Januar, 2007 Archives
Jan
Veranstaltungshinweis: Lesung Transit # 33
by Maximilian Buddenbohm in
Am Dienstag, dem 6. Februar im Hamburger Kulturhaus III&70, Schulterblatt 73, Einlaß ab 20 Uhr 30, Beginn 21 Uhr, Eintritt 5.- Euro
Eine Lesung mit dem wunderschönen und vermeintlich sogar zur Lage der Nation passenden Motto “Aufschwung”.
Es lesen an diesem Abend:
Katharina Adler
Matias Grzegorczyk
Katharina Bendixen
Und ich – mit Dank an die Veranstalter für die freundliche Einladung!
Weitere Informationen zum Abend und zu der Lesereihe, veranstaltet vom mairisch Verlag und von Minimal Trash Art, findet man hier.
Jan
Tiger-Lily
by Maximilian Buddenbohm in
Das Raumschiff gleitet geräuschlos durch den rotglühenden Morgen, die ersten Strahlen einer fremden Sonne spiegeln sich in der schwarzglänzenden Außenwand. Ich steuere die Geschwindigkeit mit einer dezenten Fingerbewegung, es wird langsamer und langsamer, die gewaltigen Antriebswerke summen leise und geradezu melodisch, während sie ihre Leistung herunterfahren. Ich kann jetzt auf dem Planeten unter mir deutlich ein weit ausgedehntes Meer erkennen, grau und träge schlagen Wellen an einen breiten, hellen Strand, auf dem keine Lebewesen zu sehen sind, seltsam viele Krater überziehen die Fläche. Die Außentemperatur ist angenehm, bei zwanzig Grad, nach den Instrumenten vor mir zu urteilen ist in der Atmosphäre da draußen sogar genug Sauerstoff, um frei atmen zu können.
Das ist auch gut so, daß da Sauerstoff ist, denn sonst würde ich vermutlich vom Fahrrad fallen. Von dem schwarzen Kinderfahrrad mit der ewig defekten Gangschaltung, das jetzt gerade mein Raumschiff ist und mit dem ich am Strand von Travemünde entlang fahre, auf dem Weg zum Bus, um nach Lübeck zur Schule zu fahren. Die gewaltigen Antriebswerke, die eigentlich meine Beine sind, beschleunigen den Antrieb wieder, das passende Geräusch dazu summe ich vor mich hin. Das Strampeln ist anstrengend, denn das Rad fährt hartnäckig im falschen Gang, aber das macht nichts, denn in Wahrheit sitze ich ja sehr bequem in einem futuristischen Cockpitsessel, vor der Steuerkonsole eines extrem schnittigen Raumgleiters. Ich muß meine Füße auf den kreisenden Pedalen gar nicht zur Kenntnis nehmen, denn ich bin zwölf Jahre alt und ich habe gestern einen Science-Fiction-Film gesehen, das reicht vollkommen aus, um die Wirklichkeit sehr erfolgreich und konsequent abzuwehren. Die fremde Sonne in dem seltsamen Orangeton beleuchtet jetzt die Wellen am Strand, sie funkeln hell und rötlich während sie brechen und hoch darüber gleiten viele winzige, solarbetriebene Erkundungsdrohnen, die man bei genauerem Hinsehen auch für ordinäre Möwen halten könnte, aber man muß ja nicht näher hinsehen. Nichts könnte mich von der Überzeugung abbringen, mit modernster Technik in extremem und gewagten Tiefflug über einen fremden Strand zu gleiten, gar nichts. Nicht die Linden am Straßenrand der Kaiserallee, die mir als seltsame, merkwürdig hochgewachsene und mutierte Flechten erscheinen, nicht die leeren Strandkörbe auf dem Sand, die doch nur Sehrohre und Belüftungsanlagen einer feindlichen Macht sind, die da unterhalb des Meeres vermutlich in gigantischen Tunnelsystemen lebt. Nein, nichts kann mich irritieren, gar nichts – außer vielleicht dem weißen Pferd, das mich jetzt gerade auf meiner linken Seite überholt.
