November, 2006 Archives

30
Nov

Der Tod des Inders (mit Fortsetzung)

by Maximilian Buddenbohm in

In der Straße, in der ich als Kind in Travemünde lebte, standen auf der einen Seite, zur See hin, die großen, balkonstarrenden Burgen der Apartmentbauten, auf der anderen Seite nur einzelne, kleine, würfelförmige Bungalows, die alle weiß gestrichen waren. Sie sahen aus, als hätte man entlang der Straße große, schmucklose Schachteln aufgereiht, alle im gleichen Abstand zueinander und natürlich auch zum Bürgersteig. Die Bungalows unterschieden sich nur durch Details voneinander, die sich nach und nach durch die Besonderheiten der Bewohner ergeben hatten. Bei dem einen waren die Buchsbaumhecken vor dem Haus kunstvoll zu Ornamenten geschnitten worden, bei dem nächsten war eine ständig rostende Eisenhalterung in eine Außenwand geschraubt worden, in der ein kleines Ruderboot hing. Hier gab es ein mit Knöterich fast ganz zugewachsenes Carport und dort waren die Fensterrahmen nicht mehr aus schwarzem Holz, wie bei den Nachbarn, sondern glänzten modern und metallisch. Vor dem einen Haus war fast immer ein lethargischer Collie angebunden, vor einem anderen lag buntes Spielzeug von gleich drei Kindern zusammengeworfen auf dem Rasen im Garten. Man gewöhnt sich in solchen Straßen schnell an, diese kleinen Unterschiede zu beachten, wenn man dort entlanggeht, man orientiert sich daran, ohne es recht zu merken.

In dem Bungalow mit dem vielen Spielzeug auf dem Rasen wohnte auch ein Adoptivkind aus Indien. Der indische Junge war einige Jahre älter war als ich, daher hatten wir keinen näheren Kontakt, obwohl wir uns dauernd sahen, etwa im Bus, der uns morgens zur Schule nach Lübeck fuhr. Ich wußte wenig über die Geschichte seiner Adoption, aber allgemein bekannt war immerhin, daß er schon als Baby in die deutsche Familie gekommen war. Er war von den neuen Eltern auf den denkbar langweiligen Namen Frank getauft worden, was wir anderen Kinder sehr enttäuschend fanden, weil es so gar nicht nach Tiger von Eschnapur, Sandokan oder ähnlich spannenden Möglichkeiten klang. Ein wenig mehr im Namen mitschwingendes Geheimnis hätten wir uns schon gewünscht. Es gab auch verwirrenderweise noch zwei weitere Jungs mit dem Namen Frank in unserer Gegend, daher nannten wir den Inder, zumindest wenn er nicht dabei war, in kameradschaftlicher Abkürzung seines Traumtitels einfach nur Eschnapur.

