Ich, der Richter

Nov 8th, 2006 von Maximilian Buddenbohm

Kürzlich erzählte mir eine meiner geschätzten Leserinnen per Mail, daß sie zur Richterin berufen worden ist. Das ist natürlich ein überaus respektabler Beruf, der mit einem gewissen Ansehen verbunden ist. Fatalerweise hat diese Leserin mit mir gemeinsam die Schule besucht, was zwei Folgegedanken nahelegt. Zum einen weiß sie Dinge über mich, besonders frühere Frisuren und modischen Vorlieben betreffend, die sie hier hoffentlich nie in den Kommentaren anmerken wird, zum anderen könnte ich in Versuchung kommen, meine berufliche Lage mit der ihren zu vergleichen. Auf den ersten Blick könnte dieser Vergleich sehr schlecht ausgehen, denn ich arbeite als mittlere Zahlenschubse in den Wirren eines Konzerns und habe keinen wohlklingenden und prestigeträchtigen Titel, wie etwa „Richter“. Fast könnte ich daher ein wenig neidisch auf erfolgreiche ehemalige Mitschüler werden, wenn ich länger darüber nachdenke und mir das von den Jahren flachgehämmerte Zwischenergebnis meiner Karriere besehe.

Aber wirklich nur fast. Denn auch ich bin gerade zum Richter berufen worden! Nicht etwa im schnöden, eher freudlosen juristischen Bereich, nein, im schöneren, bunten, schillernden Bereich der Poesie. Ich habe die Ehre beim Bistro Poetry Contest gemeinsam mit Sascha Lobo in der Jury zu sitzen und die eingesandten Gedichte zu bewerten. Diese Berufung an das lyrische Gericht läuft, wenn ich an die Schulfreundin und Richterin denke, selbstverständlich unter dem Begriff „ausgleichende Gerechtigkeit“ – und dem zwanzigjährigen Abitursjubiläum im nächsten Jahr sehe ich jetzt doch wieder recht gelassen entgegen.

Vielleicht finden sich ja auch im Publikum der Herzdamengeschichten begabte Helden des Reimes? Nur zu, es wird noch um Einsendungen bis zum 19. November gebeten – und ich möchte bei dem Bistro Poetry Special Award 2.0 (für erotische Gedichte, in denen drei Lebensmittel vorkommen), insbesondere meine Leserinnen und Leser aus Österreich bitten, aus ihrem reichhaltigen, wunderschönen und von mir sehr geschätzten Speisevokabular zu schöpfen, es wird sich schon irgendein Schweinkram finden, der sich auf Ribiseln oder Karfiol reimt. Mutig voran!

Und noch ein Hinweis für Dichter mit ernsthaften Gewinnabsichten bei diesem schönen Wettstreit: Ich bin, wie alle gebürtigen Hanseaten, selbstverständlich bestechlich. Wir nennen es Handel.

17 Kommentare

  • Mir stellt sich gleich die Frage: sind Sie bestechlich? Mögen Sie alpenländisches Essen?

  • @Isabo: Aber, aber, man wird ja noch scherzen dürfen.
    @Mek: Das ist eine gute Schinken- und Wurstgegend, oder? Interessanter Ansatz.

  • Ich könnte jetzt nochmal die Stachelbeer-Muffins ins Spiel – allerdings müsste ich dann ja auch dichten und im Moment fühle ich mich so unpoetisch.
    Da ziehe ich mich doch lieber in die Zuschauerrolle zurück, esse die Muffins selber und rege eine öffentliche Leseung der Werke an.

  • Na denn, Ihr wahnsinnigen Richter…
    soweit Ihr unbestechlich und in lyrik sangesfähig seid, dann könnt Ihr es ja mal mit “Hauthunger ” probieren. Es kommen keine Lebensmittel drin vor, aber es war mal erotisch gemeint ;-)
    Glück auf, den schweren Herausforderungen, die Ihr Euch da aufgebürdet habt. LG Andrea

    Hauthunger

    Immer dann, wenn der Alltag grau ist,
    die Nacht dunkelblau und lau ist,
    wenn ich atme und spüre,
    daß ich mich verliere,
    dann ist es soweit, – dann ist „Hauthunger-Zeit“.

    Hauthunger ist, das was passiert
    wenn man alleine, so unglaublich friert,
    Hauthunger ist, der einzige Weg,
    den man gehen muß, – damit er vergeht…

    Wenn der Hauthunger kommt,
    dann suche ich diesen besonderen Blick
    von dem einen, den ich liebe, denn er macht mich verrückt,
    dann lecke ich Salz von seinen Lenden,
    werde Wachs in seinen Händen,
    dann brauche ich seine Kraft,
    die mich stark , – und wehrlos macht !

