Juni, 2007 Archives
Jun
Reisenotizen (4)
by Maximilian Buddenbohm in
So ein Urlaub ist eine gute Chance, endlos dicke Bücher wie etwa die „Forsyte-Saga“ von Galsworthy endlich durchzulesen. Nachdem das Buch nun schon ganze Monate auf meinem Nachttisch gelegen hat und das Lesezeichen abends nur wenige Millimeter weiterwanderte, kann ich es endlich kapitelweise angehen und ganze Generationen dieser Familiengeschichte an einem Nachmittag kennenlernen.
Mir fiel beim Lesen wieder auf, daß gerade englische Romane immer wieder Begriffe aus dem Gartenbau aufweisen, mit denen ich nichts, aber auch gar nichts anfangen kann und die ich dennoch nie nachschlage sondern seit Jahrzehnten einfach so hinnehme. In älteren englischen Romanen blüht zum Beispiel immer, darauf kann man wirklich wetten, irgendwann aus einem Garten heraus ein schwer und süßlich duftender Heliotrop, meist dann, wenn es zu prekär drohenden Liebessituationen paßt. Keine Ahnung, was das ist, Heliotrop, ich kann es mangels Internet auch gerade nicht googeln. Das Wort klingt nach tropischem Riesengewächs mit obszöner Blütenpracht in lasziven Formen. Am Ende ist es aber vielleicht nur ein kleines buchsbaumähnliches Gewächs, das unscheinbar in mattem Lila verblüht und dabei einfach nur eher aufdringlich riecht? Unsere gartenkundige Urlaubsbegleitung J. versucht mir wortreich etwas zu beschreiben und ich denke: Nie gesehen.
Es ist eigentlich auch egal. Mittlerweile habe ich so oft davon gelesen, daß ich ganz kenntnisfrei das sichere Gefühl habe, auch ich könnte in einer Geschichte einmal den schweren, süßlichen Duft des Heliotrops vollkommen sinnvoll und angemessen unterbringen – und das ist es doch, was Bildung ausmacht, irgendwie.
Jun
Reisenotizen (3)
by Maximilian Buddenbohm in
Schön ist hier der Ruf der Lerche am frühen Morgen, schön das taunasse Gras unter den Füßen, besonders schön der üppige, dunkelrote Mohn am Wegesrand, am Ackerrand, wo es in den nachtkühlen Schattenspalten zwischen den gründgoldenen, endlosen Reihen der Roggenhalme so überaus schön duftet. Schön das einsame weiße Segel am Horizont, schön der in kräftigem Lila blühende Klee, schön sogar die sanft schaukelnde Qualle im flachen Wasser der Ostsee. Schön auch der Duft der Herzdame, wenn sie am Meer steht und die Sonne auf ihren besonnencremten Hals scheint. Schön, wie ihre Sommersprossen sprießen, schön, wie unsere Freundin J. auf den Holzbrettern der Terrasse auf dem Rücken liegt und in den Himmel sieht, schön die Linie ihrer Beine, schön, wie warm das Holz ist und wie es sich anfaßt, erst recht schön, wie sich die Beine von J. anfassen und schön, daß wir ein Schwalbennest vor dem Schlafzimmerfenster haben, wo schöne Schwalben schön tote Mücken an die gierende Brut verfüttern. Schön, schön, schön.
Und nun ist aber auch gut. Wie schön, daß ich Bücher mithabe.
Jun
Reisenotizen (2)
by Maximilian Buddenbohm in
Und dann ist das passiert, wovor ich mich viele, viele Jahre gedrückt habe. Ich stand doch wieder am Strand der Ostsee, ganz wie damals in Travemünde, erinnerungsschwer, seltsam berührt und aufgewühlt – und dem Meer und mir, uns beiden war seltsam zumute. Diesmal winkte ich nicht nur im Vorbeifahren aus der Ferne, diesmal stand ich im Sand, mit nackten Füßen und Sonne auf den Schultern und ich ging langsam, Schritt für Schritt, ein paar Meter in das erstaunlich klare Wasser. „Na du“, sagte ich leise und es ging ein Schauer über die Oberfläche, die Ostsee schmiegte sich an meine Waden und machte sich ganz warm, denn sie wußte sicher noch gut, wie übel ich ihr die sommerliche Kälte oft genommen hatte, damals, als ich noch jeden Sommermorgen vor der Schule in ihr gebadet habe. Aber jetzt – die sengende Junisonne funkelte auf den kleinen Wellen, goldene Kreise gingen von meinen Schritten aus und zerfielen in weite Bögen, die Ostsee lächelte mich an. Und obwohl mir als Hanseat natürlich jeder Gefühlsüberschwang fremd ist rührte es mich doch sehr, diese Wiedersehensfreude. Ich war auch sehr angetan von dem altvertrauten Geruch des Salzwassers, von dem Anblick der bunt leuchtenden Kieseln im flachen Wasser und von dem Gefühl des weichen Meeresbodens unter meinen Füßen – und in einem Moment fortgeschrittener Rührung beugte ich mich hinunter, tätschelte die Oberfläche einer langgezogenen Welle und murmelte leise: „Na, mein gutes altes Gewässer“.