Eschnapur war ein gut aussehender Junge, er sah allerdings nach einem Wort aus, das man unter uns Kindern nicht gerade gerne hörte, er wirkte “artig”. Er lächelte wenn man ihn traf, war stets freundlich und schien ganz eindeutig ein wirklich angenehmer Mensch zu sein, ganz bestimmt jedenfalls aus der Sicht eines Erwachsenen. Da er bei unseren eher wilderen Spielen niemals mitmachte und auch noch ein Spitzenschüler in allen Fächern war, galt er als etwas sonderlich. Wir billigten ihm jedoch wegen seines ungewöhnlichen familiären Hintergrundes großzügig besondere Verhaltensweisen zu. Ein Adoptivkind aus dem Orient zu sein erschien uns als eine so unvorstellbar märchenhafte Angelegenheit, daß wir eine gewisse Scheu hatten, mit ihm normal umzugehen und die üblichen Maßstäbe anzulegen. Das war eine empirisch gesicherte Scheu, denn nach allen uns zur Verfügung stehenden Kinder- und Jugendbüchern kamen bei Adoptivkindern immer irgendwann sagenhafte Überraschungen zu ihrer Abstammung heraus, ein gänzlich normales Leben war mit solchen besonderen Startbedingungen auf lange Sicht vollkommen undenkbar. Man würde einfach nur ein paar Jahre warten müssen, dann würde es eines Tages sicher eine spektakuläre Nachricht geben. Er war ein wenig zu beneiden, denn was sich ihm auch immer über seine Herkunft noch irgendwann offenbaren sollte – die Eltern von uns anderen waren mit Sicherheit keine Prinzen oder Maharajas, soviel stand fest, die waren und blieben einfach Travemünder Hals-Nasen-Ohrenärzte, Ingenieure oder Imbißbesitzer, und ein Blick auf die Eltern und in den Spiegel reichte in vielen Fällen aus, um selbst die schaurig faszinierende Möglichkeit, als Kind verwechselt worden zu sein, ganz sicher auszuschließen zu können. Eschnapur war der einzige von uns, der, obwohl er genau wie wir allmählich aus dem Alter für Kindergeschichten herauswuchs, eine reelle Chance behielt, noch in einer als Hauptrolle mitzuspielen. Er hatte immer etwas so Besonderes und Vorbildhaftes, daß man sich im Vergleich mit ihm unwillkürlich schlecht und mittelmäßig fühlte, besonders in der Schule, aber ich habe nicht deswegen versucht, ihn umzubringen. Es ergab sich einfach so.

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29
Nov

Glückliche Menschen mit schönen Berufen

by Maximilian Buddenbohm in

In der S-Bahn saß neben mir ein junger Geschäftsmann in einem etwas übermäßig gestylten Look. Er sah etwa so aus, als wäre er einem Prospekt für den modernen englischen Landadligen entsprungen. Nanu, dachte ich, seit wann fahren denn Makler mit der S-Bahn, die gehören doch in ihre Sportwagen. Ich bin ein sehr gehässiger Mensch, was diesen Berufsstand angeht, so gehässig, daß ich mir einbilde, Makler an ihrer Kleidung erkennen zu können. Wenn man längere Zeit mit Wohnungssuche verbracht hat, entwickelt man ungeahnte Fähigkeiten auf diesem Gebiet. Das Handy des Mannes klingelte, er meldete sich mit einem Firmennamen, der tatsächlich zu meiner heimlichen Freude und Bestätigung eindeutig auf die Immobilienbranche hinwies. Er pries dem Anrufer ein Objekt an, das er auch Objekt nannte: “Ja, das Objekt wäre sofort frei”. Er vereinbarte einen Besichtigungstermin und schlug dabei einen großen Terminkalender auf, den er auf den Knien hielt. Er trug mit akkurater Schrift einen Termin für einen Tag der nächsten Woche ein, notierte den Namen des Anrufers, unterstrich und unterkringelte dessen zweifachen akademischen Titel und malte ein Ausrufezeichen. Daneben schrieb er: “Besichtigung”, dann die Adresse des Objektes und dann: “Lügen – Labern – Larifari”.

27
Nov

Besser leben mit Zitaten

by Maximilian Buddenbohm in

Wenn man mitten in einem Ehestreit plötzlich vergißt, worum es eigentlich geht, kann das leider dazu führen, daß man argumentativ bedenklich schwächelt. Man kann so eine Situation aber dennoch leicht für sich entscheiden, etwa indem man einfach vollkommen zusammenhangslos aber klassikerkundig “die Ente bleibt drin” als Antwort auf alles gibt, was einem gerade verbal entgegengeworfen wird.

Die Herzdame zumindest wußte gestern abend nach der dritten Wiederholung dieses schönen Zitats auch nicht mehr, worum es eigentlich wirklich ging, weswegen wir den eben noch flammenden Streit wegen akuter Inhaltslosigkeit mit offenem Ergebnis beilegen mußten. Das hinterläßt zwar ein irgendwie unbefriedigtes Gefühl, ist aber sicher einem klaren Punktverlust immer noch vorzuziehen.

