Dezember, 2006 Archives

27
Dez

Risiken und Nebenwirkungen: Strickwaren

by Maximilian Buddenbohm in

Strickwaren sind nichts besonders spannend. Sie werden für mich auch nicht spannender, wenn die Herzdame bei einem gemeinsamen Einkaufsbummel darin herumwühlt und gefühlte zwei Stunden damit verbringt, verschiedenfarbige Schals probehalber umzuhängen. Ich habe daher, als sie heute auch nach dem dreißigsten Schal nicht aufhören wollte, die endlos vielen Ständer mit der bunten Ware zu umkreisen, einfach beschlossen, mich gegen die aufkommende Langeweile durch Herumalbern zu wehren. Ich habe ein überwiegend heiteres Naturell, mir liegen daher die eher spaßigen Varianten des Protestes. Ich habe also ein besonders seltsam buntes Exemplar von Damenschal genommen und es mir spaßeshalber ebenso schwungvoll wie exaltiert in divenhafter Geste umgeworfen. Das am Ende des Schals so ein Sicherheitsmagnet sein könnte, den man durch derartig elegantes Umwerfen geradezu gefechtsmäßig beschleunigen kann, habe ich dabei allerdings nicht bedacht. Ich habe mich nur gewundert, wieso die neben mir stehende Herzdame plötzlich an der Stirn blutete und mich sehr seltsam ansah.

Es war, um besorgten Nachfragen vorzubeugen, nicht schlimm, wirklich nicht. Nur eine kleine Schramme. Kein Notarzt, kein Aufstand. Aber doch ein klarer Beweis: Auch mein Humor kann wirklich verletzend sein.

26
Dez

Hundewichteln im Heimatdorf

by Maximilian Buddenbohm in

Natürlich soll hier noch die Aufklärung zu dem Rätsel in diesem Text nachgereicht werden. Hinter dem Begriff “Hundewichteln” verbarg sich eine Verabredung auf einem Gehöft mit den Dorfnachbarn, bei der es pro forma darum ging, die diversen Hunde der Anwohner mit Weihnachtsgeschenken wie etwa Schweineohren zu “bewichteln”. De facto wurde das allerdings im Laufe des Abends vollkommen vergessen, denn wesentlich wichtiger schien es zu sein, gemeinsam zu grillen und vor allem Punsch und “Schwatten” (Kaffee mit Korn und viel Zucker) zu trinken. Wenn man genug Schwatten trinkt, vergißt man schon mal, wozu man sich eigentlich getroffen hat, soweit kann ich das aus eigener Erfahrung gut nachvollziehen. Das man sich am üblicherweise nicht eben warmen 23.12. aber überhaupt irgendwo draußen zum Grillen verabredet, übersteigt allerdings mein großstädtisches Vorstellungsvermögen bei weitem. Während ich vor Kälte zitternd und mit den Zähnen klappernd einen Punschbecher umkrampfte, kam ich dann doch bei der Beobachtung der fröhlich grillenden und dabei sehr entspannt wirkenden Nachbarschaft nicht umhin, das festzustellen, was ich in Gegenwart der Herzdame natürlich nur sehr leise ausspreche: Die spinnen, die Nordostwestfalen. Und was Frieren ist, wissen sie ganz anscheinend auch nicht, sie saßen nämlich von acht Uhr abends bis ein Uhr nachts entspannt auf Gartenstühlen vor einem alten Bauernhof, ignorierten den auffrischenden, naßkalten Wind und tranken, als der Punsch schließlich alle war, gelassen gut gekühlten Wein weiter. Es war der bisher kälteste Abend des Dezembers. Einige hatten sich für diesen Anlaß nur eben eine Strickjacke übergeworfen und trugen halboffene Hausschuhe an den Füßen. Kleine Kinder spielten um sie herum auf dem frostigen Boden mit herumkullernden Tannezapfen, zottelige Hunde in Bärengröße sprangen über sie hinweg – es ist eine seltsame Gegend. Ich wollte die Herzdame fragen, ob das Konzept des Frierens in ihrem Dorf gänzlich unbekannt sei, aber die Herzdame weigerte sich mit mir zu reden, seit ich mir von ihrer Mutter eine zugegebenermaßen recht damenhafte Mütze geliehen hatte, um zumindest meine Ohren vor schlimmen Erfrierungen zu retten.