Jan
Brötchen und Beratung
by Maximilian Buddenbohm in
Als ich heute morgen fluchend und knurrend die Biobäckerei bei uns um die Ecke betrat, wirkte ich fraglos ein wenig schlecht gelaunt, denn meine beiden schweren Einkaufstaschen, mein Schal, der Türgriff und ich verhedderten uns ein wenig ineinander, was für meine ohnehin grippal geschädigte Stimmung nicht eben förderlich war. Die Brötchenverkäuferin hinter der Theke, die mich milde lächelnd beobachtete, während ich Tüten neu sortierte und nur sehr mühsam der Versuchung widerstand, meine diversen herumkullernden Einkäufe quer durch den Laden zu treten, sagte in offensichtlich strahlender Laune zu mir:
“Na, na. Sie müssen das mal so sehen: Sie haben die Einkäufe schon geschafft. Gleich haben sie auch leckere Brötchen. Bestimmt wartet ihre Frau zuhause mit dem Frühstück auf sie und der Kaffee läuft wahrscheinlich jetzt gerade durch. Den Rest des Wochenendes haben sie frei. Eigentlich geht es ihnen gut – sie könnten mich auch einfach mal anlächeln.”
Mit anderen Worten, das Umweltbewußtsein in Biobäckereien erstreckt sich offensichtlich auch auf das seelische Klima der Kundschaft, faszinierend. Bei der nächsten Depression wende ich mich gleich vertrauensvoll an die Bäckereifachverkäuferin meines Vertrauens.
Jan
Schmuddel-Lehmann
by Maximilian Buddenbohm in
Wenn man in einem Antiquariat arbeitet, das nicht gerade direkt gegenüber einer Universität liegt, hat man sehr viel Zeit. Der Laden ist oft leer, die Auslage im Fenster bleibt unbeachtet, die Tür geht nicht auf, das Telefon steht still. Es gibt kaum je Laufkundschaft, die etwa wegen der alten Ausgaben der Inselbücherei im Schaufenster anhalten würde. Es gibt auch selten Menschen, die im Vorbeigehen, während ihr Blick aus dem Augenwinkel auf das Firmenschild fällt, bemerken, daß man doch gerade jetzt endlich mal eine Goethegesamtausgabe mitnehmen könnte. Nein, in ein Antiquariat geht man eher gezielt und nicht jeden Tag, daher kommen die Kunden nicht scharenweise und wenn sie kommen, hat man Zeit, mit ihnen zu reden. Sehr viel Zeit. Ein nicht eben kleiner Teil dieser Kundschaft besteht aus Kollegen, denn die Inhaber und Angestellten von Antiquariaten beschäftigen sich ausführlich damit, nachzusehen, was die Konkurrenz gerade hat, man geht regelmäßig auf Tour und klappert die Läden im Umfeld ab. Bei der endlosen Fülle von Sammel- und Spezialgebieten gibt es immer etwas zu finden, zu tauschen, zu erkunden und zu verhandeln, man kann fachsimpeln, Gerüchte austauschen und auch über stadtbekannte Stammkunden und fanatische Sammler reden. In Antiquariaten arbeiten oft seltsame Menschen, schräge und verschrobene Typen und ich habe es damals, vor nun schon zwanzig Jahren, sehr genossen, den Gesprächen dieser oft etwas weltfremden, aber doch immer geistreichen Buchmenschen zu folgen.
