Juli, 2006 Archives
Jul
Duftprobe in Friedewalde
by Maximilian Buddenbohm in
Wir waren am Wochenende im Heimatdorf der Herzdame, um zu sehen, wie sich die Sommerhitze anderswo anfühlt.
Wenn man da an einem heißen Sommerabend um das Dorf spazieren geht, kann man es riechen, wie sich der kühlende Schatten der Dämmerung langsam im hohen Gras ausbreitet. Man kann riechen, wie die feucht werdenden Kräuter und Blüten anfangen, würziger zu duften, es macht Hunger, wenn man da durch geht. Von den schon abgeernteten Feldern dahinter riecht es noch trocken und heiß nach Staub, Stroh und Häcksel. Auf den Feldwegen zwischen den Gehölzen, wo der Boden tausendfach von silbrigen, wirren Spuren übersät ist, riecht es süßlich nach Schnecken und Waldboden. An einer Wegbiegung ragt ein alter Quittenbaum aus einem Garten, die Zweige hängen schwer über den Zaun und die zertretenen Früchte auf dem Weg duften schwer und vergoren. Die Felder, auf denen Bataillone von mannshohen Maisstauden stehen, riechen nach sandiger Erde und grünem Schatten. Der halb vertrocknete und erstickte Graben voller Entengrütze riecht schwach feucht und moderig. Aus den Gärten vor den Häusern riecht es nach Abendbrot und Grill, von den Höfen kommt der Geruch von Tieren, mal etwas stechend aus einem Kuhstall, mal der kindheitsselige Duft grasender Pferde auf den Koppeln hinter den Ställen.
Hamburg dagegen riecht bei dieser Hitze nur nach: Man kriegt einfach keine Luft.
Jul
Wer?
by Maximilian Buddenbohm in
Wenn man in einer Partnerschaft lebt und nachts im gleichen Bett schläft, was sind wohl die typischen ersten Worte, wenn morgens der Wecker klingelt und beide die Augen aufmachen? Etwas wie: “Guten Morgen, mein Schatz”? Bei der Herzdame und mir ist es standardmäßig ein leicht vergrübeltes: “Wer?”
Das liegt nun nicht etwa daran, daß wir uns fragen würden, wer da klingelt, es ist uns beiden durchaus bewußt, daß es sich um den Wecker handelt. Die Frage resultiert vielmehr daraus, daß wir beide abwechselnd morgens für Kaffee sorgen, an einem Tag sie, am nächsten Tag ich. Das heißt, einer von uns beiden hat jeweils die Chance, noch eine Viertelstunde liegenzubleiben, während der andere sich in die Küche schleppen muß. Da wir beide nun aber morgens nur begrenzt denkfähig sind, müssen wir uns erst mühsam durch das Dickicht der halbverschlafenen Gedanken kämpfen, bis uns einfällt, wer an diesem Morgen dran ist. Daher die Frage: “Wer?”
Und da wir beide zu früher Stunde unsere eigentlich gar nicht so rücksichtslosen Charaktere noch nicht voll hochgefahren haben, sondern uns noch im Bereich eher niederer Triebe bewegen, antworten wir beide wie aus eine Munde dem jeweils anderen in der vollen Überzeugung des Moments: “Du!” Und im Laufe der sich daran entzündenden Debatte werden wir langsam wach.
Ich gebe gerne zu, daß es sehr seltsam ist, so etwas jahrelang zu spielen, und sogar ohne nachlassende Begeisterung. Andererseits haben wir anderen Paaren damit etwas voraus, da nach der Klärung der Lage jeweils nur einer von uns aufstehen muß: Für jeden von uns beginnt so zumindest jeder zweite Tag mit einem Sieg. Kann wahrscheinlich auch nicht jeder von sich behaupten.
Jul
Notwehr
by Maximilian Buddenbohm in
Auf dem Hamburger Rathausmarkt wird gerade irgend etwas auf- oder umgebaut, einige Handwerker tragen in der sengenden Sonne Pfosten und Latten herum. Wahrscheinlich wird die nächste Großveranstaltung vorbereitet, was immer es auch gerade sein mag. Auf dem Rathausmarkt gibt es keinen Schatten, die hellen Steine auf dem Boden sind am Mittag so aufgeheizt, daß man wahrscheinlich Pizza darauf backen könnte, darüber flimmert es. Die Luft glüht, es sind nur sehr wenige Menschen unterwegs.
