März, 2007 Archives

29
Mrz

Immer wieder schön: Fachpersonal

by Maximilian Buddenbohm in

Wenn man ein großes Kaufhaus in der Hamburger Innenstadt so umgestaltet, daß es nur noch hochpreisige Ware dort gibt und alles nach fein bis sehr fein aussieht, dann wäre es vielleicht auch hilfreich und nützlich, ein wenig in den Kenntnisstand und die Umgangsformen des Personals zu investieren.

Die Frau an der Kasse der Süßwarenabteilung, die meine Ware an den Scanner hält und dabei liest, was auf der Packung steht, mit Staunen und ehrlicher Überraschung im Gesicht: “Schokolade mit Pfeffer?! Ist das nicht voll eklig?”

Die Frau an der Information, die wir nach Umstandsmode gefragt haben, mit deutlich pikierter Stimmlage: “Nein, SO ETWAS haben wir hier nicht mehr.” Ihren Tonfall darf man sich dabei in etwa so vorstellen, als hätten wir nach praktischen Zehnliterfässern Gülle gefragt.

29
Mrz

Vorsicht Falle

by Maximilian Buddenbohm in

Nicht daß ich übertrieben wasserscheu wäre, nein. Nur ein klein wenig. Hätte ich aber gewußt, daß die Herzdame auf gemeinsamen Geburtsvorbereitungskursen ausgerechnet im Schwimmbad bestehen würde, wäre mein Kinderwunsch vielleicht doch nicht ganz so ausgeprägt gewesen. Allmählich verstehe ich ja, was mit “die Schwangerschaft stellt auch Männer vor ganz neue Herausforderungen” gemeint ist.

27
Mrz

A propos Vererbung

by Maximilian Buddenbohm in

Daß die Herzdame mich in letzter Zeit mit erstaunlicher Intensität an den Ohren kraulte, lag übrigens, wie sie mir gestern mitteilte, nur daran, daß sie aus eigenem Interesse deren Biegsamkeit untersuchen wollte. Sie macht sich Sorgen um den Geburtsvorgang, da ich ja Größe und Winkel der Ohren eventuell vererben könnte. Bin mir nicht ganz sicher in der Wortwahl, aber ich glaube, es fiel schließlich ein Satz in der Art von “Dumbos Mutter hat es ja auch überlebt”.

Wir schlafen wieder getrennt.

27
Mrz

Die Herzdame auf der Überholspur

by Maximilian Buddenbohm in

Die Herzdame hat übrigens in der letzten Woche ihre schier endlose Weiterbildung mit Glanz und Gloria abgeschlossen, sogar dergestalt, daß die Handelskammer künftig ihre Abschlußarbeit als Musterlösung verwenden will, zu Nutz und Frommen kommender Generationen von Menschen, die auch irgendwas mit Internet machen wollen. Das ist natürlich eine grandiose und sehr beachtliche Leistung. Oder, wie meine Freundin Birgit sagte, die wie die Herzdame aus Nordostwestfalen stammt, wo besondere Kommunikationsgesetze gelten: “Was für eine entsetzliche Streberin. Wenn sie das man bloß nicht an das Kind weitergibt.”

25
Mrz

Das Image der Orthopäden

by Maximilian Buddenbohm in

Wie könnte man dieses schwierige Thema besser zusammenfassen, als es mein Hausarzt tat, der meinen Zitatenschatz in der letzten Woche durch diesen schönen Satz bereicherte: “Wenn es ab morgen keinen einzigen Orthopäden mehr geben würde, wäre die Welt auch nicht schlechter.”

Eine unbedingt überdenkenswerte Hypothese.

21
Mrz

Zur Bedeutung der Universalantwort “Jo” für die nordostwestfälische Gesundheit

by Maximilian Buddenbohm in

Ich habe vor längerer Zeit schon einmal eine Text über das “Jo” geschrieben (siehe hier), damals ging es um Abschiedsrituale im Heimatdorf der Herzdame. Mir fiel in letzter Zeit auf, daß es mit diesem Wort auch eine besondere Bewandtnis hat, wenn es um Fragen der Gesundheit oder des körperlichen Zustandes geht. Wenn ich mich zum Beispiel bei der schwangeren Herzdame mit Blick auf ihren Bauch danach erkundige, wie es ihr gerade geht, antwortet sie darauf zuverlässig mit einem schlichten “jo”. Das gibt für mich, man wird es vielleicht verstehen, inhaltlich nicht viel her. Mein Naturell ist so beschaffen, daß ich auch ausschweifendere, vielleicht sogar gefühlsbetonte, gar romantikumwehte Ausführungen zu diesem Thema durchaus vertragen würde. Ich frage also nach, ich frage explizit nach Gefühl, Herzensfülle und Seelenlage – die Herzdame sieht mich fragend an, lauscht angestrengt in sich hinein, guckt sinnend zur Decke und sagt dann: “Jo”.

