Juni, 2006 Archives

29
Jun

Der Duft der Limetten im Sommer

by Maximilian Buddenbohm in

World CupAn dem sambadurchtosten Stand der Brasilianer auf dem Fan-Fest zur WM in Hamburg werden zur Cocktailerzeugung Unmengen von Limetten verwertet. Die Limettenstückchen aus den leergetrunkenen Gläsern landen in großen Mülltonnen, von wo sie unter starker Sonneneinwirkung nach kurzer Zeit ganz erstaunlich heftig und weit riechen. Gärende Limettenreste riechen, wie ich als ehemaliger Landbewohner sofort erkenne, ganz eindeutig nach Gülle, in diesem Fall mit einem süßlichen Einschlag. Deutsche Besucher, die an den Mülltonnen entlangflanieren, halten ihre Nasen erfreut in den Gülleduft und ergreifen nicht etwa die Flucht sondern rufen entzückt: “Oh lecker, Caipirinha!”.

Das gehört für mich zu den großen Sommerrätseln, gleichauf mit der Frage, wieso es toll sein soll, in Beachclubs sandige Füße zu bekommen oder irgendwo in der prallen Sonne herumzuliegen. Vollkommen unbegreiflich.

25
Jun

Die Liebe und der Vaterlandsverrat

by Maximilian Buddenbohm in

Young fan from South KoreaEin Schweizer Familienvater stand vor dem Spiel der Schweizer gegen die Südkoreaner auf dem Fan-Fest in Hamburg am Stand seines Heimatlandes und brüllte gemeinsam mit seinen Landsleuten aus Leibeskräften den für unsere Ohren drolligen Schlachtruf “Hop Schwiz!”. Er hatte dabei einen etwa sechsjährigen Sohn an der Hand, dessen Arm er fortwährend zum Mitjubeln hochriß. Der Sohn wirkte eindeutig unmotiviert, versuchte den Arm seinem Vater zu entwinden und störte den Familienfrieden außerdem empfindlich durch knurriges Rufen des falschen Begriffs: “Korea!”.

Der Vater war weit davon entfernt, das erheiternd zu finden, er zeigte nachdrücklich auf die Fahne, die sein Trikot schmückte, auf all die anderen Schweizer ringsum, gab wieder “Hop Schwiz” von sich, rüttelte am Arm des Jungen und sah ihn erwartungsvoll an. Dieser schob nur sehr entschlossen die Unterlippe vor: “Korea!”.

Und als der Vater sich gerade suchend nach jemandem umsah, wahrscheinlich nach der Mutter, die jetzt dringend um Rat gefragt werden mußte, verstand ich auch, warum der Nachwuchs das falsche Land bevorzugte. Er ging nämlich, kaum war seine Hand frei, ein paar Meter weiter zu einer Fangruppe aus Korea, stupste etwas tapsig eines der bildschönen kleinen Mädchen dort an und wiederholte mit einem wirklich sehr charmanten Lächeln die entscheidende Parole: “Korea!”.

25
Jun

Gute Arbeit!

by Maximilian Buddenbohm in

Ich bekam vor einigen Tagen eine Mail eines Kollegen und Vorgesetzten aus Frankreich, die begann mit “Zunächst herzlichen Glückwunsch zu der ausgezeichneten Leistung, ein ganz wundervolles Ergebnis!”. Sehr nett, dachte ich, dabei krampfhaft überlegend, ob ich tatsächlich irgend etwas sehr gut gemacht hatte. Ich habe eine ganze Weile gebraucht, bis ich darauf kam, daß nicht etwa mein besonders schwungvolles Zahlenschubsen der letzten Werktage gemeint war, sondern das Ergebnis des Spiels der deutschen Nationalmannschaft gegen Ecuador.

Ich bin Deutschland, zumindest für ausländische Kollegen. Daher kann ich mich in diesen Wochen ganz entspannt in meinem Bürostuhl zurücklehnen und ohne jede Anstrengung geradezu meisterliches vollbringen. Ich entdecke doch mehr und mehr Vorteile an dieser WM.

