Die erhabene Stille der Schuhgeschäfte
Es gibt Momente im Leben eines Mannes, an die es keine Erinnerung gibt, sie sind einfach weg, gelöscht. Das ist zu einem Teil natürlich jugend- und alkoholbedingt, denn man durchlebt ja experimentelle Phasen, was den Getränkekonsum angeht. Bei manchen Menschen liegt es sicher auch an anderen Drogen oder sonstigen Exzessen, daß nicht mehr alles gespeichert ist, in meinem Fall liegt es teilweise aber einfach daran, daß ich mit der Herzdame in Schuhgeschäften war.
Obwohl ich eigentlich ein sehr nützlicher, interessierter und auch motivierender Einkaufsbegleiter bin, sogar zu beträchtlichem Enthusiasmus fähig, ist es doch regelmäßig so, daß mich beim Betreten eines Schuhgeschäftes eine so unfaßbare, erdrückende Langeweile überfällt, daß mein Hirn in eine Art Stand-by-Betrieb verfällt und ich erst beim Verlassen des Ladens wieder merke, daß zwischen Hereinkommen und Hinausgehen irgend etwas gewesen sein muß. Ich spüre beim Betreten des Geschäftes förmlich, wie das Denken heruntergefahren wird, es wird leiser und leiser, es verglimmt. Eine Erfahrung, für die andere in Meditationskursen viel Geld bezahlen. Alles Äußere verbleibt am Rande meines Bewußtseins, ich höre wohl die Stimmen um mich herum, ich sehe Schuhe, sehr viele Schuhe, aber es denkt nicht weiter, nichts assoziiert sich, keine Gedankenketten rattern, die Synapsen liegen still und starr. Die Herzdame spricht auf mich ein, ich sehe wie sich ihr Mund bewegt, ich höre sehr oft das Wort Pumps, aber eigentlich ist Hören nicht das richtige Wort. Die Sätze der Herzdame gelangen gar nicht als Wahrnehmung in meinen Kopf, es ist eher so, als würden sie sich in der Luft um mich herum stapeln, teilnahmslos stelle ich fest, wie sie sich auftürmen, mechanisch nickt mein Kopf von Zeit zu Zeit. Die Herzdame zeigt immer wieder auf ihre Schuhe, dann auf andere Schuhe und ganz andere Schuhe, unaufhörlich spricht sie dabei, sie murmelt Schuhfarben, Größen und Absatzhöhen, es ist eine Art Mantra, ich lasse mich darauf ein und werde innerlich vollkommen gelöst. Dabei vergehen Minuten oder Stunden, wer weiß, ich stehe und werde älter, die Erde kreist, das Sonnensystem dehnt sich aus, ich kann es spüren und mein Atem wird ruhiger und ruhiger. Wenn die Herzdame lange genug für ein Paar Schuhe brauchen würde, könnte ich dabei Erleuchtung erlangen. Ich würde diese Methode dann predigen und verbreiten, ich würde als Pumpspapst heilbringend durch die Metropolen der Welt ziehen und in Schuhgeschäften predigen, in die ich mit einem Gefolge barfüssiger Priesterinnen Einzug halten würde.
Die Herzdame steht derweil vor mir und sieht mich an und irgend etwas in ihrem Blick, daß fürchterlich bedrohlich wirkt, holt mich aus meiner Stille und Leere zurück. „Der?“, fragt die Herzdame und zeigt auf ihre Füße, die in verschiedenen Schuhen stecken „ich frage jetzt zum fünften Mal, der? Soll ich den nehmen? Hallo?“.
Und bei der Gelegenheit habe ich dann festgestellt, daß man mit einer kurzen Gegenfrage viel Kredit und ehelichen Frieden verspielen kann, obwohl ich mich ehrlich bemüht habe, Interesse zu zeigen. Interesse zu zeigen reicht aber nicht, wie die Erfahrung lehrt, es kann im Gegenteil fatale Folgen haben und dazu führen, daß die Herzdame den Rest des Tages ohne mich einkaufen geht.
Dabei habe ich nur gefragt: „Welcher ist der Neue?“






Oh ja. Nebst des durchaus positiv zu wertenden Effektes des automatisch zur freien Verfügung gestellten Nachmittages für den männlichen Begleiter hat diese Verhaltensweise doch durchaus Substanz für tiefergehende, beziehungsüberprüfende Diskussionen. In deren Verlauf fällt dann nicht selten der Satz “Du interessierst dich ja überhaupt nicht mehr für meine Belange”, begleitet von einigen kleineren Tiefschlägen der Art “Egomane”, “Du liebst mich nicht mehr” und derarten mehr. Direkte (und wahrheitsgetreue) Beantwortung in dieser Situation etwaig gestellter Fragen kommt einer Eigenanklage vor einem islamischen Religionsgericht gleich, man habe Karikaturen gezeichnet.
Eine schlimme, wenn auch bekannte Situation.
Schuhproblematiken überraschen mich immer wieder. In diesem Fall, wenn sie so toll beschrieben sind, auch einmal positiv. :)
Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Star-Sopranistin Anna Netrebko, im SZ-Interview auf Ihr Vermögen und die Innere Sicherheit in Moskau angesprochen:
“Was sollte die Mafia von mir wollen? Ich gebe mein ganzes Geld für Schuhe aus.”
Womit aufs Schönste geklärt wäre, dass der weibliche Schuhzwang tief überlebenssichernde Bedeutung hat und man der Evolution da besser nicht ins Handwerk pfuscht.
Ommmm… :) Das hast du sehr verständlich beschrieben. Vor allem die Sache mit dem Sätze-Aufstapeln. Ich glaube, so gehts meinem Mann auch – und fühle mich um eine Erkenntnis bereichert.
Es ist doch immer dasselbe…
Auch Merlix hat es nicht leicht beim Schuhe kaufen……