Oktober, 2006 Archives

30
Okt

Lichterküsse

by Maximilian Buddenbohm in

Sarahs Vater war in beruflichen Dingen ein unsteter Mensch und ein serieller Versager. Ich habe ihn im Laufe meiner Travemünder Jahre wohl in mindestens fünf verschiedenen Gewerben scheitern sehen. Er schien das nicht weiter tragisch zu nehmen, zumal er immer in den jeweils letzten Monaten seines aktuellen Berufes bereits vollkommen beseelt war von den Glücksverheißungen der gerade neuen Idee, mit der endlich alles ganz gewiß und endgültig besser werden würde. Er war lange im Außendienst eines Küchengeräteherstellers beschäftigt gewesen, wobei er ungemein erfolgreich war. Als er aber etwa vierzig Jahre alt war, beschloß er, seinen Erfolg nicht länger mit einem Konzern zu teilen, sondern seine offensichtlich phänomenalen Talente allein für sich selbst einzusetzen und endlich zu dem beruflichen Überflieger zu werden, der er schon seit Jahren hätte sein sollen. Eine grandiose Fehleinschätzung, die er jedoch niemals mehr korrigierte. Seinen ersten eigenen Laden, in dem er Mode aus Thailand verkaufen wollte, mußte er wegen völliger Erfolglosigkeit bereits nach einem halben Jahr wieder schließen. Der Grund dafür war aber nicht in ihm, sondern allein in der ignoranten Travemünder Kundschaft zu suchen, die auf diese Art auch seine späteren Niederlagen immer wieder mitverschuldete.

Als ich mit zwölf Jahren nach Travemünde zog und Sarah kennenlernte, hatte ihr Vater gerade einen Importhandel mit Discoleuchten gegründet. Er kaufte diese Leuchten, Stroboskope, Scheinwerfer und Lichtanlagen in Schweden und versuchte mit mäßigem Erfolg, sie in deutschen Discotheken abzusetzen. Für ihn war es ganz naheliegend, die Anfang der Achtziger Jahre noch gültige Assoziationskette Schweden-Abba-Disco auszunutzen, denn es war doch klar, daß aus diesem Land nicht nur die Popgruppe schlechthin, sondern auch die entsprechend großartigste Beleuchtung kommen mußte. Sein ganzes Haus stand voll mit riesigen Kartons aus Schweden, sein Auto war bis unter das Dach mit dieser Technik beladen und er fuhr alle Discotheken, Clubs und Tanzsäle im norddeutschen Raum ab, um die Ware zu verkaufen. Die ausbleibende Begeisterung der gewerblichen Kundschaft störte ihn zunächst nicht, er nahm es eher sportlich und verlegte sich auf eine andere Zielgruppe, nämlich auf den gewöhnlichen Hausbesitzer mit Partykeller. So ein Partykeller verdiente ja doch den Namen erst dann, wenn man auch ein paar Lichteffekte einsetzen konnte, um richtig in Stimmung zu kommen. Was war eine langsame Ballade ohne kreisende Lichter? Welchen Sinn hatte Engtanz ohne schummeriges Rotlicht? Er sah in jedem Haus in seiner Nachbarschaft, im ganzen Ort und weit darüber hinaus eine mögliche Verkaufschance und er baute darauf, das es nach einer vielleicht etwas schwierigen Anfangsphase einen gewaltigen Schneeballeffekt geben müsse. Sicher würden dann alle das haben wollen, was die von nebenan gerade im Keller eingebaut hatten. Die Zeit der braven Hängelampen war in Travemünde bald vorbei, soviel stand für ihn fest.