22
Jun

Die Frage der korrekten Beflaggung gemischtnationaler Fahrzeuge

by Maximilian Buddenbohm in

Zur Zeit liegt es ja sehr im Trend, Fahnen an den Autos zu befestigen, um dadurch seine Unterstützung für eine der Nationalmannschaften zum Ausdruck zu bringen. Wie ich seit einem Gespräch mit einem Bekannten weiß, ist der Vorgang der Beflaggung gar nicht so einfach, wenn zwei Eigner eines gemeinsamen Autos verschiedenen Nationen angehören. Dieser Bekannte ist ein in Deutschland lebender Brite mit deutscher Frau. Als seine Gattin den Wunsch äußerte, eine deutsche Fahne an das Autofenster zu klemmen, war er verständlicherweise nur unter der Bedingung dazu bereit, daß am anderen Fenster die britische Flagge zu wehen habe. Wobei die beiden sich schon im Vorwege nicht ganz darin einig waren, ob die Fahne auf der Fahrerseite nicht eventuell prominenter placiert sei als die andere, was es im Sinne der Fairness natürlich zu vermeiden galt.

Der Laden, in dem sie die Klemmfahnen für Autofenster dann erwerben wollten, hatte sehr, sehr viele türkische Fahnen, noch einige wenige deutsche und nur eine Handvoll für andere Länder, Großbritannien war gar nicht dabei. Es gab zwar eine einzige britische Fahne, die aber nicht für das Einklemmen vorgesehen war, man hätte sie vielmehr selber aus dem Fenster halten müssen. Die Frau fand das akzeptabel („Tu eben was für dein Land!“), der Mann hatte Bedenken („Am Ende ist es illegal, in Deutschland eine Fahne mit der Hand aus dem Fenster zu halten. Hier ist doch immer alles verboten.“) Der Mann schlug als Kompromiß vor, zwei türkische Fahnen zu kaufen, denn er hatte die Vermutung, daß er, wenn er damit bei seinem türkischen Gemüsehändler vorfahren würde, mit lebenslangem Rabatt rechnen könne. Der Frau erschien das nicht akzeptabel, sie kaufte eine deutsche Fahne und war der Ansicht, die Frage der Beflaggung wäre schlichtweg durch die Umstände entschieden. Der Brite war damit selbstverständlich nicht einverstanden, und so fahren die beiden nun, wenn sie gemeinsam einsteigen, ganz ohne wehendes Landessymbol. Wenn der Gatte aber das Auto verläßt und sie alleine weiterfährt, hißt sie die deutsche Fahne, wenn er einsteigt, wird sie wieder eingezogen, da er sich sonst weigert, mitzufahren.

Es bringt eben doch ganz ungeahnte Schwierigkeiten mit sich, Ausländer zu heiraten.

19
Jun

Drei Jungs aus Ecuador und die Hamburger Höflichkeit

by Maximilian Buddenbohm in

Nach dem letzten Spiel der Mannschaft aus Ecuador saß ich in einer S-Bahn in der Hamburger Innenstadt, gerade in der Zeit, als sich allgemein die Büros leerten und Heerscharen von Angestellten in Anzügen oder Kostümchen nach Hause fuhren. Drei Jungs aus Ecuador stiegen ein, was man unschwer aus der Kleidung in den Landesfarben schließen konnte, und auch daraus, daß sie ohne Unterlaß “Ecuadooor” grölten, wenig abwechslungsreich unterbrochen durch Olé-Olé-Rufe und wenig kunstvolle Lalala-Versatzstücke.

Die drei waren in dem Alter etwa zwischen sechzehn und zwanzig Jahren, in dem man typischerweise gerade interessante Erfahrungen mit übermäßigem Alkoholgenuß macht, außerdem waren sie durch den Verlauf des Spiels hochgradig euphorisiert. Sicherlich waren sie vor wenigen Minuten noch in einem größeren Pulk von Fußballfans, durch irgendeinen Zufall waren sie jetzt aber die einzigen drei Begeisterten in einem Waggon voller ansonsten eher ermatteter und unfroher Menschen. Sie tanzten in wildester Weise um die Haltestangen, sangen unentwegt, hüpften gemeinsam auf und ab, traten gegen die Türen und gaben sich überhaupt die allergrößte Mühe, wild und krawallig zu wirken. Die Hamburger Büromenschen ringsum auf den Bänken rollten etwas mit den Augen und hielten die Zeitungen höher, allerdings sah man hier und da auch ein Lächeln auf einem Gesicht, denn Hamburg ist WM-Stadt, und da ist man natürlich gastfreundlich, auch wenn sich die Gäste seltsam benehmen oder einfach zur falschen Uhrzeit auftauchen.