Ganz am Rand des Platzes, wo einige wenige Bäume stehen, hat sich ein junger Handwerker, wohl ein Lehrling, in den Schatten gesetzt. Er hat einen sehr roten Kopf, seine Kleidung ist klitschnaß, er hat eine leere Wasserflasche in der Hand, die er sich eben über den Kopf gekippt hat. Ein älterer Kollege geht auf ihn zu und sagt: “Na, wieder zu faul zum Arbeiten? Los, wir haben noch zu tun.” Der Junge sieht auf den Platz, über den sich seine Kollegen sehr langsam bewegen, er antwortet mit einem Blick, dem man wahre Verzweiflung deutlich ansieht und in einem Tonfall, dem man anhört, das ihm alles egal ist: “Wenn ich dafür in die Sonne muß, hau ich dir aufs Maul.”
Jul
Ein Klick in den Kongo
by Maximilian Buddenbohm in
Hier passiert zur Zeit hitzebedingt eher wenig, anderswo mehr als genug. Nach dem Hinweis auf die Blogs aus dem Nahen Osten neulich daher heute eine Leseempfehlung zum Kongo: Es gibt da seit ein paar Tagen ein neues Blog bei der Zeit, geführt von der Redakteurin Andrea Böhm.
Sie ist im Kongo und begleitet einen der Wahlkandidaten durch sein Revier, was in diesem Fall heißt, durch eine Goldgräberstadt im entlegenen Busch. Ein Kandidat, der längere Zeit in Deutschland gelebt hat und der jetzt das Rheinland und seine deutsche Familie verlassen hat, um in seiner Heimat gewählt zu werden.
Sehr beeindruckend, sehr lesenswert – hier der Link zum Selbernachsehen: Kongoblog.
Jul
Die Zukunft des Businesslooks
by Maximilian Buddenbohm in
Nachdem die Auswirkung der Hitze auf Damen mit Piccolo schon hier beschrieben wurde, geht es heute um die Folgen für die Berufstätigen. In der Hamburger City-Süd, in der ich meinen Berufsalltag verbringe, wimmelt es normalerweise von Anzugträgern und Damen im Kostüm, durch die Hitzewelle in den letzten Wochen hat sich hier allerdings einiges geändert. Zuerst verschwanden nach und nach Sakkos und Krawatten aus dem Straßenbild, dann sah man zusehends mehr Kurzarmhemden, in der Anfangsphase noch meist in weiß. Später wurden diese immer öfter auch in bunten und sehr bunten Varianten getragen, bis hin zu einer ungeahnten Enthemmung, was die tragbaren Muster angeht. Hierbei gilt offensichtlich die einfache Grundregel: Je Sachbearbeiter der Mensch, desto lustig das Hemdmuster. Mittlerweile ist der klassische Anzug hier vollkommen ausgestorben, der Siegeszug der offenen Sandalen ist nicht mehr aufzuhalten und ein gewisser Trend zu zwei und auch drei oberen Hemdknöpfen zeichnet sich deutlich ab. Die Damen tendieren zu weit fallenden Kleidern und luftigen Umhängen. Es gibt da erstaunliche Varianten, die mich an diese seltsamen Umkleidedinger aus Stoff erinnern, die man in den Siebzigern mit zum Strand nahm, um sich unter diesem Überwurf, der eine Einstiegsöffnung mit Gummizug hatte, dann vor dem Baden schamhaft umzuziehen. Heute mittag ging vor mir eine Frau, die etwas trug, daß ich für einen Bettbezug gehalten hätte, wenn sie nicht dringesteckt hätte. Auf einer Kanalbrücke hielt sie an, stellte sich quer zum leise wehenden Lüftchen, hob die Arme und gab jauchzende Geräusche von sich, als der Wind ihre in der Sonne leuchtenden Stoffbahnen etwas aufblähte. Die sie begleitenden Kolleginnen machten es ihr umgehend nach, so daß vier oder fünf Frauen in wehenden Gewändern, die Arme gen Westen erhoben, wie heidnische Priesterinnen über die Brücke wallfahrteten. Man wundert sich allmählich über gar nichts mehr.
