Mai, 2006 Archives
Mai
Familienplanung mit Noten
by Maximilian Buddenbohm in
Am letzten Wochenende haben wir einen Tag mit guten Freunden und deren kleiner Tochter Mélusine verbracht. Sie ist Französin, falls der Name wundert. Mélusine ist erst ein paar Monate alt und daher weitestgehend mit Herumliegen und Herumgetragenwerden beschäftigt. Die Eltern, fiel uns auf, fingen immer an zu singen, wenn sie das Kind auf dem Arm hatten, französische Schlaf- und Kinderlieder. Da man so ein Kind dauernd auf dem Arm hat, gab es auch viel Gesang. Leise trällerte gerade die Mutter, das Kind auf dem Arm wiegend, beruhigende Weisen, als ich die Herzdame ansprach und sie darauf hinwies, daß sie dann wohl auch mal singen müsse, wenn wir einmal ein Kind bekommen sollten. Irgendwann einmal. Wir schließen nämlich nicht kategorisch aus, noch in diesem Jahrzehnt entschlußreif zu sein. So in etwa.
“Singen?!” Die Herzdame schüttelte heftig den Kopf und lehnte kategorisch ab. “Singen kann dann der Vater, der tut es ja auch beim Duschen”. Leugnen zwecklos, das tue ich in der Tat. Mir haben aber mein Leben lang alle, wirklich alle Zeugen bestätigt, daß ich ganz und gar schauderhaft falsch singe, geradezu schmerzhaft falsch für die Zuhörer. Merken das Kleinkinder? Ich weiß es nicht. Aber immerhin ist damit über meinen Gesang überhaupt etwas bekannt, wenn auch negativ. Über den Gesang der Herzdame weiß man eher gar nichts, es gibt keine Zeugen, nicht einmal ihre Mutter erinnert sich, sie je singen gehört zu haben. Oder sie verschweigt etwas, wozu sie ihre Gründe haben wird. Wie dem auch sei, natürlich scheint es ratsam, auf ein unruhig werdendes Baby einzusingen, wie die Erfahrung aller Freunde lehrt, die bereits Eltern geworden sind. Daher bestand ich darauf, daß die theoretische künftige Mutter sich rechtzeitig mit dem Singen anzufreunden habe und drückte ihr das Baby wieder in den Arm, verbunden mit der Aufforderung, es bitte sofort einmal zu versuchen. Man kann solche Dinge ja klären, lange bevor der Ernstfall eintritt, dachte ich. Allerdings schlief das Kind schon freiwillig ein, kaum daß es an ihrer Schulter lag und sie wollte es dann durch schräge Geräusche nicht wecken, was ich natürlich verstand.
Wir diskutierten das Problem abends im Bett weiter, die Herzdame war aber immer noch unerbittlich: “Gesungen wird nicht”. Nicht aus ihrem Munde zumindest Und überhaupt, wenn man bei der Aufzucht unbedingt singen muß, sollten wir vielleicht doch lieber auf Nachwuchs verzichten. Allerdings, fiel ihr plötzlich ein, könnte ich ja so großzügig sein und ihr im Vorwege, reine Prophylaxe, völlig unverbindlich. ein paar professionelle Gesangsstunden zu spendieren, dann sähe die Welt schon anders aus. Professionelle Gesangsstunden? Ja, denn die wollte sie immer schon mal haben. In der Erwartung, daß solche Nachtgespräche bald wieder vergessen werden, sagte ich natürlich sofort zu. Wieder ein Hindernis weniger auf dem Weg zum Nachwuchs. Die Herzdame murmelte, daß sie damit zwar sehr zufrieden, aber ferner auch nicht textfest sei und man daher auch noch Liederbücher kaufen müßte. Kinder scheinen ein teurer Spaß zu sein, wie hier bereits in extrem frühem Stadium deutlich wird.
Wenn hier aber jemand textfest im deutschen Liedgut ist, bin ich das, inklusive Schlaflieder, und zur Demonstration sang ich, ungeachtet meiner stimmlichen Mängel, der in meinen Arm gekuschelten Herzdame ein, zwei Schlaflieder vor, Lalelu, vor dem Bettchen steh’n zwei Schuh und dergleichen. Es singt sich gar nicht leicht im Liegen, aber nach zwei Minuten hörte ich sie leise schnarchen, noch bevor der Mond in meinem nächsten Lied wirklich aufgegangen war.