Die drei Jungs versuchten mit erheblichen Anstrengungen, ihre Stimmen so laut einzusetzen, daß sie nach mehr als nur drei klangen, wobei sie auch ziemlich erfolgreich waren. Da sich aber übermäßiger Alkoholgenuß, wildes Herumhüpfen und permanentes Schreien nicht dauerhaft gut vertragen, gab es nach zwei Stationen eine Zwangspause, die drei sanken an der Haltestange lachend und nach Luft ringend auf den Boden und saßen da selig grinsend, die Beine ausgestreckt, wedelten sich mit ihren Schals Luft zu und machten neue Bierflaschen auf.

Die Hamburger ringsum sahen jetzt hoch, legten für einen Moment ihre Zeitungen beiseite und klatschten, als hätte man es seit Monaten gemeinsam einstudiert, kurz Beifall. Kein begeisterter Beifall, eher so eine höfliche Variante, etwa als wenn man nach der Grußadresse eines Vorstandsvorsitzenden respektvoll ein wenig klatscht. Ein geschäftsmäßiger Applaus.

Die drei Jungs aus Ecuador sahen zu den Anzugträgern ringsum auf – und man sah ihrem Blick sehr deutlich an, wie vollkommen absurd ihnen die Situation erschien: Da müht man sich nach Kräften, ungeheuerliche Freude auszudrücken und dabei noch ganz wilde Kerle zu spielen – und das völlig ungerührte Publikum geht weder mit noch beschwert es sich, es applaudiert nur beiläufig und liest dann weiter.

Die drei Fans saßen auf dem Boden der S-Bahn und guckten mit offenen Mündern auf die wirklich sehr seltsamen Einwohner dieser Stadt. An der nächsten Station stiegen sie nach eher leiser Beratung untereinander ohne weitere Gesänge aus.

18
Jun

Die Herzdame und ihr Held

by Maximilian Buddenbohm in

Die Herzdame ist wieder einmal über das Wochenende zu einem Seminar gefahren, das bringt ihre Weiterbildung gelegentlich so mit sich. Gestern abend rief sie von dieser Kurzreise aus an und sprach von Sehnsucht, Vermissen und schrecklichem Alleinsein- und daß gemeinsames Schlafen doch viel schöner sei, als irgendwo einsam im Bett zu liegen. Etwas überraschend, nach nur ein paar Stunden der Abwesenheit schon so herbeigewünscht zu werden, dachte ich, nahm die Botschaft aber natürlich sehr erfreut zur Kenntnis. Ich wäre ungemein wichtig für ihr seelisches Wohl, sagte sie, und eigentlich sei es fast unmöglich, ohne mich einzuschlafen – und spätestens an dieser Stelle schwante mir dann doch, worum es in Wahrheit ging. Denn als Ehemann habe ich nicht etwa nur charakterliche Qualitäten, die von der alleinreisenden Gattin schmerzlich vermißt werden und es ist auch keineswegs nur der Kuschelfaktor, der fehlt, wenn sie nicht neben ihrem Mann liegt. Es ist schlimmer.

Das, was da sehnsüchtig werden läßt und schmerzlich verdeutlicht, was sie an ihrem Mann hat, ist vielmehr Folgendes: Wenn sie irgendwo ganz alleine schläft, gibt es keinen einsatzbereiten Alltagshelden, der eine eventuelle Spinne (“Sooo groß!”) an der Decke über dem Bett entfernt, was in der Folge nichts anderes heißt, als das es eben keinen Schlaf gibt, wenn das Tierchen nicht gerade freiwillig weiterwandert.

Immer schön, wenn man gebraucht wird. Es schmeichelt dem männlichen Ego, wenn man so billig als kühner Recke auftreten kann. Und solange es nur um Spinnen geht, die zu jagen sind, und nicht etwa um Problembären oder sonstiges Großwild, soll es mir recht sein, gelegentlich ein sehr historisches Männerrollenbild mit Leben zu füllen, wenn sich das Drama an gemeinsam verbrachten Abenden abspielt: “Bring dich in Sicherheit, ich erledige das.” Große Momente unserer Ehe, keine Frage.

Spinnen sind wirklich, wie man oft lesen kann, sehr nützliche Tiere, auch in der Partnerschaft.