Es ist sicher nur eine Frage der Zeit, bis mir auf dem Weg zur Kantine die ersten Menschen in aktueller Bademode entgegenkommen. Oder in Baströckchen. Ich werde berichten.
Jul
Links in den Nahen Osten
by Maximilian Buddenbohm in
Am Freitag gab es vor dem Hamburger Hauptbahnhof eine eher kleine prolibanesische Demonstration. Etwa fünfzig Menschen standen da auf dem Bahnhofsvorplatz, ein Redner sprach, sie hielten Transparente gegen Israel und Amerika hoch. Es interessierte überhaupt niemanden der Passanten, die aus den Büros heimkamen, man ging zügig vorbei. Wenn man überhaupt hinsah, dann eher ratlos und irritiert. In Hamburg sind Demonstrationen von Ausländergruppen, Exiliranern, Kurden, Türken, Chinesen etc. nicht gerade selten, man ist es gewohnt. Da Reden dabei oft in den jeweiligen Landessprachen gehalten werden, ist ohnehin zweifelhaft, ob man wirklich versteht, worum es gerade geht. Der Redner, der da am Freitag auf einem Lieferwagen stand, sprach auf deutsch von dem friedliebenden und freundlichen Volk im Libanon, im nächsten Satz aber auch schon von dem grundlegenden Recht auf Rache, von Selbstverteidigung, israelischen Kriegsgefangenen und absolut notwendiger Kriegsführung. Er schlingerte sozusagen zwischen den Positionen hin und her. Keine überzeugende Friedensrede, die Existenz der Hisbollah wurde nicht einmal erwähnt. Es hätte nur minimaler Textänderungen bedurft, um dieselbe Rede auf einer pro-israelischen Demonstration zu halten. Bilder von zivilen Opfern wurden hochgehalten, auch die Bilder wären natürlich leicht austauschbar gewesen. Die demonstrierenden Zuhörer wirkten dabei keineswegs aggressiv, auch sie schienen eher ratlos und standen etwas unschlüssig um den Redner herum. Zwischen den Reden spielte Musik aus Lautsprechern, keine arabischen Stücke, sondern entspannter Reggae. Daß die Demonstranten nicht nur libanesische, sondern auch deutsche Flaggen eifrig schwenkten, gehört sicher zu den bemerkenswerten Folgen des WM-Sommers. Fast fällt es einem schon gar nicht mehr auf, daß dies noch vor kurzer Zeit so gut wie undenkbar gewesen wäre.
In vielen Blogs (etwa hier und hier) liest man derzeit den Hinweis auf das deutschsprachige Blog “Letters from Rungholt” wo eine Frau aus Israel klug abwägend und ausführlich über die Lage schreibt. Ich schließe mich diesen Empfehlungen sehr gerne an. Wenn man sich da aber erst einmal festgelesen hat, ist der “Nahe Osten” allerdings auf einmal tatsächlich näher, als man vielleicht denkt.
Mehr Blogs aus der gesamten Region werden zum Beispiel hier aufgeführt.
Jul
Eine alte Dame vor Sonnenuntergang
by Maximilian Buddenbohm in
Als die Herzdame und ich gestern abend auf einer Bank am Alsterufer saßen und auf den Sonnenuntergang warteten, hielt eine alte Dame auf einem Fahrrad neben uns an. Sie stieg ab und fragte in auffällig altmodischer Wortwahl, ob wir es ihr wohl bitte vergeben würden, wenn sie sich einen kleinen, einen wirklich ganz kleinen Augenblick zu uns setzen würde. Sie war selbst auch wirklich ganz klein, eine geradezu winzige Person sogar, auf einem etwas zu groß geratenen Klapprad. Vom Fahren war sie erhitzt und rotwangig, aber sie hatte eine sehr vergnügte Ausstrahlung. Die Kleidung, die sie trug, Rock und Bluse, sah nach edler Boutique aus, die Muster- und Farbkombination war allerdings mehr als gewagt. Kreise gegen Streifen und Blümchen, Blau gegen Rot und Grün. Sie hatte etwas huschendes, wieseliges in ihren Bewegungen und wache, unruhige Augen. Sie lehnte ihr Fahrrad an die Bank und setzte sich, wobei ihre kurzen Beine mädchenhaft in der Luft baumelten. Mit einem äußerst liebenswürdigen Lächeln bedankte sie sich bei uns, warf einen Blick auf die golden leuchtenden Wölkchen am Horizont und gab ein leises “Hach!” von sich, dann stand sie auch schon wieder auf oder huschte eher von der Bank, wobei sie leise vor sich hinkicherte.
