April, 2007 Archives

9
Apr

Unter der westfälischen Venus

by Maximilian Buddenbohm in

Vielleicht sollte ich einfach in schönster Schreibschrift hundertmal den Satz aufschreiben “Ich will nie wieder vollkommen sinnloser Weise ankündigen, keinen oder wenig Alkohol trinken zu wollen, wenn ich hinterher auf ein nordostwestfälisches Dorffest gehe”. Herrje.
Während aber andere Frauen ihren angetrunkenen Männern vielleicht Vorhaltungen machen würden, strahlte die Herzdame, die am Sonnabend spätnachts einen äußerst derangierten Merlix über die verlassene Landstraße nach Hause schob, über das ganze Gesicht und wiederholte des öfteren beglückt: “Ich bin sehr, sehr stolz auf Dich. Du hast kein Glas abgelehnt. Feiner Mann!” Wie hier bereits mehrfach festgestellt wurde: Eine wirklich seltsame Gegend.

Der Himmel war klar, nur die Rauchschwaden der verglimmenden Osterfeuer zogen durch die kalte Nachtluft und über uns leuchtete in wunderbarer Helligkeit die Venus über Westfalen, das immerhin weiß ich noch. Der Rest ist dunkel.

6
Apr

Osterpause

by Maximilian Buddenbohm in

Wie in jedem Jahr werden die Herzdame und ich Ostern in ihrem Heimatdorf verbringen, um zu beobachten, was die Einwohner dort so treiben, während das Osterfeuer brennt und die Zuschauer Kaffee mit Korn (”Schwatten”) trinken. Ich selbst halte mich allerdings auf dieser Veranstaltung aus guten Gründen zurück, was den Alkoholkonsum angeht.

Als ich nämlich vor mittlerweile schon vielen Jahren zum ersten Mal dort war und noch nicht mit den typischen nordostwestfälischen Schnapsmengen gerechnet habe, kam es zu einem sehr heiteren Abend, an dem ich zu später Stunde der flüchtenden Herzdame durch das Gebüsch am Dorfrand nachsetzte, wobei ich geradezu hirschmäßige Beischlafbedarfsbekundungen von mir gab, sehr zur Freude der zusehenden Dorfbewohner, die sicher noch in drei Generationen davon erzählen werden, wie sich der liebestolle junge Mann aus der Stadt damals schließlich unverrichteter Dinge zwischen nur zwei Haselsträuchern hoffnungslos verirrt hat. Man lernt aus solchen Erfahrungen, ein für allemal.

Ich kann es aber, da ich damals noch keine vierzig Jahre alt war, in Frieden als Jugendsünde verbuchen, nehme ich an. Die Herzdame und ich wünschen frohe Ostern allerseits!

4
Apr

Zur Entwicklung der Mutterinstinkte

by Maximilian Buddenbohm in

Es ist sehr unvorsichtig, eine schwangere Frau scherzhaft darauf hinzuweisen, daß es bestimmt eine tolle Idee sei, schon weit vor der Geburt des Nachwuchses ihre mütterlichen Hege- und Pflegeinstinkte durch etwas Training zu mobilisieren. Und es ist definitiv riskant, ihr vorzuschlagen, sie könne ja zu diesem edlen Zwecke zum Beispiel mal eben dem hungernden, aber gerade eher bewegungsunlustigen Gatten zum Beispiel eine liebevoll mundgerecht geschälte Banane aus der Küche holen und dann reichen.

Es kann dann nämlich, wie die Erfahrung zeigt, passieren, daß sich eine tatsächlich geschälte Banane, von geschickter Wurfhand unangemessen beschleunigt und in tiefer Flugbahn den Raum durchquerend, dem Hungrigen und seinem Schreibtisch dergestalt nähert, daß die Unterseite der Frucht, noch ehe die Zielperson zum Fangen auch nur ansetzen kann, von der Tastatur des Notebooks bei der Landung ein wenig geschreddert wird, so daß ein nicht unerheblicher Teil des Snacks dabei unter den Tasten verschwindet.

Und das wiederum hat, wie sich zeigt, nach ein paar Tagen eine durchaus seltsame Geruchsbelästigung zur Folge. Mütterliche Instinkte, so scheint die Herzdame zu meinen, müssen also nicht vor Geburt trainiert werden. Wieder etwas gelernt.

2
Apr

Expertengespräch

by Maximilian Buddenbohm in

Wenn man so als Patient durch den Zaubergarten des deutschen Gesundheitssystems wandert, könnte man doch tatsächlich auf den Gedanken kommen, es gäbe da einen gewissen Reformbedarf.

Anders kann ich es mir jedenfalls nicht erklären, daß solche Situationen möglich sind, wie ich sie gerade bei einem orthopädischen Experten erlebte. Da gab es nach einer ca. sechzig Sekunden dauernden Untersuchung, was leider keine polemische Zuspitzung ist, folgenden Dialog:

Prof. Dr. Dr.: Sie können sich dann gleich vorne zur Operation anmelden.
Ich: Äh – Moment… sie meinen also, sie würden mir raten, das operieren zu lassen?
Prof. Dr. Dr.: Nein, ich gebe keine Ratschläge. Ich operiere nur.
Ich: Ach so.
Prof. Dr. Dr.: Noch Fragen?

