Februar, 2007 Archives

28
Feb

Von Bienen und Blüten

by Maximilian Buddenbohm in

Normalerweise ist es wohl so, daß ein Paar beschließt, demnächst Kinder haben zu wollen, die Verhütung daher bleiben läßt und dann gelassen abwartet, was wann passiert. Ich nehme zumindest an, daß es oft so abläuft. Bei uns wäre es sicher auch so gelaufen, wenn ich nicht so ein neugieriger Mensch wäre. Ich habe nämlich, kaum war der schöne Beschluß gefaßt, festgestellt, daß es online verfügbare Kalenderprogramme gibt, die nur dazu da sind, jene Tage zu errechnen und auszuweisen, an denen Sex ganz besondere Folgen haben kann. Faszinierend. Nun ist es sicherlich irgendwie unromantisch, so ein Programm zu benutzen, aber man könnte ja, aus reinem Spieltrieb versteht sich, so nebenbei, nicht wahr, nur um mal zu sehen, also vollkommen unverbindlich, man muß sich ja auch gar nicht danach richten, eh klar, aber schaden tut es ja auch nicht, wenigstens gucken kann man ja mal…

… natürlich habe ich mich auf so einer Seite registriert. Nur mal so. Die Herzdame und ich stimmen uns ja abends auch oft aus verschiedenen Zimmern heraus per Mail ab, wann wir gemeinsam ins Bett gehen, da schien mir dieses Tool eigentlich gar nicht mal so unpassend.

Das Programm war leider denkbar albern umgesetzt, was die Grafik angeht. Es gab pro Tag ein nettes Bild der Biene Maja, die mal ekstatisch strahlend an einer Blüte hing und mal nur milde lächelnd sinnlos in der Gegend herumflog. Immerhin befeuerten diese Bilder aber unser Sexualleben doch durch ganz neue Dialoginhalte, zum Beispiel den bei uns mittlerweile zum Klassiker gewordenen abendlichen Satz “Du kannst jetzt nicht müde sein, die Biene lacht.”

So ist auch die überaus verblüffende Erfahrung zu erklären, daß ich als ausgewachsener Mann von vierzig Jahren nach dem Betrachten von gezeichneten Biene-Maja-Bildern Sex hatte – eine erotische Besonderheit, die ich noch vor kurzer Zeit ganz gewiß nicht für möglich gehalten hätte.

Vielleicht sollten wir das Kind, wenn es denn eine Tochter wird, in Erinnerung an diesen Kalender Maja nennen – aber es ist ja noch monatelang Zeit, darüber nachzudenken.

26
Feb

Eine kleine Überraschung

by Maximilian Buddenbohm in

Die Herzdamengeschichten zur Abwechslung mit Suchspiel auf der Seite. Sozusagen. Ach, was sind wir wieder dezent heute.

24
Feb

Alles schon bekannt

by Maximilian Buddenbohm in

Der Versuch, einem sehr betagten Verwandten aus dem Rheinland einen Hamburgbesuch schmackhaft zu machen, in dem ihm ein touristentaugliches Besichtigungsprogramm in Aussicht gestellt wurde, ist wider Erwarten gescheitert: “Jaja, Hamburger Hafen und so, das kenne ich doch alles längst.”

Das schien meiner Mutter, die die Verhandlungen führte, höchst eigenartig, denn ihres Wissens war der Mann nie in Hamburg gewesen. Auf Nachfrage erfuhren wir aber schließlich, daß er doch tatsächlich schon mal da war – und zwar im Frühjahr 1945, etwa vier Stunden lang. Auf einer wilden Odyssee von Ost nach West durch die Wirren des Kriegsendes ist er damals durch Hamburg gekommen und hat den zerbombten Hafen gesehen.

Ich bedaure es, daß er uns nicht besucht. Man hätte ihm glatt die Riesenbaustelle der Hafencity als Wiederaufbau verkaufen können.