Sie ging zu dem Kiosk hinter uns, wo sie sich vollkommen ungeniert und nach allen Seiten strahlend an einer meterlangen Schlange vorbeidrängelte und ein Eis bestellte. Sichtlich entzückt daran leckend und immer noch kichernd kam sie zu uns zurück und setzte sich. Das Eis war kaum verspeist, da stand das unruhige Persönchen schon wieder, umkreiste das Fahrrad und suchte mit fliegenden Fingern in den Tüten und Taschen, die sie in dem Korb am Lenker dabeihatte. Als sie sich wieder zu uns setzte, hatte sie einen Piccolo in der Hand, den sie aufschraubte – und dann prostete sie mit einer kaum sichtbaren, feinen Geste der untergehenden Sonne zu und nahm ein dezentes Schlückchen. Legte den Kopf in den Nacken und es gluckste aus ihr: “Hihi”. Sie sah mich von der Seite an und zwinkerte mir zu.
Als die Sonne ein paar Minuten später verschwand, bedankte sie sich in aller Form bei uns für die Gastfreundschaft, bestieg ihr Fahrrad und fuhr davon. Man kann nicht ausschließen, daß es die Wetterhexe persönlich war, die sich da stolz ihre eigene Inszenierung eines gelungenen Sommerabends ansah. Wie gut, daß wir gastfreundlich waren! Es hätte sonst sicher furchtbar unangenehme Folgen haben können.
Jul
Die Picknicker
by Maximilian Buddenbohm in
Es ist heiß in Hamburg, sehr heiß. Wir verbringen die Abende an der Alster, in unserer Dachgeschoßwohnung hält man es in diesen Wochen nicht aus.
Nach der Arbeit holen wir nur kurz Lebensmittel aus dem Kühlschrank, ziehen damit an das Ufer und picknicken, bis es dunkel wird. Dunkel und zwei Grad kühler. Abendbrot vor der erlesenen Kulisse des Sonnenunterganges über dem See, man hört interessante Gespräche über Beziehungskrisen von den Nachbardecken und so schlecht schmecken Ameisen auch wieder nicht. Eine schöne Zeit, ich will keineswegs jammern. Nur zum Schreiben kommt man dabei nicht. Daher heute hier zur Abwechslung statt einer Geschichte erstmalig: Bewegte Bilder!
Knubberkirschenkernspucken mit der Herzdame. Die Claudia Bertani des linken Alsterufers, sozusagen.
Jul
Die große Seniorenausfahrt
by Maximilian Buddenbohm in
Die “Hamburg Harley Days” wurden von 55.000 “meist mittelalten” Bikern besucht, wie die Hamburger Morgenpost heute sehr freundlich schreibt. Tatsächlich muß die durchschnittliche Lebenserwartung gerade sprunghaft gestiegen sein, wenn die Damen und Herren auf den schweren Maschinen mittelalt waren. Auf etwa hundertzwanzig Jahre, nehme ich an. Es ist eine Tragikomödie, die die wild gewordenen Apotheker und Notare in Leder da aufführen, wie rührend bemüht sie wilde Jungs spielen, mit welcher Sorgfalt sie die Insignien der Jugend an Maschine und Mensch drapieren. Ich habe mich nicht recht entscheiden können, ob ich es eher amüsant oder mitleiderregend finden sollte.
Sehr treffend eine Szene auf einer der drei oder vier Musikbühnen: Es spielte eine sich hart und ruppig gebende Rockband, deren Mitglieder auch bereits ergraut waren. Bei dem Refrain eines Liedes ging der Leadsänger etwas in die Knie und reckte seine Gitarre in dramatischer Geste gen Himmel, aus Leibeskräften den Text grölend. Leider kam er nach dem Refrain nicht mehr ohne weiteres hoch, seine Hand fuhr nach hinten in Richtung Steißbein, von wo ihn offensichtlich ein jäher Schmerz durchzuckte, er setzte den Gesang ein wenig aus und rollte sich zur Seite ab, um wieder in die stehende Position zu kommen. Von den Seniorenrockern im Publikum gab es dafür einen verständnisvollen Sonderapplaus. Vielleicht würde ein Konzert der Stones genauso laufen? “This concert is powered by Granufink and ABC-Wärmepflaster”.