1
Apr

Wedelnde Hunde und freundliche Frauen

by Maximilian Buddenbohm in

Ein alter Mann betritt ein Café. Er bleibt einen Augenblick in der Tür stehen, die Hand noch auf der Klinke, ganz als würde er in Erwägung ziehen, sofort wieder zu gehen. Sein Gesichtsausdruck sieht mißbilligend und herablassend aus, als er sich umsieht. Obwohl das Café nicht speziell für jüngere Menschen eingerichtet ist, sind keine anderen Gäste in seinem Alter da, er ist mit weitem Abstand der älteste. Er geht einmal durch den Raum, er guckt von Tisch zu Tisch, stellt sich kurz vor die Vitrine mit dem Kuchen, beugt sich vor um die Auswahl besser sehen zu können, setzt dabei eine Lesebrille auf, schüttelt schließlich den Kopf und setzt sich dann an einen freien Tisch.

Es ist ein großgewachsener Mann mit weißen Haaren. Er geht aufrecht, er trägt keine Brille, er wirkt ganz so, als würde er noch Sport treiben, obwohl er sicher weit über siebzig ist. Ein Golfer vielleicht. Er trägt einen hellen Wildlederblouson, den er auch sitzend nicht auszieht. Würde man seinen Beruf raten wollen, vielleicht würde man nach genauer Prüfung seiner Erscheinung auf Notar tippen. Er sieht ganz aus, als hätte er einen Beruf gehabt, der ein wenig Standesdünkel zuläßt. Apotheker oder Architekt, wer weiß. Unter dem Blouson erkennt man ein blaues Oberhemd und eine Krawatte, er könnte so auch gleich in ein Büro gehen, aber er ist doch sicher schon seit Jahren im Ruhestand. Er faßt die Speisekarte nicht an, er sieht nach der Kellnerin, die an der Espressomaschine beschäftigt ist und leise vor sich hinsummt. Sie hat eine Melodie vergessen, sie kommt nicht mehr ganz darauf, immer wieder versucht sie drei, vier Töne, trällert, summt, überlegt und findet doch den Übergang zum erlösenden Refrain nicht. Sie läßt die Maschine etwas Krach machen und singt gutgelaunt dagegen an. Der Apparat zischt und faucht einen Moment, daß kein Gespräch im Café mehr möglich ist.

“Fräulein!”, sagt der alte Mann etwas übertrieben laut, “Fräulein!” Einige Gäste sehen sich nach ihm um, das Wort klingt ungewohnt und seltsam, eine junge Frau stößt ihren Freund an und wiederholt staunend und amüsiert, die Tonlage des alten Mannes verächtlich nachmachend: “Fräulein!” Der Freund sieht sich um und schüttelt den Kopf. Der alte Mann sieht in die Richtung der Kellnerin, Falten der Ungeduld auf der Stirn, er trommelt mit einem Zuckerstreuer energisch und schnell auf den Tisch, Glas auf Marmor, ein nicht eben dezenter, klackernder Trommelwirbel. Die Kellnerin stapelt Tassen neben die Espressomaschine und merkt jetzt eher zufällig, daß da ein neuer Gast sitzt, der in ihre Richtung guckt und den Mund bewegt, sie kann aber gerade nicht hören, was er sagt, die Maschine ist immer noch zu laut. Sie nimmt einen Block und geht zu ihm hin. “Eine Portion Pfefferminztee, Fräulein!” sagt der alte Mann und es klingt wie ein Befehl, nicht wie eine Bitte. Die Kellnerin sagt ja und wundert sich über diese eigenartige Formulierung, eine Portion Pfefferminztee, wer sagt denn so etwas. Sie ist von der Wortwahl so verblüfft, daß sie gar nicht dazu kommt, sich über den unfreundlichen Kauz mit dem durchdringenden Blick aufzuregen. Eine Portion Pommes klänge ja normal, aber Tee? Pfefferminztee? In Portionen? Vor lauter Staunen hat sie auf ihren Block wörtlich “Eine Portion Pfefferminztee” geschrieben und sie lacht ein wenig vor sich hin, als sie das merkt. Der alte Mann sieht sie an und fügt seiner Bestellung ein scharfes “Wenn es denn wohl möglich ist!” hinzu. Seine Stimme klingt dabei so, als wäre das Versagen der Kellnerin schon sehr klar vorherzusehen. “Ja”, sagt die Kellnerin, die gar nicht zugehört hat und schon wieder in Gedanken ist, sie geht zu der kleinen Küche und murmelt dabei vor sich hin, ohne daß es jemand hören könnte: “Eine Portion Pfefferminztee”. Sie beschließt, ihren Freund am Abend spaßeshalber zu fragen, ob er eine Portion Bier wolle und ihre Laune wird immer besser, sie kichert leise. Der alte Mann sieht ihr hinterher, er fühlt sich nicht ernst genommen und ärgert sich.

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