Ortsmusik Traunkirchen

Auf mehrfachen Wunsch wird es ab sofort so sein, daß der Text zu den Folgen von Radio Merlix jeweils unter den Einträgen zu finden sein wird. So kann, wer keine Soundmöglichkeit hat oder wer nicht hören will, den Beitrag wie gehabt einfach durchlesen.

In der dritten Folge geht es um unsere Erlebnisse mit Musik in und aus Österreich.

Radio Merlix Folge 3

Das Intro „la valse des heures“ wie gehabt von Collectif Unifié de la Crecélle.

Schlußstück „So blue without you“ von Kevin Mark.

Viel Spaß!

Der Podcast als Text:

Aus dem Reisetagbuch: Platzkonzert

Unser Urlaubsort Traunkirchen am Traunsee war ein kleiner Ort, ein sehr kleiner Ort sogar. Man erwartet natürlich kein wild bewegtes Nachtleben, wenn man in einem sehr kleinen Ort Urlaub macht, man stellt sich dann schon darauf ein, daß die Abende da etwas beschaulicher sind als auf der Reeperbahn. Wir waren aber doch etwas überrascht, daß in dem Ort ab etwa neun Uhr abends buchstäblich die Lichter ausgingen, und zwar alle. Der Gasthof des Ortes lag im Dunkeln, die Hotelbar wurde anscheinend schon seit Jahren nicht mehr bewirtschaftet, die Eisbude war längst verrammelt – Stille. Aus dem Hotel zu treten war wie ein Spaziergang ins Nichts, vor einem glitzerte sachte der See, oben taten es die Sterne ganz ähnlich und links und rechts am Ufer entlang war nichts als Ruhe und Dunkelheit. Das finde ich etwa zwei Tage lang ganz angenehm, danach neige ich als überzeugter Großstädter gewissen Krisensymptomen zu. Zum Beispiel jedwede Ankündigung von irgendwas interessant zu finden, solange es nur mehr als Nichts ist.

Für die Wochenmitte war ein abendliches Platzkonzert angekündigt, mit einer Gruppe aus dem nahen Bad Ischl. Mangels Alternativen gingen wir dorthin und gruppierten uns mit einigen durchreisenden Japanern, gelangweilten Briten und trachtentragenden Anwohnern um den Musikpavillon am Seeufer, wo eine größere Menge junger Menschen mit Blasinstrumenten auf der Bühnesaßen. Eine von diesen Gruppen, die normalerweise traditionelle Musik und Militärmärsche spielen und von denen es dort anscheinend in jedem Ort eine ganz erstaunliche Vielzahl ohne jeden Nachwuchsmangel gibt. Ich kann mir das nur so erklären, daß es für die Dorfjugend im friedlichen Oberösterreich weder Drogen noch sonst irgend etwas Aufregendes gibt, keine Gelegenheit zum Randalieren und keine S-Bahnen zum Surfen, daher treten sie aus Verzweiflung in solche Gruppen ein und können da dann wenigstens mal auf die Pauke hauen, wenn auch im Gleichtakt.
Die jungen Menschen auf dem Podium spielten nach Kräften einige allerdings sehr schwachbrüstige und im Tempo tiefergelegte Polkas und ein paar leidlich flotte Märsche, die Japaner wippten fröhlich mit und machten Bilder, die Einheimischen sangen leise mit, wo es etwas zu singen gab.

Nach jedem Stück trat der Dirigent des Orchesters an ein Pult und gab einige Erklärungen ausdrücklich belehrenden Inhalts zu den Titeln ab, wobei er sich einer Sprache bediente, die man vielleicht aus Situationen kennt, in der Menschen, die nicht gut öffentlich reden können, mit viel Mühe einen Text verfassen und diesen dann mit krampfhafter Selbstbeherrschung auswendig herunterbeten. Eigenartig steif und überkorrekt. Zu den Höhepunkten seiner Rede gehörte die Erklärung, warum sie an jenem Abend dort spielten. In etwa so:

„Wir sind beheimatet in Bad Ischl, wo wir durch das ganze Jahr hindurch das Stadtgeschehen musikalisch begleiten, und das sowohl was die städtischen Ereignisse betrifft, als auch in Bezug auf das Kirchenjahr. So treten wir bei sehr vielen Ereignissen dort auf und sind dann also recht froh, wenn wir einmal auch woanders spielen können.“

Gekicher auf der Bank der norddeutschen Gäste, strafende Blicke von den Einheimischen neben uns. Das Orchester präsentierte dann ein Medley „des bekannten und sehr erfolgreichen Entertainers Elvis Presley“, wie der Dirigent es formulierte. Man stelle sich „Blue suede shoes“ und, noch schlimmer, „Are you lonesome tonight“ mit viel Tuba und Triangel vor, dann wird man verstehen, warum wir auf der ganzen Rückfahrt von Österreich nach Hamburg pausenlos im Auto die echten Elvisaufnahmen laufen ließen, um uns von diesem Hörerlebnis zu kurieren.
Bevor hier jedoch ein falscher Eindruck entsteht: Ich halte eine gelungenem, schmissige Polka schon für etwas Tolles. Wer mal gelernt hat, dazu zu tanzen, weiß sicher was ich meine, das kann eine wirklich höchst vergnügliche Angelegenheit sein. Es ist nur furchtbar schade, daß diese Musik immer in so entsetzlich spießiger, braver und gehemmter Weise dargeboten werden muß, als wäre sie vollkommen saft- und kraftlos. Und es ist eine schreckliche Fehleinschätzung, daß diese eigentlich ja lobenswerte musikalische Brauchtumspflege spannender wird, wenn sie Elvis oder andere „moderne“ Musiker vergewaltigt. In einigen Jahren wird es sicher Stücke von Nirvana als Militärmarschversion geben, unweigerlich.

Am nächsten Abend haben wir uns wieder das ruhige Seeufer beguckt. Leise gluckerte es am Steg, schwach hörte man den Wind in den Bäumen – und wenn man es nur richtig vergleicht, ist das eigentlich auch besser als Nichts.

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