September, 2006 Archives
Sep
Russisch Brot (mit Veranstaltungshinweis)
by Maximilian Buddenbohm in
Zwei spannende Möglichkeiten, kostenlos an Russisch Brot, diese spaßige Gebäckspezialität mit den Buchstaben, zu kommen: Man kann versuchen, es der zweieinhalbjährigen Tochter einer Freundin durch Schmeicheleien oder auch schlichten Mundraub zu entwenden (viel schwerer, als man denkt, habe ich kürzlich erst probiert) – oder man kann morgen bei “8 Minuten Eimsbüttel”, einem Poetry-Slam teilnehmen, wo es Russisch Brot als Siegesprämie gibt. Herr Paulsen und ich versuchen morgen die zweite Möglichkeit (die irgendwie auch nicht wie eine richtig einfache Option klingt).
Siehe auch: Ankündigungstext von Herrn Paulsen.
8 Min. Eimsbüttel
Javahouse
Osterstr. 4, 20259 Hamburg.
Freitag, 29. September 2006
Beginn: 20.00 Uhr
Eintritt frei
Sep
Vorbereitung ist alles
by Maximilian Buddenbohm in
Als ich gestern vom Büro nach Hause kam, standen zwei junge Männer vor unserer Haustür und unterhielten sich. Als ich auf sie zuging, merkte ich, daß es eine ziemlich bewegte Unterhaltung sein mußte, so heftig gestikulierten die beiden herum. Einer der beiden hatte ein Fahrrad dabei und schlug gelegentlich mit der Faust auf den Lenker. Als ich nahe genug war, sagte er gerade mit einer Stimme, die deutlich nach Tränen klang, den wenig originellen Satz: „Ich kann so einfach nicht leben!“, wobei er wieder auf den Lenker einhämmerte, dem Rhythmus der Silben folgend.
Sein Freund schüttelte nur den Kopf, sah ihn nachdenklich an und sagte: „Nein nein, viel zuviel. Das glaubt sie dir niemals.“
Sep
Das pralle Leben
by Maximilian Buddenbohm in
Zwischen meinem zwölften und zwanzigsten Lebensjahr wohnte ich in Travemünde, einem Vorort von Lübeck an der Ostseeküste. Meine Eltern hatten sich, wie es viele gutverdienende Menschen aus Lübeck oder Hamburg in den frühen Achtzigern getan haben, dort eine Wochenendwohnung gekauft. Das hatte weniger mit der Liebe zum Meer, als vielmehr mit sogenannten Steuersparmodellen zu tun, aber das sagte mir als Kind natürlich nichts. Alle Menschen wollten sowieso immer am Meer sein, dachte ich damals.
Unsere Wohnung war in einem Gebäude, daß “Strandresidenz” hieß, es hatte vier Stockwerke und fünfundsiebzig Wohneinheiten, die alle recht winzig waren. Wie die meisten dieser großen Wochenendbauten war die Residenz etwas merkwürdig geformt, damit alle Balkone möglichst viel Sonne abbekamen und einige sehr teure Wohnungen in der obersten Etage gerade eben noch etwas kostbaren Seeblick hatten, knapp über die Nachbarhäuser hinweg. Wenn man diese Gebäude heute sieht, hält man sie nur für allmählich verfallende, deutlich überdimensionierte Bausünden, damals galt es aber geradezu als feudal, sich am Wochenende für ein paar Stunden mit der ganzen Familie auf den doch immerhin meernahen Balkon drängen zu können. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich zwölf Jahre alt war und meine Mutter und ich bezogen daraufhin diese Wochenendwohung als dauerhafte Bleibe.
An den Wochenenden im Sommer war das Haus belebt von zahlreichen Familien mit Kindern, die am Abend lärmend vom Strand zurückkamen und auf dem Rasen vor dem Haus weiterspielten. Es roch dann im Treppenhaus und aus jeder Wohnung nach Sonnenöl und auf den dunklen Teppichen der langen Flure waren überall feine, helle Spuren von Sand und zertretenen Muscheln. Aus einigen Apartments hörte man Säuglinge schreien, gelegentlich hingen vergessene Badehandtücher über dem Treppengeländer, das Haus roch und klang ganz wie ein weitläufiges Hotel am Meer. Es war aber sehr merkwürdig, während der Woche durchgehend dort zu wohnen, denn spätestens am Montagmorgen leerte sich das ganze Haus. Die Wochenendgäste fuhren alle zurück nach Lübeck oder Hamburg, um wieder ihrer Arbeit nachzugehen. Wenn nicht gerade Ferienzeit war, gab es ganze Wochen, in denen abends nur bei uns Licht brannte, alle anderen Wohnungen standen leer und blieben dunkel. Das verlassene Gebäude war gespenstisch ruhig um uns herum. In der Tiefgarage des Hauses, gebaut für fünfundsiebzig Autos, stand unter der Woche meist nur unser R4, daneben mein Fahrrad und weiter hinten ein abgemeldetes Cabrio ohne Vorderreifen. Es war mein größtes tägliches Grauen, dort morgens hallenden Schrittes vom Fahrstuhl zu unserem Stellplatz zu gehen, wo doch sicher hinter jeder der Betonsäulen der riesigen, leeren Garage fernsehkrimimäßige Unholde lauerten.