24
Feb

Ein Klick in den Iran

by Maximilian Buddenbohm in

Gerade bei der morgendlichen Online-Presseschau entdeckt, ein wirklich faszinierender Artikel in der Zeitschrift “Folio” der Neuen Zürcher Zeitung über die Freizeit und das Privatleben in Teheran – sehr empfehlenswert und auch überraschend. Hier entlang, es lohnt sich (Folio lohnt sich übrigens sowieso immer).

22
Feb

Tanzen für Fortgeschrittene

by Maximilian Buddenbohm in

Wenn man am Abend vor einem Tanzkurs mit seiner Partnerin im Wohnzimmer Jive übt und dabei die Dame bei einer besonders schwungvollen Drehung so führt, daß ihr aus Rücksicht auf die Nachbarn unbeschuhter Fuß mit der Ecke eines Bücherregals dergestalt kollidiert, daß man sich die nächsten vierzehn Tage verletzungsbedingt gar nicht mehr um diesen Sport zu kümmern braucht, dann hat man zwar in der Folge entspannte Abende ohne Sport, aber auch eine Herzdame, die auffällig wenig spricht und in den wenigen beredten Momenten das Wort “Heimtücke” erstaunlich oft gebraucht.

Muß man natürlich sorgsam abwägen, ob man beides möchte. Aber gebrochen ist wohl nichts, wenn ich es richtig sehe.

21
Feb

Mit freundlichen Empfehlungen

by Maximilian Buddenbohm in

In der rechten Seitenleiste gibt es hier neuerdings Buchempfehlungen, jeweils eine von der Herzdame und eine von mir. Wenn man die Bücher anklickt, landet man bei Amazon, kann die Bücher dort kaufen und die Herzdame und ich werden durch Provisionen dann in Kürze steinreich – jedenfalls dann, wenn alle unsere Leserinnen und Leser je etwa zehntausend Exemplare kaufen.

Das ist nicht unbedingt zu erwarten, schon klar. Aber es ist vielleicht dennoch interessant, denn natürlich werden wir schonungslos ehrlich nur Bücher empfehlen, die wir tatsächlich gerade gelesen und auch für gut befunden haben. Das die Herzdame und ich gelegentlich in anderen Welten leben, dürfte sich allerdings auch an dieser Buchauswahl zeigen, wie die aktuelle Auswahl bereits sehr schön belegt.

19
Feb

Das Peter-Prinzip in der Freizeit

by Maximilian Buddenbohm in

Das sicherlich allseits bekannte Peter-Prinzip besagt, daß jeder in seinem Job bis zur Stufe seiner Unfähigkeit befördert wird und dann dort verbleibt – und es gilt nicht nur im Beruf, es gilt auch im Tanzsport, wie ich festgestellt habe.

Die Herzdame und ich waren fast zehn Wochen lang nicht mehr beim Tanzen. Als wir letzte Woche zum ersten Mal nach dieser langen Zeit wieder dort waren, war daher von einem katastrophalen Abend auszugehen, denn ich verlerne Tanzschritte geradezu beängstigend schnell. Die Herzdame dagegen merkt sich immer alles und verlernt auch nichts, eine tendenziell konfliktträchtige Situation, denn ich schätze es nicht, wenn meine Partnerin beim Tanzen mehr kann als ich, was aber anscheinend fast unweigerlich der Fall ist. Gewisse unterbelichtete Teile meines Ichs denken an solchen Abenden, daß zum Beispiel Kugelstoßen doch auch ein schöner Sport wäre, denn es besteht nur aus einem einzigen Bewegungsablauf, ist solo zu betreiben und man hat auch noch frische Luft dabei. So etwas lasse ich mir aber als vorbildlicher Gatte natürlich nicht anmerken, nein, ich übe vielmehr klammheimlich und in der festen Absicht, die Herzdame gnadenlos und hinterrücks positiv zu überraschen, Tanzschritte im Badezimmer und tue abends so, als wäre mir jeder im letzten Jahr gelernte Schritt ganz ohne Training unauslöschlich in Fleisch und Blut übergegangen. Es war eine allzu schöne Vorstellung, einmal einen Abend lang besser zu sein als sie.