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25
Okt

Das Riesenschaf

by Maximilian Buddenbohm in

Als ich Kind war, gab es noch richtige Hausmeister. Das waren damals Menschen, keine Firmen, wie es heute allgemein üblich ist. In jedem großen Apartmentbau in Travemünde gab es einen festangestellten Hausmeister, seltener auch eine Hausmeisterin. Menschen in grauen Kitteln waren das, die unentwegt mit Harke oder Besen in den Vorgärten und auf den Zufahrten beschäftigt waren, die Rasen mähten, Unkraut jäteten und Umzäunungen neu strichen. Wenn die Bewohner dieser Apartments etwa einen tropfenden Wasserhahn im Bad hatten, mußten sie nur vom Balkon hinuntersehen, wo der Hausmeister gerade war, sie konnten ihn dann eben bitten, sich die Sache mal schnell anzusehen und für fünf Mark Trinkgeld tropfte da in wenigen Minuten nichts mehr. Ältere Damen ließen auch Glühbirnen auswechseln oder sich täglich die Einkäufe nach oben tragen. Neuen Bewohnern half der Hausmeister natürlich schon beim Einzug und es kam nicht so leicht vor, daß vor den Apartmentbauten die Autos anderer Handwerker hielten, denn die Graukittel ließen sich nichts abnehmen, keine Reparaturen und keine Trinkgelder. Sie konnten alles und sie machten alles.

Die Hausmeister waren Menschen, auf die man sehr gut aufpassen mußte, denn sie waren unter anderem auch dazu da, uns Kinder aus den Gärten oder von privaten Spielplätzen zu vertreiben. Sie waren dazu da, uns davon abzuhalten, Kellerverschläge aus Neugier aufzubrechen und auch, zu verhindern, daß wir automatische Garagentore fünfhundertmal nacheinander auf- und zumachten, nur weil wir wissen wollten, ob der Mechanismus so etwas aushielt. Sie hatten etwas dagegen, daß wir Fußbälle gegen die breiten Rolltore der Tiefgaragen schossen, weil wir das Scheppern so phantastisch fanden, und sie verstanden einfach nicht, daß unsere besten Abkürzungen immer über ihre frisch geharkten Zierbeete führten.

Es gab sehr gefährliche Exemplare von Hausmeistern, die mit Steinen nach vorbeistürmenden Kindern warfen oder uns Gartengerät hinterherschleuderten, aber es gab aber auch Ältere, denen man sehr leicht und lachend entkommen konnte – und es gab den ganz und gar harmlosen Hausmeister der Strandresidenz. Obwohl er ein Hüne von Mann war, dem seine langen Arme bis auf die Knie zu hängen schienen, ging von ihm nie Gefahr für uns aus, er war die gute Laune in Person, kinderlieb und immer freundlich. Er war geistig behindert, weswegen es leider weniger Spaß machte, ihn zu ärgern, wir hatten da einen gewissen Sinn für Fairneß. Wir liefen nicht über seine geharkten Beete, wenn er daneben stand, obwohl es ihn wohl gar nicht gestört hätte. Es wäre zu einfach gewesen.

Er war nicht sehr gut in Gesprächen. Wenn einer der Bewohner etwas von ihm wollte und ein Problem schilderte, guckte er hilflos und wie bedroht durch all die auf ihn einstürmenden Worte, bis sein Gegenüber eine Pause machte und er endlich vorschlagen konnte: “Angucken!”. Hatte er das Problem in der Wohnung erst einmal gesehen, den defekten Herd, den verstopften Abfluß, die klemmende Balkontür, wußte er auch sofort, was zu tun war. Er mußte sich mit seinen Kenntnissen keineswegs hinter anderen Handwerkern verstecken, er konnte eben nur nicht darüber reden. Er war daher auch bescheiden, denn er hätte höhere Trinkgeldforderungen gar nicht formulieren können. Nicht zuletzt deswegen war er, als er seine Arbeit in der Strandresidenz begann, bei den Bewohnern zunächst sehr beliebt. Er wäre es auch geblieben, wäre nicht die Sache mit dem Riesenschaf gewesen.