Im Laufe der Jahre zogen erst nach und nach noch andere Parteien dauerhaft in die Residenz ein, Rentner zumeist, die ihren Ruhestand am Meer verbringen wollten. Unsere Nachbarwohnung gehörte auch so einem Paar. Hilde und Hans hießen die Eigentümer, sie kamen aus Hamburg, wo sie einen Handwerksbetrieb hatten und gemeinsam führten. Einen Betrieb, der ganz außerordentlich gut lief sogar. Beide waren etwa Anfang sechzig und sie hatten es geschafft. Sie hatten Geld, viel Geld und sie legten auch Wert darauf, die entsprechenden Statussymbole zu zeigen. Teure Anzüge, Pelzmäntel, Schmuck, immer der jeweils neueste Mercedes. Begleitet wurden sie von einem würdevollen und steifbeinigen Pudel in feinem Silbergrau, der im Winter und bei kühlem Regenwetter ebenfalls teure Mäntelchen tragen mußte.
Sep
Leck mich
by Maximilian Buddenbohm in
Ich hatte vor einiger Zeit eine Diskussion mit meiner Freundin Birgit, bei der wir uns nicht recht einig werden konnten. Wir beide neigen dazu, uns stundenlang tiefschürfend in sehr ernsten Themen zu verlieren, und an diesem Abend ging es um Leckmuscheln. Die Leckmuschel ist natürlich ein Bestandteil jeder gepflegten Kindheitserinnerung und da Birgit und ich gleich alt sind, gingen wir auch davon aus, uns an vergleichbare Produkte zu erinnern. Ich bestand nun darauf, daß es damals Leckmuscheln nur in roter und grüner Farbe gab, sie meinte, sich deutlich an eine dritte Farbe zu erinnern: Braun.
Braune Leckmuscheln? Mit Colageschmack? Nicht in meiner Kindheit, soviel steht fest. Man hat ja auch einen gewissen Stolz, was die Richtigkeit der Erinnerung an Kindheitssüßigkeiten angeht und so stand Meinung gegen Meinung und wir beendeten den Abend bedauerlicherweise ohne Einigkeit erzielen zu können. Kurz darauf brachte sie mir aber, siehe Bild, den Beweis vorbei.
Wie kann so etwas nun sein? Meine Erinnerung trügt mich natürlich nicht, soviel steht fest, das Bild lügt aber auch nicht. Eine logische Erklärung bietet allein die Biologie: Ich gehe davon aus, daß es diese dritte Variante in meiner Gegend einfach nicht gab, denn am Ende ist es natürlich wie bei allen anderen Muscheln auch: Nicht jede Art kommt überall vor. Ich komme von der Küste, Birgit aus dem westfälischen Binnenland, Salzwasser, Süßwasser, verschiedene Lebensräume, es wird natürlich etwas damit zu tun haben. Vielleicht gedeiht die braune Leckmuschel nur in einigen wenigen Zuflüssen der Weser, während die roten und grünen Arten dank robusterer Veranlagung fast überall vorkommen. Manchmal hilft eine gute Allgemeinbildung, gerade auch in den Naturwissenschaften, doch entscheidend weiter, wenn es gilt, das Weltbild zu retten.
Gerüchtehalber habe ich gerade sogar von einer vierten Farbe gehört, ich weiß leider nicht, um welche es sich handeln soll, in Hamburg scheint es sie nicht zu geben. Vielleicht kommt sie ja in Süddeutschland, Österreich oder der Schweiz vor, etwa an stillen Bergseen?