Das Ergebnis war, daß die Tanzlehrer uns an diesem Abend für so gut befanden, daß uns beschieden wurde, doch bitte in einen höheren Kurs zu wechseln, wir wären ja offensichtlich unterfordert. Mein Hinweis, daß das der künftig drohenden Überforderung doch entschieden vorzuziehen wäre, interessierte weder die Herzdame noch die Trainer, und so werde ich mich wohl noch in dieser Woche mit der Stufe der Unfähigkeit in der Freizeit anfreunden.

Mir graut.

18
Feb

Die vergessenen Toten: Ein Nachtrag

by Maximilian Buddenbohm in

Ich habe vor einiger Zeit einen Text über die Hamburger Beerdigungen von jenen Menschen geschrieben, die entweder sterben ohne jemanden zu hinterlassen, oder aber sterben, ohne jemanden zu hinterlassen, der ihre Beerdigung bezahlen könnte (“Die vergessenen Toten“). Diese Menschen, so schrieb ich da, haben überhaupt nur deswegen ein kleines Zeremoniell, weil sich ein Freiwilliger, Frater Rafael, darum kümmert.

Im Hamburger Abendblatt vom 17. Februar erschien nun ein Artikel, in dem beschrieben wird, daß dieser Frater Rafael “resigniert”. In dem Artikel gibt es eine sehr leicht mißverständliche Zeile, in der es heißt: “Auf Drängen der GAL und Frater Rafaels bewilligte die Sozialbehörde dem Seelsorger seit September vergangenen Jahres zumindest einen Euro pro Urne, um Blumen und Kerzen zu kaufen.”

Das klingt gerade so, als würde dem Frater Geld ausgezahlt werden, was durchaus nicht der Fall ist. Da immer noch viele Besucher über Googlenachfragen zu diesem Thema auf diesen Seiten landen, gebe ich hier gerne wieder, was mir Frater Rafael dazu schreibt:

“Ich bin kein Ein-Euro-Jobber. Wie jeder andere Mensch in dieser Stadt verdiene ich mein Geld aus freiberuflicher und nichtselbständiger Arbeit. Diese Arbeit auf dem Friedhof betrieb ich jahrelang ehrenamtlich und ohne jegliche Bezahlung von Außenstehenden. Wären ab und zu nicht einige Wohltäter aufgetreten, hätte ich schon früher damit aufhören müssen.
Dieser Euro, um den es hier geht, kommt jeweils einen Menschen zugute, der auf dem Öjendorfer Friedhof als sogenannter ” Vergessener Tote” begraben wird. Und wie man liest, seit September letzten Jahres. Dieser Euro soll dem Blumen – und Kerzenschmuck der Gräber dieser Menschen dienen. Nun sollte ich rückwirkend ab September 2006 diesen Euro pro Sterbefall für meine Ausgaben, sprich Blumen -, Kerzenschmuck und auch Fahrtkosten erhalten und auch in Zukunft von diesem zugesprochenen Geld die Gräber schmücken. Aber dem ist nicht so! Als Hauptgesellschafter der Hamburger Friedhöfe hat nun der Senat, bzw. die zuständige Sozialbehörde dahingehend entschieden, diesen Euro direkt den Friedhöfen zukommen zu lassen, um davon den Schmuck für die Gräber zu finanzieren. Bislang liegt keinerlei Blumen – wie Kerzenschmuck auf den Gräbern! D.h. das Geld wird in meinen Augen nur hin – und hergeschoben und geht am eigentlichen Ziel vorbei!”

Ich bin damals in meinem ersten Artikel zu diesem Thema von einigen Kommentatoren mißverstanden worden, sie dachten, ich hätte etwas gegen anonyme Bestattungen. Darum ging es mir natürlich nicht. Selbstverständlich ist es das gute Recht eines jeden Menschen, sich eine anonyme, schmucklose Beerdigung zu wünschen. Es ist in meinen Augen aber etwas ganz anderes, wenn Menschen, über deren Wünsche man unmöglich etwas wissen kann, weil sie etwa allein auf einer Parkbank gestorben sind, ohne jede Zeremonie bestattet werden. Sie werden zwar am Tag vor der Einäscherung nach evangelischem Ritus ausgesegnet, an dem Morgen, an dem sie beerdigt werden, ist dann aber tatsächlich gar nichts an Begleitung da, was ich nach wie vor verblüffend kulturlos und arm in jedem Sinne finde. Die Nichtzuständigkeit sämtlicher Hamburger Religionsgemeinschaften bleibt für mich äußerst erstaunlich.