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24
Okt

Die Herzdame hegt und pflegt

by Maximilian Buddenbohm in

Die Herzdame hat vor etwa einem Jahr eine Orchidee geschenkt bekommen, samt Topf und ellenlanger Pflegeanleitung. Aber nur drei Tage, nachdem die kostbare Pflanze einen Platz auf unserer Fensterbank eingenommen hatte, schien sie das Zeitliche zu segnen, sie warf alle Blütenansätze ruckartig ab, verfärbte sich in überaus unerfreulich Brauntöne und schien sich zusehends in sich zusammenzuziehen, das Leben wich aus den Blättern. Die Herzdame war verständlicherweise empört über ein so frühes Ableben, denn die Pflanze konnte ja noch gar nicht wirklich wissen, wie wir sie behandeln würden. Wenn es hier also um einen floralen Suizid ging, war er entschieden zu früh. Die Herzdame beschloß, den offensichtlichen Tod der Orchidee zu ignorieren und sie stoisch weiter gemäß der Pflegeanweisung zu behandeln, komme was wolle. Ein ganzes Jahr rückte sie den Topf in das rechte Licht, goß, düngte, zupfte welke Blätter und sprach gut zu. Mein allmonatlicher Vorschlag, das Gestrüpp final in den Hausmüll zu entsorgen, wurden jedesmal entrüstet zurückgewiesen.

Heute rief sie mich in die Küche, in heller Begeisterung auf die Orchidee zeigend, die über Nacht tatsächlich eine ganz erstaunlich prächtige Blüte ausgetrieben hatte, in phantastischem Lila und wunderschöner Form. “Ich habe es richtig gemacht”, sagte die Herzdame aufgeregt, “nicht aufgegeben, alles richtig gemacht. Ha! Ich habe aus diesem blöden Stück Dreck wieder eine tolle Blume gemacht, durch Hege und Pflege! Meine Hege und Pflege! Wenn man nur lange genug dran bleibt, dann wird eben doch noch was draus!”

Sie sah sehr stolz aus, man wird es sicher nachvollziehen können.

Dann sah sie mich lange an und sagte nachdenklich: “Dich hege und pflege ich auch schon ein paar Jahre…”

20
Okt

Das Selbstmordspiel

by Maximilian Buddenbohm in

Wenn man Travemünde in nördlicher Richtung verläßt, endet bald der Bereich des kurtaxengepflegten Strandes. Die Uferpromenade hört abrupt auf, es gibt keine Strandkörbe und auch keine Imbisse mehr, wer sich hier auf dem nur noch schmalen Strand sonnt, kommt mit Gepäck: Kühltaschen mit Getränken, Körbe voller Brötchen und Obst, Decken, um darauf zu liegen. Der Sandstrand wirkt dort immer etwas unordentlich, angespülter Tang wird hier von niemandem weggeräumt, Hunde sind erlaubt und laufen überall frei herum. Es gibt eine FKK-Zone und abends Menschen, die Musik machen und grillen. In Sommernächten schlafen manche in kleinen Zelten kurz vor der Brandung, es ist nicht erlaubt, aber wer würde da nachts nachsehen gehen? Man ist nicht mehr recht in Travemünde und noch nicht ganz in Niendorf, man ist irgendwo dazwischen und so sieht es auch aus.