Sep
Rollenspiele
by Maximilian Buddenbohm in
Wir haben im Freundeskreis einige unverheiratete Paare, die seit Jahren zusammen sind, in einer gemeinsamen Wohnung leben und ganz offensichtlich auch zusammenbleiben wollen. Das ist selbstverständlich normal und in Ordnung, aber es ist auch naheliegend, daß Gespräche gelegentlich bei dem Punkt landen, ob man nicht doch vielleicht den offiziellen Schritt gehen könnte. Eine der Standardantworten von Frauen auf die Frage, warum sie auch nach etlichen Jahren nicht heiraten würden, scheint ganz erstaunlicherweise “Er fragt mich einfach nicht” zu sein. Worauf der Mann dann antworten kann, daß Fragen im Sinne eines Heiratsantrages ja wohl so was von retro und kitschig sei, daß es einfach nicht in Frage käme und überhaupt könnte die Frau ja auch selber fragen, heutzutage. Letzteres kann die potentielle Braut dann wieder pikiert ablehnen, denn bei aller Modernität im Rollenverständnis soll der jederzeit zuschaltbare Romantikmodus natürlich dennoch erhalten bleiben. Und wenn man genau zuhört, merkt man, daß es zwar spaßige Antworten sein sollen, das Thema Heiratsantrag aber auch heute noch gewaltig aufgeladen ist und ganz leicht in ernste Auseinandersetzungen über gegenseitige Erwartungen kippen kann.
Jetzt habe ich im Gespräch mit einer Freundin eine andere Variante dieser Antwort gehört, die geradezu vorbildlich die klassischen Rollenbilder und die erfolgreichen Emanzipationsbestrebungen der letzten Jahrzehnte logisch und selbstverständlich verbindet. Die Dame sagte, ganz ohne es als Scherz zu meinen:
“Wir können nicht heiraten. Ich habe ihn doch noch gar nicht gefragt, ob er mich nicht mal fragen möchte”.
Das, scheint mir, sollte den neuen Standard bilden.
Sep
Mit Google in den Herbst
by Maximilian Buddenbohm in
Es regnet, es wird früh dunkel, es herbstelt ein wenig heran. Zeit für bittere Geschichten also und eine wurde mir heute gewissermaßen von Google geschenkt. So kurz und so gemein, daß ich sie hier wiedergeben möchte.
Offensichtlich gibt es immer noch Menschen, die denken, Google würde auf komplexe Fragen mit Ja oder Nein antworten. Die Herzdamengeschichten wurden direkt nacheinander und in dieser Reihenfolge durch die folgenden drei Suchanfragen gefunden:
1) “Ist ein Mann mit vierzig zu alt?”
2) “Ziehen sich Frauen zurück, wenn es nicht mehr klappt?”
3) “Erste Erfahrungen mit Sodomie”
Das würde inhaltlich zweifellos für einen Roman oder ein Theaterstück reichen, aber in dieser Kürze hat es auch etwas
Sep
Im Spiegel der Natur
by Maximilian Buddenbohm in
Wenn man nur lange genug als Paar zusammen ist, schränkt sich die Kommunikation natürlich etwas ein, weil man sowieso weiß, was der andere gerade denkt. Wenn man die Antwort schon kennt, muß man die entsprechende Frage eben nicht stellen; wenn man die Erwiderung des anderen ahnt, muß man ein Thema auch gar nicht erst anreißen.
Am Wochenende war ich mit Herzdame in einem Wildpark bei Hamburg, wo man sich so beschaulichen Tätigkeiten wie etwa dem Streicheln von freilaufenden Rehen hingeben kann. Sehr nett. Da stand ich mit der Herzdame auch des längeren vor einem Rudel Hängebauchschweine.
Wir sahen ihnen eine Weile zu und dachten angesichts der Proportionen der Tiere synchron etwa folgenden inneren Monolog:
“Wenn ich etwas über die figürliche Ähnlichkeiten mit ihm/ihr sage, ist das ein echt flacher Witz, obwohl natürlich sehr, sehr naheliegend. Aber er/sie denkt das bestimmt auch gerade jetzt und wird es wohl genau wie ich eigentlich zu flach finden, was ja auch stimmt. Wenn ich es also sage, und er/sie nicht, ist das irgendwie kein toller Pluspunkt, denn er/sie wird mir dann bestimmt vorwerfen, blöde Witze zu machen, und auch noch Recht haben. Obwohl es natürlich schon schade ist, den Scherz auszulassen, wenn man die so sieht, die kleinen Schweinchen.”