Eine gute Allgemeinbildung hilft wirklich in allen Lebenslagen.

24
Nov

Die Röcke der Heilsarmee

by Maximilian Buddenbohm in

Der Sommersalon auf der Reeperbahn war, als ich dort letzte Woche nach einem Arbeitstag wieder einmal meine Freundin Birgit traf, leer, kalt und es roch vom frisch gescheuerten Boden her eigenartig und ungemütlich nach Chlor. Ein merkwürdiger Start für einen Abend in einer Szenekneipe, aber sehr passend zu dem grausigen, kalten Novemberwetter, in dem mir der kurze Weg von der S-Bahnstation zu unserem Treffpunkt ganz ungewöhnlich lang vorkam. Was trifft man sich auch so spät im Jahr in einem Laden, der Sommersalon heißt, dachte ich, als ich durch den Nieselregen an den Theatern am Spielbudenplatz vorbeilief und über Pfützen sprang. Außer uns waren nur vier weitere Gäste im Salon, junge Männer, die Aktentaschen dabei hatten, ihre Köpfe zusammensteckten und in ein offensichtlich sehr ernstes Gespräch vertieft waren. Der Barkeeper saß gelangweilt an der Theke und schob unaufhörlich mit dem Zeigefinger Bierdeckel hin und her. Gelegentlich sahen Passanten, die dringend irgendwo ins Trockene wollten, durch die Fenster zu uns hinein, gingen dann aber doch weiter, wahrscheinlich auf der Suche nach einer Kneipe, in der mehr los war.

“Und wie fandest du zu Gott?” hörten wir unvermittelt einen der jungen Männer hinter uns fragen, als die wärmende Swingmusik gerade einmal aussetzte und der Laden für ein paar Sekunden vollkommen still war. Eindeutig eine Frage, die man in einer Szenekneipe auf der Reeperbahn nicht unbedingt erwartet. Die Antwort des Angesprochenen fiel recht laut aus, weil er Satz um Satz zusehends in einen immer begeisterteren, geradezu predigenden Tonfall verfiel und so wurden wir bruchstückhaft Zeuge einer längeren Erweckungsgeschichte, in deren Verlauf der junge Mann so oft Jesus persönlich begegnet war, daß ich es etwas erstaunlich fand, wie angetan und ergriffen die anderen drei an seinen Lippen hingen. Ich sah mich nach ihnen um und verstand dann besser, wie es zu diesem Gespräch kam, denn zumindest zwei der Männer waren von der Heilsarmee, der Schriftzug war hinten auf ihre Jacken gedruckt. Früher trug die Heilsarmee noch Phantasieuniformen und war von weitem zu erkennen, heute ist sie anscheinend bei roten Sportjacken mit dezentem Werbeaufdruck angekommen und damit fast zivil unterwegs, wie die Fahrkartenkontrolleure in der S-Bahn.

“Die Heilsarmee” murmelte ich erklärend zu Birgit, die sich daraufhin umdrehte und die Gruppe ganz genau ansah. Merkwürdig genau sogar. Nach einer Weile erklärte sie mir auch warum: “Ah ja, die Heilsarmee”, sagte Birgit, “da gebe ich immer meine Altkleider hin.” Sie sah immer noch prüfend die Männer an und ergänze dann ganz sachlich: “Von denen da trägt aber keiner was von meinen Sachen”.

“Nein”, sagte ich, “das wäre wohl auch erstaunlich, wenn die Jungs da in deinen abgelegten Röcken oder Blusen herumlaufen würden.” Birgit lehnte sich wieder zurück: “Aber es wäre schön. Ich würde mal ganz direkt mitbekommen, daß irgendwas Sinn hat.”