Hinter dem schmaler werdenden Sandstrand erhebt sich die Steilküste, das Brodtener Ufer. Eine abrupt aufragende Wand aus Lehm in rötlicher Farbe, manchmal ocker, manchmal eher gelb. Viele Meter ist die Wand hoch. Wenn man von unten hinauf sieht, zu der unregelmäßigen Kante, sieht man oben halb heruntergestürzte Bäume und Büsche, denn die Kante wandert jedes Jahr ein Stück in das Landesinnere. Sie sägt an den Wäldchen dort oben, an den Feldern und Hecken. Der Wanderweg, der oben an dem Ufer entlangführt, wird alle paar Jahre etwas nach hinten, auf sicheren Grund verlegt. Die Bäume, die dem Untergang geweiht über den Abgrund ragen, sehen aus, als würden sie sich mit den Wurzeln mit aller Kraft festhalten an ihrem langjährigen Platz, aber man sieht doch, daß sie es nicht mehr lange schaffen werden. Die herabstürzenden Bäume könnten jemanden erschlagen, wenn sie endlich fallen, seltsam, daß ich nie von so einem Unglück gehört habe. Vielleicht fallen sie aus Rücksicht nur nachts und auch nur, wenn keiner unter ihnen zeltet. An einigen Stellen sieht man die Reste von Mauern auf dem Strand liegen, denn auch Häuser fallen dort hinunter, wenn die Kante unter ihnen entlang wandert. Sie sind dann natürlich schon lange verlassen und mit rotweißem Band abgesperrt, dennoch sieht es immer sehr dramatisch aus, wenn so ein Haus anfängt, Stück für Stück den Abhang hinunterzubrechen. Oberhalb der Lehmwand wächst Gras, man kann die Büschel am Rand von unten sehen. Direkt unterhalb der Kante sieht der Lehm aus, als hätte man ihn mit Geschossen durchsiebt, ein Loch neben dem anderen, dicht an dicht, die ganze Wand ist dort wie zerstochen von den zahllosen Höhlen der Uferschwalben.

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17
Okt

Lorbeeren für Adam

by Maximilian Buddenbohm in

Die Herzdame ging gestern mit größeren Mengen Szegediner Gulasch ins Büro, Reste meiner Wochenendküchenvergnügungen. Die Portion war so reichlich, daß sie sogar ihre immer hungrigen Praktikanten mit Essen versorgen konnte.

Ein Praktikant fand beim gemeinsamen Mittagessen auf seinem Teller ein Lorbeerblatt und hielt es hoch, wobei er es überrascht betrachtete, wahrscheinlich war es das erste seines Lebens. Da es sich um einen aufgeschlossenen und lernwilligen jungen Menschen handelt, entwickelte sich folgendes Gespräch:

Praktikant: “Was ist das denn?”
Herzdame: “Das ist ein Lorbeerblatt. Nicht mitessen. Ist nur als Gewürz da drin.”

Der Praktikant sah das Blatt an und grübelte.

Praktikant: “So sieht ein Lorbeerblatt aus?”
Herzdame: “Ja.”
Praktikant: “Das hatten Adam und Eva davor?”
Herzdame: “Nein, das war ein Feigenblatt. Lorbeeren hatten die Kaiser auf dem Kopf.”
Praktikant: “Hatte mich auch schon gewundert. Ist doch ganz schön klein, das Blatt.”

Wobei die Herzdame und ich, das Expertenpaar für fortgeschrittene Albernheit in sexuellen Fragen, jetzt überlegen, ob nicht vielleicht das Bekränzen von intimen Körperteilen mit Lorbeer ungemein zum Lustgewinn in der Ehe beitragen könnte. Warum sollte man sich nicht von jungen Menschen auf gute Ideen bringen lassen?

15
Okt

Der König ist tot

by Maximilian Buddenbohm in

Als in der Strandresidenz schon längst alle Apartments verkauft waren, stand eine der Wohnungen noch eine ganze Weile leer. Sie hatte einen beträchtlichen Nachteil, denn sie lag halb nördlich und so ungünstig zwischen den hervorstehenden Außenwänden der anderen Flügel des Gebäudes, daß der große Balkon fast gar keine Sonne abbekam und dadurch einigermaßen sinnlos wurde. Bei einer Wochenendewohnung am Meer konnte man aber natürlich etwas Sonnenschein erwarten, wenn man schon keinen Seeblick hatte – und wer konnte sich den schon leisten. Es war gar nicht zwingend, abends auf das Meer zu gucken, zumal die Ostseeküste ja ohnehin mit dem Problem behaftet ist, daß die Sonne über dem Meer nur auf- und nicht untergeht. Den Nachmittagskaffee aber wollte man sich doch bitte mit etwas Sonnenschein auf der Erdbeertorte vorstellen. Die Wohnung war durch diesen Mangel an Licht deutlich billiger als die anderen im Haus und auch noch ein Jahr nach der Fertigstellung blieb sie unverkauft, es hing ein peinlich grelles Hinweisschild eines Maklers im Wohnzimmerfenster, zur Straße hin. Über den Balkonen der Residenz waren ausfahrbare Markisen in einem einheitlichen Orangefarbton angebracht, die alle schon im ersten Sommer nach dem Bauende in ein sanftes Gelb ausblichen, nur die Markise der Nordwohnung blieb leuchtend orange und erinnerte diejenigen, die das Haus lange genug kannten, auch Jahre später noch an dieses grellfarbene Maklerschild. Im zweiten Sommer, nachdem die ersten Bewohner der Residenz eingezogen waren, wurde die Wohnung von dem König gekauft.