Wobei ich nun natürlich nicht weiß, ob sie im schönsten Wohlgefühl eingeschlafen ist oder sich ihr Bewußtsein nicht vielleicht in panischem Schrecken vor meinem Mißtönen in Morpheus’ Arme geflüchtet hat. Aber hier wie so oft gilt wohl: Nur das Ergebnis zählt.
So können wir, allein durch die sorgsame Vorbereitung auf potentielle Kinder, später auch als Gesangsduo auftreten. Mit der Herzdamentanzkapelle oder so. Das Leben bleibt voller spannender Möglichkeiten.
Mai
Heute Heimatkunde
by Maximilian Buddenbohm in
In der S-Bahn unterhielt sich neben uns ein Paar, das offenkundig gerade in der Kennenlernphase war, denn wir hörten, wie er zu ihr sagte: „Ich komme ja eigentlich aus Kaiserslautern“. Was sie nach etwas Nachdenken beantwortete mit „Tut mir leid, aber ich kenne in Bayern nur München, sonst fällt mir da gar nichts ein.“ Er guckte sie einigermaßen irritiert an und stellte dann klar: „Kaiserlautern ist nicht in Bayern“, was ihr dann doch peinlich war, so daß sie entschuldigend anfügte: „Oh, das tut mir leid, aber ich kann mir bei diesen Orten da unten nie merken, welche in Bayern und welche in Österreich liegen.“
Ich nahm diesen Dialog natürlich sehr erheitert zur Kenntnis, denn ich konnte dank profunder Allgemeinbildung Kaiserslautern sofort vollkommen souverän Hessen zuordnen, wobei ich mich auch von der Herzdame nicht irritieren ließ, die, wie sie mir beim Aussteigen erläuterte, eher für Baden-Württemberg war. Erst als wir beim Spargelessen unserem Freund Joachim von dem Gespräch in der S-Bahn erzählten und er, der in Deutschland schon fast überall gewohnt hat, überzeugend klarstellte, daß Kaiserlautern natürlich im Saarland liege, kam ich doch ins Grübeln, denn er mußte es ja wissen. Eigentlich. Und als ich am Abend dann Google befragte und die überraschende Wahrheit herausfand, habe ich wieder einmal gedacht, daß ich mir diesen völlig unbekannten Süden Deutschlands vielleicht doch einmal ansehen sollte. Bevor ich selbst in so peinliche Gesprächssituationen gerate.
Wobei Interesse für Fußball in diesem speziellen Fall wahrscheinlich auch schon hilfreich gewesen wäre.
Mai
Die vergessenen Toten
by Maximilian Buddenbohm in
Wenn man, was ja vorkommen kann, an seine eigene Beerdigung denkt, weil man etwa gerade auf der eines anderen war zum Beispiel, hat man unwillkürlich ein Bild vor Augen. Man sieht die eigenen Hinterbliebenen vor sich, die Verwandten, die Lieben und Nächsten, man sieht sie am Grab oder bei der Trauerfeier. Man fragt sich eventuell auch, natürlich im ganz fernen Konjunktiv, welches Ritual man eigentlich selbst wohl wollen würde, ob Verbrennung oder nicht, ob Grabstelle oder nicht und so weiter. Man denkt dabei sicher eher nicht daran, daß es vielleicht keinen gibt, der zu der Beerdigung kommt – zum Beispiel weil einen gar keiner kennt. Ich habe von jemandem gehört, der regelmäßig solche Menschen beerdigt, die niemanden mehr hatten und ich habe ihn dabei begleitet.