“Du meinst”, sagte ich, “ein eventuelles Auftauchen der Heilsarmee in unserer Lieblingskneipe wäre für dich sinnstiftend, wenn sie dabei nur die richtigen Röcke tragen würden?” “Es wäre absurd, ja, aber es wäre ein Zeichen von Sinn”, sagte Birgit, trank ihr Glas leer und dachte nach. “Erst durch das Absurde finden wir zum Sinn. Das solltest du dir unbedingt aufschreiben. Und mir noch einen Wein bestellen.”

“Aber gern”, sagte ich.

Wer weiß, am Ende hat sie recht.

19
Nov

Ein Herrengedeck für Canaris

by Maximilian Buddenbohm in

In meiner Kindheit habe ich, nachdem meine Mutter und ich nach Travemünde gezogen sind, ganze Sommer am Strand verbracht. Jede Minute, die ich nicht zwingend der Schule, den Hausaufgaben oder dem Schlafen opfern mußte, war ich draußen, am Meer. Mir war der Gedanke vollkommen unerträglich, in der kleinen Wohnung zu sein, während draußen doch immer der Strand wartete. Meine Mutter und ich saßen stundenlang im Strandkorb, den wir für die ganze Saison gemietet hatten, sahen den vorbeifahrenden Fährschiffen weit draußen oder den Badegästen in der Brandung vor uns zu und genossen es, wie das Meer allmählich für uns zu einem Bestandteil des Alltags wurde. Wir brachen erst bei Sonnenuntergang wieder auf, wenn es kühler wurde und wir Hunger bekamen. Da wir beide nicht gern nach Hause wollten, aßen wir abends oft in einem der Imbisse an der Promenade. In diesen kleinen Buden war man dann wenigstens noch etwas in der herrlichen Strandstimmung, auch wenn man ja eigentlich doch schon wieder drinnen war und der Tag leider zu Ende ging. Man konnte vom Imbiß aus immerhin das Meer noch sehen, von unserer Wohnung aus nicht. Solange man aber das Meer wenigstens sehen konnte, war es noch ein besonderer Tag, ein ferienhafter Sommerstrandtag, wenn man jedoch um die Ecke bog und an dem Allerweltspark vorbei ging, der überall hätte sein können, war es für mich schon nur noch irgendein Tag. Der Imbiß bei uns um die Ecke wurde daher unser zweites Wohnzimmer, und natürlich ging es auch anderen so. Daher traf man, abgesehen von den Touristen, deren Gesichter man sich nie merken konnte, immer dieselben Leute aus Travemünde, die sich dort abends Schnitzel mit Pommes bestellten und ein Bier oder einen Kaffee tranken. Es gab einen besonderen Stammtisch für die Einheimischen und ich war nicht wenig stolz darauf, schon bald in dieser speziellen Ecke des Raumes sitzen zu dürfen, wo man besonders zuvorkommend bedient wurde und wo die Schnitzel erheblich größer waren als vorne, an den anderen Tischen, wo die Touristen aus dem Ruhrgebiet saßen.

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15
Nov

Die Liebhaber meiner Mutter (3): Orlando

by Maximilian Buddenbohm in

Manche Menschen begleiten einen jahrelang, man kennt sie durch den Wechsel der Jahreszeiten, durch verschiedene Moden und viele Geschichten, man hat gemeinsam andere Freunde kommen und gehen sehen, man hat zusammen Reisen gemacht, Abende und Abende verbracht, es stehen ganze Fotoalben voller vergilbter Gemeinsamkeiten im Schrank – und doch sieht man immer nur ein einziges Bild, wenn man an diesen einen Menschen zurückdenkt. Ein Bild, das als Symbol Bestand hat und das so markant ist, daß es sogar all die anderen Geschichten, die es doch wirklich gab, längst ganz verdrängt hat. Eine Erinnerung, in der alles von diesem Menschen ist.