Aber bevor ich mich darüber lustig mache – in zwanzig, dreißig Jahren werde ich vermutlich, dank nicht unbeträchtlicher Prägung in den achtziger Jahren, meinen Gehstock fröhlich zu “Wild Boys” von Duran Duran schwingen und genauso erheiternd aussehen, wie die old boys auf den schweren Maschinen am Wochenende.
Aber ich möchte doch sehr hoffen, daß ich dann dazu nicht wieder die Kleidung trage, die gerade in Mode war, als ich sechzehn war.
Jul
Lustgewinn mit acht Knöpfen
by Maximilian Buddenbohm in
Stammleser erinnern sich vielleicht noch an Herrn Gramlow, den Kollegen der Herzdame, der hier gelegentlich auftaucht und den Inhalt belebt. Dieser Herr Gramlow hat in der letzten Woche das Büroleben nachhaltig durch ein Kinderspielzeug bereichert, das er und die Herzdame intensiv genutzt haben. Es handelt sich um einen Baustein aus der Duplo-Reihe von Lego, allerdings natürlich nicht um irgendeinen beliebigen, sondern um eine batteriebetriebene Sonderausführung. Es gibt darauf acht nett bebilderte Knöpfe, drückt man darauf, ertönt jeweils ein kindgemäßes Geräusch, ziemlich laut sogar.
Bei den Geräuschen handelt es sich um:
1) Das langgezogene, furchteinflössende Heulen eines Gespenstes
2) Die ausgesprochen hämische Lache eines bösen Zauberers
3) Das liebliche “Ping” eines geschwungenen Zauberstabes
4) Das beruhigende Trillern eines Singvogels
5) Das heftige, metallische Klirren eines Schwertkampfes
6) Das indifferente, irgendwie gelangweilte Quaken eines Frosches
7) Das Quietschen einer sehr rostigen und schweren Tür
8) Den triumphal schmetternden Ton einer Fanfare
Die Herzdame und Herr Gramlow haben diesen Spielstein sehr erfolgreich als Sprachersatz eingesetzt, etwa so, wie man es aus Sendungen von Stefan Raab kennt. Machten also beispielsweise die Auszubildenden oder Praktikanten im Büro etwas richtig, wurde statt langer Lobesreden einfach der Fanfarenknopf zum Jubeln gedrückt, erschienen sie dagegen zu spät zur Arbeit, hörten sie das Schwerterklirren. Wenn der Chef der Herzdame ins Büro kam, wurde zur allgemeinen Warnung der Gespensterknopf gedrückt. Der Chef der Herzdame liest hier allerdings gelegentlich mit, daher ist das letzte Beispiel natürlich nur ein Scherz.
Die Herzdame und Herr Gramlow fanden immer mehr Anwendungsbeispiele und brachten es fast soweit, ganze Gespräche mit den acht Geräuschen zu führen. Das überrascht nicht, denn in manchen Urlaubsländern hat man ja auch nicht viel mehr Vokabeln zur Verfügung und kommt trotzdem zu einem Bier und einem Hotelzimmer. Voller Begeisterung wollte die Herzdame schließlich zu Hause weiterspielen, weswegen sie für mich auch so einen Duplogeräuschklotz kaufte und mir freudestrahlend schenkte.
Als Expertenpaar für fortgeschrittene Albernheit in sexuellen Fragen haben wir das Spielzeug natürlich sofort auf seine Anwendbarkeit im Bett getestet. Wenn man sich die acht Geräuschmöglichkeiten noch einmal durchliest, wird man unschwer darauf kommen, wie geradezu ideal einige von ihnen zu bestimmten Situationen des Liebesaktes passen, für die restlichen braucht es wirklich nur ein wenig Phantasie, um sie sinnig einzubauen. Ein empfehlenswertes Sexspielzeug, preiswert, funktionssicher und formschön. Auch als Verhütungsmethode bedenkenlos einsetzbar, denn vor Lachen kommt man eh zu nix.