Die winzigen Brandungswellen seufzten zerfließend auf dem Muschelbett der sanften ersten Steigung des Strandes und die Ostsee und ich, wir wußten es, ganz ohne es weiter aussprechen zu müssen: Wir wollen uns jetzt doch wieder öfter sehen.
Jun
Reisenotizen (1)
by Maximilian Buddenbohm in
Wenn man verreist, nachdem man gerade erst umgezogen ist, packt man schon wieder sein Hab und Gut ein, nur diesmal eben in Reisetaschen und Koffer, nicht in Kartons. Und schon wieder trägt man alles durch die Gegend. Wenn man nach Dänemark in ein Ferienhaus reist und also einen ganzen PKW randvoll laden kann, fragt man sich aber schon, ob es nicht vielleicht sinnvoller gewesen wäre, mit dem Umzugswagen erst einmal direkt nach Dänemark und dann erst in die neue Wohnung zu fahren, denn dann hätte man sich das Aus- und Einpacken zwischendurch wunderbar sparen können.
Beschlossen, nächstes Mal schlauer zu sein.
Jun
Und noch eine kleine Pause
by Maximilian Buddenbohm in
Nachdem die Herzdame und ich in der Reihe „Wir erkunden bürgerliche Urlaubsformen“ im letzten Jahr als Frühbucher an einem Bergsee in Österreich landeten, versuchen wir es jetzt einmal mit einem Ferienhaus in Dänemark, direkt am Ostseestrand. In etwa einer Woche können wir dann hoffentlich kompetent darüber Auskunft geben, ob es sich hierbei um eine empfehlenswerte Ferienart handelt oder nicht.
Wobei ich aber bereits im Vorwege bedauernd festgestellt habe, daß die dänischen Bezeichnungen für Lebensmittel nicht halb so schön sind wie die österreichischen. Ich halte ja schon die Lektüre österreichischer Speisekarten für einen vollkommen legitimen Grund, in die Berge zu reisen – aber vielleicht wird sich ja mit etwas gutem Willen doch noch auch für Dänemark ein ähnliches Argument finden lassen.
Jun
Minimerlix
by Maximilian Buddenbohm in
Obwohl man natürlich viel davon liest, wie schlimm die Zeit mit Kleinkindern sein kann, wie übel der Schlafmangel sein wird, wie anstrengend der schreiende Säugling, wie entnervt das Elternpaar und wie angespannt das ganze Umfeld, scheinen die meisten Paare, die wir kennen, eher sehr gute Erfahrungen zu machen. Seltsamerweise sind wir umgeben von friedlichen Durchschlafkindern, die so nebenbei schnell zahnen und hier und da mal etwas Bauchweh haben, aber sonst scheint das alles bemerkenswert problemfrei zu laufen.
Ich habe sicherheitshalber meine Mutter gefragt, wie ich selbst als Kleinkind war, um mich rechtzeitig als Vorbild für den eigenen Sohn in Szene setzen zu können und, wenn wir denn auch ein friedliches Kind bekommen sollten, der Herzdame gegenüber gleich auf die gelungene Vererbung meiner Gene hinweisen zu können. Meine Mutter dachte einen Augenblick nach und erklärte dann, ich wäre in den ersten drei Lebensjahren durchgehend im Hungerstreik gewesen, hätte entgegen aller biologischen Wahrscheinlichkeit gar keinen Schlaf gebraucht und durchgehend geschrieen, abgesehen von den wenigen ruhigen Stunden voller familiären Friedens, in denen ich damit beschäftigt war, Versandhauskataloge in kleine Schnipsel zu zerreißen, eine Tätigkeit, die eine anscheinend wundersam beruhigende Wirkung auf mich hatte.
Ich habe dann gar nicht weiter nachgefragt, denn es schlägt ja doch ohnehin eher die Großvatergeneration durch, sagt man. Aber vielleicht ist es eine gute Vorsichtsmaßnahme, schon mal ein paar Versandhauskataloge zu bestellen. Nur für den Fall.
Jun
Umzugsnotizen (7)
by Maximilian Buddenbohm in
Die neue Wohnung ist eingerichtet, kartonfrei, durchsortiert und in einem geradezu beängstigenden Maß aufgeräumt – so sehr, daß wir uns kaum trauen, uns zu bewegen. Ich ziehe in Erwägung, ein paar Flecken an die strahlend weißen Wände zu machen, um mich wieder entspannen zu können.
Jun
Umzugsnotizen (6)
by Maximilian Buddenbohm in
Wir haben durch die ganzen Umzugswirren eine Flasche feinsten Grappas gerettet, weil wir sie an einem der Hauptaktionstage an einen unserer Helfer verschenken wollten, der gerade Geburtstag hatte. All unser Besitz war schon verpackt, entsorgt oder gerade in Bewegung, nur diese eine Flasche stand jungfräulich auf einem Tisch mitten im Chaos, unangebrochen und randvoll.
Ab und zu versicherten die Herzdame und ich uns gegenseitig, wie überaus umsichtig, fürsorglich und intelligent es doch von uns war, die ganze Zeit diese Flasche für den Freund so sorgsam zu hüten, wir waren richtig stolz auf uns.