    Hauthunger ist,
    wenn Phantasie aufbegehrt,
    Gut und Böse miteinander verkehrt,
    Hauthunger ist, wenn man am Morgen noch spürt
    nachts haben sich Körper und Seele berührt…

    Wenn der Hauthunger kommt,
    dann ist es Zeit für geile Spiele,
    und die spielen sich leicht, denn wir kennen ja so viele,
    dann tanzen tausend Zungen,
    hemmungslos und ungezwungen
    dann ist alles erlaubt,
    was den Verstand – und die Einsamkeit – raubt…

    Immer dann, wenn der Alltag grau ist,
    die Nacht dunkelblau und lau ist,
    wenn ich atme und spüre,
    daß ich mich verliere,
    dann ist es soweit, – dann ist „Hauthunger – Zeit“.

    Hauthunger ist,
    wenn die Welt stehen bleibt,
    Körper an Körper, sich ordentlich reibt,
    Hauthunger ist erlebte Magie,
    wen sie verzaubert, … – der vergißt sie nie.

    Wenn der Hauthunger kommt,
    dann brauche ich deinen Arm,
    der mich fliegen läßt, sicher und warm,
    küsst du zärtlich meinen Nacken,
    darfst du alles mit mir machen,
    ich verpfände dir mein Leben,
    habe es dir schon – längst gegeben.

    Hauthunger ist,
    wenn sich Stimmen verbinden
    die zu anderer Zeit, ihre Worte nicht finden,
    Hauthunger ist, ein Feuer das entsteht,
    das so lange lodert, – bis es vergeht …

    Wenn der Hauthunger kommt,
    dann laß dich sanft verführen,
    auf dem Weg zum Himmel, die Hölle berühren,
    dann spreitze meine Beine,
    ich liebe dich doch , wie sonst keine,
    wenn ich flehe, in meiner Not,
    dann schenke mir – BITTE – den kleinen Tod.

    (Kurzes Intermezzo)

    Hauthunger ist,
    dieses besondere Begehren,
    gegen das können sich nur wenige wehren,

    Hauthunger ist
    wohl immer prekär,
    doch Hauthunger ist niemals – niemals – ordinär !

  • Aber selbstverständlich sind da drei Lebensmittel drin, das ist natürlich gültig. Großartig, vielen, vielen Dank! Immer wieder schön, sich auf Menschen, bzw. Drachen verlassen zu können :-)

  • Aber selbstverständlich sind da drei Lebensmittel drin, keine Frage!
    1.Salz
    2. Lende
    3. Zunge und notfalls noch
    4. Nacken(steak)
    Und ich glaube, ich kenne diesen Hunger auch in gesungener Form, muss mal nach der CD wühlen.
    Ist jedenfalls großartig!
    Twelve points for Hauthunger!!

    Liebe Grüße!

  • Oh, in dem Fall werd ich mich vielleicht doch noch zur Teilnahme durchringen. ;)

  • @Etosha: Ich bitte sehr darum – nur zu!

  • Also hier einmal mein Beitrag, aber offensichtlich soll der ja beim Bistro Context eingereicht werden.

    kleiner Bestechungsversuch: der Richter darf zuerst lesen…
    http://steppenhund.twoday.net/stories/2915318

  • muss ich das jetzt unmittelbar auch noch einreichen?

  • Ich leite es gerne weiter, vielen Dank! Faszinierendes Werk, ich habe ja geahnt, daß die österreichische Küche sich ganz ungewöhnlich gut dafür eignet.

  • Ich glaub’ ich mach’ auch mit.

  • Fein – und dann noch, wie ich sehe, mit fettgedruckten Lebensmitteln im Gedicht! Sehr entgegenkommend, vielen Dank! Kann ich das Werk als eingereicht betrachten?

  • Immer gern dabei, hier eins für Liebhaber österreichischer Mehlspeisen.

  • Ich habe das Folgende schon auf der oben angegebenen Website hinterlassen, was aber vielleicht nicht als Einreichung akzeptiert werden könnte. Die 3 Lebensmittel – meine Grundnahrungsmittel – kommen allerdings erst im Teil 3 vor. Natürlich ginge es auch ohne – was meinen Sie?