Wenn Kollegen kamen, holte ich Kaffee aus der Bäckerei nebenan und wir setzten uns damit auf die am besten tragenden Bücherstapel der Bildbände aus der Kunstabteilung, auf die summende Heizung oder halb in das Schaufenster. Wir schlichen uns über ausgetretene Gesprächspfade, auf denen man am Wetter vorbeikam, am Verfall des Stadtteils, am Niedergang des Buchmarktes und an der allgemeinen kulturellen Verwahrlosung allmählich an die entscheidende Frage an: “Wer hat gerade was?”. Die Kollegen suchten für den Schwerpunkt ihres Ladens oder im Kundenauftrag, sie suchten nach Werken über Botanik, nach einzelnen Ausgaben von Heinrich Mann, nach Erstausgaben von Rilke, nach Handschriften von Schmitt-Rottluff oder nach einzelnen Blättern von Künstlern, die nur einen ganz kurzen Augenblick in der Geschichte einmal ein klein wenig bekannt waren. Man suchte nach allem nur Denkbaren und zu allen Themen gab es Spezialisten, es gab das absurdeste Fachwissen und immer, immer gab es jemanden, für den es furchtbar ernst war, weil er bereits Jahrzehnte voll glühender Sammlerleidenschaft investiert hatte. Daher behandelte man auch alle Themen mit Vorsicht, denn es war zwar klar, daß etwa die Sammler von Karl May meist eindeutig nicht ganz bei Trost waren, aber man verstand doch mitfühlend den Wahn der Sammler und Kenner. Als Antiquar erwirbt man natürlich mit der Zeit mehr oder weniger große Brocken auch seltsamen Fachwissens schon durch die Gespräche mit den Kunden und so führt man bei einer Tasse Kaffee, auf einem wackeligen Bücherstapel hockend, die ernstesten Gespräche zu den absonderlichsten Themen. Wenn es nur lukrativ wäre, man könnte es für einen Traumberuf halten.
Jan
Hamburger Kammerspiele: Warten auf Godot
by Maximilian Buddenbohm in
Estragon: Wir finden doch immer was, um uns einzureden, daß wir existieren, nicht wahr Didi?
Wladimir: Ja ja. Wir sind Zauberer.
(Samuel Beckett: Warten auf Godot)
Meine Freundin Andrea und ich mußten die dringenden und endlos wiederholten Warnungen aus dem Radio, das Haus doch besser wegen des ungeheuren Orkans nicht zu verlassen, gestern stur ignorieren, wir hatten Theaterkarten. Für etwas Kultur kann man sich ja schon mal durch ein schweres Unwetter wagen, Sturm hin oder her, ob nun Dachziegel durch die Gegend fliegen oder nicht – das vermittelt so schön und befriedigend das Gefühl, sich für höhere Werte eingesetzt zu haben.
Und der Abend war herrlich, einfach herrlich. Wer Hamburg erreichen kann und sich für Theater interessiert, möge da doch bitte noch hingehen, es lohnt sich (Vorführungen noch bis zum 18. Februar). Eine ungewöhnlich spritzige Inszenierung (Michael Bogdanov) des sperrigen Stückes, was für ein unterhaltsamer Abend, was für großartige Schauspieler! Vor karger Trümmerkulisse (Sean Crowley) warten Wladimir (Johannes Silberschneider) und Estragon (Timo Dierkes) als mit Sätzen jonglierendes Lumpenduo, sie spielen mit Leidenschaft und überraschend burleskem Schwung, der seltsame Text sprudelt nur so dahin. Der Herrenmensch Pozzo (Gerhard Garbers), der bei ausbleibendem Zuspruch binnen Sekunden beeindruckend verfällt, ist so kalt, so aasig, so jämmerlich wie man es sich nur vorstellen kann. Der Abend lohnt sich aber auch und vor allem wegen seines verbrauchten und heruntergekommenen Dieners Lucky, für dessen langen und exzessiven Denk-Monolog Roland Renner sehr verdient reichlich Szenen-Applaus bekam. Man vergißt zu atmen, während er spricht. Ein großer Spaß, ein absurder Spaß und natürlich – falls jemand das Stück nicht kennt – eigentlich überhaupt nicht komisch.
Und während man im Theater auf Godot wartete, warteten draußen Hunderttausende auf ihre nicht fahrenden Züge, da hat der Bogdanov vielleicht etwas übertrieben. Aber sonst: Ein sehr guter Theaterabend. Unbedingt empfehlenswert.
Jan
Der gute Start in die Woche
by Maximilian Buddenbohm in
Die Damen und Herren, die in der Filiale der Post im Hamburger Hauptbahnhof arbeiten, haben weiß Gott keinen leichten Job. Es ist dort an jedem Tag ab der ersten Öffnungsminute brechend voll und die Kundschaft hat es immer sehr eilig, denn alle sind auf dem Weg irgendwohin, es stöhnt und jammert allenthalben in der Warteschlange, grummelnde Menschen sehen auf Armbanduhren, gucken drohend, scharren mit den Füßen, stöhnen hörbar und zischeln genervt. Die zahlreichen Alkoholiker vom Bahnhofsvorplatz, die hier siebenmal am Tag hoffnungsvoll lallend ihren Kontostand abfragen, kann man bei allem Verständnis für ihre Lage durchaus als anstrengende Kundschaft bezeichnen, sie machen den Arbeitsablauf in der Post auch nicht eben einfacher. Man versteht als Kunde sehr schnell, daß die Angestellten etwas überfordert sind und man sieht auch sehr deutlich, daß es immer zu wenig Angestellte sind.