Ich bin seit Tagen damit beschäftigt, mich wieder aufzuwärmen und glaube, ich habe schon wieder etwas Gefühl im linken Fuß. Es geht aufwärts.

21
Dez

Weihnachtspause

by Maximilian Buddenbohm in

Winterzauber

Die Herzdame und ich wünschen fröhliche Festtage, hier gibt es jetzt eine kleine Weihnachtspause mit mehrtägigem familiären Bratenmarathon und abschließendem orgiastischen Kochen mit Freunden.

Vielleicht gibt es ja nach dem Fest wieder etwas aus dem nordostwestfälischen Heimatdorf zu berichten, vielleicht komme ich beim Besuch meiner Mutter auf neue Erinnerungen an Travemünde, vielleicht werde ich auch meiner Freundin J. beim gemeinsamen Kochen wieder so dekorative Narben zufügen wie im letzten Jahr – ich werde in jedem Fall berichten. Bis bald!

20
Dez

Eine Frage der Planung

by Maximilian Buddenbohm in

Wenn mich jemand um eine Verabredung bittet und mir einen Termin dafür vorschlägt, sage ich wahrheitsgemäß meistens, daß ich erst die Herzdame fragen muß. Nicht etwa, weil es um ihre Erlaubnis gehen würde, sondern weil sie immer alle Termine weiß, also auch die, die einem anderen Termin eventuell im Weg stehen. Mein geistiger Terminhorizont reicht bis zum heutigen Abend, ihrer reicht etwa ein Halbjahr voraus. Ich lasse mich also regelmäßig morgens durch ihre Ansage der Tagesplanung überraschen, sie sich durch meine Ignoranz. Diese Aufteilung scheint unter Paaren weit verbreitet zu sein, zumindest in meinem Freundeskreis, vielleicht ist sie aber auch naturgegeben. Sich gegen die Natur zu wehren ist oft sinnlos, daher habe ich diese Aufteilung klaglos akzeptiert und kümmere mich nicht mehr um meine Verabredungen in der Zukunft. Sie werden mir schon rechtzeitig wieder angesagt werden.

Vielleicht sollte ich aber doch mehr Interesse an diesen Planungen zeigen, ich bin seit gestern etwas mißtrauisch geworden. Als ich einen Blick in den offen daliegenden Terminkalender der Herzdame warf, weil ich wissen wollte, was wir eigentlich Weihnachten machen, stand da, daß wir am 22.12. nach Friedewalde, also in der Heimatdorf der Herzdame in Nordostwestfalen fahren werden. Bis dahin wenig überraschend. Warum aber steht da am 23.12.: “Abends Hundewichteln” und dahinter mein Name?

Wir haben keinen Hund. Ich weiß auch gar nicht, was das ist, Hundewichteln. Kann man dabei am Ende Männer gegen Hunde eintauschen? Ist es ein spezifisch westfälischer Brauch? Ist die Verwaltung all meiner Termine der Herzdame zu Kopf gestiegen und meldet sie mich aus boshaftem Humor jetzt bei den seltsamsten Veranstaltungen an? Auf Nachfrage sagte sie, sie würde mich über das Hundewichteln erst am 23.12. aufklären, denn eine vorherige Erklärung würde ich mir bekanntlich ohnehin nicht merken. Dem ist schwer zu widersprechen. Sie lächelte und sagte etwas, das wie ein gesäuseltes “Vertrau mir” klang.

Ich bin beunruhigt.

19
Dez

Amökchen

by Maximilian Buddenbohm in

Ich habe es bereits im letzten Jahr geschrieben, aber ich sehe mich aus gegebenem Anlaß genötigt, es zu wiederholen: Das Lied “A wonderful Christmas time” von Paul McCartney (mit dem endlos wiederholten “ding dong”) ist das entsetzlichste Stück Musik, was je zu diesem Fest geschrieben wurde. Es verursacht mutmaßlich Ohrkrebs, schädigt die Stimmung nachhaltig, macht aggressiv und erzeugt wahnhafte Vorstellungen von auf Radios oder Boxen zerschlagenen Glühweinbechern. Ich bin ja ein bekanntermaßen friedfertiger Mensch, aber wenn dieses Lied im Radio kommt, möchte ich den Sänger und Komponisten gerne auf vielfältige Art körperlich schädigen und dazu unentwegt “ding dong” brüllen – und ich kann beängstigend lange sehr kreativ darüber nachdenken, welche Gewalttaten schön zu diesem Chorus passen könnten.

