Ich hätte gerne ein Dings

Dat BackhusWie kommt es nur zu der weit verbreiteten Unsitte, daß an den Theken in Bäckereien Brötchen und Kuchen nicht mehr durch erklärende Schilder bezeichnet werden. Warum nur haben Bäcker Spaß daran, ihre Kunden die Ware raten zu lassen? Brötchen, Brot und Kuchen heißen bei keinen zwei Bäckern gleich, der Kunde hat also keine Chance, einen Namen richtig zu raten, wenn sich der Appetit nicht gerade auf Superklassiker wie etwa die Sachertorte oder das gemeine Mohnbrötchen richtet.

Das Nichtwissen des korrekten Namens zwingt die Kunden zu Winkzeichen und Klopfereien mit den Fingern an der Verkaufstheke. Noch schlimmer, es zwingt zu ausschweifenden Erklärungen, während von hinten schon andere Kunden nachdrängeln und stöhnen, weil alles zu lange dauert. Das ergibt dann einen Standardbäckerdialog, der in keinem Buch „Deutsch für Ausländer“ fehlen sollte. Etwa so:

Kunde: Eines davon bitte. [Zeigt vage irgendwohin]
Verkäuferin: Wovon?
Kunde: Von den Dingens. Da, die. [Bückt sich, zeigt und klopft gegen die Scheibe der Theke]
Verkäuferin: Eine Apfelschnecke?
Kunde. Na, wenn sie denn so heißen.
Verkäuferin: Wollen sie nun eine Apfelschnecke?
Kunde: Ja. Ich denke schon
Verkäuferin: [greift nach dem Dings] Eine?
Kunde: Nein! Das links davon!
Verkäuferin: Das hier?
Kunde: Nein. Von ihnen aus rechts.
Verkäuferin: Das hier?
Kunde: Rechts!
Verkäuferin: Das?
Kunde: Davor die.
Verkäuferin: Das hier? Ach. Das ist aber keine Apfelschnecke.
Kunde: Sondern?
Verkäuferin: Na, ein Fruchtplunder.
Kunde: Meinetwegen.
Verkäuferin: Also einen davon jetzt?
Kunde: Ja. Einen Fruchtplunder oder wie immer es heißt.
Verkäuferin: Ich werde wohl wissen, wie das heißt.
Kunde: Aber ich nicht!
Verkäuferin: Alles?
Kunde: Nein, noch vier normale Brötchen, bitte.
Verkäuferin: [zeigt auf vier Fächer, in denen genau gleich aussehende Brötchen liegen] Weltmeisterbrötchen, Stadtteilbrötchen, Knackfrische oder Kaiserbrötchen?

Es ist kein Wunder, daß so viele Menschen in der morgendlichen S-Bahn schlecht gelaunt sind. Wahrscheinlich wollten sie vor der Arbeit alle noch eben ein Dings kaufen.

13 comments

  1. Klaus

    Das ist die Vorbereitung auf die komplette Abschaffung der Bäckereifachverkäuferinnen – demnächst gibt’s nur noch einen kleinen Kran, der mit Knöpfen von außen gesteuert wird. Wie bei diesen Kirmes-Automaten, bei denen man sich so Plüschtiere angeln kann.

  2. Merlix

    @Bluesky: Wieder was gelernt. Ich dachte immer, der Name „Seele“ für Gebäck wäre die besonders schräge Idee einer großen Bäckereikette.

  3. gaga

    und dann immer noch die schande der eigenen fettigen fingerabdrücke. man möchte verschämt das zerknüllte tempo aus dem anorak holen und nachpolieren. am besten man geht auf diät.

  4. pollon

    @merlix + darkrond: Die große Bäckereikette hatte eine zeitlang vor ihren Läden auf Tafeln geworben: 3 Seelen – 4 €. Also auch Obacht bei der Kette 😉

  5. Coatl de Zap

    War Goehte etwa Schwabe?
    Und noch viel wichtiger für mein Kulturelles Wissen:
    War Mephisto vielleicht nur hungrig?
    Neue Weltsichten tuen sich auf

  6. andi

    Schon das „gemeine Mohnbrötchen“ birgt einen Fallstrick. Brötchen heißt nicht immer Brötchen und entlarvt ganz schnell den norddeutschen Touristen hier in Bayern (siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Br%C3%B6tchen#Regionale_Bezeichnungen ).
    Ich bin der Meinung, dass so genannte „Back-Shops“ nicht nur wegen den billigeren Preisen (da man zum Kassieren keine dieser Bäckereifachverkäuferinnen mehr braucht und auch nur noch zwei Personen den Laden schmeißen können: einer der kassiert und der andere schiebt die tiefgefrorenen Sachen in den Backofen), sondern auch eben wegen dieser oben beschriebenen Sprachproblematik ihren Siegeszug weiter fortsetzen werden. In solchen Shops kann man ganz stumm einkaufen, ohne peinlichem Fingerzeig und wildes Umschreiben der Backware.

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