Man muß es akzeptieren. Es gibt Besonderheiten im Wesen der Nordostwestfalen, die man einfach nicht ändern kann. Es hat vielleicht auch Vorteile, so zu sein. Zum Beispiel bei der medizinischen Versorgung. Für diese gelten im Heimatdorf der Herzdame nämlich nur zwei einfache Regeln. Die erste besagt, daß ein Mensch, der auf die Frage nach seinem Zustand noch mit “jo” antworten kann, im Prinzip gesund und arbeitsfähig ist. Die zweite besagt, daß ein Mensch, der auf die Frage nach dem Zustand nicht mehr mit “jo” antwortet, wahrscheinlich bald streng riecht und besser schnell vergraben wird. Dafür braucht man keine zwanzig Fachärzte, das ist billig und effizient, das ist fern aller unnötigen Komplikationen. In den Dörfern dieser Region wurde der Pragmatismus erfunden.

Und seit ich das verstanden habe, freue ich mich immer sehr über ein klares “jo”, wenn ich meine Hand auf den Bauch der Herzdame lege und sie fragend ansehe. Manche Dinge sind viel einfacher, als man denkt.

20
Mrz

Die Frühjahrsmode

by Maximilian Buddenbohm in

In dem Erdgeschoß des Hauses, in dem die Herzdame und ich wohnen, ist ein Herrenausstatter. In seinem Schaufenster stehen gerade zwei Puppen, die Anzüge in schreiendem Bonbonrosa tragen. Die Farbe ist irgendwo zwischen frischem Erdbeerquark, Lippenstift für fünfzehnjährige Mädchen und Magenta anzusiedeln, gar nicht so einfach zu beschreiben. Man wird aber auf jeden Fall das Gefühl nicht los, daß man schon vom längeren Hingucken Karies bekommen könnte.

In den letzten beiden Jahren die rosa Herrenhemden, jetzt also auch die Anzüge. Die Welt ist schlecht.

18
Mrz

Kaffee.Satz.Lesen versus Hamburger Staatsoper

by Maximilian Buddenbohm in

Vor ein paar Wochen waren die Herzdame und ich an einem Sonntag in der Oper, in Carmen. Deswegen waren wir nicht bei der Lesereihe Kaffee.Satz.Lesen in der Baderanstalt, wo zumindest ich sonst immer bin, die Termine lagen einfach zu eng. Das fand ich bedauerlich, denn ich gehe sehr gerne zu diesen Lesungen. Oper ist andererseits natürlich auch etwas Feines, besonders, wenn man davon etwas versteht – was allerdings bei mir nicht ansatzweise der Fall ist.

Ich habe also am frühen Abend in der Oper gesessen und die beiden Veranstaltungen verglichen, denn wer weiß, vielleicht kreuzen sie sich ja noch einmal, die Termine der Literatur und der klassischen Musik, da wird es dann gut sein, wenn man ausführlich darüber nachgedacht hat, was welchen Vorteil hat. Der geradezu stiftungwarentestmäßig objektive Vergleich der beiden Veranstaltungen in verschiedenen Kategorien ergab folgende Wertung:

Preis für zwei Personen:
Kaffee.Satz.Lesen: Bescheidene zehn Euro in der ersten Reihe. Oper: Stolze fünfundneunzig Euro bei leidlich guter Sicht ganz weit oben und hinten. Klarer Fall.

Anfahrt:
Die Oper und die Baderanstalt, in der die Lesungen stattfinden, sind beide sehr dicht an unserer Wohnung. In der Baderanstalt gibt es allerdings einen Fahrstuhl, den ich demütigenderweise nicht recht verstehe und der mich dazu zwingt, mich unauffällig vor dem Eingang herumzudrücken bis jemand kommt, der vielleicht weiß, wie das Ding funktioniert. Unschön.