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9
Okt

Die Herzdame meint es gut

by Maximilian Buddenbohm in

Ein Kompliment ist in den meisten Fällen ein sprachliches Geschenk. Es erfreut und belebt, es hebt die Stimmung und es ist in aller Regel förderlich für das Selbstbewußtsein der oder des Angesprochenen.

Komplimente der Herzdame sind auch so, aber nur, wenn man eine Weile darüber nachdenkt. Etwa ein, zwei Stunden. Dann kommt man darauf, daß sie es wohl doch gut meint, wenn sie mir nachdenklich in die Augen sieht, mich dann nach einem Augenblick in den Arm nimmt und sagt: “Wie gut, daß du mein Mann bist. Ich hätte auch mehr Pech haben können.”

6
Okt

Ich küsse ihre Hand, Madame

by Maximilian Buddenbohm in

Als ich vierzehn Jahre alt war, habe ich den ersten Job meines Lebens angenommen, als Ladengehilfe bei Monsieur René. “Feinkost René” war der Name eines Geschäftes in Travemünde, ein kleiner Laden, fast winzig, aber doch mit einem sehr breiten und nicht eben günstigen Angebot an Obst, Gemüse, Wurst und Käse. Der Inhaber, Herr René, an dem außer dem Namen nichts Französisches war, ließ sich von den Angestellten gerne Monsieur nennen, weil er meinte, es wäre förderlich für das Ansehen des Ladens und insbesondere seiner Person, wenn diese Anrede gelegentlich fallen würde: “Französisch zieht immer, bei den Damen”, sagte er.

Er war etwa Mitte sechzig, als ich anfing, bei ihm zu arbeiten. Er hatte fast keine Haare mehr auf dem Kopf, nur einen sehr schmalen, schütteren Kranz weißer Strähnen, die er aber in erstaunlich bohèmienhafter Länge zu tragen pflegte. Er hatte stets ein weißes Oberhemd an, dazu eine verwegen nachlässig gebundene Krawatte von beachtlicher Farbigkeit. Eine große, dunkelgrüne Schürze verdeckte den unteren Teil seines Anzugs komplett. Er hielt sich im Eingangsbereich des Ladens auf, wo das Obst ausgelegt war und im Sonnenlicht appetitlich leuchtete und wo ein paar Meter weiter eine alte Registrierkasse stand, vor der ein sehr heruntergekommener, äußerst wackeliger Bürodrehstuhl als sein Lieblingsplatz diente. Während er auf Kundschaft wartete, saß er summend auf diesem fragilen Stuhl und tippte im Rhythmus seiner Melodien sinnlose Zahlen in die Kasse, als würde er ein Kinderschlagzeug bearbeiten. Gelegentlich, wenn seine Lieder besonders schwungvolle Stellen erreichten, drehte er sich mitsamt dem Stuhl um die eigene Achse, und nur durch seine jahrzehntelange Übung war es zu erklären, daß er dabei nicht mitsamt dem hinfälligen Möbel zu Boden ging.