Und dann sahen wir uns an und sagten wie aus einem Munde nur vollkommen verständnisinnig: “Schon klar.” Und gingen schweigend weiter. Manche Dinge werden immer einfacher, je länger man zusammen ist.
Sep
Krümelkai
by Maximilian Buddenbohm in
Als die Herzdame und ich noch nicht zusammenlebten, wohnte sie in einer WG im eher unappetitlichen Teil des Hamburger Bahnhofsviertels. Es war eine große Altbauwohnung für erstaunlich wenig Geld, was daran lag, daß vor der Haustür mit Crack gehandelt wurde und nachts junge Stricher auf Freier warteten. Wenn man von Land kommt und sich die Großstadt als wild und gefährlich vorstellt, war es die ideale Szenerie zum Klischee. Die WG-Bewohner waren jung und hatten oft Gäste, Besucher aus den Heimatregionen, Kommilitonen, alte Schulfreunde. Einer dieser Gäste war jemand, den wir später Krümelkai nannten. Als ich ihn zum ersten Mal sah, saß er auf dem Wohnzimmersofa mit einer Gruppe von jungen Menschen aus Mecklenburg, die sich für einen Hamburgbesuch in einem der Zimmer einquartiert hatten. Die Gäste waren alle sehr munter, erlebnishungrig und neugierig auf das Hamburger Nachtleben, nur er nicht. Er sprach kaum und wenn, dann nur sehr leise, wobei er den Kopf kaum hob und sich eher widerstrebend im Raum umsah. Man konnte seinen Blick kaum erkennen, so dreckig und fettverschmiert war seine Brille. Es schien ihm nichts auszumachen, ich habe diese Brille an ihm auch später nie in anderem Zustand gesehen. Gelegentlich wurde er auf einen Satz in dem Gespräch um ihn herum aufmerksam und machte einen Ansatz, sich ins Gespräch einzumischen. Seine Beiträge brachen aber nach wenigen Wörtern wieder weg, er winkte ab und versank in Nachdenken, wobei er sehr angestrengt aussah. Seine Freunde schienen das gut zu kennen und achteten wenig auf seine Bemerkungen, sie waren es wohl gewohnt, daß die Halbsätze ins Leere liefen. Seine Kleidung war im Gegensatz zu der seiner Mitreisenden überhaupt nicht modisch. Er trug, was Menschen tragen, denen Trends vollkommen egal sind, eine einfache Jeans und ein schlichtes Sweatshirt. Die Sachen wirkten etwas schmuddelig. Seine Haare hingen wirr, man konnte ahnen, daß es sich vor Wochen einmal um eine Frisur gehandelt haben mußte. Er hatte anscheinend überhaupt kein Interesse an seiner Erscheinung.
Er blieb eine Weile in Hamburg und kam öfter vorbei, so daß wir ihn etwas näher kennenlernten. Er hatte einige Semester eher ziellos in verschiedenen Städten unterschiedlichste Fächer studiert und war schon seit Monaten in krampfhaftem Nachdenken gefangen: Er wußte einfach nicht, was er weiter tun sollte. Er wußte es in einem solchen Ausmaß nicht, daß das Grübeln über die eigene Lage ihm zur schwersten Arbeit geworden war, so unvorstellbar schwer und zeitraubend, daß er für alle anderen Jobs schlicht unbrauchbar war. Er hatte Friedhöfe geharkt, Kartons gestapelt, war in Gewerbegebieten Streife gelaufen und hatte einige andere eher schlichte Beschäftigungen probiert, wurde aber stets schnell wieder entlassen, denn er paßte einfach nicht auf. Guckte in die Luft, dachte nach und vergaß den Rest um sich herum.
Er sah nach innen und grübelte. Kaum daß er noch in seiner Umwelt etwas wahrnahm, was ihn nicht sofort wieder in sich zurückwarf, wo er den neu aufgetauchten Aspekt von allen Seiten betrachtete, jeder möglichen Verzweigung des Themas hinterhersann und lange überlegte, was daraus zu folgern sei. Es gab niemals ein Ende dieser Gedankenknäuel, kein Knoten löste sich auf, kein loses Ende war je der Anfang des Ariadnefadens. Er saß oft allein in der Küche der WG und drehte Zigaretten, damit konnte er sich erstaunlich lange beschäftigen. Da er nicht darauf achtete, was er tat, waren der Tisch und sein Stuhl hinterher mit Tabakkrümeln und verlorenen, angerissenen Blättchen übersät, daher auch sein Name bei uns, Krümelkai. Wenn er sich auch nur ein Brötchen schmierte, richtete er ein unfaßbares Chaos an, da ihm alles herunterfiel und er mit fahrigen Bewegungen alles durcheinanderwarf. Man sah sofort, wenn er in der Küche gewesen war, er hinterließ Spuren wie ein fünfjähriges Kind. Der deutliche, erdbeerrote Marmeladenabdruck seiner Hand auf der Kühlschranktür taugte uns zur Erheiterung und auch als Fotomotiv.
