den Schachteln genau durchliest, kommt man schnell zu dem Schluß, daß es sich um sehr normale Produkte handelt, die lediglich durch den Aufdruck “Schwangerschaft” eine dramatische Preissteigerung von über hundert Prozent erfahren haben. Mein Vorschlag, zum Beispiel die Lotion zur Erfrischung müder Schwangerenbeine mal eben durch das Verquirlen von japanischem Heilpflanzenöl mit Nivea selbst herzustellen, stieß aber auf vehemente Ablehnung. Es muß das Originalprodukt sein, mit der glücklichen Mutter auf der Packung und dem Beipackzettel voller Glücksversprechungen. Das teure Zeug riecht wie ein eher billiges Waschmittel und es hat die Konsistenz von Klebstoff mit Dickmilch. Meine Weigerung, das anzufassen, was ich nur als Limettenschleim bezeichnen kann, wird aber hartnäckig ignoriert. Abends geht die Herzdame ins Bett, strampelt mit dem pflegebedürftigen Beinen in der Luft und ruft unter Übernahme meines Vokabulars vergnügt: “Limettenschleim! Jetzt! Viel!” Ergeben verteile ich das seltsame Zeug auf den notleidenden Körperteilen der Herzdame, denn natürlich trachte ich unentwegt, ein guter Gatte zu sein und ja, schon klar, auch die Männer müssen etwas tun.

Das Produkt ist scheußlich, überteuert, mutmaßlich sinnlos und eklig anzufassen – aber es wird gerade für Schwangere empfohlen und sie möchte es einfach nicht mehr missen. Es ist ein sehr schöner Beweis: Werbung wirkt. Und wie.

27
Jul

Machen wir’s den Schwalben nach

by Maximilian Buddenbohm in

In den letzten Wochen vor der Geburt, so sagt es die Ratgeberliteratur, gibt die Frau sich dem Nestbautrieb hin und packt den Koffer für den Aufenthalt im Krankenhaus. Dieser Nestbautrieb wirkt sich bei der Herzdame zum Beispiel dahingehend aus, daß ich einen schönen Sonnabend damit zubringe, die schweren Holzplatten auf dem Balkonboden neu auszurichten, mal links herum, mal rechts herum, mal überhaupt ganz anders. Es sind viele Holzplatten und es ist mühsam, sie neu zusammenzustecken. Meine dezenten Hinweise, daß die Platten in egal welcher Ausrichtung immer genau gleich aussehen und meine anschließenden Fluchtversuche beantwortet die Herzdame mit: “Ich soll mich hier doch wohlfühlen!”. Wer könnte da widersprechen.

Vielleicht würde ja auch das Laminat in der Wohnung besser aussehen, wenn es andersherum liegen würde? Etwa quer statt längs? Ich bin gespannt. Aber ich hatte ein wenig gehofft, der Nestbautrieb würde sich auf das Einsortieren der Babysöckchen in Kommodenschubladen oder das Anordnen von Kissen auf dem Sofa und dergleichen beschränken.

26
Jul

Hauptsache frische Luft

by Maximilian Buddenbohm in

“In Hamburg wird es neue Straßencafés und mehr Plätze für die Freiluftgastronomie geben. Die Zahlen steigen überall. “(Hamburger Abendblatt vom 25.5.2007)

26
Jul

Der Trend zur Zweitwährung

by Maximilian Buddenbohm in

Wahrscheinlich habe ich wieder einmal einen Trend verpaßt, anders kann ich mir zumindest nicht erklären, daß die folgende Szene heute morgen in vollkommen überzeugender Normalität stattfand, als würde sie so oder so ähnlich andauernd passieren:

Eine junge Frau, die vor mir an dem S-Bahn-Kiosk ein Brötchen kauft, gibt der Verkäuferin zwei Euro. Als diese in der Kasse nach dem Wechselgeld kramt, sagt die junge Frau: “Nein, in Zigaretten bitte” und die Verkäuferin legt die Münzen wieder zurück und greift statt dessen in eine neben ihr stehende Schale, die voll mit Zigaretten ist, zählt vier ab und gibt sie über den Tresen. “Danke”, sagt die junge Frau, steckt die Zigaretten in ihre Jackentasche und geht weiter.

Ich weiß nicht recht, raucht sie die Zigaretten oder bezahlt sie an der nächsten Ecke damit einen Kaffee?