Man muß aber auch nicht alles verstehen. Wenn beispielsweise ein junger Farbiger am frühen Morgen eine banale Frage nach einem Portowert etwas radebrechend aber deutlich bemüht halb auf Deutsch und halb auf Englisch formuliert, dann muß die Antwort des offensichtlich recht stramm gesonnenen Postangestellten gewiß nicht wörtlich und reichlich zackig lauten: “Wenn sie hier in Deutschland was wollen, lernen sie gefälligst erstmal Deutsch!”
Schön und fast märchenhaft aber, daß nach diesem unfreundlich gebrüllten Satz etwa zwei Drittel der wartenden Menschen in der Schlange einfach so, ohne großes Aufsehen, in stillem Widerstand aus der Filiale gehen. Erst dreht sich einer um und geht kopfschüttelnd, dann zwei, dann mehr und mehr. Mit den Paketen unter dem Arm, mit den Briefen in der Hand. Der Mann von der Post sagt versuchsweise und beifallheischend ein zögerndes “ist doch wahr” in die Menge – aber niemand stimmt ihm zu, seine beiden Kolleginnen sehen bemüht weg, er guckt irritiert in die Schlange der Wartenden, aus der heraus nun aber niemand mehr zu seinem Platz gehen möchte.
Es hat ja auch durchaus etwas Angenehmes, wenn man die Woche mit etwas Haltung beginnen kann.
Jan
Anmerkung zum Januar
by Maximilian Buddenbohm in
Ältere deutsche Namen für den Monat Januar waren laut der Wikipedia zum Beispiel Hartung, Eismonat, Wintermonat – oder auch Schneemonat.
Dieses Bild hier habe ich heute nachmittag im Park um die Ecke aufgenommen. Man sieht ganz deutlich: Die frischen Blüten sind weiß wie Schnee. Daher sicherlich die alte Bezeichnung.
Jan
Und nun zur Werbung
by Maximilian Buddenbohm in
Ich bin es ja gewohnt, daß sich im Briefkasten werbende Briefe finden, in denen man mir eine neue Hausratversicherung anbietet, einen neuen Handyvertrag, eine Weiterbildung zum Reiki-Meister oder auch mal einen Aufsitzrasenmäher. Das ist ganz normal, wird flüchtig überblättert und dann ohne weitere Gemütsregung in das Altpapier entsorgt.
Heute morgen habe ich aber über das Angebot eines Reiseveranstalters, bei dem ich bisher noch nie etwas gebucht habe, doch länger nachgedacht. “Sehr geehrter Herr”, stand da in einem Brief, der an mich persönlich adressiert war, “lernen Sie die Kunst des Blasrohrschießens im malaysischen Urwald!”
Wie faszinierend. Wer weiß, am Ende hilft es einem sogar im Leben weiter, so etwas zu lernen? Zum Beispiel beruflich. Oder beim sonntäglichen Entenjagen auf der Binnenalster.
Fast schade, daß unser Urlaub dieses Jahr schon verplant ist.
