Nach aufregenden Stunden voller Spaß mit Hard- und Software (vulgo Nervenkrise) gibt es hier unseren ersten Podcast:

Radio Merlix 1

D.h. beim Anklicken dieses Links sollte es zur spontanen Geräuschentwicklung kommen. Theoretisch.

Das Intro „La valse des heures“ wird gespielt von Le Collectif Unifié de la Crécelle, die Hymne der Ehemänner am Ende ist von der Greg Morris Group: „Never enough für you“.

Viel Spaß!

Der Text zur Sendung befindet sich hier: Wie bereits vor einigen Tagen angekündigt, ist noch von unserer ersten Bergwanderung zu erzählen, wobei gestandene Alpentouristen das, was wir da bestiegen haben, ganz sicher nicht als Berg durchgehen lassen würden. Wir sind jedoch Norddeutsche und geraten daher schon auf der Fahrt nach Österreich beim leichtesten Wellenschlag der Landschaft in Verzückung: „Ein Hügel, ein Hügel, fast ein Berg!“ Die Herzdame stellte bei dieser Fahrt die nicht ganz unberechtigte Frage, wieso die Berge nicht direkt nach Köln beginnen würden, dies würde schließlich ihrem gefühlten Deutschlandbild entsprechen. Das ging mir eigentlich genauso, aber ich würde so etwas nie zugeben.

Der Traunsee in Oberösterreich ist geradezu unglaublich malerisch von den Bergen der Voralpen eingerahmt. Wenn man sich ein wirklich sehr kitschiges Ölgemälde einer Berglandschaft vorstellt, kann man in etwa erahnen, wie es dort aussieht. Ich dachte bis zu diesem Urlaub, daß so etwas nur in Heimatfilmen existiert. Wenn sich jemand für Postkartenidyllen interessiert oder Rollenspiele mit Sissikleidchen – Traunkirchen am Traunsee ist mit Sicherheit der Ort für sie. Als Urlaubsbeschäftigung kann man da zum Beispiel am Ufer des Sees stehen und stundenlang „Oh wie schön“ sagen oder „Das gibt es doch gar nicht“ oder was einem eben Geistreiches einfällt, wenn man vor unglaublichen Kulissen steht. Allerdings hat man von dieser Bewunderungsbeschäftigung nach einem Tag auch genug und kann sich dann anderen Dingen zuwenden, zum Beispiel den Wanderwegen der Umgebung.

Im Hotel gab man uns eine Freizeitkarte der Gegend, wir suchten uns als Ungeübte den kürzesten und daher harmlos erscheinenden Weg aus, bei dessen Beschreibung nichts von Gefahr stand und gingen los. Es ging direkt hinter dem Hotel querfeldein und bergauf – und zwar in einem Maße bergauf, daß wir immer abwechselnd vor uns hinmurmelten, daß das aber wirklich ganz erstaunlich steil sei, also so richtig. Mann mann, ganz schön steil hier. Der Weg wurde zusehends unwegsamer, es gab bald nur noch Markierungen an Bäumen, aber keine erkennbare Spur für die Füße mehr. Wir hangelten uns von Busch zu Busch, wobei mir der Gedanke etwas unheimlich war, vielleicht den gleichen Weg auch zurück gehen zu müssen, denn abwärts ist so etwas natürlich noch viel schwieriger. Aber ein Blick auf den unter uns liegenden See machte klar, so hoch waren wir noch gar nicht, vielleicht würden irgendwo über uns auch wieder befestigte Wege kommen, es konnte ja nicht sein, daß man auf einem leichten Weg zwei Stunden lang nur wie ein Affe von Baum zu Baum vorwärts kommt. Wir kamen schließlich an ein Schild, auf dem einerseits ein normaler Weg zu unserem Ziel ausgewiesen war, andererseits ein Höhenstieg. Der normale Weg sollte noch zwei Stunden dauern, der Höhenstieg nur eine, da nahmen wir natürlich den Höhenstieg – schlimmer konnte es ja kaum kommen und bisher kamen wir ja auch trotz aller Mühen ganz gut voran. Nach einer Weile kamen uns Menschen entgegen. Man glaubt gar nicht, wie schnell man als Großstädter bereit ist, nach nur einigen wenigen Minuten in der Wildnis, den Anblick von Fremden toll zu finden. Beunruhigenderweise trugen diese Menschen aber nicht wie wir leichte Sommerkleidung sondern etwas, daß nach meinem sehr laienhaften Verständnis eher in die Kategorie „Alpine Ausrüstung“ gehörte. Sehr irritierend. Wir hätten sie natürlich fragen können, wie lange man für den Aufstieg in etwa brauchen würde und wie schwer der Rest der Strecke sei und so weiter – vielleicht war es Stolz, daß wir sie ungefragt nach einem freundlichen Grüß Gott ziehen ließen, vielleicht Schüchternheit, wahrscheinlich aber schlicht Dummheit.