15
Jun

Einsatz für Deutschland

by Maximilian Buddenbohm in

Wenn man sich nicht für Fußball interessiert, merkt man sehr deutlich, wie seltsam verändert die Stadt während der Spiele ist und man kann diese Zeit ganz hervorragend und außergewöhnlich nutzen. Es ist zum Beispiel kaum noch Verkehr auf den Straßen, daher kann man in einer Weise schwungvoll durch die Stadt fahren, die man in Hamburg nie für möglich gehalten hätte. Der Feierabendverkehr fällt anscheinend komplett aus, wenn gerade gespielt wird. Vor den Restaurants, Kneipen und Cafés mit Fernsehübertragung stehen Menschentrauben dichtgedrängt auf den Bürgersteigen, auf den Spazierwegen an der Alster ist man dafür aber fast allein, trotz schönsten Wetters. Man kann sich bei einem gelangweilten Verkäufer ein Eis holen und damit nacheinander auf zehn freien Bänken sitzen, nur weil es so toll ist, überall einen Platz zu bekommen, mit Blick auf Sonnenuntergang. Wenn man in einem Restaurant essen geht, in dem keine Übertragung gezeigt wird, hat man natürlich auch freie Platzwahl – leider aber auch geistig abwesendes Personal, das sich lieber in der Küche aufhält, wo dann doch ein Fernseher läuft. In dem asiatischen Restaurant, in dem wir vor ein paar Tagen waren, klang gelegentlich ein vielstimmiges und eindeutig begeistertes „Ami go home“ der Küchenmannschaft aus den hinteren Räumen, als die USA spielten. Unser Essen entsprach dabei eher nicht dem, was wir bestellt hatten, was sicher daran lag, daß der Koch bei der Arbeit mehr auf den Fernseher als auf die Zutaten geguckt hat. So kommt man zum schärfsten und seltsamsten Chop-Suy seines Lebens.

Man kann sich aber auch, während Deutschland spielt, zu Hause auf das Bett werfen und Sex haben – schon wegen des seltsamen Gefühls, daß man wahrscheinlich das einzige Paar in der ganzen Millionenstadt ist, welches sich gerade miteinander beschäftigt. So hat man ohne weiteren Aufwand ein sozusagen besonders exklusives Liebesleben, und wer hätte das nicht gerne. Und mit ein wenig Glück fällt sogar das Finale Furioso der abendlichen Privatvergnügung mit der letzten Spielminute Deutschland – Polen zusammen, so daß einem plötzlich scheinbar die ganze Stadt begeistert zujubelt. Überall begeistertes Geschrei, Klatschen, wildes Hupen und Gesänge, die Menschen kriegen sich gar nicht wieder ein. Wir lagen im Bett und hörten staunend Ovationen, mit denen wir ganz sicher so nie gerechnet hätten. Seltsam, aber nett.

Und, für die Leserschaft mit Sinn für Aberglauben und Leidenschaft für Fußball: Wir wiederholen das natürlich, wenn Deutschland das nächste Mal spielt. Versprochen. Dann wird das schon.

13
Jun

Rotation am Morgen

by Maximilian Buddenbohm in

In Hamburg ist es heiß. Das sind wir hier eher nicht gewohnt, die Hitze wirkt sich daher immer sehr schnell auf den Gemütszustand der Einwohner aus, d.h. man begegnet deutlich öfter Menschen, die sich seltsam benehmen. So ging es mir zum Beispiel sogar in der eigenen Wohnung, als ich gestern morgen aus dem Bad kam und die Herzdame sah, die seltsame Rituale vor dem Spiegel vorführte. Es ist nicht ungewöhnlich, daß sich Frauen vor dem Spiegel drehen, aber wohl eher nicht in der Geschwindigkeit, in der es die Herzdame gerade tat. Sie hatte ein neues Kleid an und drehte sich so schwungvoll wie nur denkbar, wobei sie die Drehbewegung mit den Armen unterstützte, so daß sie gewissermaßen durch unseren Flur propellerte. Das allein war schon merkwürdig, aber sie versuchte dabei auch, den Oberkörper absurd weit vorzubeugen, wodurch diese Übung noch halsbrecherischer aussah und ihr Kopf den Wänden gefährlich nahe kam.