Die Zahl der Vergessenen Toten geht in Hamburg in diesem Jahr voraussichtlich an die Tausend.

14
Feb

Merlix featuring Mek

by Maximilian Buddenbohm in

Eine weitere Travemündegeschichte, desmal eine, bei der ein Mann aus dem Süden eine ganz besondere Rolle spielt. Dazu fiel mir ein natural born Fachmann für südliches Denken ein: Mek. Wir haben uns darüber unterhalten und die Geschichte dann gemeinsam geschrieben, er den Süden, ich den Norden.

Im Winter 1978/1979 fiel in Norddeutschland bei einer äußerst ungewöhnlichen Wetterlage ungewöhnlich viel Schnee. Schnell und drastisch fallende Temperaturen brachten zum Jahreswechsel bis dahin vollkommen unvorstellbare Schneemengen. Es fuhren keine Züge mehr, Autobahnen waren komplett gesperrt, Dörfer und ganze Landkreise waren nur noch per Hubschrauber erreichbar, sogar aus Hamburg kam man tagelang nicht mehr heraus. Die Lage war katastrophal, es gab mehrere Tote. Im Januar beruhigte sich der Winter zunächst etwas, aber zum 14. Februar 1979 kam der Schneesturm noch einmal zurück – und diesmal brachte er auch Eis, sehr viel Eis.

Auf dem Eis

Wenn man am Strand eines vereisten Meeres steht, ist die Stille wirklich verblüffend. Ein Meer unter Eis gibt kein Geräusch mehr von sich, gar keines. Plötzlich ist dort Ruhe, wo es sonst eine endlose Folge von Geräusche gibt, die sich doch bis in alle Ewigkeit zu wiederholen scheint. Keine Welle schlägt mehr plätschernd an den Strand, keine Schaumkrone sinkt rauschend in sich zusammen, keine Steinchen werden flüsternd von den Ausläufern der Brandung zusammengeschoben, keine leeren Muschelschalen rasseln klappernd mit dem Zurückweichen der Wellen über den Sand, alles schweigt – und in diesem Schweigen war den ersten Travemündern, die morgens am Strand des nun starren Meeres standen, als müßten sie selbst auch die Luft anhalten und ganz, ganz leise gehen, so drückend und gebietend war die ungewohnte Stille des Eises. Selbst die eigenen Gedanken schienen plötzlich ganz laut zu sein, in dieser lautlosen Umgebung.