Wir haben uns vorgestellt, daß es wahrscheinlich gereicht hätte, ihm das Hamburger Telefonbuch zu geben, um ihn bis ans Lebensende geistig zu beschäftigen. Er saß und dachte und krümelte Tabak um sich herum. Vorstellungsgespräche scheiterten schon daran, daß er versuchte, sich dabei eine Zigarette zu drehen. Unsere vorsichtigen Hinweise auf die Möglichkeiten therapeutischer Hilfe wies er freundlich zurück, er müsse sich erst über ein paar Dinge klar werden, bevor er sich solchen neuen Fragen widmen könne.
Als er eines Tages mitbekam, daß ich gelegentlich nebenbei als Astrologe arbeite, bedrängte er mich, ihm etwas über den Schützen zu erzählen. Er wußte nur sein Sonnenzeichen und sonst nichts zu dem Thema. Ich habe mit ein paar einfachen Schlagworten und eher ohne Begeisterung geantwortet; etwa mit dem Streben nach Horizonterweiterung, mit der Reiselust und dem Interesse an religiösen oder philosophischen Fragen. Wenn man solche Gespräche einmal beginnt, kann man sich ihnen manchmal über Stunden nicht mehr entziehen und ich wollte ins Bett. Er sah mich mit offenem Mund an und bat mich, das mit dem Horizont zu wiederholen.
Er sah plötzlich ungewohnt wach und interessiert aus und er sprang hektisch auf und suchte in seinen Sachen nach etwas. Seine Hosentaschen bargen Schätze wie bei kleinen Jungs, Taschenmesser, Kastanien, Bonbons und mehrere Streichholzschachteln. Schließlich fand er einen zerknitterten Zettel, eine herausgerissene Seite aus einem Esoterikmagazin. Es war die Ankündigung eines Vortrages über sibirische Schamanen, er hatte sich diese Einführung gerade am Vorabend angehört. Er wirkte jetzt sehr euphorisiert: “Das ist es, da muß ich hin. Sibirien. Gleich! Kam mir gestern schon so vor, als ich das gehört habe und du sagst es jetzt ja auch. Reisen, Horizonterweiterung, religiöse Fragen. Das ist es ja! Völlig klar!”
Es war vergeblich, ihn darauf hinzuweisen, daß es keineswegs meine Absicht gewesen war, ihn spontan zu einer Weltreise zu motivieren, er war Feuer und Flamme von der Idee und sehr enttäuscht, daß ich mich hartnäckig weigerte, ihm mehr über den Schützen zu erzählen.
Bereits am nächsten Tag war er zu unserem Entsetzen tatsächlich auf dem russischen Konsulat, wo er in einer Wachheit, die man ihm nicht mehr zugetraut hätte, die Einreisebedingungen klärte und schon am Nachmittag traf er sich mit dem reisenden Schamanen, der den so verlockenden Vortrag gehalten hatte. Abends kam er vorbei und erklärte er uns vergnügt, alles geregelt zu haben und startklar zu sein. Es gäbe nur das kleine Problem der Reisekosten, denn Geld hatte er keines und Sibirien war nicht eben billig zu erreichen. Er hatte daher den Plan gefaßt, sich in aller Eile einen Job, irgendeinen Job zu suchen, ganz gleich was, jeden Cent zu sparen und dann sehr schnell aufzubrechen. “Ich mach irgendwas, und dann weg, Sibirien. Alles geklärt, klappt alles, nur noch ein Job für ein, zwei Monate und los. Ich bin ein Schütze und ich muß hier raus. Dringend.”
Er fand keinen Job. Schon nach wenigen Tagen der geistigen Anspannung fing er an, über die Probleme der Jobsuche und alle denkbaren Möglichkeiten des Gelderwerbs nachzudenken und verfing sich wieder hoffnungslos in dem Geflecht seiner Überlegungen. Die unerwarteten Hindernisse irritierten ihn maßlos, er sank zusehends in sich zusammen.