Hitzeklaps, dachte ich, und schlug ihr vor, sich lieber noch ein wenig hinzulegen. Die Herzdame erklärte mir aber, ohne ihre Übungen zu unterbrechen, daß sie unbedingt wissen müsse, ob ihr neues Kleid für den Tanzsport geeignet sei. Hierzu müsse sie feststellen, ob der Saum bei Drehungen so weit hoch fliegen könne, daß ihre Unterwäsche zu sehen sei.

Die Herzdame ist zwar ein außerordentlich biegsamer Mensch, aber unter den eigenen Rock kann sie sich doch nicht gucken, daher waren ihre Bemühungen ambitioniert, aber erfolglos. Ich erklärte ihr nach genauer Beobachtung des wirbelnden Stoffes hilfsbereit, daß das Kleid lang genug sei, nur um ihrem Blick deutlich anzusehen, daß sie mir nicht glaubte. Ich brauchte tatsächlich mehrere Minuten, um ihr klar zu machen, daß es selbstverständlich die reine Wahrheit sei, daß gar keine Gefahr bestünde und daß es doch überhaupt unverschämt sei, mir so etwas nicht abzunehmen. Wer würde schon seiner Frau in solchen Fragen die Unwahrheit sagen? Und wenn man seinem eigenen Mann nicht traut, wem dann? Schließlich ließ sie sich nach langem Zögern doch darauf ein, mir zu vertrauen, gerade bevor ich ernsthaft verunsichert wurde.

Ich dachte fast schon, ich hätte die Fähigkeit glaubhaft zu lügen über Nacht verloren.

12
Jun

Bitte nicht belasten

by Maximilian Buddenbohm in

Die Herzdame hat in der letzten Woche ein Paar Schuhe erworben, ein Sonderangebot. Nichts besonderes, ganz normale, etwas sportliche Sommerschuhe. Nachdem sie die Schuhe einen Tag lang getragen hat, zerfielen sie schon in ihre Bestandteile. Nun erwartet man sicher keine besondere Qualität bei Schuhen auf dem Angebotsregal, aber nur ein Tag Tragezeit ist dann doch ein wenig knapp bemessen und so ging die Herzdame in den Laden zurück und beschwerte sich bei einer Verkäuferin. Diese besah sich die Schuhe ausführlich und fragte dann: „Was haben sie denn damit gemacht? Sind sie mit denen etwa Auto gefahren? Na, das können die natürlich auch nicht ab!“.

Mit anderen Worten, wenn man Schuhe trägt, sollte man wohl besser zum Schutz der Ware die Beine hochlegen. Das erklärt natürlich im Umkehrschluß auch, warum immer mehr Kolleginnen im Sommer barfuß durch die Büros laufen.

9
Jun

Dynamo Dental

by Maximilian Buddenbohm in

Es war natürlich zu erwarten, daß sich die Fußballweltmeisterschaft erheblich auf das Hamburger Stadtbild auswirken würde. Daher wundere ich mich nicht über die vielen internationalen Flaggen an den Fenstern der Häuser und Autos und auch nicht über die mehr oder weniger phantasievollen Schaufensterdekorationen mit Bällen und Kunstrasen. Auch daß etliche Produkte im Supermarkt mit Fußballmotiven bedruckt sind und daß in den Büros aller Kollegen WM-Planer an den Wänden hängen, das ist alles ganz normal.

Daß allerdings die gesamte Praxismannschaft meiner Zahnärztin (Chefin inklusive) bei der Arbeit nicht in das gewohnte, klassische Weiss gekleidet ist, sondern zur WM die Trikots der deutschen Nationalmannschaft trägt, damit muß ich mich erst noch anfreunden. Ein wenig rechnet man ja damit, daß die Helferinnen im Chor “Jetzt geht’s lohooos” singen, wenn die Ärztin den Bohrer ansetzt.

Man kann den Hamburgern jedenfalls wohl kaum mangelnde Begeisterungsfähigkeit vorwerfen.

