Januar 20th, 2007 Archives
Jan
Schmuddel-Lehmann
by Maximilian Buddenbohm in
Wenn man in einem Antiquariat arbeitet, das nicht gerade direkt gegenüber einer Universität liegt, hat man sehr viel Zeit. Der Laden ist oft leer, die Auslage im Fenster bleibt unbeachtet, die Tür geht nicht auf, das Telefon steht still. Es gibt kaum je Laufkundschaft, die etwa wegen der alten Ausgaben der Inselbücherei im Schaufenster anhalten würde. Es gibt auch selten Menschen, die im Vorbeigehen, während ihr Blick aus dem Augenwinkel auf das Firmenschild fällt, bemerken, daß man doch gerade jetzt endlich mal eine Goethegesamtausgabe mitnehmen könnte. Nein, in ein Antiquariat geht man eher gezielt und nicht jeden Tag, daher kommen die Kunden nicht scharenweise und wenn sie kommen, hat man Zeit, mit ihnen zu reden. Sehr viel Zeit. Ein nicht eben kleiner Teil dieser Kundschaft besteht aus Kollegen, denn die Inhaber und Angestellten von Antiquariaten beschäftigen sich ausführlich damit, nachzusehen, was die Konkurrenz gerade hat, man geht regelmäßig auf Tour und klappert die Läden im Umfeld ab. Bei der endlosen Fülle von Sammel- und Spezialgebieten gibt es immer etwas zu finden, zu tauschen, zu erkunden und zu verhandeln, man kann fachsimpeln, Gerüchte austauschen und auch über stadtbekannte Stammkunden und fanatische Sammler reden. In Antiquariaten arbeiten oft seltsame Menschen, schräge und verschrobene Typen und ich habe es damals, vor nun schon zwanzig Jahren, sehr genossen, den Gesprächen dieser oft etwas weltfremden, aber doch immer geistreichen Buchmenschen zu folgen.
Wenn Kollegen kamen, holte ich Kaffee aus der Bäckerei nebenan und wir setzten uns damit auf die am besten tragenden Bücherstapel der Bildbände aus der Kunstabteilung, auf die summende Heizung oder halb in das Schaufenster. Wir schlichen uns über ausgetretene Gesprächspfade, auf denen man am Wetter vorbeikam, am Verfall des Stadtteils, am Niedergang des Buchmarktes und an der allgemeinen kulturellen Verwahrlosung allmählich an die entscheidende Frage an: “Wer hat gerade was?”. Die Kollegen suchten für den Schwerpunkt ihres Ladens oder im Kundenauftrag, sie suchten nach Werken über Botanik, nach einzelnen Ausgaben von Heinrich Mann, nach Erstausgaben von Rilke, nach Handschriften von Schmitt-Rottluff oder nach einzelnen Blättern von Künstlern, die nur einen ganz kurzen Augenblick in der Geschichte einmal ein klein wenig bekannt waren. Man suchte nach allem nur Denkbaren und zu allen Themen gab es Spezialisten, es gab das absurdeste Fachwissen und immer, immer gab es jemanden, für den es furchtbar ernst war, weil er bereits Jahrzehnte voll glühender Sammlerleidenschaft investiert hatte. Daher behandelte man auch alle Themen mit Vorsicht, denn es war zwar klar, daß etwa die Sammler von Karl May meist eindeutig nicht ganz bei Trost waren, aber man verstand doch mitfühlend den Wahn der Sammler und Kenner. Als Antiquar erwirbt man natürlich mit der Zeit mehr oder weniger große Brocken auch seltsamen Fachwissens schon durch die Gespräche mit den Kunden und so führt man bei einer Tasse Kaffee, auf einem wackeligen Bücherstapel hockend, die ernstesten Gespräche zu den absonderlichsten Themen. Wenn es nur lukrativ wäre, man könnte es für einen Traumberuf halten.