Es ist kurz nach sieben Uhr an einem Dienstagmorgen. Ich stehe vor dem Feierraum Nord des riesigen Öjendorfer Friedhofs in Hamburg, auf dem natürlich um diese Uhrzeit noch keine Besucher zu sehen sind. Ein Naturparadies, überall Eichhörnchen in den Bäumen und Singvogelarten, die ich schon erschreckend lange nicht mehr gesehen habe. Auf den Wegen und über den Gräbern gehen Gänse in aller Ruhe spazieren und ein paar Kaninchen gucken mich skeptisch aus den Büschen an. Keine Menschenseele weit und breit, denke ich, und bleibe in Gedanken bei der Formulierung hängen. Ich treffe mich hier mit Frater Rafael, der gleich zwanzig Menschen auf einmal beerdigen wird. Zwanzig Menschen, von denen er nichts weiß als die Namen und das erreichte Alter. Frauen und Männer, verschiedene Jahrgänge. Vor ein paar Minuten fuhr eine Art kleiner Trecker an mir vorbei, mit fünf kleinen Holzkisten auf der Ladefläche, da waren ihre Urnen drin.
Frater Rafael kümmert sich in Hamburg um die vergessenen Toten, die keine Angehörigen hinterließen – oder doch zumindest keine auffindbare und auch zahlungswillige Verwandtschaft. Menschen, die niemanden mehr hatten, keine Familie, meist auch keine Freunde. Teils, weil sie alle überlebt haben, teils, weil sie irgendwie aus der Gemeinschaft gefallen sind. Obdachlose etwa. Die Namen sind bekannt und auch das erreichte Alter, aber die Geschichte des Menschen, all seine Geschichten, sind schon jetzt wie gelöscht und vielleicht auch tatsächlich aus aller Erinnerung verschwunden.
Frater Rafael ist ein ehemaliger Benediktiner, der zusammen mit einem evangelischen Pastor in Hamburg ehrenamtlich die Aufgabe übernommen hat, sich um die Seelsorge für diese vergessenen Toten zu kümmern und das zu tun, was ihm Christenpflicht ist. Gäbe es diese beiden Freiwilligen nicht, wäre da wirklich niemand. Es gibt keine Kirchengemeinde, die sich in solchen Fällen geregelt zuständig fühlen würde, erklärt er mir zu meinem Erstaunen. Wir fahren in seinem Auto dem kleinen Trecker nach, an ausgedehnten Rasenflächen vorbei, unter denen Hunderte liegen, die ohne Trauergemeinde beerdigt wurden, man sieht nur die weite, grüne Fläche, keine Grabstellen. Ganz selten irgendwo ein verlorenes, einsames Kreuzchen oder ein Grablicht, es fällt kaum auf. Die Friedhofsverwaltung weiß natürlich, wer wo liegt und könnte auch Auskunft geben. Wenn sich jemand findet, der gedenken möchte, er kann es an der richtigen Stelle tun, aber es kommt kaum vor.
Die fünf Holzkisten wurden abgeladen und stehen jetzt geöffnet nebeneinander in einer Reihe auf dem Rasen. In jeder Kiste vier Urnen, auf einem Aufkleber jeweils die Namen und die Daten der Geburts- und Todesjahrgänge. Frater Rafael segnet die Urnen, er betet für die Toten, er singt. Er steht einen Augenblick still vor der Reihe, dann ist es auch schon vorbei. Die Urnen werden in die vorbereiteten Löcher gelegt und damit sind dann auch die Namen verschwunden. Es dauert keine zwanzig Minuten, die zwanzig Menschen zu beerdigen.
Die Stadt Hamburg muß für diese Toten aufkommen, denn tote Menschen müssen beerdigt werden, auch wenn keiner dafür zahlen möchte. Die Stadt hat kein Geld und tut das gesetzliche Minimum, Schmuck oder religiöse Zeremonien gehören nicht dazu. Die Toten werden in dem günstigsten Sarg verbrannt, eine Einäscherung ohne Sarg ist nicht zulässig. Die Asche wird mit einem Stein, der die persönlichen Daten trägt, anschließend auf einem Feld beigesetzt, zu einer Uhrzeit, die man gemeinhin als “unchristlich” bezeichnet. Seltsam passend, daß sogar die Stunde dieser Beerdigungen so am Rande liegt. Daß über der Erde nichts bleibt, kein Kreuz, kein Stein, kein Kranz, hat Kostengründe. Man kann sich auf dem Rasen umsehen und denken, daß da sehr viele liegen, weil die Fläche so groß ist, aber mehr Anhaltspunkte gibt es nicht. Einfach ein Rasen, mit sehr viel Gänseblümchen.