8
Jun

Ausgleichende Gerechtigkeit

by Maximilian Buddenbohm in

Die Herzdame und ich haben nach längerer Pause mal wieder eine Wohnung besichtigt, und gleich mit schönem Erfolg. Wenn man es als Erfolg sehen möchte, daß uns wieder eine Maklerin bewiesen hat, einem vollkommen moralfreien Berufsstand anzugehören, denn die Bestätigung von Vorurteilen hat ja auch immer etwas Stabilisierendes. Die Maklerin gestern hatte eine Anzeige aufgegeben, in der so gut wie nichts stimmte, nicht die Zimmerzahl, nicht die sanitäre Ausstattung, nicht die Kosten. Letztere stiegen vielmehr mit jeder Gesprächsminute und jedem besichtigten Zimmer, denn hier wäre noch etwas zu machen, da etwas zu reparieren und ein Fußboden, na ja, müßte wohl auch noch rein. Wobei sie eine Summe, die leicht auf einige tausend Euro zu schätzen war, ständig als “ein paar Euro” bezeichnete. Und dann wären da ja außerdem noch die Abstandsforderungen der Vormieter. Auch noch ein paar Euro.

Als wir in dem Zimmer zur Straße standen, rumorte es von draußen unüberhörbar, laute Motor- und Maschinengeräusche. Die Maklerin wies beflissen darauf hin, daß es eigentlich in der Straße ganz ruhig sei, das sei jetzt sicher eine Ausnahme, könne sie sich gar nicht erklären. Ich stand am Fenster und hätte ihr die Geräusche schon erklären können, denn ich sah, wie ein Abschleppwagen gerade ihren roten Sportflitzer aufnahm, aber ich wollte natürlich nicht so unhöflich sein, ihren werbenden Redestrom zu unterbrechen. Als wir nach der Besichtigung vor dem Haus standen, da wo eben noch der Sportwagen falsch parkte, war es tatsächlich ganz leise in der Straße und wir haben uns von einer nun sehr schweigsamen Maklerin verabschiedet.

Die Wohnung nehmen wir aber lieber nicht und die Suche geht weiter.

8
Jun

Gestern im Showprogramm der Tankstelle

by Maximilian Buddenbohm in

Um seltsame Dinge zu erleben, muß man keineswegs weit reisen. Es reicht vollkommen aus, den Stadtteil zu verlassen, wie die Herzdame und ich gerade wieder gemerkt haben, als wir gestern Abend auf der Suche nach einer Gelegenheit zur Autowäsche verblüffende Irrwege fuhren. In Hamburg scheint die Autowäsche nach achtzehn Uhr unüblich zu sein, zumindest haben die meisten entsprechenden Anlagen da schon geschlossen. Wir gerieten nach erstaunlich vielen Fehlversuchen irgendwo in Hamburgs Osten in Autobahnnähe an eine geeignete Tankstelle, fuhren das Auto in die Waschanlage und warteten davor.

Ein Golf, aus dem laute Musik kam, fuhr rasant auf den Parkplatz der Tankstelle, hielt ruckartig an – und dann passierte etwas, was man eigentlich immer nur so sagt, aber nie so meint: Der Fahrer sprang aus dem Auto. Dieser hier tat es aber wirklich, mit einem sogar ziemlich beeindruckenden Satz. Kaum daß er auf seinen Füssen stand, knickte der Oberkörper ein, die Arme vollführten einige ausgesprochen exzentrische Bewegungen und der Kopf zuckte ruckartig. Wir standen staunend vor diesem Auftritt. Der Fahrer, ein junger Mann von vielleicht zwanzig Jahren, richtete sich wieder auf, drehte sich pirouettenmäßig und besah sich in den Spiegelungen seiner Autoscheiben, wobei er weiter äußerst originelle Bewegungen vollführte, die mir nicht gerade tankstellenadäquat erschienen. Ich brauchte eine ganze Weile, bis ich verstand, daß da jemand Tanzen übte, irgend etwas zwischen schon geradezu altmodischem Breakdance und wildestem Freestyle. Die irritierten Zuschauer ringsum an den Zapfsäulen schienen ihn nicht zu stören, während er sich da weiter vor seinem Auto verbog.