Man sollte sich allerdings vor der Anwendung auf die Bedeutung der Geräusche einigen. Das haben wir nicht getan, daher fehlt mir immer noch die Vorstellung, die die Herzdame mit dem Froschquaken verbindet. Indifferente Langeweile wird es ja sicherlich nicht sein, warum sollte sie sonst ausgerechnet diesen Knopf im Laufe des Abends so oft gedrückt haben?
Jul
Der asiatische Fisch als solcher
by Maximilian Buddenbohm in
In einer der zahlreichen öffentlichen Kantinen der City-Süd gab es heute mittag Pangasiusfilet. Dieser Fisch ist, obwohl in sehr vielen Tiefkühlregalen zu finden, noch lange nicht allen Menschen geläufig, daher wurde allgemein viel über Herkunft, Konsistenz und Geschmack diskutiert, meist mit guter Abschlußnote: „Den könnte meine Frau ja auch mal machen“.
Ich saß allein zwischen mir fremden Menschen, die sich Stichworte und Wissensbrocken zum Fisch zuwarfen, Mekongdelta, Wels etc. und hörte dabei mit einigem Vergnügen vom Nachbartisch einen großartigen Satz, der mich mit seiner umwerfenden Schlichtheit beeindruckt hat. Ein älterer Herr dozierte da mit erhobenem Zeigefinger vor einer Gruppe von deutlich jüngeren Menschen, Auszubildenden vielleicht, und er sprach den Lehrsatz: „Der Asiate als solcher kriegt ja nichts auf die Reihe. Aber den Fisch hier, den kann er gut.“
Kantinen haben viel mehr Unterhaltungswert, als man vielleicht annehmen möchte.
Jul
Die Lagerung der Landessymbole
by Maximilian Buddenbohm in
Als ich heute morgen aus dem Fenster sah, hing der junge Mann von gegenüber gerade seine Wäsche auf. Feinsäuberlich strich er dabei nasse Deutschlandfahnen glatt, drei Stück in verschiedenen Größen, und drapierte sie ordentlich auf dem Wäscheständer. Wahrscheinlich wird er sie heute abend bügeln und dann – ja, was dann? Eine gute Verwendungsmöglichkeit gibt es meines Wissens nicht in der nächsten Zeit. Was also machen die Menschen jetzt mit all der Deutschdeko, mit den gerade erst verblüffend reichlich erworbenen Fahnen, Trikots, Girlanden, Schals, Mützen etc.?
Sicher ist es nicht nur bei der Herzdame und mir so üblich, daß man Gegenstände, die nur sehr selten verwendet werden, in einen Karton packt und diesen in der Abstellkammer oder im Keller versenkt, eindeutig beschriftet etwa mit „Weihnachten“ oder „Silvester“ oder „Strand“. Daher nehme ich stark an, daß es jetzt in zahllosen Haushalten ein neues Objekt geben wird. Eines, das vor der WM noch vollkommen undenkbar war, sowohl was den Inhalt, als auch was die Bezeichnung betrifft. Zum Abschluß der Feuilletondebatte um den neuen Patriotismus denke man daher zur Beruhigung an einen alltäglichen Satz, der zum Beispiel zur nächsten Fußball-EM wohl in vielen Haushalten zu hören wird: „Schatz, wo ist denn eigentlich unsere Deutschlandkiste?“
Jul
Eine einfache Erklärung
by Maximilian Buddenbohm in
Warum man gar keine Ahnung vom Fußball haben muß, um zu verstehen, wieso ausgerechnet Deutschland, Frankreich, Italien und Portugal die letzten vier Mannschaften in der WM-Endrunde sind, habe ich in einem Text für das Onlinemagazin “mindestenshaltbar” sehr plausibel und leicht nachvollziehbar dargestellt. Bitte hier klicken zum Artikel “Die Welt zu Gast am Spieß“.
Jul
Herzdame ahoi
by Maximilian Buddenbohm in
Die Herzdame ist schon seit dem letzten Herbst stolze Besitzerin eines Sonnenschirmes für Spaziergänge, aber erst am letzten Wochenende kamen Freizeit und Wetter endlich so passend zusammen, daß das gute Stück eingeweiht werden konnte. Um diese Einweihung möglichst würdevoll zu gestalten, mietete ich in bester Touristenmanier ein Tretboot und strampelte die edel beschirmte Dame sportlich ambitioniert über die Außenalster. Für die Herzdame war dies eine sehr gelungene Veranstaltung, eine Hand spielte lässig außenbords im lauen Wasser, die andere hielt grazil den Schirm, ab und zu warf sie mir einen beifälligen Blick zu und machte mich nebenbei fürsorglich darauf aufmerksam, daß ich dabei sei, unter der sengenden Sonne das appetitliche Aussehen von Grillfleisch anzunehmen.