Dresscode
In der Oper bevorzugt man mittlerweile (wieder) die gepflegte Garderobe, wenn nicht sogar die Abendgarderobe, in der Baderanstalt einen eher entspannten Sonntagslook. Chamäleon, das ich bin, kann ich mich in beiden Welten wohlfühlen. Bis dahin unentschieden. Allerdings war in der Oper eine sehr alte Dame in einer unglaublich grellen Satinbluse unterwegs, deren Farbe ich nur als “Gewaltila” bezeichnen kann – solche sprachbereichernden Erfahrungen bietet das Publikum der Lesereihe eher nicht.

Publikum
In der Oper senke ich tendenziell den Altersdurchschnitt, in der Baderanstalt hebe ich ihn. Ich kann mit beidem leben, egal.

Garderobe
Kostet in der Oper extra, in der Baderanstalt gibt es keine. Die Zeiten sind hart, man muß sparen, da gewinnt natürlich die Baderanstalt.

Sitzplätze
Werden in der Oper langweilig im Voraus gebucht und stehen dann fest, während in der Baderanstalt das Faustrecht regiert, wollte sagen frühes Kommen entscheidet, ob überhaupt und wie man sitzt. Das ist spannend und unterhaltsam, das bietet Aufregung schon bevor etwas auf der Bühne passiert. Man lernt fremde Menschen näher kennen, während man mit ihnen um einen Hocker ringt, da kann die Oper einfach nicht mithalten.

Verpflegung
Darüber muß man nicht nachdenken, die Preise in der Oper sind indiskutabel hoch und man erhält nur charakterloses Radeberger und trockene Laugenbrezeln, der Kuchen in der Baderanstalt ist ganz außer Frage ausgezeichnet und es gibt anständiges Bier.

Literatur
Hervorragende Texte gibt es auf beiden Bühnen, in der Oper allerdings meist unverständlich vorgetragen, da italienisch oder schlimmer. Ich finde es als leidenschaftlicher Sprachmensch aber angenehm und erstrebenswert, Texte zu verstehen, auch der Punkt geht daher ganz klar an die Lesereihe.

Musik
Gibt es auch auf beiden Bühnen, auf der Lesebühne aber kürzer, was mir durchaus entgegen kommt. Dafür tragen die Damen und Herren Künstler in der Oper beim Singen die schickeren Kostüme und werden von viel mehr Musikern begleitet, darunter sehr schöne Damen mit Geige. Wohl ein Unentschieden.

Bau
Die Baderanstalt hat den etwas trashigen, aber angenehm entspannten Charme ehemaliger Industriegebäude. Wer aber den Innenraum der Oper irgendwie charmant findet, hegt wahrscheinlich auch liebevolle Gefühle gegenüber Autobahnbrücken.

Bühne und Kostüme
Beim Kaffee.Satz.Lesen stets der Minimalismus der nackten Wand und des alltäglichen Outfits, in der Oper unglaubliche, hinreißende, begeisternde Kreationen. Ich gehöre ja zu den Leuten, die nur wegen des Bühnenbildes und der Kostüme in die Oper gehen und das Gesinge über weite Strecken eher entbehrlich finden. Die Lesereihe hätte daher in dieser Rubrik bessere Chancen, wenn die Protagonisten zum Beispiel in flotten Kostümen des neunzehnten Jahrhunderts auftreten würden. In so einer Husarenuniform würde es sich bestimmt viel energischer lesen und man hätte auch einfach eine bessere Haltung in so etwas.

Pausen
In der Oper oft zwei, beim Kaffee.Satz.Lesen nur eine. Wenn man in der Pause mal muß, gewinnt fraglos die Oper, wegen der ausreichenden Anzahl funktionsfähiger Toiletten. Wenn man nicht muß, gewinnt aber klarerweise Kaffee.Satz.Lesen, denn da kann man mit anderen Leuten aus dem Publikum reden. In der Oper habe ich bezüglich der anderen Gäste oft den starken Verdacht, daß viele von denen gar nicht bloggen.

Selbstbeteiligung
Bei Kaffee.Satz.Lesen war ich schon zweimal selbst als Programmteil dabei, in der Oper war ich bisher noch nicht auf der Bühne und bin auch für Zukunft eher pessimistisch. Ich hätte auch bezüglich der Publikumsreaktion, wenn ich da denn mal ein Liedchen trällern würde, doch sehr starke Zweifel. Daher kein Punkt für die Musikbühne, denn ich habe auch meinen Stolz.