Die Herzdame und ich zogen kurz darauf in eine andere Wohnung zusammen, hatten bald keinen Kontakt mehr zu der WG und verloren ihn aus den Augen. Monate später trafen wir jemanden aus seinem damaligen Freundeskreis und fragten nach ihm. Nein, er war nicht nach Sibirien gekommen, erfuhren wir, obwohl er noch oft den Eindruck erweckt hatte, schon auf gepackten Koffern zu sitzen und auch jedes Buch über Schamanismus gelesen hatte, das er irgend auftreiben konnte. Weiter konnte man uns allerdings nichts über ihn berichten. Als er nach einigen Monaten vor sich selbst zugeben mußte, Sibirien nicht erreichen zu können, hat er nämlich eine andere Form der Horizonterweiterung beschlossen und sich selbst in die Psychiatrie eingeliefert.
Danach hat keiner mehr etwas von ihm gehört.
Sep
Begeisterung, Lob und Anerkennung
by Maximilian Buddenbohm in
Ist es nicht wunderschön, wenn man Begeisterung, Lob und Anerkennung erntet, einfach nur weil man da ist? Ganz ohne etwas dafür tun zu müssen? Das ist fraglos großartig und eigentlich auch einfach zu erreichen. Man muß nur zum Beispiel als Mann zu einer Vorsorgeuntersuchung gehen, ohne die geringsten Beschwerden zu haben. Das Fachpersonal ist das offenkundig nicht gewohnt. Die Helferinnen und der Arzt guckten entgeistert und überschlugen sich förmlich vor heller Freude, als ich heute morgen in der Praxis auftauchte, mehrmals fragten man nach, ob mir wirklich und wahrheitsgemäß nichts fehlen würde, fast war mir, als wollte mich der Arzt vor Rührung in den Arm nehmen. Er hielt mir einen längeren, sehr emotionalen Vortrag über den Mann als solchen und seine unerklärliche Aversion gegen Arztbesuche. Eine schlimme Sache sei das, sagte er, als Urologe könne man es gar nicht mit ansehen, so fatal sei das, wie die Männer die Vorsorge hartnäckig ignorieren würden, um dann später dramatisch unter den Folgen zu leiden.
Dann sah er mich prüfend an, ließ wie nebenbei einen Blick auf meinen Ehering fallen, beugte sich vor und fragte leise und in vertraulichem Tonfall: “Seien sie mal ehrlich, bitte. Sind sie hier, weil sie einfach intelligenter als andere Männer sind – oder hat sie nicht doch ihre Frau geschickt? Meistens sind es ja doch die Frauen, die an die Vorsorge denken und ihre Männer sozusagen bei uns reinschieben.”
Darauf konnte es natürlich nur eine Antwort geben. Es ist ja auch sehr erfreulich, wenn ein Arzt bereit ist, einem Intelligenz zu attestieren. Der Urologe schlug mir überaus zufrieden auf die Schultern, wünschte mir alles Gute und entließ mich nach der Untersuchung ohne Befund in den Tag. Bei soviel Umjubelung und Begeisterung kann man tatsächlich die, nun ja, etwas delikate Untersuchung ruhig mal über sich ergehen lassen. Sehr albern eigentlich, sich davor drücken zu wollen.
Aber davon abgesehen hoffe ich doch sehr, daß die Herzdame in der nächsten Zeit keinen weiteren Termin in dieser Art für mich macht.
Sep
Radio Merlix: Die fünfte, sommermusikalische Folge
by Maximilian Buddenbohm in
Nichts als ein paar sonnenwarme Titel, die zu den Resten des Sommers passen.
Die Musik:
Intro: “La valse des heures” von Collectif Unifié de la Crécelle
“Solar Flare” von der Gruppe Man Bites God
“Space Cowboy” von Matthew Long
“Absinth” von Megan Palmer
“Love is on your side” von Lazo
Sep
Beate Uhse und der Kölner Dom
by Maximilian Buddenbohm in
Die Herzdame und ich waren über das Wochenende in Köln, um nach Freunden zu sehen, die vor kurzer Zeit durch den Erwerb eines Schrebergartens verhaltensauffällig geworden waren. Da macht man sich ja schon mal Sorgen und sieht besser einmal nach, ob sie ansonsten normale Großstädter geblieben sind – was aber erfreulicherweise auch tatsächlich der Fall war.