Jan
Ein Hundejob
by Maximilian Buddenbohm in
Die alte Dame im Wartezimmer war blind. Sie hatte eine getönte Brille auf, das gelbe Abzeichen mit den schwarzen Punkten am Revers und vor ihr lag ein Blindenhund, ein großer Schäferhund in einem weißen Spezialgeschirr. Die Dame trug einen bodenlangen Pelzmantel, den sie nicht auszog, sie trug eine dazu passende Pelzmütze, die sie nicht absetzte. Ihre Mundwinkel hingen tief, ihr Gesichtsausdruck sah aus, als hätte sich eine jahrzehntelange Mißbilligung darin festgefressen. Sie wirkte, als wäre sie angewidert. Von allem und schon immer. Sie trug eine Armbanduhr, die auf Knopfdruck mit roboterhafter Stimme die Uhrzeit sagte: “Es ist neun Uhr und zwanzig Minuten”. Sie drückte diesen Knopf etwa alle zwei Minuten. Ein Mann, der in das Wartezimmer kam, bückte sich zu dem Hund, streichelte ihn und sagte: “Na so ein feiner Hund”. Tatsächlich war es ein ausgesprochen schöner und edel aussehender Hund, der dort in tadelloser Ruhe neben seinem Frauchen lag und wartete. Die alte Dame drehte ohne zu lächeln das Gesicht zu dem Mann, sie zog den Hund an der Leine ruckartig etwas zu sich heran und brummelte etwas, das nicht genau zu verstehen war, aber doch ähnlich klang wie “Dreckstöle, dämliche”.
Der Mann, der wohl annahm, die Dame wäre auch noch schwerhörig, sagte jetzt in lauterer Stimme zu ihr: “Da haben sie aber einen feinen Hund an ihrer Seite!”. Die Dame antwortete unvermittelt laut und in wütender, keifender Stimmlage: “Ach was! Wegen des Hundes mag mich keiner, die Leute reden schlecht über mich! Nur weil ich ihn ab und zu mal zur Ordnung rufen muß! Man sagt, ich wäre unleidlich! Unleidlich! Ich!” Sie brüllt die Sätze, man wußte nicht recht ob aus aufgestauter Wut oder wegen eines Hörproblems. Der Mann drückte sein Unverständnis aus und einige andere Patienten, die daneben saßen, beteuerten ebenfalls, daß das aber wirklich sehr eigenartig sei.
Eine Sprechstundenhilfe bat die Dame zum Arzt. Sie stand ächzend auf und tastete nach dem Geschirr des Hundes. Da der Hund nicht sofort losging, gab sie ihm einen für ihr Alter überraschend kräftigen Tritt, daß er heulend gegen eine Stuhlreihe flog. Zwei Stühle fielen um und der erschreckte Hund zog in die andere Richtung, von dem Krach weg. Die Dame hielt ihn zurück und schlug mit dem langen Ende der Leine auf ihn ein: “Sauvieh! Wirst du wohl! Verdammtes Stück!” Sie schob ihn mit dem Fuß vor sich her aus dem Wartezimmer.
Der Mann, der mit ihr geredet hatte, sah ihr sprachlos nach.
Jan
Das Kurkonzert mit Marienerscheinung
by Maximilian Buddenbohm in
Es war sehr leicht, in Travemünde zwölf oder dreizehn Jahre alt zu sein und die Sommer am Strand zu verbringen. Es war natürlich wundervoll, in diesem Alter ganze Tage im Meer zu sein und in der Brandung riesige Sandburgen gegen die Wellen zu bauen. Es hat gar nicht weiter gestört, daß diese Burgen stets von den nächtlichen Wellen zerstört wurden, es war schon ein großer Triumph, wenn am nächsten Morgen ein noch so kleiner Hügel in der Brandungslinie zu erkennen war. Dieser Hügel war dann schon mit dem wundervollen Gefühl verbunden, sich verewigt zu haben. Es war selbstverständlich ein herrliches Privileg, ein Strandkind zu sein. Später war es aber eine Zumutung, in Travemünde vierzehn, fünfzehn oder sechzehn Jahre alt zu sein. Die Sandburgen waren allmählich doch ein wenig unter unserer Würde. Mein Freund Stefan und ich, wir standen eines Tages am Strand und wußten, ganz ohne uns abstimmen zu müssen, wir würden keine Schaufeln mehr anfassen um wie Kinder Sand zu schippen. Aber was sollten wir bloß statt dessen machen?
Es gab in dem Ort keine Treffpunkte, die für unsere Altersgruppe geeignet gewesen wären, es gab keine Jugendclubs, keine Discos oder auch nur irgend etwas in der Art. Es gab Kurkonzerte. Es gab nicht einmal einen öffentlichen Platz, auf dem man hätte effektvoll herumhängen können. Wie soll man stilvoll pubertär herumhängen, wenn es drei Meter weiter ganze Touristenfamilien auch tun und das dann vergnügt Urlaub nennen? In Travemünde hingen alle herum, sogar tagelang, damit konnte man unmöglich negativ auffallen.