Ein sonniger Morgen in Travemünde, es ist hochsommerlich heiß, blendend hell und es geht nur ein ganz leichter, freundlicher Wind, in dem ein paar Möwen lässig schaukeln. Der Himmel ist so strandglückverheißend blau, wie er es nur in den Sommerferien sein kann und die Farben der Häuserwände und Dächer leuchten so klar, wie sie nur an einem Morgen am Meer leuchten können, wenn es ein langer, herrlicher Sonnentag wird. Ein Tag, der einem dann am Abend, wenn man vom vielen Schwimmen selig müde im Bett liegt, vorkommen wird wie ein Rausch aus Licht, Hitze und salziger Luft. In dem Apartmenthaus “Strandresidenz” ist am Morgen schon Leben, denn die Gastfamilien mit kleinen Kindern zieht es sehr früh zum Meer. Türen klappen, Dreiräder poltern gegen Wände und Blumenkästen in der Eingangshalle, Menschen stolpern fluchend und lärmend über verstreutes Spielzeug auf den Fluren, Kinder lachen aufgeregt und schrill im Treppenhaus, es geht zum Strand, zum großen Kinderglück. Sie haben es eilig, die Kinder, sie ziehen Mütter und Väter ungeduldig, quengelnd und energisch an den Händen voran, sie wollen keine Minute mehr verschenken, sie wollen jetzt sofort Burgen bauen und baden, über Sand rennen, Muscheln suchen und angespülte Quallen untersuchen. Eine Familienkarawane nach der anderen zieht so aus dem Haus, hinunter zu den Strandkorbvermietungen oder auf die große Liegewiese vor der Badeanstalt Möwenstein. Mütter schreien laut Namen, kaum daß sie das Haus verlassen haben, damit die tobenden Kinder nicht achtlos und in blinder Begeisterung auf die Straße laufen, die zum Meer führt.

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15
Nov

Unter Verdacht

by Maximilian Buddenbohm in

Die Herzdame rief mich an und teilte mir mit, daß sie bei der morgendlichen Suche nach Halsschmerztabletten alle meine Anzüge, Mäntel, Jacken, Taschen und Aktenkoffer durchwühlt hätte. Nach diesem Satz machte sie eine kleine Pause.

Es ist ganz erstaunlich, wie intensiv und schnell man in einer nur kurzen Satzpause überlegen kann, ob wohl auf diese Art irgend etwas zu finden sein könnte, was in der einen oder anderen Weise als belastendes oder auch nur mißverständliches Material auszulegen wäre. Nur die Dauer eines halben Atemzuges, um die letzten Wochen und deren mögliche Relikte in meinen Taschen Revue passieren zu lassen, ein sehr interessantes Gedankenexperiment, bei dem man viel über sich lernen kann. Hätte ich mir etwas vorzuwerfen gehabt, hätte ich wahrscheinlich noch vor den nächsten Worten der Herzdame ein Geständnis abgelegt, daher ist diese Methode für Menschen, die ihrem Partner mißtrauen, unbedingt zu empfehlen. Einfach mal anrufen und bedeutungsschwanger sagen: „Ich habe da etwas gefunden…“. Ganz einfach. Der Partner ergibt sich sofort.

Die Herzdame fuhr dann zwar nur mit der empörten Feststellung fort, daß sie bei der Suche keinerlei nützliche Medikamente gefunden hätte, aber ob sie mir mittlerweile glaubt, daß mein vorher spontan geäußertes „Ich kann alles erklären“ selbstverständlich scherzhaft gemeint war – ich weiß nicht recht. Humor ist auch nicht immer hilfreich.