Nachdem der ebenfalls helfende Vater der Herzdame mit der Flasche etwa eine halbe Minute allein im Raum war, konnte allerdings von unangebrochen und randvoll keine Rede mehr sein. Und er war sehr verblüfft, als er unsere entsetzten Gesichter sah, denn auf die Idee, daß eine solche Flasche nicht zum allgemeinen Gebrauch in einer Wohnung herumstehen könnte, wäre er nie gekommen.
Was für eine überaus sympathische Grundhaltung.
Jun
Umzugsnotizen (5)
by Maximilian Buddenbohm in
Wenn man den ganzen Tag zuhause sitzt, weil sich ein Telefontechniker angemeldet hat, um den Umzug auch für Internet etc. über die Bühne zu bringen, und wenn man also Stunde um Stunde darauf wartet, daß der Mensch endlich klingelt und einen mal eben online bringt, dann kann man schon sehr, sehr wütend werden, wenn dieser Mann nicht erscheint und abends bei telefonischer Nachfrage behauptet, es hätte ja keiner aufgemacht.
Und wenn dann im zweiten Atemzug gesagt wird, ein weiterer Besuch würde jetzt aber Geld kosten, könnte einem schon ein gewisser Verdacht kommen. Da überrascht es dann auch gar nicht weiter, daß es der schönen Nachbarin in der letzten Woche genau so ging und der Techniker auch dort behauptete, er hätte umsonst geklingelt, das paßt schon ins Bild.
Man darf sich aber schon noch über die Unredlichkeit dieses Vorgehens wundern, nehme ich an.
Jun
Umzugsnotizen (4)
by Maximilian Buddenbohm in
Wir brauchten etwa zwei Drittel aller Freunde, um uns beim Zerlegen, Tragen und Montieren zu helfen. Das letzte Drittel war die ganze Zeit ausschließlich damit beschäftigt, die allmählich doch hochschwanger zu nennende Herzdame mühsam davon abzuhalten, Schrankwände, Kommoden, Fernseher und dergleichen durch die Gegend zu tragen.
Nordostwestfalen bei der Arbeit zu bremsen ist eine ganz eigene Herausforderung.
Jun
Umzugsnotizen (3)
by Maximilian Buddenbohm in
Wenn man als Mann im Bahnhofsviertel lebt, kommt es natürlich öfter vor, daß einem auf dem Heimweg von der Arbeit oder beim Einkaufen gewisse Angebote von an Straßenecken stehenden Damen in auffälliger Kleidung unterbreitet werden, das gehört hier zum Alltag. Daß ich aber gestern, als ich mir nach getaner Umzugsarbeit noch eben ein Bier holen wollte, direkt im Hamburger Hauptbahnhof ein im Vorbeigehen an mich gerichtetes, mit der nach Bar klingenden Stimme einer gestandenen Raucherin gehauchtes: „Na mein Süßer, hast du nicht mal ein wenig Zeit für mich?“ hörte, fand ich schon etwas überraschend.
Noch überraschter war ich, als ich sah, wer da etwas von mir wollte: Eine Pommes-Frites-Verkäuferin, die mir eine bereits frisch gefüllte Tüte lockend über den Tresen reichte und mit umwerfendem Augenaufschlag weitersprach: „Nur fünf Minuten, mein Süßer. Gönn dir mal was Gutes zwischendurch.“
Eine Verkaufsstrategie, die tatsächlich funktioniert.
Jun
Umzugsnotizen (2)
by Maximilian Buddenbohm in
Bei so einem Umzug kann man durchaus vor lauter Arbeit in einen rauschhaften Zustand geraten, man sieht Gegenstände irgendwann nur noch als tragbar oder nicht tragbar, gar nicht mehr als das, was sie eigentlich sind. Hauptsache, man kann sie anheben. Wegen dieses Packrausches muß man auf formidable Umzugshelfer ein wenig aufpassen, sonst demontieren sie nicht nur die zu räumende Wohnung, sondern gleich die ganze Gegend. Meine Freundin Birgit zum Beispiel rannte im Eifer des Gefechts in die falsche Wohnung, eine Stockwerk unter unserer alten, auf der Sucher nach leicht zu hebenden Kleinmöbeln. Der verblüffte Bewohner konnte ihr jedoch erfreulicherweise die Einlegeböden seines Schlafzimmerschrankes wieder entwenden.
Jun
Umzugsnotizen (1)
by Maximilian Buddenbohm in
Einer der jungen Männer aus dem Heimatdorf der Herzdame, die uns mit unglaublichem Einsatz bei dem Umzug geholfen haben, beobachtete sehr interessiert, wie ich der Herzdame Instruktionen gab, mich als Packesel optimal zu beladen. Er nahm mich zwischendurch beiseite, legte mir eine Hand auf die Schulter und stellte anerkennend und vollkommen ernstgemeint fest: „Du hast deine Frau wirklich gut im Griff.“
Das ist jetzt schon sechs Tage her – aber die Herzdame lacht immer noch.