Hinterher
Beim Kaffee.Satz.Lesen kann man mit den Künstlern, den Stammgästen und den Veranstaltern nach dem Bühnenzauber manchmal ganz formidabel beim Griechen versumpfen. Auch das eine Option, die sich in der Oper meiner Erfahrung nach nicht anbietet. Man geht von dort vielmehr allein von dannen, während der Rest des Publikums in die zahlreichen, wartenden Reisebusse steigt und zurück in die Seniorenheime nach Mölln, Kiel, Rendsburg oder in andere traurige Städte fährt.

Gesamtwertung
11 : 5 für Kaffee.Satz.Lesen. Das wäre dann wohl geklärt.

16
Mrz

Hamburg für Touristen

by Maximilian Buddenbohm in

In der S-Bahn sitzt mir ein junger Mann gegenüber, der sich mit einer älteren Frau unterhält. Sie wird seine Mutter sein, der Ähnlichkeit nach zu urteilen. Aus ihrem Gespräch geht nach einer Weile hervor, daß er seit kurzer Zeit Student in Hamburg ist, sie besucht ihn gerade zum ersten Mal, um nachzusehen wie er in der Großstadt so lebt.

Wir fahren aus dem Hauptbahnhof, er zeigt aus dem Fenster und sagt zu seiner Mutter: “Guck mal das da, das ist die Außenalster. Da gibt es am ganzen Ufer keinen Penny und keinen Aldi”.

Erstaunliche Formulierung, aber irgendwie ja auch zutreffend, diese Beschreibung.

14
Mrz

Der Infoabend

by Maximilian Buddenbohm in

Ein Konferenzraum im Krankenhaus, “Infoabend” steht auf einem Zettel an der Tür. Es ist überraschend voll. Ich zähle nach, es sind rund achtzig Menschen da, die Stühle reichen nicht einmal annähernd aus. Etliche der Frauen hier haben schon einen deutlich sichtbaren Bauch, einige sind aber auch offensichtlich noch in einem sehr frühen Stadium der Schwangerschaft. Der Arzt, der gleich einen Vortrag über die Geburtenabteilung halten soll, weist einen Mann darauf hin, daß er es gut und angebracht finden würde, wenn er seine Frau sitzen lassen würde. Der Mann steht schuldbewußt wieder auf und läßt doch lieber seine hochschwangere Frau sitzen.

Der Arzt und eine Hebamme klicken sich durch eine Präsentation und erzählen von ihrer Arbeit und den Möglichkeiten im Haus. Die Hebamme ist so enthusiasmiert von ihrem Beruf, daß sie förmlich von innen her leuchtet, während sie spricht. Beneidenswert.

Nach dem Vortrag wird die neugierige Gästeschar zur Besichtigung der Kreißsäle eingeladen. Die ganze Horde entert das Treppenhaus und die Fahrstühle und sammelt sich dann vor den Kreißsälen. Werdende Mütter, die gerade halbnackt kurz vor der Geburt auf dem Flur auf- und abgehen, bringen sich irritiert in Sicherheit. Achtzig Menschen sehen ihnen interessiert nach. Die Kreißsäle sehen gar nicht nach Klinik aus, eher wie eine Mischung aus Kinderzimmer und Wellness-Oase, eingerichtet mit dem Charme einer Ikea-Ausstellung aus dem Katalog. Wohnst du noch oder gebierst du schon? Man drängt hinein und sieht sich um, zieht an dem Seil, das da von der Decke baumelt, hüpft auf dem Gymnastikball auf und ab, setzt sich auf den Rand der Badewanne und bestaunt die verblüffend vielfältige Mechanik des Gebärbettes (wenn das denn so heißt). Und das da, das Kleine? Ein Gebärhocker. Ach so.

Ein Mann hebt den Arm, er hat eine Frage, Ein riesengroßer Kerl im Straßenkampf-Look, breitschultrig, Kapuzenpulli, Military-Hose. Die Hebamme sieht in fragend an. “Versorgen sie auch Männer?” fragt er. “Wie bitte?” fragt die Hebamme, die nicht wissen kann, ob das ein Scherz ist oder nicht. “Wenn ich hier umfalle, versorgen sie mich dann auch? Sammelt mich jemand auf? Kümmern sie sich auch um die Männer?”

“Ja”, sagt die Hebamme milde lächelnd, “wenn sie umfallen sollten, werden wir sie schon irgendwie wieder aufsammeln.” “Dann ist ja gut”, sagt der große Kerl, aber er klingt nicht überzeugt.