“…den Schnee den Schnee wollte sie immer sehen, damals noch, als sie mich ihren verwegenen Abenteurer nannte, damals noch, als ich glaubte ihre schwarzen Augen seien so hell wie die sizilianische Sonne, damals noch, als ich mir fest vorgenommen hatte diese Frau zu heiraten, zur Not sie zu entführen, Patricia, diese wunderbare junge Frau, die damals noch ihre Mägde täuschte nur um mich zu sehen, als sie noch sagte nimmmich nimmmich, nimm mich mit, das was Frauen am Anfang immer sagen, egal wo, egal wohin, nimm mich einfach, bis der erste Glücksstoß verwässert und sie langsam zurückkommen auf den Boden der Tatsachen, und plötzlich aufwachen und um die Zukunft ihrer ungezeugten Kinder bangen, zweifeln. Patricia würde wahrscheinlich blöd aus ihren Augen schauen bei all dem Schnee, ach, wie leicht mir das Wort “blöd” herauskommt und mögen ihre Augen auch noch so schön sein, oder eben Augen in denen die sizilianische Erde sich spiegelt, wie ihr Onkel sagt, und ihre Augen dabei wohl besser erkannt hat, als ich, mit meiner sizilianischen Sonne, wie konnte ich nur so blind sein, pah, sizilianische Erde, kein Wunder, daß man uns überall Terroni nennt, hintengebliebenes Pack das wir doch sind, ich mag von Glück sprechen, daß sie mich in den Norden geschickt haben, und wenn ich zurückkomme, nein, falls ich noch jemals zurückkomme, dann werde ich es ihnen zeigen, wie das geht, wie man ein richtiger Signore ist, vornehm wie es diese Gebildeten Menschen hier sind und nicht so provinziell wie dieses verstohlene südländische Inselpack Pack Pack! Vonwegen ich sei ein Bauernsohn und Patricia nicht würdig, sind sie nicht alles gesuchte Leute denen man alles anzweifelt was aus ihren dreckigen Mäulern kommt? Sogar die Bauersleut? Hat meine Großmutter nicht immer schon von den Sacconis als dreckige, verlogene Bande gesprochen? Silberbesteck ja, feiner Zwirn ja, auch gelächelt haben sie immer die Sacconis, nie etwas böses zu mir gesagt, auch nicht als sie meinen Heiratsantrag abgewiesen haben, immer freundlich, das Pack Pack Pack, und ach Patricia, du schöne erdfarbene Prinzessin, auch Du hast immer gelächelt, nett gestrahlt, wie man halt immer tut, geschäftlich, freundlich, als gäbe es diesen familiären Frieden den es zu bewahren gilt, als oberstes Gebot, ich möchte wissen wie viele Tränen Du geweint hast als sie mich in dieses Deutschland geschickt haben, wie viele Tränen in Deinen erdfarbenen Augen so trocken wie die sizilianische Erde, immer sonnig, immer trocken, trocken ist doch alles an Dir, Prinzessin der sizilianischen Erde, Dein Herz, Dein Leib, Dein Herz Dein Herz Dein Herz, wo nimmst Du bloß diesen Hochmut her… das Eis unter meinen Füßen ist mehr wert als der Boden eures erstohlenen Landes.”

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14
Feb

Bildungsprogramm

by Maximilian Buddenbohm in

Eine der schönsten Google-Suchanfragen seit langem, ich sehe den verzweifelten jungen Menschen förmlich vor mir, der heute diese Seite fand, nachdem er entnervt diese Frage eingegeben hatte: “Haben sie sich nun in Godot getroffen oder nicht?”

Aber wer wäre ich, das zu verraten. Immer schön zu Ende lesen, was auf den Tisch kommt.

10
Feb

Das Kalb

by Maximilian Buddenbohm in

“Es hat seine Augen” sagte sie trotzig und stützte sich mit beiden Händen auf ihren Schreibtisch, während sie unsicher aufstand. Der Computerbildschirm wackelte bedenklich. Sie war wirklich eindeutig betrunken und ich konnte sie auf keinen Fall so in ihr Auto steigen lassen. “Es hat genau seine Augen und es ist genau an dem Tag geboren worden.” “Du meinst, du siehst deinen Sohn in dem Kalb?” fragte ich und drückte sie vorsichtig an den Schultern wieder auf ihren Stuhl. “Er ist es”, sagte sie, ruderte mit den Armen und stand schon wieder auf. “Ich weiß es. Ich sehe es doch. Ich kann es doch sehen!”. Sie sah mich jetzt wütend an, ging zum Garderobenschrank und nahm ihre Handtasche heraus: “Ich bin nicht blöd und ich weiß schon, was ich sehe! Eine Mutter sieht das doch.” Ihr Atem roch nach Korn und Pfefferminz, ich konnte es noch riechen, obwohl sie jetzt ein paar Meter entfernt von mir stand. Genau genommen roch das ganze Büro scharf nach Alkohol.