11
Nov

Die Liebhaber meiner Mutter (2): Einar

by Maximilian Buddenbohm in

Unsere Nachbarin Hilde war mit über sechzig Jahren lange darüber hinaus, noch wirklich spannende Männergeschichten zu erleben, wie sie selber sagte. Um so lebhafter nahm sie dafür Anteil an den Affären meiner Mutter. Sie hatte von ihrem Balkon aus den Eingangsbereich der Strandresidenz jederzeit im Blick und wenn zu uns jemand zu Besuch kam, den sie noch nicht kannte, dauerte es nie lange, bis sie an unserer Tür klingelte, um mal vorbeizusehen. “Nur mal so”, wie sie beim Hereinkommen an der Tür murmelte, ohne abzuwarten, ob wir sie hereinbitten würden. Für meine Mutter und mich war Hilde längst zu einem Familienmitglied geworden, einem sehr merkwürdigen zwar, aber – sie war eben da. Andere hatten vielleicht einen wunderlichen Onkel, einen verschrobenen Großvater oder eine giftige Schwiegermutter, die man als Gast des Hauses früher oder später kennenlernte, wir hatten Hilde. Für Menschen, die uns zum ersten Mal besuchten, muß das sehr merkwürdig gewesen sein, diese offensichtlich stark angetrunkene, rundliche alte Dame in betont munterer Stimmung zu erleben, die mit kaum verhohlener Neugier versuchte, in möglichst kurzer Zeit alles über den neuen Gast zu erfahren. Er saß in einem Hagel von Fragen nach beruflicher Tätigkeit, nach privaten Verhältnissen, Lebensgeschichte und Vermögen und mußte auch zur Kenntnis nehmen, daß alle Antworten ohne das geringste Zögern scharfzüngig bewertet wurden, denn es gab gute und schlechte Berufe (“Haben sie außer dem Unsinn noch etwas anderes studiert?) und gute und schlechte Verhältnisse (“Schicker Wagen da draußen, ist das wirklich ihrer? Nicht vielleicht von Papa?”).

Hilde hatte im Laufe ihrer Alkoholkarriere längst vergessen, daß sich nicht alle Menschen so schnell betranken wie sie, weswegen es zu einem seltsamen Mißverhältnis zwischen ihr und der Umwelt kam. Sie unterstellte nämlich, wenn sie genug getrunken hatte, um ordentlich in Stimmung zu sein, daß es allen anderen auch so gehen müsse, was natürlich keineswegs immer und bei jedem der Fall war. Sie vergaß auch, daß sie zu früher Nachmittagsstunde in der Regel einen beträchtlichen Promillevorsprung vor den meisten anderen Menschen hatte, die eher sehr viel später oder auch gar nicht zu trinken anfingen. So kam es, daß sie bis dahin gänzlich fremden Menschen, die sie um fünf Uhr nachmittags bei uns kennengelernt hatte, schon um sechs in nur vermeintlich gemeinsamer Weinseligkeit das Brüderschaftstrinken aufzwang, nicht ohne dabei die notwendigen Küsse reichlich auszukosten. Danach pflegte sie, einen Arm um die Schulter des neuen Freundes gelegt, noch ein Stündchen zu bleiben und die gemeinsame Gemütlichkeit zu genießen, wobei wir aber darauf bauen konnten, daß sie sehr früh ins Bett gehen würde. Und richtig erhob sie sich schwankend gegen acht, um sich in die Nachbarwohnung zurückzuziehen, nicht ohne noch beim Hinausgehen mit einem letzten langen Blick auf den aktuellen Kandidaten und erhobenem Zeigefinger ihren abschließenden Befund meiner Mutter deutlich hörbar zuzuflüstern.