25
Jul

Ich bin eine Wehe

by Maximilian Buddenbohm in

“Die Männer”, sagte die Leiterin des Geburtsbvorbereitungskurses, “spielen jetzt mal Wehe.”

“Toll”, sagte ich, “und die Frauen müssen uns wegatmen”. Und so ähnlich war es auch. Wir sollten die vor uns sitzenden Damen in den Oberarm kneifen, mit zunehmendem Druck und in genau der zeitlichen Erstreckung, in der auch eine Wehe üblicherweise auftritt. So sollte ein Gefühl für die Zeitintervalle der Wehen und für das Durchhalten vermittelt werden. Die Hebamme sagte den Start an und gab genaue Kommandos zu der an- und abschwellenden Intensität, die Männer kniffen, die Frauen atmeten sich konzentriert durch den nach und nach anwachsenden Schmerz hindurch. Bis die Herzdame sich umsah und mich dann lauthals und empört anfuhr: “Du bist hier der einzige, der in beide Arme kneift! Alle anderen nehmen nur einen!”

Und ich hatte mich schon gewundert, warum es ihr anscheinend viel schwerer als den anderen fiel, sich durch den Schmerz hindurch zu atmen. Man hält mich jetzt allgemein für einen besonderen Unhold, aber was soll ich machen – ich kann es nicht leiden, wenn etwas asymmetrisch ist.

24
Jul

Tierpolitik

by Maximilian Buddenbohm in

Tierpolitik ist sicher ein seltsames Wort und es war mir bisher auch neu, es ist aber doch eines, das in Zeitungen vorkommt. Heute morgen wurde zumindest im Hamburger Abendblatt der “tierpolitische” Sprecher der CDU erwähnt. Er heißt, man sollte es nicht für möglich halten, Michael Fuchs. Darüber freue ich mich schon den ganzen Tag.

23
Jul

Nanu

by Maximilian Buddenbohm in

Dieses Schild im Hamburger Marienkrankenhaus spricht speziell werdende Väter wie mich an, die im Controlling oder in ähnlichen Berufen arbeiten.

22
Jul

Im Babymarkt

by Maximilian Buddenbohm in

Wir waren in einem Babymarkt vor den Toren der Stadt, einem Riesenladen, in dem es nichts als Kleinkindbedarf gibt – in absolut entsetzlich großer Auswahl. Allein um ein oder zwei Fläschchen auszuwählen, muß man etliche Regalmeter abschreiten und eine Unzahl von Angaben auf Verpackungen lesen, um wenigstens halbwegs zu verstehen, worum es geht. Um das schier endlose Aussuchen abzukürzen, sprach die Herzdame schließlich eine Verkäuferin an und bat, ihr die Unterschiede zwischen den Herstellern und Systemen mal eben zu erklären. Die Verkäuferin lehnte sich an ein Regal und fing an zu reden, schilderte Fläschchenformen und Saugervarianten, sprach über Materialien und Größen, Preise und Verträglichkeiten, Kindesgewohnheiten und Herstellerphilosophien, Griffstärken und Lochdurchmesser. Sie sprach und sprach und da ich schon nach wenigen Sätzen nicht mehr verstanden hatte, worum es gerade ging, wandte ich mich ab und sah mir in aller Ruhe den Rest des Ladens an. Ich fuhr Kinderwagen Probe, ruckelte prüfend an Kinderbetten, stupste Hängematten für Säuglinge an, pustete in niedlich sein sollende Mobilés, wühlte mich durch bunte Babykleidung und rüttelte an Rasseln.

Nach diesem ausgedehnten Bummel durch die Babyproduktwelt hatte ich auf sämtlichen Etagen alles gesehen und ging wieder zurück zu der Herzdame. Die Verkäuferin sprach immer noch unerbittlich auf sie ein. Sie hatte sich wahrscheinlich in Trance geredet, wie man an ihrem leicht glasigen Blick und den kleinen Bläschen in den Mundwinkeln erkennen konnte. Die Herzdame hatte beide Arme voller Fläschchen und wirkte immer noch ratlos. Um die Situation zu beenden und auch eingedenk meines Hauptberufes fragte ich: “Und? Welche sind am billigsten?”
Die Augen der Herzdame sahen zur Decke und der Blick der Verkäuferin schien plötzlich so etwas wie flammende Verachtung auszudrücken. Die Herzdame war allem Anschein auch gar nicht froh, auf diese mitfühlende Art von mir gerettet worden zu sein, vielmehr murmelte sie etwas von “nie mehr mitnehmen” und “wenn man nicht alles alleine macht” und “peinlichster Mann von allen”.