Köln war in geradezu unglaublicher Weise voller Reisegruppen, alle paar Meter stieß man auf ein Menschenrudel. Direkt vor dem Kölner Dom zum Beispiel eine Gruppe aus Japan, nur Männer und alle etwas aufgeregt, weil sie mit ihren Kameras den Dom nicht recht ins Bild bekamen. Wenn man auf der Domplatte steht, paßt er natürlich nicht mehr richtig ins Bild, wie man sich vorstellen kann. Auch die pionierhaft ausschwärmenden Japaner fanden in den angrenzenden Straßen keine wirklich gut geeignete Fotoschneise und liefen daher zunehmend hektisch um die Kirche herum. Einige fingen an, den Dom en detail aufzunehmen, also Steinfigur für Steinfigur und Zinne für Zinne, was wiederum diejenigen, die wohl die Gruppenanführer waren, sehr nervös machte und zu heftigem Gestikulieren trieb, bei dem sehr deutlich und oft auf Armbanduhren und den Bahnhof gezeigt wurde. Die Japaner wirkten insgesamt sehr unzufrieden und gestreßt.
Nur wenige Meter weiter eine russische Gruppe, ebenfalls nur Männer, vor einem Beate-Uhse-Geschäft. Die Männer stellten sich einzeln vor das Schaufenster und ließen sich dort von den Freunden fotografieren. Hier gab es natürlich keine Probleme mit dem Bildausschnitt und der Perspektive, hier paßte alles sofort. Auch die einfallsreicheren Gruppenmitglieder, die sich vor den Schaufensterpuppen, auf denen rote Dessous präsentiert wurden, auf die Knie warfen, die Schaufensterscheibe in Schritthöhe der Plastikdamen ableckten und andeuteten, Geldscheine durch die Scheibe reichen zu wollen – ganz einfach zu fotografieren. Die Russen wirkten rundum zufrieden und sehr erheitert.
Die Vorstellungen von einem gelungenen Kölnbesuch scheinen bei den internationalen Gästen doch sehr weit auseinanderzudriften.
Sep
Hören, Lesen – wie auch immer
by Maximilian Buddenbohm in
Sep
Zur aktuellen Emanzipationsdebatte
by Maximilian Buddenbohm in
Einen Klick weiter gibt es gerade einen Text von Lyssa über die unsägliche Eva Herman und ihre seltsamen Äußerungen (”Frauen zurück zum Apfelkuchenbacken”). Geradezu unfaßbar passend dazu höre ich wenig später auf der Arbeit durch unsere sehr dünnen Wände aus einem nahen Büro folgendes Telefonat einer Kollegin:
“Die sind im Kühlschrank, in der Tür… da nimmst du eines raus…oder zwei, wieviel du eben haben willst …dann machst du da ein Loch rein, mit dem Stecher…das ist das rotweiße Plastikdings, wo der Dorn da rauskommt…na, ein Loch eben! Oben! Einfach stechen! Draufdrücken! … Dann machst du Wasser in den Eierkocher, da liegt ein kleiner Meßbecher mit so Markierungen … Doch. Nein, mehr Wasser braucht man dann nicht, nur bis zur Markierung…Wie, das kann nicht reichen? Das reicht! …Dann tust du die Eier in den Kocher und machst ihn an… Na, mit dem An-Knopf eben, Herr Gott…Wenn sie fertig sind, macht das Ding Krach… Es brummt so…Doch, das hört man. Ziemlich laut…Na, und dann kannst du sie essen. Vielleicht noch vorher pellen, haha…Du schaffst das schon. Morgen mach’ ich es ja wieder.”
Auf meine Nachfrage stellte sie dann klar, daß es sich bei dem Gesprächspartner nicht etwa um entdeckungswilligen Nachwuchs, sondern um ihren Mann handeln würde (etwa Mitte fünfzig), der gerade das erste Ei seines Lebens kochen wollte. Immerhin wußte er, wo die Küche zu finden war.
Und für unseren Haushalt gilt übrigens selbstverständlich weiterhin: Wenn hier einer Apfelkuchen backt, bin ich das. So weit kommt es noch, daß ich mir mühsam erworbene Kompetenzen streitig machen lassen würde. Mein Apfelkuchen gehört mir!