Er drückte mehrmals an seiner Musikanlage im Auto ein Lied wieder auf Start und versuchte anscheinend, eine bestimmte Abfolge durchzutanzen, wobei er sich genau in den Scheiben beobachtete. Er scheiterte immer an der gleichen Stelle, was er mit laut gebrüllten Flüchen sehr deutlich machte. Schließlich setzte er sich wieder in seinen Golf, spielte das Stück ab und schlug dabei mit den Händen auf das Lenkrad ein. Er stieg noch einmal aus, versuchte die Bewegungen vergeblich und stieg schließlich doch wieder ein. Man sah durch die Rückscheibe, wie er sich die Haare raufte und mit den Armen Tanzbewegungen im Sitzen andeutete, immer wieder die gleichen Abfolgen. Er stieg ein letztes Mal aus und machte jetzt alles ohne Musik und ganz langsam, wie in Zeitlupe. Er kam dennoch nicht über eine bestimmte Armposition hinaus, woraufhin er mehrmals kräftig gegen das Vorderrad trat, einstieg und weiterfuhr.

Wir sahen ihm irritiert nach. Der Auftritt erschien mir sehr merkwürdig, aber andererseits war diese Showeinlage auch ein klarer Beweis für den Vorteil des von uns gepflegten Standardtanzes. Denn ich scheitere zwar auch regelmäßig und bis zur Verzweiflung am Tanzen, aber ich habe dabei wenigstens eine Frau im Arm – und das ist dem Alleinsein auf Tankstellenparkplätzen doch ganz grundsätzlich vorzuziehen.

5
Jun

Das warme Nest

by Maximilian Buddenbohm in

Die letzte Woche war in Hamburg geradezu bitter kalt und auch Regen gab es nicht eben wenig. Zwischen den Niederschlägen einzelne Schauer, wie es hier scherzhaft heißt. Als ich an einem der letzten Werktage vor Pfingsten abends aus dem Fenster in den Regen sah, auf die frierenden Menschen, die da um Pfützen herumgingen und mit den Schirmen gegen Wind und Wasser kämpften, dachte ich an die Herzdame, die gewiß gerade auf dem Heimweg von der Arbeit war. Vergleiche mit kläglichen nassen Katzen drängten sich mir auf, als ich mir vorstellte, wie sie irgendwo im Regen auf einen natürlich nicht kommenden Bus wartete. Da hatte ich die wundervolle und sehr für mich sprechende Idee, ihr Arbeitszimmer zu heizen, und zwar volle Pulle. Ich bin nämlich gewöhnlich eher geizig mit der Heizung, schon gar in der theoretisch warmen Jahreszeit, während die Herzdame prinzipiell gerne in einer Sauna leben würde, so daß die Raumtemperatur oft ein etwas kritisches Thema zwischen uns beiden ist. Ich drehte also, souverän über meinen Schatten springend, die Heizung neben ihrem Schreibtisch hoch und wartete dann im Wohnzimmer das Erscheinen der Herzdame ab, welche auch nach einer Weile nach Hause kam, genauso naß und durchgefroren, wie ich es erwartet hatte. Sie setzte sich bald an ihren Schreibtisch und ich wartete genüßlich auf Lob und Dank für meine wundervolle Idee.

Tatsächlich stand die Herzdame auch in kürzester Zeit wieder neben mir, allerdings sah ihr Gesicht nicht nach Lob, Dank und Verzückung aus, viel eher nach Fluch und Verdammnis. In einem dazu passenden Tonfall erklärte sie mir, daß ich offenkundig endgültig den Verstand verloren hätte. Denn welcher Unmensch würde schon seine Ehefrau den ganzen Winter lang damit quälen, in jedem Raum die Heizung herunterzudrehen, um dann im Sommer einen vollkommen leeren Raum auf höchster Stufe zu heizen, während ich selbst dabei wiederum im kalten Wohnzimmer säße. Es folgten Hinweise auf mein höheres Alter, verbunden mit Andeutungen, die sich auf gewisse Hirnerkrankungen bezogen.

Ich habe ihr natürlich ausführlich erklärt, daß ich ausschließlich zum Zwecke der Herzdamenbespaßung dieses phantastisch warme Arbeitszimmer inszeniert hätte und der Grund also in meinen charakterlichen Vorzügen, nicht etwa in mentalen Fehlfunktionen zu finden sei, aber so recht in Dankbarkeit verfallen wollte sie dennoch nicht, es blieb etwas Mißtrauisches in ihrem Blick. Geschenke, die man erklären muß, haben selten einen durchschlagenden Erfolg, wie es scheint. Ein paar rote Rosen zu kaufen, um die Dame zu erfreuen, ist vielleicht eine etwas altmodische Methode, sie funktioniert aber absolut zuverlässig. Kreative und neue Ideen dagegen sind mit erheblichen Risiken behaftet.