Der Laden wurde fast nur von Touristen frequentiert, denn die Einheimischen zogen es entschieden vor, zu zivilen Preisen in den Supermärkten des Ortes zu kaufen. Wenn eine der älteren, in Travemünde kurenden Damen den Laden betrat, wurde aus dem unentwegten Summen des Inhabers sofort Gesang und er schmetterte in einer brüchigen, hohen und doch tonsicheren Stimme Schlager aus längst vergangener Zeit. So eilte er der vor dem Obst wartenden Kundschaft entgegen, als wäre sie eine lange vermißte Liebschaft und sang “Ich küsse ihre Hand, Madame” mit beachtlicher Inbrunst. “Ach, Herr René” säuselten die Damen beschämt, wenn sie ihn schon kannten. Wenn sie neu in dem Laden waren, standen sie im ersten Schreck mit offenem Mund staunend vor ihm. Er pries wortreich sein Obst an, zeigte einzelne Äpfel, bot Weintrauben zum Probieren an, zerschnitt Orangen und hielt Erdbeerkörbchen hoch, dabei immer mal wieder ein neues Lied anstimmend. So verkaufte er den Damen, was er wollte und was rausmußte, nicht aber, was auf deren Einkaufszettel stand. Er schäkerte beim Abwiegen heftiger als ohnehin schon, um so zu kaschieren, daß sein Daumen der Waage einen ordentlichen Zusatzausschlag einbrachte. Nach dem Wiegen tänzelte er zu der Kasse hinüber, setzte sich und tippte in atemberaubender Geschwindigkeit Zahlen hinein. Es gab nie eine Bonrolle an dieser Kasse, er nannte einen stets undokumentierten Betrag, den er aber so betonte, als würde es sich um einen Sensationspreis oder doch zumindest um eine besonders schöne Zahl handeln, soviel Begeisterung lag in seiner Stimme. Ich habe in zwei Jahren nicht erlebt, daß sich eine Kundin über die Phantasiepreise, die mit den Auszeichnungen auf den Artikeln recht wenig zu tun hatten, beschwert hätte. Monsieur René strahlte und sang etwaige Bedenken einfach hinweg. Die Kundin, die zu lange über ihr Wechselgeld nachzudenken schien, hörte ihn singen: “Liebling, was wird nun aus uns beiden? Soll ich glücklich oder traurig sein?” und er sah sie so treuherzig dabei an, daß ein Nachrechnen dann doch nicht mehr ganz so wichtig schien. Er öffnete der Dame die Tür, verbeugte sich tief, pfiff ihr ein kräftiges “Muß i denn” hinterher und setzte sich wieder an seinen Kassenplatz.

Die Damen kamen wieder. Für die Zeit ihres Aufenthaltes stieg ihr Bedarf an Äpfeln und Erdbeeren sogar sprunghaft an, was daran lag, daß Monsieur René ihnen schon am zweiten Besuchstag ein vergnügtes “Wie immer?” entgegenrief und ohne weiteres Abwarten das gleiche umfangreiche Obstsortiment wie am Vortag zusammenstellte. Der Protest hielt sich in Grenzen, zumal der Chef mit großer Geste einen schimmernden Pfirsich ausdrücklich als Geschenk des Hauses obenauf in den Einkaufskorb legte, mit einem theatralischen Blick, als hätte er soeben fünfzig rote Rosen auf Knien überreicht.

Ich habe als Ladengehilfe die Regale aufgefüllt, Kartons gestapelt und Äpfel blankgerieben, während Monsieur neben mir die Damen bediente, verwirrte und betörte und ich habe viel gelacht, über diese leichtgläubigen Kundinnen, die man allzu leicht betrügen konnte.

Ich habe erst viel später verstanden, daß Monsieur sein Geld wert war.