    NICHT MILCH, NICHT HONIG – SCHOKOLADE!
    Eine erotische Phantasie mit einigen Binnen-Reimen

    Teil 1 (Der Zungenküsserfall)

    Ran an mich trittst du, knöpfst meine Hose auf, ziehst
    den Reissverschluss runter. An der Hose ziehst du nicht:
    es ist eine meiner hautengen Jeans. Nichts hab ich an
    unter dem schwarzen tief ausgeschnittenen Pullover, nichts
    ausser dem formenden BH. Die Haut würd ein Unterhemd
    reizen. Da nehm ich doch lieber wechselkalte Glieder
    in Kauf. Du gehst mit der Kamera in die Knie, siehst,
    wie sich der orangefarbene Suchstrahl genau zwischen
    meine Beine richtet, du blitzt mich mehrmals an.
    Das Ergebnis? Gleich auf dem Monitor: mein Unterleib.
    mein Damm, überbelichtet; in der Mitte meine rosenrote
    Scham. Du sagst: Das war ja nur ein Versuch. Es ist
    dein Geruch, der mich lockt und ködert. Und jetzt
    bei Licht. Du kniest dich hin, richtest das Objektiv
    in Richtung Hügel und drückst ab. Alles akzeptabel,
    der Hügel schief, doch eine beherrschende Erscheinung, viel
    höher als in Wirklichkeit. Kein flacher, kleiner, kein
    niedriger Hügel, sanft geschwungen. Collina, collinoso.
    Monticule, montículo. Buchenhügel, Eichenhügel,
    Fichtenhügel, Palmenhügel usw. Hügelkuppe, Hügelgrab.
    Als du vom Klo zurückkehrst, bin ich schon unter
    der Decke, auf der Insel der Apfelbäume, so völlig nackt!
    An dich gekuschelt streichle ich deinen Rücken, zerr
    an deinem Unterhemd, Herr der Verweigerung und auch
    schönster Begeisterung. Du beginnst, mich zu küssen,
    von oben her, wirst den Mund öffnen müssen, wartest zu,
    stösst schliesslich mit schwellender Heftigkeit da rein,
    willst meine Zunge breitdrücken und mich so fixieren.
    Ich halt dagegen muss ventilieren, du hebst den Schopf.
    Weisst du überhaupt, was ein Kuss alles raubt? Nicht nur
    den Kopf, die Besinnung – die Kraft der Entscheidung!
    Die Talkmasterin in einer Talkshow will genau wissen,
    ob die Frau den Mund geöffnet hat und ob die Zunge
    im Spiel war. Damit nicht genug: ob denn der Mann
    mit seiner Zunge eingedrungen ist, und – wenn ja –
    wie weit: nur einen Zentimeter, zwei, drei oder ganz
    nach hinten. Oder ob gleich gebissen wurde, von ihm,
    in ihre Spitze. Und dann die Reaktion der Frau mit
    ihrer Zunge. Ob es also zu einem Mit- oder Zusammen-
    spiel gekommen ist und – wenn ja -: wieviel Sekunden
    oder gar Minuten; oder ob sie, kaum dass sie die Zunge
    des Mannes zwischen ihren zusammengepressten Lippen
    gespürt hat, unumwunden zu mehr verführt ist oder
    zurückweichend zurückgewiesen hat, das glückliche Stück,
    das eingedrungen ist. Im betreffenden Fall war die Frage,
    ob ein Ehebruch schon damit beginnt, dass die Frau
    in dieser Lage – auch wenn sie sonst passiv bleibt –
    die Lippen öffnet, also dem Mann, so sie das kann,
    Zungenaktivitäten in ihrem Mundraum verbietet. Nicht
    einmal ein Zentimeter ist erlaubt, so die Meinung
    der Mehrheit, sagst du. Dabei geht es nicht darum,
    ob der Zungenküsser – der beste Freund des Klägers –
    die treibende Kraft war, voller Saft oder nicht.
    Entscheidend ist nur, dass die Frau nicht über die Schnur
    haut, also vielleicht in einem Reflex des Erschreckens
    den Mund ein klein wenig öffnet und so dem Mann
    die Gelegenheit bietet, ein- und damit auch noch weiter
    vorzuchecken. Ist das nicht genug Animation? Geht es da
    nicht um Koordination von Wünschen, Bewegungen,
    gemeinsamen Überlegungen? Über dem Leintuch
    sorgfältig ein zusammengeknüllt auf der Kommode
    gelegenes grösseres Handtuch quer im Bett ausgebreitet –
    ist das nicht schon genug Angebot? Bist du bereit und
    weit? Wozu bist du bereit? Bin ich bereit, doch angefüllt,
    innen ganz schmerzlich, verstopft, für einen Witz,
    eine kosmetische Behandlung, einen Fussmassagenblitz?