Pardon, es geht schon wieder. Immer ruhig weiteratmen.

17
Dez

Radio Merlix (6) featuring Andrea Schneider

by Maximilian Buddenbohm in

Die sechste Folge von Radio Merlix, diesmal mit einer Weihnachtsgeschichte aus Travemünde (heute auch bei Kaffe.Satz.Lesen in leicht anderer Version vorgetragen) und einem Lied meiner wunderbaren Freundin Andrea Schneider. Das Intro (La valse des heures) wird wie immer gespielt vom Collectif Unifié de la Crécelle. Der Podcast zum Hören hier:

Radio Merlix Folge 6

Und für Menschen ohne Soundkarte, Boxen, Kopfhörer etc. der Text zum Lesen hier:

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15
Dez

Der Manessemann

by Maximilian Buddenbohm in

Ich habe längere Zeit in einem kleinen Hamburger Antiquariat gearbeitet, einem Laden im Souterrain eines prachtvollen Altbaus aus der Gründerzeit. Es war kein edler Laden, obwohl durchaus auch kostbare Ware im Angebot war, es war eher unordentlich, staubig und auf eine geradezu romantische Art verbaut, verwinkelt und verworren. An jeder Wand gab es hohe Bücherregale bis zur Decke und da dieser Platz für das ganze Angebot nicht annähernd ausreichte, standen überall auf dem Boden kniehohe Bücherstapel, eine unabsehbare Menge von schiefen, immer einsturzbedrohten Gebilden voller Ramsch oder Erstausgaben, Romanen oder Lyrikbänden, je nachdem, wo man gerade hineingriff. Es erforderte viel Übung, sich schnell durch den Laden zu bewegen, ohne dabei diese Stapel umzustürzen, denn die Schneisen durch die Bücher waren nur schmal. Kunden, die sich zu hektisch durchwühlen wollten, richteten manchmal unabsichtlich beträchtliche Umwälzungen an, was sich aber als Vorteil für uns erwies, da sie aus Verlegenheit dann meist nicht wieder gingen, ohne etwas zu kaufen. Es kam vor, daß Kunden stundenlang auf dem Boden saßen und sich von Stapel zu Stapel durcharbeiteten, in langen Selbstgesprächen Titel und Autoren murmelnd, während Buch um Buch durch ihre Hände ging und von links nach rechts gestapelt wurde, ein schöner, friedlicher Anblick. Man hätte nicht sagen können, aus welcher Zeit die Einrichtung des Ladens stammte, denn sie war unter und hinter den Büchern einfach nicht zu sehen, abgesehen von einem kleinen Schreibtisch aus Teak, hinter dem ein löcheriger Korbsessel stand. Auf dem Schreibtisch stand eine kleine Blechkiste als Kasse.

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11
Dez

Die Liebhaber meiner Mutter (4): Albert

by Maximilian Buddenbohm in

Ich wachte auf und hörte Stimmen aus dem Schlafzimmer meiner Mutter. Der Mann, mit dem sie da sprach, klang allerdings nicht wie jemand, den ich kannte. Ich ging ihre Liebhaber in Gedanken durch, aber keiner paßte zu dieser leisen, etwas gepreßt klingenden Stimme, es mußte sich um einen Neuen handeln. Als der Fremde nach einer Weile an meinem Zimmer vorbei zur Toilette ging, trieb mich die Neugier aus meinem Zimmer und ich machte die Tür auf. Vor mir stand ein etwa dreißigjähriger Mann, der mich so panisch ansah, als wäre ihm soeben eine besonders schreckliche Ausgeburt der Hölle in den Weg getreten, womit er aus seiner Sicht auch nicht ganz falsch lag. Er war nackt und sah sich hektisch nach etwas um, mit dem er sich bedecken konnte, griff schließlich nach den Lübecker Nachrichten auf dem Wohnzimmertisch und hielt sie sich vor den Unterleib, was einigermaßen jämmerlich aussah. Überhaupt war er nicht gerade eine strahlende Erscheinung, er war sehr schmal, hatte dunkle, fusselige Haare am Kinn, die als Vollbart nicht recht überzeugten und er trug eine schwarze Hornbrille, die damals noch nicht etwa modisches Accessoire war, sondern den Verdacht nahelegte, seine Mutter hätte sie für ihn ausgesucht. “Guten Morgen”, sagte ich. Er blieb stehen und rückte mit beiden Händen die Zeitung zurecht, der dabei einzelnen Teile entfielen und zu Boden sanken, er sah hinunter und sagte nichts. Ich zeigte auf die Toilette und sah in fragend an. Er folgte meinem Finger mit dem Blick, verstand mich endlich, nickte und verschwand eilig mit sehr kleinen Schritten, wegen der Zeitung. “Nicht sehr gesprächig”, sagte ich zu meiner Mutter, die währenddessen auch aus dem Bett gekommen war und unsere Begegnung belustigt angesehen hatte. “Ach laß ihn mal”, sagte meine Mutter gähnend, “er hat einen Schock oder so. Er ist Pfarrer, weißt Du, und darf eigentlich nicht. Katholisch eben.” Ich sah sie erstaunt an: “Katholisch!?”.