Der Höhenstieg wurde immer steiler, der Boden zwischen den Bäumen war moosig und naß. Es ging stellenweise direkt neben uns geradezu dramatisch abwärts und während ich noch dachte, daß man sich hier beim Abstürzen schon ziemlich gründlich zerlegen könnte, rutschte die Herzdame vor mir auch schon hangwärts, gerade noch von Joachim festgehalten, an dessen Arm gekrallt sie über dem Abgrund hing, bis sie wieder festen Boden unter den Füßen fand. Da kann man mal sehen, wozu es gut sein kann, seine Trauzeugen mit auf Reisen zu nehmen. Joachim, der vorher erheblichen Sympathieverlust bei mir erlitten hatte, da er während der ganzen Wanderung zur Eigenmotivation „Im Frühtau zu Berge wir ziehen“ gepfiffen hatte, erschien mir nun doch wieder in einem anderen Licht. Ich mußte wähend meiner gesamten Grundschulzeit jeden verdammten Morgen mit den anderen Schülern vor den weit geöffneten Fenstern des Klassenraumes „Im Frühtau zu Berge wir ziehen fallera“ singen und dabei wild mit den Armen herumpropellern, um so für frische Luft zu sorgen. Seit dieser Zeit macht mich dieses Lied leicht aggressiv. Ich zog die Herzdame, die sich jetzt sicherheitshalber in die Umhängetasche für meine Kamera krallte, Meter für Meter hinter mir her, während Joachim jetzt selbst vor mir eine kurze Strecke auf dem Hosenboden zurücklegte. Als wir uns dann im Unterholz abgebrochene Äste suchten, um sie als Wanderstab zu benutzen und uns klar wurde, daß es schon Abend wurde und man an einem solchen Hang bei Nacht wirklich ganz schlechte Karten hätte, in genau diesem Moment wurde mir klar, daß ich den nächsten Urlaub wieder am Meer verbringen würde. Nach etwa einer Stunde weiteren mühsamen Gekletters, wobei wir uns teilweise sicherheitshalber nur im Zeitlupentempo vorwärtsbewegten, die Hände in morsches Wurzelwerk gekrallt, kamen wir plötzlich wieder auf einen normalen Weg. Ein ganz normaler Weg, der sogar recht gut besucht war, lauter fröhliche Wanderer um uns herum, Familienverbände und Seniorengruppen mit festem Tritt – und wir die einzigen, die zerzaust und verschlammt aus dem Unterholz brachen. Nun ja. Wir klopften uns etwas ab, zogen die Zweige aus den Haaren und gingen über die Landstraße zurück zum Hotel, sehr irritiert über die Freizeitkarte, die auf solche Risiken nicht hinwies.

Ich habe später auf einer anderen Karte in einem österreichischen Buch eine Beschreibung dieses Wanderweges gefunden, „Für erfahrene und trittfeste Wanderer“ stand da, und auch: „Professionelle Ausrüstung wird empfohlen“.

Ich bin ja ein Mensch, der jederzeit für Fairneß eintritt, daher habe ich einen Vorschlag zu diesem Thema. Wenn österreichische Freizeitkarten nicht vor gefährlichen Wanderwegen in den Bergen warnen, können wir dann nicht, wegen der ausgleichenden Gerechtigkeit, in den Nordseewanderkarten die Stellen mit den Flutwarnungen streichen? Auch eine Wattwanderung wirkt bestimmt viel intensiver auf die Besucher, wenn die Natur die Chance zur Überraschung hat.

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