Wir durften in diesem Alter abends allmählich etwas länger wegbleiben, die Mütter gaben Stunde um Stunde nach. Es gab nur irgendwie gar keinen Grund, abends nicht zu Hause zu sein. In der späten Sommerdämmerung am Strand zu sitzen erinnerte fatal an peinliche Pfadfinderromantik, sehr spießig, es fehlte nur noch eine Gitarre und das gemeinsame Nachsingen von Joan-Baez-Liedern. Die Restaurants und Cafés waren zu teuer für uns, die Imbissbuden am Strand schlossen meist früh. Stefan und ich kamen daher auf seltsame Freizeitbeschäftigungen, um uns die Zeit zu vertreiben. Wir haben, wie es wohl die meisten Jugendlichen in kleinen Orten irgendwann tun, in stundenlanger Arbeit abends reihenweise Straßenlaternen ausgetreten, was keine große Kunst war, denn sie gingen aus Sicherheitsgründen aus, wenn man etwa in Stoßstangenhöhe kräftig genug dagegen trat. Daß man dadurch ganze Straßenzüge ins Dunkel versenken konnte, war zunächst faszinierend, aber nur bis uns klar wurde, daß es einfach keinen störte. War der Ort eben dunkel, machte ja nichts. Wir wurden etwas deutlicher und zerschlugen an den Uferstrassen sämtliche Glaskästen, in denen die Speisekarten vor den Restaurants und Hotels ausgehängt waren. Dabei konnte man kungfumäßige Tritte üben, was ein besonderer Anreiz war, aber die Kästen wurden, nachdem sie einmal kaputt waren, leider nie repariert, so daß diese Beschäftigung auch bald ein eher trostloses Ende fand.
Eine Weile lang war es immerhin amüsant, spätabends doch an den Strand zu gehen und dort nach besonders großen, hohen und mit sehr viel Mühe errichteten Strandburgen zu suchen. Aus diesen haben wir dann den darin befindlichen Strandkorb hinaus und einen mit einer anderen Nummer, um den herum gar keine Burg war, hineingetragen. Am nächsten Tag konnte man dann schon am frühen Morgen beobachten, wie sich zwei Urlauber anschrieen und sich um den Platz in der Burg stritten, wobei wir es immerhin dreimal in nur einem Sommer geschafft haben, ganz ohne weitere Eingriffe eine Schlägerei unter Urlaubern herbeizuzaubern, denn, das war offensichtlich, bei einer Strandburg, deren Errichtung etliche Stunden gekostet hatte, hörte der Spaß bei erwachsenen Männer auf.
Wir betranken uns während der Travemünder Woche in den Partyzelten, aber das machten alle anderen natürlich auch. Es war schlicht zum Verzweifeln – und das taten wir dann auch. Zum Verzweifeln brauchte man nichts weiter als ein Sixpack und den Gedanken an Hamburg, wo die Jugendlichen im Paradies leben mußten. Wir konnten zwar bei Vollmond nackt im Meer schwimmen, aber richtig revolutionär kam uns das leider nicht vor, es schien uns als ein sehr provinzieller Spaß, zumal sich keine interessierte weibliche Begleitung dafür finden ließ. Wir saßen hinterher naß auf einem nächtlichen Steg, hielten die Füße ins Wasser, tranken Bier, warfen die leeren Flaschen in die Wellen und träumten von der Millionenstadt, in der das Leben so unvorstellbar viel besser sein mußte.
Jan
Da sind wir wieder
by Maximilian Buddenbohm in
Die Herzdame und ich wünschen ein phantastisches Jahr allerseits – immer Haltung bewahren und mit Frohsinn voran! Siehe hierzu auch die unglaublichen Bilddokumente wildesten Übermuts aus einer exzessiven Partynacht. So muß ein neues Jahr beginnen, in dem es gute Geschichten geben soll.
We will do our very best.