Die Hebamme zeigt auf eine Musikanlage: “Sie können sich gerne eigene Musik mitbringen, das empfinden viele Frauen als hilfreich. Überlegen sie rechtzeitig, was sie mitnehmen wollen.” Die Herzdame sieht mich streng an und weist sicherheitshalber schon mal darauf hin, daß die Musik für sie hilfreich sein solle, nicht für mich. Kein Sinatra während der Geburt also, eher Nirvana: “Come as you are”. Paßt schon.

Ein junger Mann kniet vor der Musikanlage, sieht sich suchend um und fragt dann: “Hat man von hier aus vielleicht auch Internetzugang?” Die Hebamme verneint lachend und guckt etwas irritiert, als jetzt zwei Männer wie aus einem Munde “schade” sagen.

Der Ellbogen der Herzdame war einfach nicht schnell genug.

13
Mrz

Post von der Bundesregierung

by Maximilian Buddenbohm in

“Wegen der großen Nachfrage kann die von Ihnen bestellte Broschüre “Elterngeld und Elternzeit” nicht geliefert werden. Mit freundlichen Grüßen, Ihre Bundesregierung”.

Kurz vorher Post von der Krankenkasse: “Wegen der starken Nachfrage kann die von Ihnen bestellte Broschüre zu unseren Leistungen bei Schwangerschaft und Geburt nicht geliefert werden.”

Nanu – wir basteln uns einen geburtenstarken Jahrgang, oder was soll das heißen?

12
Mrz

Der frühe Vogel

by Maximilian Buddenbohm in

Es war noch richtig dunkel und nur vereinzelt sang ein Vogel für einen kleinen Moment, ein vorsichtiges, nur angedeutetes Geräusch in der Nacht. Er mußte die Luft anhalten oder sehr leise atmen, um es wirklich hören zu können. Es mußte noch sehr früh sein. Den Mond und die Sterne auf den Vorhängen konnte er schon schwach erkennen, aber sie hatten noch keine Farbe, es waren nur graue Umrisse und eigentlich waren sie wohl auch nur zu erkennen, weil er eben wußte, daß sie da waren. Unter der Zimmertür war ein schmaler Lichtstreifen zu erkennen, von dem kleinen Nachtlicht im Flur, eine hauchfeine Linie mitten im Schwarz. Zwischen der Tür und dem Fenster war es auf dem Fußboden und auch darüber aber noch ganz schwarz, ein großes Stück Nacht lag da mitten im Zimmer herum. Er machte die Augen ganz weit auf, so weit er nur konnte, aber dadurch wurde es auch nicht heller. Immerhin, wenn doch der Mond und die Sterne auf den Vorhängen schon zu erkennen waren, dann konnte es sicher nicht die Geisterstunde sein und allzu gefährlich war es daher wohl nicht, jetzt wach zu sein. Aus Sicherheitsgründen sah er dennoch angestrengt an den Leuchtziffern des Weckers vorbei, denn wenn er hingesehen hätte, wer weiß, wäre es am Ende doch erst Geisterstunde und er konnte jetzt wirklich keine weiteren Probleme gebrauchen. Als er noch einen Vogel singen hörte und kurz darauf einen weiteren, beruhigte sich sein Herzschlag, der seit dem Aufwachen wie irre getrommelt hatte – nein, es war nicht mitten in der Nacht, es war nur sehr früh am Morgen, ganz sicher. Er war nicht irgendwann wach, nur viel zu früh.

Er steckte vorsichtig einen Finger in den Mund und bewegte den wackelnden Zahn hin und her. Er ließ sich schrecklich weit bewegen, wie ein Pendel geradezu und es tat furchtbar weh. Er schmeckte Blut im Mund und gleichzeitig merkte er, wie ihm die Tränen kamen. Das war schlecht, sehr schlecht sogar. Und gefährlich war es auch. Wenn er weinen mußte, würde er unweigerlich irgendwann anfangen zu schluchzen und das würde seine Mutter hören. Sie hatte, wie sie immer sagte, ein Gehör wie eine Fledermaus und er hatte nie daran gezweifelt, zu vieles sprach dafür, daß sie die Wahrheit sprach. Sie hörte ja auch, wenn er abends schon im Bett lag und heimlich las, dieses ganz leise, kaum wahrnehmbare Geräusch des Umblätterns hörte sie, wenn die Seiten einander gerade eben mal flüchtig streiften und dann stand sie plötzlich in der Tür, um ihm das Buch wegzunehmen. Sie war anders als andere Menschen.