4
Okt

Fahrstuhlfreuden

by Maximilian Buddenbohm in

Normalerweise spricht man im Fahrstuhl nicht, wenn Fremde zusteigen. Da man dort unmöglich überhören kann, was geredet wird, ist es allgemein üblich, Gespräche abzubrechen und erst nach der Fahrstuhlfahrt wiederaufzunehmen. Man debattiert vor Fremden und auch vor nur entfernt bekannten Kollegen keine Firmenintrigen und man klärt auch keine Ehe- oder Beziehungsprobleme. Um so verblüffter war ich heute mittag, als vier Damen zu mir in den Firmenfahrstuhl stiegen und ihr Gespräch untereinander nicht beendeten, sondern ungeachtet meiner Anwesenheit fortsetzten mit einer Frage, die unmißverständlich hieß: “Was macht denn eigentlich dein Hengstproblem?”

Man hört es und staunt. Der Reitsport ist doch verbreiteter als man denkt.

4
Okt

Kaffe.Satz.Lesen 33: Veranstaltungshinweis

by Maximilian Buddenbohm in

Kaffee.Satz.Lesen.32

Schon wieder ein Termin: Ich habe die wirklich große und nervös machende Ehre, am Sonntag dem 29.10. beim Kaffee.Satz.Lesen, der Lesereihe der Rederei Hamburg in der Baderanstalt in Hamburg Hasselbrook mitzumachen. Es lesen Mirko Bonné, Matthias Keidtel, Bov Bjerg, Kerstin Brockmann und ich. Man kann außerdem sehr schöne Fotografien von Kerstin Schlitter sehen.

Weitere Informationen zu der Veranstaltung, die übrigens immer einen Besuch lohnt, findet man hier.

Frühes Erscheinen empfiehlt sich, nach aller Erfahrung wird es ab halb vier knapp mit den Plätzen und man braucht vorher schon fünf Minuten, um die Funktionsweise des Fahrstuhls zu verstehen. Menschen, die etwas praktischer veranlagt sind als ich, schaffen das allerdings vielleicht auch in ein paar Sekunden. Man kann gerne hungrig kommen, es gibt Kuchen (und es gibt hier zumindest einen Leser, der wohl schon deswegen hingehen wird).

Ich freue mich sehr darauf!

1
Okt

Das Nebelhorn – Eine Geräuschbeschreibung

by Maximilian Buddenbohm in

Morgens an der Alster

Ich wohne schon seit zwanzig Jahren nicht mehr an der Küste. Das ist meist nicht weiter schlimm, denn ich wohne in Hamburg, der einzigen Großstadt, die nicht am Meer liegt, in der die See aber dennoch überall zu spüren ist. Die Elbe trägt Geruch und Wetter von der Nordsee mit der Tide in die Stadt, die Möwen, die hier schreien, waren eben noch draußen am Strand und wenn man an den Landungsbrücken steht, kann man das Meer zwar nicht sehen, aber es ist doch da. Immer wieder stehen da Touristen an den Fischbrötchenständen, die wirklich meinen, daß da irgendwo, da gleich hinter den riesigen Docks von Blohm & Voss vielleicht, der Fluß münden müßte, so überzeugend ist das Küstengefühl am Hamburger Hafen.

Es fehlt mir nicht, das Meer zu sehen, es fehlt mir nicht, am Strand entlang zu gehen. Ich habe oft genug erlebt, wie grausam langweilig, endlos öde und leblos das Meer in einem norddeutschen Winter aussehen kann, in so einem zähen Winter ohne Schnee, der nichts als bitterkalte Tage bringt mit dem immer schneidendem Wind, mit immergrauen Wolken über dunkelgrauer See an fahlgrauem Strand. So grau ist das dann alles, daß man verrückt werden möchte, vor Sehnsucht nach einer Farbe. Wenn man da überwintert, wenn es da dann nicht März werden will und die leeren Villen an der Promenade Woche um Woche verlassen dastehen wie Geisterhäuser – das vermißt man nicht, nie.