“Gib mir jetzt bitte deinen Autoschlüssel”, sagte ich so freundlich, wie ich nur konnte. Ich setzte mich, in der Hoffnung, sie würde sich auch wieder hinsetzen und vielleicht etwas ruhiger werden. Sie sah mich glasig an, rollte bemüht mit den Augen, was ihr gar nicht mehr so leicht fiel und sagte zum hundertsten Mal: “Ich bin nicht betrunken. Ich habe nur Tabletten genommen, zur Beruhigung, aber ich kann noch fahren, gar kein Problem. Ich bin gestern ja auch so gefahren. Das geht schon. Laß mich doch einfach in Ruhe.” Ich fragte sie, was für Tabletten sie genommen hätte, das Gespräch mußte irgendwie weitergehen, ich bat sie, mir die Medikamente zu zeigen, sie wühlte wortlos in ihrer Handtasche. Sie warf mir, ohne mich dabei anzusehen, eine kleine bunte Schachtel zu, die weit an mir vorbeiflog und in einem leeren Regal landete. Ich las die Aufschrift, es waren harmlose, freiverkäufliche Baldriandragees. Nichts, was ihren Zustand erklärt hätte. “Du bist betrunken”, sagte ich wieder, “du bist völlig blau. Ich kann es sehen, ich kann es riechen, du hast eine mörderische Fahne. Wir holen dir ein Taxi. Die Firma zahlt, alles kein Problem. Du fährst auf gar keinen Fall mehr Auto. Und morgen gehst du zum Arzt, OK? Wir kriegen das schon irgendwie geregelt, aber ich kann dich nicht fahren lassen. Auf keinen Fall.”

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5
Feb

Merlix fällt mal kurz aus

by Maximilian Buddenbohm in

An der Lesung “Transit” am morgigen Dienstag werde ich wegen Krankheit leider, leider nicht teilnehmen können, obwohl ich mich ganz besonders darauf gefreut hatte. Und auch im Blog hier wird es zumindest in dieser Woche wohl eine kleine Zwangspause geben müssen.

Ich amüsiere mich derweil etwas im Wunderland der Orthopädie.

1
Feb

Die laufende Nummer

by Maximilian Buddenbohm in

Meine Freundin Jule gehört zu jenen Menschen, die unbegreiflicherweise bei jedem Händewaschen die Ringe ablegen und diese in einer Seifenschale oder auf einem Waschbeckenrand deponieren, um sie dann mit trockenen Händen wieder aufzusetzen. Dabei ist doch aus zahlreichen Filmen allgemein bekannt, daß für solche Menschen unweigerlich der Tag kommt, an dem der Schmuck in irgendeinem Badezimmer vergessen oder weggespült wird. Meine Freundin Jule vergaß auf diese Art gerade ihren Ehering auf einer Toilette am Hamburger Flughafen, seitdem ist das Schmuckstück natürlich auf immer weg, denn es gab naheliegender Weise keinen ehrlichen Finder.

Der Ring war ein besonderer Ring, von einer hundertjährigen irischen Hexe bei Vollmond in einem Schaltjahr unter Misteln geschmiedet – oder so ähnlich, ich kriege die Geschichte nicht mehr ganz zusammen, aber er war jedenfalls, soviel steht fest, unter besonderen, nicht wiederholbaren Umständen hergestellt und gekauft worden. Ein wirklich schwerer Verlust also. Jules Mann bot ihr, da sie sich sofort nachdem sie den Verlust bemerkte in Tränen aufzulösen drohte, spontan seinen eigenen Ring als Ersatz an, was sie aber gar nicht tröstlich, sondern geradezu beleidigend fand – er konnte seinen Ring ja anscheinend gar nicht schnell genug loswerden. Sehr verdächtig. Sie lehnte das Angebot daher empört ab.

Es mußte ein neuer Ring her, denn so ein Ehering sollte schon dauerhaft vorgezeigt werden können, auch wenn es nicht das Original ist. Der gleiche Ring wie damals konnte es wegen der besonderen Geschichte nicht werden, also wurde ein normaler bestellt, ein ganz durchschnittlicher Ehering von irgendeinem Juwelier. Auch die Liebesschwüre, die in den alten Ring eingraviert waren, wurden nicht noch einmal nachgemacht, Jule entschied sich vielmehr für eine verblüffend praktische Gravur, die der Sachlage aber vollkommen gerecht wird. In dem Ring stehen weder Vornamen noch ein Datum, dort sind keine Herzchen und kein Hinweis auf eine Ehe, in dem Ring steht einfach nur: “Nummer zwei”.