Ich klärte sie darüber auf, daß es zum typischen Look eines Kapitäns gehöre, etwas sonnenverbrannt auszusehen, als ehemaliger Küstenbewohner kenne ich mich schließlich mit so etwas aus. “Kapitän?” fragte die Herzdame. “Du hast ja wohl das Steuer in der Hand, also bist du Steuermann. Außerdem trittst du die Pedale, also bist du auch noch Maschinist. Und da wir hier nur zu zweit sind, bin ich natürlich der Kapitän, denn einer muß es natürlich sein.”
Nun lasse ich mich nicht gerne degradieren, wenn ich mich gerade erst in eine Rolle hineingedacht habe, und ich hatte auch den leisen Verdacht, daß der sehr damenhafte Look ihr vielleicht ein wenig zu Kopf gestiegen sein könnte. Daher entwendete ich ihr den egoverstärkenden Sonnenschirm kurzerhand und beschloß, zur Entlastung meiner Beine das Tretboot damit in ein Segelboot zu verwandeln. Für alle, die sich immer schon gefragt haben, ob man wohl mittels eines stabilen Sonnenschirmes segeln kann, kann ich jetzt klarstellen: Aber sicher kann man das. Nicht sehr schnell, aber es geht. Es wäre sogar noch viel besser gegangen, wenn die Herzdame nicht dabei versucht hätte, mich aus dem Boot zu werfen und ich außerdem den Schirm, um ihn vor ihr in Sicherheit zu bringen, nicht so furchtbar hoch hätte halten müssen. Während wir so intensiv mit uns und der Seefahrt beschäftigt waren, hörten wir ein sehr lautes Lachen aus nächster Nähe. Es kam von einem dicht an uns vorbeirauschenden Segelboot (mit echten Segeln), auf dem ein junger Mann sich gar nicht mehr einkriegen konnte, so sehr amüsierte ihn unsere kleine Auseinandersetzung. Er hörte erst auf zu lachen, als er bei einem von seinen Freunden eingeleiteten Wendemanöver den drehenden Querbaum (oder wie das heißt) an den Kopf bekam.
Und obwohl er gleich wieder hochkam und es also so schlimm nicht gewesen sein wird: Es tut uns sehr leid. Wirklich. Und wir albern künftig auch bestimmt nicht mehr auf öffentlichen Gewässern herum.
Jul
Das Gedächtnis der Mütter
by Maximilian Buddenbohm in
Da meine Mutter wie wir in Hamburg wohnt, können wir gelegentlich zwischen den beiden Haushalten eine eventuelle Überproduktion an Essen austauschen. So war es auch an diesem Wochenende, sie hatte größere Mengen eines Nudelgerichtes für die Herzdame und mich über und ich holte es bei ihr ab. Am Tag danach rief sie mich an und fragte mit einem sehr skeptischen Unterton, wie es denn geschmeckt habe. Als ich wahrheitsgemäß antwortete, daß es ganz ausgezeichnet gewesen sei, hörte ich nur: “Ach. Früher mochtest du das nicht.”
Ich konnte mich allerdings beim besten Willen nicht erinnern, diese spezielle Rezeptvariante jemals gegessen zu haben, daher bestritt ich erstens kategorisch die Kenntnis des Gerichtes und wollte zweitens wissen, wieso sie da so sicher sei. Meine Mutter geriet etwas ins Grübeln, ich fragte nach, sie rechnete Lebensphasen, Wohnungen, Berufe, Männer und Küchen zurück und meinte schließlich, den Zeitpunkt gefunden zu haben, an dem sie das Rezept zum ersten und bis vorgestern letzten Mal gekocht und dabei meinen Widerwillen registriert hatte: Es war vor immerhin vierunddreißig Jahren.
Mütter haben ganz offensichtlich ein phänomenales Erinnerungsvermögen.