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10
Dez

Kaffe.Satz.Lesen 35: Veranstaltungshinweis

by Maximilian Buddenbohm in

Kaffee.Satz.Lesen.32Und wieder ein Terminhinweis: Am 17. Dezember die Weihnachtsausgabe von Kaffe.Satz.Lesen in der Baderanstalt Hamburg.

Es lesen zum Thema “Leise rieselt…”:

Ina Bruchlos
Eric Hegmann
Sven Heine
Almut Klotz
Andreas Münzner
Xochil A. Schütz
Annette Schwarz
Johanna Wack
Mek Wito

Und auch ich.

Dazu gibt es eine sehr schöne Fotoausstellung von Kerstin Schlitter, außerdem fabelhaften Kuchen, Glühwein und Kekse – der Besuch lohnt also ganz sicher.

Weitere Informationen zu der Veranstaltung hier.

Damit diesmal wirklich keiner sagen kann, ich hätte nicht gewarnt: Frühzeitiges Erscheinen empfiehlt sich dringend, es wird mit Sicherheit voll – richtig voll.

6
Dez

Zwanzig Pfennig für die Liebe

by Maximilian Buddenbohm in

Das Apartment in der Strandresidenz, in dem ich mit meiner Mutter in Travemünde wohnte, war nur klein und sehr hellhörig. Das erwies sich mit zunehmendem Alter als ungünstig für Telefonate, denn wenn ich das Ziel meiner jeweiligen jugendlichen Verliebtheit anrufen wollte, wäre ich dabei natürlich lieber allein gewesen. Die Telefone hingen damals aber noch fest an ihren Kabeln und konnten nicht wie heute beliebig weit durch die Wohnung in eine ausreichend abgeschiedene Ecke getragen werden. Das Kabel bei uns reichte gerade so weit, daß ich den Apparat auf den Fußboden vor meine Zimmertür stellen konnte und den Hörer an dem spiraligen Kabel gerade eben in das Zimmer bekam, aber das auch nur, wenn ich ordentlich daran zog. Das Schließen der Tür war dann leider nicht mehr richtig möglich und zum Telefonieren mußte ich mich daher vor den Türspalt knien, in dem das Kabel langsam brach, wenn ich bei brisanten Themen die Tür trotz Widerstand zuzumachen versuchte. Wirklich keine guten Voraussetzungen für ein entspanntes, langes Gespräch zum Zwecke der Liebesanbahnung. Ich wurde daher treuer Stammgast in der Telefonzelle am Strand. Ich habe viele Abende in ihr verbracht, zu jeder Jahrszeit, und wenn ich daran zurückdenke, belebt sich allmählich wieder die Erinnerung an die Telefonzelle als ein nahezu ausgestorbenes Kulturgut. Alleine und ungestört zu telefonieren war damals ein ganz anderer Vorgang als heute, wo jeder ein immer einsatzbereites Handy hat. Read the rest of this entry »

4
Dez

Business as usual

by Maximilian Buddenbohm in

Auf den Hamburger Weihnachtsmärkten, auf denen es in diesem Jahr viel zu warm ist, um Glühwein zu trinken, stehen die zahllosen Gäste dicht an dicht und unterhalten sich alle darüber, daß es wirklich viel zu warm ist, um Glühwein zu trinken. Dazu trinken sie Glühwein.