Es fehlt mir nicht, im Sommer im Meer zu sein, ich habe als Kind mehr gebadet als die meisten Menschen es im ganzen Leben schaffen werden. Es fehlt mir nicht, auf heißem Sand zu liegen, ich habe Jahre darauf verbracht, es hat gereicht. Wenn ich heute mal an das Meer fahre, ziehe ich mir nicht mehr die Schuhe aus und gehe barfuß über den Strand, ich setze mich lieber in ein Café und sehe den anderen zu, die das machen und meinen, sie müßten sofort und auf der Stelle dadurch sehr glücklich werden, obwohl sie sich nur blutige Füße laufen, auf den Muschelschalen

Ich denke fast nie an das Meer. Aber wenn es Herbst wird und die ersten diesigen Tage kommen, an denen man etwas von Nebel ahnen kann, der hier in der Großstadt doch nie so ganz richtig zum Nebel wird, dann fehlt mir doch etwas: Das Geräusch des Nebelhorns am Abend.

Das Nebelhorn von Travemünde hörte man mit Beginn des Herbstes nahezu jeden Tag, erst mit dem Frühjahr gab es wieder sonnige Tage mit klarer Luft, an denen es ganz stumm blieb.
Mit der Abenddämmerung der Oktobertage setzte es ein, ein tiefes, sehr tiefes Geräusch, langgezogen, langsam, gewaltig. So tief, daß man es nicht nachmachen konnte, so weit kommt keine menschliche Stimme hinunter. Das Geräusch schob sich durch die Dunkelheit, durch den Dunst, weit auf die See, den Schiffen entgegen. Es war nicht gleichmäßig, es blieben Stücke im Nebel hängen, es franste aus, es waberte durch die dicke Luft und das Ende verlor sich unklar und weit im Osten, drüben in Mecklenburg und draußen, auf dem Meer. Man nahm das Nebelhorn an den Abenden erst gar nicht wahr. Es war immer da, man hörte es aber nicht, wie man den Wind nicht hört oder wie man den Regen an den Scheiben nicht beachtet. Aber wenn man ins Bett ging und das Licht ausmachte, die Augen schloß und sich in die richtige Lage gedreht hatte – dann war es unüberhörbar da. Ein majestätischer Ton, der die Nacht regierte, von weit, weit weg, nebelverhangen, nachtgedämpft und doch immer so laut, daß es im ganzen Ort zu hören war. Im ganzen Ort, auch noch in den Nachbardörfern und draußen, auf der Fahrrinne, wo die Schiffe aus Schweden oder Finnland auf Travemünde zuliefen. Das Nebelhorn war regelmäßig, es tutete ein paar Sekunden, dann kam eine längere Pause, dann wieder ein Tuten. Man konnte mit dem Rhythmus atmen, man konnte auf das nächste Einsetzen warten und bei diesem Warten in Träume fallen, zwischen zwei Töne fiel man da und wenn man nachts mal aufwachte, war es wieder da. Man lag im warmen Bett und immer mahnte das Horn im Minutentakt, daß es draußen kalt sei, Herbst und Nebel. Durch das offene Fenster kam die Nachtkälte, ein wenig tiefer unter die Decken gerutscht und auf das Nebelhorn gewartet, da war es wieder. Es war an manchen Abenden kaum zu hören, wenn die Luft sehr dick war und die Wolken besonders tief über dem Meer hingen, aber irgendwann fand man den Ton doch in der Nacht, wie man ein großes Gebäude im Dunst eben doch irgendwann sieht. Auf das Nebelhorn war Verlaß und um von den Tagesgedanken zu den Traumbildern zu kommen, war es das Beste, genau hinzuhören, so angestrengt genau hinzuhören, daß man schon meinte, zwischen zwei Einsätzen des Horns den leisen, grauen Wellenschlag am Strand zu hören, da war man aber schon eingeschlafen und die letzte Wahrnehmung war gerade eben noch das nächste Einsetzen des Horns, das einen tiefer in die Dunkelheit schob.

Das wird mir immer fehlen. Das Nebelhorn als meine sichere Brücke in die Nacht.