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8
Nov

Ich, der Richter

by Maximilian Buddenbohm in

Kürzlich erzählte mir eine meiner geschätzten Leserinnen per Mail, daß sie zur Richterin berufen worden ist. Das ist natürlich ein überaus respektabler Beruf, der mit einem gewissen Ansehen verbunden ist. Fatalerweise hat diese Leserin mit mir gemeinsam die Schule besucht, was zwei Folgegedanken nahelegt. Zum einen weiß sie Dinge über mich, besonders frühere Frisuren und modischen Vorlieben betreffend, die sie hier hoffentlich nie in den Kommentaren anmerken wird, zum anderen könnte ich in Versuchung kommen, meine berufliche Lage mit der ihren zu vergleichen. Auf den ersten Blick könnte dieser Vergleich sehr schlecht ausgehen, denn ich arbeite als mittlere Zahlenschubse in den Wirren eines Konzerns und habe keinen wohlklingenden und prestigeträchtigen Titel, wie etwa „Richter“. Fast könnte ich daher ein wenig neidisch auf erfolgreiche ehemalige Mitschüler werden, wenn ich länger darüber nachdenke und mir das von den Jahren flachgehämmerte Zwischenergebnis meiner Karriere besehe.

Aber wirklich nur fast. Denn auch ich bin gerade zum Richter berufen worden! Nicht etwa im schnöden, eher freudlosen juristischen Bereich, nein, im schöneren, bunten, schillernden Bereich der Poesie. Ich habe die Ehre beim Bistro Poetry Contest gemeinsam mit Sascha Lobo in der Jury zu sitzen und die eingesandten Gedichte zu bewerten. Diese Berufung an das lyrische Gericht läuft, wenn ich an die Schulfreundin und Richterin denke, selbstverständlich unter dem Begriff „ausgleichende Gerechtigkeit“ – und dem zwanzigjährigen Abitursjubiläum im nächsten Jahr sehe ich jetzt doch wieder recht gelassen entgegen.

Vielleicht finden sich ja auch im Publikum der Herzdamengeschichten begabte Helden des Reimes? Nur zu, es wird noch um Einsendungen bis zum 19. November gebeten – und ich möchte bei dem Bistro Poetry Special Award 2.0 (für erotische Gedichte, in denen drei Lebensmittel vorkommen), insbesondere meine Leserinnen und Leser aus Österreich bitten, aus ihrem reichhaltigen, wunderschönen und von mir sehr geschätzten Speisevokabular zu schöpfen, es wird sich schon irgendein Schweinkram finden, der sich auf Ribiseln oder Karfiol reimt. Mutig voran!

Und noch ein Hinweis für Dichter mit ernsthaften Gewinnabsichten bei diesem schönen Wettstreit: Ich bin, wie alle gebürtigen Hanseaten, selbstverständlich bestechlich. Wir nennen es Handel.

5
Nov

Die Liebhaber meiner Mutter (1): Leo

by Maximilian Buddenbohm in

Leo war Steward auf der Prinzessan Birgitta, dem schönsten Fährschiff, das Travemünde anlief. Die Prinzessan Birgitta war viel kleiner und schnittiger als die unförmigen Riesenfähren der anderen Linien, die nur gebaut waren, um eine Unmenge an Lastern, Containern oder Bahnwaggons aufzunehmen und die daher schwimmenden Bauklötzen glichen. Sie als einzige sah aus wie ein Kreuzfahrtschiff für entspannte Passagiere, schmal, weiß und elegant. Es war jedesmal eine Freude, sie einlaufen zu sehen, bei Sonnenschein bot sie ein Postkartenmotiv erster Klasse. Sie verkehrte regelmäßig im Dreitagetakt zwischen Travemünde und Göteborg. Meine Mutter und ich sind sehr oft mitgefahren, denn wir konnten als Leos Gäste umsonst an Bord, wenn Personalkabinen frei waren. Er arbeitete in verschiedenen Bereichen auf dem Schiff, stand mal als Barkeeper abends am Tresen, placierte dann die Gäste beim Mittagessen, wechselte auch abends hin und wieder Geld im Casino, gab dort Spielkarten aus oder war irgendwo, tief unter Deck, mit anderen, mir gänzlich unbekannt gebliebenen Büroaufgaben beschäftigt. Er trug stets eine weiße Uniform, hatte eine tadellose Haltung und einen so gelungen angegrauten Kopf, daß er mit etwas mehr Gold am Ärmel jederzeit auch als Kapitän der Prinzessan Birgitta durchgegangen wäre. Wenn er einem in den verwirrend vielfältigen Gängen unter Deck entgegenkam, strahlte er ebenso unverkennbar wie irreführend die selbstsichere Würde eines Offiziers aus. Nur sein Blick wollte nicht recht zu dieser Erscheinung passen. Er hatte beständig einen leicht gelangweilten Schlafzimmerblick, etwas geradezu Lyrisches, Weiches schien in seinen Augen zu sein und wenn er abends hinter der Theke durch seine Lesebrille über die Gläser und Flaschen hinwegsah, hatte man leicht den Eindruck, er wäre nicht recht bei der Sache, sondern in Gedanken ganz woanders, wo es womöglich, nach seinem leicht verträumten Lächeln zu urteilen, noch wesentlich schöner war, als in der kleinen Bar einer Ostseefähre.

