Das Gedächtnis der Mütter
Da meine Mutter wie wir in Hamburg wohnt, können wir gelegentlich zwischen den beiden Haushalten eine eventuelle Überproduktion an Essen austauschen. So war es auch an diesem Wochenende, sie hatte größere Mengen eines Nudelgerichtes für die Herzdame und mich über und ich holte es bei ihr ab. Am Tag danach rief sie mich an und fragte mit einem sehr skeptischen Unterton, wie es denn geschmeckt habe. Als ich wahrheitsgemäß antwortete, daß es ganz ausgezeichnet gewesen sei, hörte ich nur: “Ach. Früher mochtest du das nicht.”
Ich konnte mich allerdings beim besten Willen nicht erinnern, diese spezielle Rezeptvariante jemals gegessen zu haben, daher bestritt ich erstens kategorisch die Kenntnis des Gerichtes und wollte zweitens wissen, wieso sie da so sicher sei. Meine Mutter geriet etwas ins Grübeln, ich fragte nach, sie rechnete Lebensphasen, Wohnungen, Berufe, Männer und Küchen zurück und meinte schließlich, den Zeitpunkt gefunden zu haben, an dem sie das Rezept zum ersten und bis vorgestern letzten Mal gekocht und dabei meinen Widerwillen registriert hatte: Es war vor immerhin vierunddreißig Jahren.
Mütter haben ganz offensichtlich ein phänomenales Erinnerungsvermögen.






“sie rechnete Lebensphasen, Wohnungen, Berufe, Männer und Küchen zurück”
Sie habe einen zauberhaften Stil, Herr Merlix. Merci
Auch merci :-)
Das Gedächtnis der Mütter stimmt häufig nicht mit dem der Kinder überein, ach was schreibe ich, meistens! Kinder wie Mütter erleben ihre Leben aus unterschiedlichen Phasen heraus, oder in unterschiedlichen Phasen. Deshalb………
Mama: Wie, Du magst Grünkohl? Haste früher nicht gemocht.
Ich: Echt? Kann mich gar nicht erinnern, dass es bei uns je Grünkohl gegeben hätte.
Mama: Hm. Äh. Naja. Stimmt. Gab’s nicht, ich mag nämlich keinen.
Ich wollte das jetzt ja spontan auf das Männergedächtnis schieben, denn auch mein mir rechtmäßig Zugemuteter bestreitet regelmäßig die Kenntnis von Gerichten, die ich seltener als fünfmal im Jahr zubereite – was aber, wie man gerechterweise zugeben muss, immer zu Hochton-Lobeshymnen führt.
Wie aufs Stichwort jedoch brachte meine Mutter mir gestern Kirschkuchen mit. Als Fünfjährige mochte ich die matschigen Kuchenkirschen nicht. Also hatte sie ihn traditionellerweise mit breit unbefruchteten Biskuiträndern gebacken, extra für mich.