Sep
Der Praktikantenporno
by Maximilian Buddenbohm in
Die Herzdame betreut nicht nur mich in technischer Hinsicht (”Du mußt das Mikro anmachen, bevor du etwas aufzeichnest…”), sie betreut auch noch ein paar andere Menschen auf ganz ähnliche Art, da sie in ihrer Firma für die Auszubildenden und Praktikanten zuständig ist. Dabei bekommt sie auch mit, wann und warum diese eventuell nicht zur Arbeit kommen, also die ganzen Fälle von Abwesenheit wegen Berufsschulblockeinheiten, Krankheiten oder Arztbesuchen. Oder etwa auch wegen eines Gerichtstermins, bei dem sich ein junger Praktikant wegen Verbreitung von Pornographie und Verletzung von Persönlichkeitsrechten verantworten muß, wie gerade geschehen.
Das klingt erstaunlich – und in der Tat ist es das auch. Und der Hintergrund des Vergehens beweist, daß der technische Fortschritt, mit dessen Ergebnissen sich die Jugend von heute amüsieren darf, ganz eigene Verlockungen und Risiken birgt, denen meine Generation gar nicht ausgesetzt war.
Der junge Mann hat seine Freundin und sich ohne ihr Wissen im Bett gefilmt, mittels einer geschickt im Zimmer placierten Webcam, um so den erfreulichen Vorgang zu dokumentieren. Zu meiner Zeit hätte da für einen vorzeigbaren Beweis noch die Kleinbildkamera reichen müssen, womöglich am gestreckten Arm über das Bett gehalten – sehr schwer, so etwas unauffällig hinzubekommen.
Im Überschwang des Momentes hat der Praktikant sich auch noch, was ich besonders verwerflich finde, zur Kamera umgedreht und mit der Daumen-hoch-Geste triumphierend ins Bild gesetzt. Das so entstandene Filmchen ist ihm dann später wie zufällig bei einer LAN-Party abhanden gekommen, kursierte eine Weile im interessierten Freundeskreis und landete schließlich, wo so etwas heute unweigerlich landet, nämlich online. Zwar “nur” in einem paßwortgeschützten Bereich, aber doch so vielen Menschen zugängig, daß die gefilmte Freundin schließlich davon erfuhr und der Hobbypornoproduzent von ihr verständlicherweise verklagt wurde.
Wegen einer Befragung zu diesen Vorwürfen konnte er nun nicht zur Arbeit erscheinen. Zur dieser Vernehmung bei der Polizei ist noch zu erwähnen, daß er sich dort gegenüber einer Beamtin rechtfertigen sollte. Sie hatte eine Kinderbild auf ihrem Schreibtisch, darauf abgebildet der etwa zwölfjährige Nachwuchs, und als angehender Frauenversteher mit taktischem Geschick wies er im Laufe des Gesprächs wie nebenbei daraufhin, daß sie da ja eine reizende Tochter habe. Nachdem sie ihn darüber aufgeklärt hatte, daß es sich um ihren Sohn handelte, wurde die Vernehmung in eher frostiger Stimmung fortgesetzt.
Davon abgesehen, daß der ganze Sachverhalt des heimlichen Filmens natürlich vollkommen indiskutabel ist und tatsächlich eine Straftat, ist aber gerade im Interesse von nachwachsenden Gentlemen noch auf Folgendes eindringlich und kategorisch hinzuweisen:
Man gestikuliere nicht auf Damen herum. Das gehört sich wirklich nicht. Der nach oben gereckte Daumen wie auch etwa die zum Siegeszeichen gespreizten Finger sind definitiv keine ausreichend charmante Art, Begeisterung über den Flirterfolg auszudrücken.
Kein Benehmen, die Jugend von heute.
Sep
Radio Merlix: Die vierte und musikalische Folge
by Maximilian Buddenbohm in
Ich bin bei der Suche nach freier Musik für die ersten Folgen von Radio Merlix in den entsprechenden Portalen wie etwa dem Podsafe Music Network, Podsafeaudio oder auch Garageband auf soviel Stücke gestoßen, die ich interessant fand, daß ich ein paar davon in eigenen Folgen von Radio Merlix vorstellen möchte.
In der ersten Ausgabe, ganz passend zu dieser Woche in Hamburg, Musik für einen Regenabend. Einen Abend, an dem man einen Drink schon hatte und der zweite bereits vor einem steht.
Die Musik:
Robin Stine mit “Daydream“
Elisabeth Lohninger mit “Pourquoi, pourquoi pas“
Uma Floresta mit “Beija Flor“
Gregory Morris Group mit “Bay Light Lullaby“
(Die Gregory Moris Group war auch schon in der ersten Folge von Radio Merlix vertreten mit “Never enough for you“) “
Die vorgestellte Musik steht unter einer CC-Lizenz.
Viel Spaß beim Anhören!