Er war Kunstmaler aus Wien – “also eigentlich”, wie er sagte. Er hatte stets eine große Mappe mit etlichen seiner Zeichnungen und Aquarelle in der Kabine und er zeigte die Bilder auch gerne herum. Neben den Bildern lagen auch sehr abgegriffene, schon mehrere Jahre alte Einladungskarten zu seiner letzten Vernissage in einer kleinen Galerie in Göteborg, nach seinen Erzählungen zu urteilen eine spektakulär erfolgreiche Veranstaltung. Gefragt, warum es nach dieser Vernissage nicht weiterging mit seiner Kunst, murmelte er unklar etwas von “man hat so Phasen” und “alte Geschichten”. Er war aber nicht nur ein Freund der bildenden Kunst, sondern auch Dichter und Sänger. Gelegentlich nahm er seine Gitarre und gab spätabends in der Bar improvisierte Konzerte für den harten Kern der deutschen Gäste, er sang mit angenehmer Stimme traurig klingende Lieder, mit abgrundtiefen, schwarzhumorigen Texten. Er war der Charme in Person, mit der Grandezza eines alternden Opernstars und einer sehr fleißig erworbenen Kenntnis der Werke Wiener Literaten, die er unentwegt zitierte. Er konnte Gedichte, Aphorismen und Geschichten en masse auswendig und er war daher nie darum verlegen, auch nebenher fallengelassene Bemerkungen etwa eines weiblichen Gastes an der Cocktailbar mit einer ganz außergewöhnlichen Bravour zu beantworten.

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1
Nov

Erkenntnisgewinn in herbstlicher Nacht

by Maximilian Buddenbohm in

Als ich gestern sehr spät nach Hause kam, lag die Herzdame schon im Bett und schlief. Es war tiefe Nacht, es regnete und stürmte und ich war sehr froh, in das warme Bett zu ihr steigen zu können. Und weil es mir gerade in dem Moment als besonders erfreuliche Einrichtung erschien, sich nach einem Heimweg durch naßkalten Herbst und Orkantief neben seine Frau legen zu können, herzte und küßte ich sie ein wenig und murmelte leise etwas im Sinne einer Liebesbekundung.

Die Herzdame setzte sich daraufhin auf, machte die Nachttischlampe an, sah mich alarmiert an und fragte: “Hast du ein schlechtes Gewissen?”

Man sollte wohl doch besser so oft nett zueinander sein, daß es gar nicht erst ungewohnt wird.

1
Nov

Kleiner Nachtrag zur Lesung

by Maximilian Buddenbohm in

Ich komme leider gerade überhaupt nicht zum Schreiben, aber wie das Kaffee.Satz.Lesen am Sonntag (unter den strengen Blicken des Kulturvereins Hannover) war, kann man ganz wundervoll beschrieben bei Herrn Paulsen nachlesen, bei Elle, bei Mek – und mit besonderer rosa Färbung auch bei Gunnar.