Eigentlich fühle ich mich ziemlich oft verkannt.

20
Jul

Sommergeflatter

by Maximilian Buddenbohm in

An den Landungsbrücken, Hamburger Hafen.

19
Jul

Noch Pl?tze frei

by Maximilian Buddenbohm in

 
Hier
17
Jul

Wir fallen auf

by Maximilian Buddenbohm in

Die dreijährige Tochter der schönen Nachbarin ist vor kurzer Zeit zum Kindergartenkind geworden und platzt seitdem natürlich vor lauter neu gelernten Wörtern, Liedern, Sätzen, Spielen und Regeln. Verständlicherweise hat sie einen gewissen Drang, das Gelernte abends den Erwachsenen zuhause vorzuführen und als anständiger Gast und Freund des Hauses hört man dem Kind auch gebannt zu, versucht angestrengt zu verstehen, worum es gerade geht und macht im Zweifelsfalle mit, wenn die hochmotivierte Prinzessin lustige Bewegungsspiele an die so schrecklich langweilig dasitzenden Gäste vermitteln möchte.

So fand ich mich an einem schönen Abend auf dem Balkon der schönen Nachbarin und hüpfte weisungsmäß mit dem Kind zusammen auf und ab, um dann, kaum daß genug gehüpft war, intensives und langwährendes Powackeln anzuschließen. Die Nachbarn ringsum, die einen prima Blick auf den Balkon der schönen Nachbarin haben, werden sich nicht wenig über den Anblick gewundert haben, denn die kleine Anweiserin blieb unter der Balkonbrüstung nach außen unsichtbar, zu sehen waren für das interessierte Publikum nur drei Erwachsene, die im Gleichtakt auf und ab hüpften und anschließend eine Art mißglückten Ententanz aufführten – ohne Musik, die Blicke immer nach unten gerichtet.

Man wird uns künftig meiden, aber da stehen wir drüber. Nehme ich an.

16
Jul

Wie man Schwangere korrekt behandelt

by Maximilian Buddenbohm in

Vielen Menschen ist es selbstverständlich, daß man Schwangere mit besonderer Rücksicht zu behandeln hat. Man bietet ihnen einen Platz im Bus an, man läßt sie in Warteschlangen vor, man trägt ihr Gepäck – könnte man glauben. Tatsächlich ist es durchaus nicht so. Der Bauch wird eher geflissentlich übersehen, besonders im Bus oder im Zug sieht man allgemein angestrengt weg, das ritterliche Benehmen ist ganz erschreckend aus der Mode gekommen. Eine angenehme Ausnahme bilden hier Türken und Menschen aus arabischen Ländern, die deutlich und fast durchweg durch ein geradezu galantes Benehmen gegenüber Schwangeren auffallen.

Ein ganz besonderes Lob verdient der türkische Änderungsschneider der Herzdame. Dieser schon ältere Mann hat, als er vor einigen Wochen feststellte, daß sie schwanger ist, besorgt nachgefragt, wohin sie nach dem Anprobieren als nächstes gehen wolle. Als er das Ziel der Herzdame hörte und es für zu weit weg befand, riet er ihr dringend, doch lieber ein Fahrrad zu nehmen, statt zu Fuß zu gehen – und als er verstand, daß die Herzdame kein Fahrrad dabei hatte, nahm er einen Bolzenschneider aus seinem Werkzeugkasten, zeigte in großer Geste auf die diversen Fahrräder, die in der Nähe seines Ladens an Laternen angeschlossen waren und sagte mit schöner Selbstverständlichkeit: “Wenn du Fahrrad brauchst, ich besorg dir Fahrrad. Such einfach aus”.

Es ist nicht ganz so, als wenn ein Ritter ihr ein Pferd überlassen hätte, aber es ist doch sehr, sehr dicht dran.

15
Jul

Hamburger Harley Days

by Maximilian Buddenbohm in

Gesehen auf dieser Veranstaltung.