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11
Mrz

März

by Maximilian Buddenbohm in

Der Himmel dehnt sich sehnsuchtsblau über der Alster, die Krokusse blühen üppig und tragen dieses Jahr verbreitet Lila. Waren die immer schon so zahlreich in Lila? Waren sie früher nicht eher mehrheitlich gelb? Wer weiß schon noch, wie der Frühling im letzten Jahr war. Jogger tragen schon wieder seltsam anmutende, bunte und kurze Leibchen, die schlimm mit der blassen Winterhaut an ihren Oberarmen kontrastieren, aber Jogger bieten ja zu keiner Jahreszeit einen schönen Anblick. Es röchelt und keucht schweißtriefend an einem vorbei, Schreckensbilder der Atemnot, man möchte ihnen separate Wege wünschen.

Die Eisbude an der Alster hat noch zu und alle, alle, die dort vorbeigehen, sagen: “Der würde aber doch schon Geschäft machen, jetzt.”

Beim Bootsverleih liegen zwei einsame Tretboote und es will mir nicht mehr einfallen, ob die den ganzen Winter da als Reste gelegen haben oder nicht, Sind es schon die Vorboten der zu erwartenden Flotte? Wieso dann nur zwei? Sie sehen grau und gammelig aus. Schon bei dem Gedanken an das Tretbootfahren bekommt man einen kalten Po und klamme Hände.

Zwei Sorten Mensch gehen an der Aster entlang. Pessimisten, die noch winterlich zu fühlen bereit sind, sie tragen schwere Mäntel, Schal und Mütze, sie ziehen im frischen Wind am Ufer den Kopf tief zwischen die Schultern und murmeln zufrieden: “Doch noch kalt.” Die Optimisten daneben tragen offene Jacken und Sonnenbrillen, sie halten ihre Gesichter an den windstillen Stellen in die Sonne, grinsen vor sich hin und zeigen auf Knospen an Büschen.

Ein Mann, der nach einer heftigen Überdosis Solarienbräune aussieht, kommt uns entgegen, er spricht mit einem ähnlich verschmorten Freund und sagt zu ihm, als er gerade an uns vorbeigeht: “Ich habe ein Raster im Kopf, da sortiere ich alle meine Beziehungen ein.” “Ach”, sagt der Freund und guckt unbeeindruckt.

Erste Google-Suchanfrage, über die diese Seiten hier heute gefunden wurden: “Was hat das blaue Band mit dem Frühling zu tun?”

Die Antwort ist irgendwo da draußen.

10
Mrz

Vorsprung Willi

by Maximilian Buddenbohm in

Willi

Nach dem Text “Von Bienen und Blüten” gab es in den Kommentaren vor ein paar Tagen bereits einige Anregungen zur Namensgebung. Wir wissen zwar noch nicht einmal selbst, ob es ein Mädchen oder ein Junge wird, aber das hat eine Leserin nicht davon abgehalten, uns bereits jetzt dieses großartige Geschenk zukommen zu lassen, mit dem sie sehr nachhaltig auf ihre Namenspräferenz aufmerksam macht (an dieser Stelle noch einmal vielen, vielen Dank an die Spenderin!). Ein Blog kann wirklich unerwartete und überaus faszinierende Folgen haben.

Wenn solche Geschenke allerdings die Regel und nicht die Ausnahme wären, hätten wir bald eine Grundausstattung an Babykleidung mit lauter verschiedenen Namen darauf. Das Kind würde dann später wohl jeden Tag anders genannt werden, je nachdem, was es gerade tragen würde – da kann man sich jetzt schon die Therapiegespräche in zwanzig Jahren vorstellen. Interessanter Gedanke.

8
Mrz

Die Rechtslage

by Maximilian Buddenbohm in

Als ich die Herzdame bei einem kleine Streit dezent darauf hinwies, daß in den klugen Ratgebern zur Schwangerschaft zu lesen sei, daß bei der Frau gerade in den ersten Monaten mit stark verschärften Stimmungsschwankungen und auch deutlichen Aggressionsschüben zu rechnen sei und ihre rabiate Stimmung daher eventuell doch eher biochemisch als sachlich motiviert sei, ich also für die aktuell eskalierende Situation vielleicht gar nichts könne, antwortete mir die Herzdame mit einem Satz, der punktgenauer nicht sein könnte:

“Ich habe keine Hormone, ich habe Recht!”

Wie konnte ich daran zweifeln.