Im Jahr 1998 wurden in Hamburg auf diese Art 380 vergessene Tote beerdigt, im Jahr 2006 werden es etwa 800 sein. Tendenz wahrscheinlich weiter steigend, die Gesellschaft wird älter und ärmer. Die Hamburger Bürgerschaft hat immerhin gerade beschlossen, ein wenig Geld bereitzustellen für Blumenschmuck und dergleichen, um zumindest die Flächen, und damit die Gesamtheit der geschichtslosen Toten, etwas zu würdigen, wenn schon nicht die Einzelnen. Frater Rafael, der sich unentwegt für die Würdigung dieser Toten einsetzt, sieht das als sehr gutes Zeichen.
Nächste Woche Dienstag wird er wieder frühmorgens vor einer Reihe von Urnen stehen.
Mai
Versöhnung mit Föhn
by Maximilian Buddenbohm in
Die Herzdame und ich haben gestern eine kleine Unstimmigkeit etwas eskalieren lassen, da uns beiden gerade danach war, so etwas kommt ja mal vor. Und weil wir gerade so gut im Zuge der wechselseitigen Beleidigungen waren und der jeweils andere so furchtbar im Unrecht war, haben wir beschlossen, die Sache ganz zu Ende zu denken und einfach den Scheidungsfall anzunehmen. Natürlich nicht ernsthaft. Man kann ja auch in Streitsituation noch scherzhaft sein, denn wenn man das Ganze nur stark genug übertreibt, endet man im besten Fall irgendwann in Gelächter. Dachten wir.
Wir begannen also unsere Habseligkeiten aufzuteilen, denn bei Trennungen muß ja entschieden werden, wer was bekommt. Dein Bett, mein Bett, deine Bücher, meine Bücher, jeder ein halbes Sofa und so weiter. Das ging erstaunlich gut und flott, wir sind aber auch erst seit kurzer Zeit verheiratet und haben bisher nicht allzuviel Gegenstände gemeinsam erworben. Wir wissen fast bei allem noch, was von wem kommt und, wie die Herzdame sagt: “Deine CDs möchte eh keiner haben.” Wir haben mit diesem Gespräch allerdings unsere Tanzlehrerin sehr irritiert, denn wir diskutierten die Trennungsmodalitäten dummerweise während einer Einzelstunde zum Wiener Walzer. Man stimmt Beziehungskrisen ja nun mal nicht mit dem Kalender ab, die treten eher unvermutet auf. Gleichzeitig die Linksdrehung dieses Walzers zu üben und dabei zu klären, welcher Teller wem gehört – auch nicht einfach.
Wir kamen jedenfalls inhaltlich geradezu erschreckend einfach voran, nichts schien uns aufzuhalten, alles klar geregelt in Wohnzimmer und Schlafzimmer, was liegt eigentlich im Bad? Die beiden Föhne nehme ich, sagte die Herzdame, woraufhin ich sie natürlich fragte ob sie noch bei Trost sei. Einer der beiden gehört selbstverständlich mir, denn den habe ich in den gemeinsamen Hausstand eingebracht, wie ich deutlich erinnere. “Da hattest du auch noch Haare”, sagte die Herzdame und sah mich triumphierend an. Ich habe ihr erklärt, daß es aber doch eine Frage des Prinzips sei, bei einer anständigen Teilung nicht einen der beiden Partner mit zwei Föhnen ziehen zu lassen, das ginge einfach nicht. Und soviel Haare, daß ein Föhn nicht reichen würde, hat sie nun auch nicht.
Außerdem würde ich es natürlich, wenn ich denn wieder Single wäre, es von Zeit zu Zeit begrüßen, Damenbesuch zu haben, sogar über Nacht. Und wer weiß, so ein Damenbesuch freut sich am Ende über einen Föhn im Bad des männlichen, stoppelhaarigen Singles und weiß es zu schätzen, daß da Service geboten wird. Ich bin ja eigentlich ein Netter und habe das Wohl der anderen stetig im Blick, sogar das der mir noch unbekannten künftigen Dame mit nassen Haaren.
Darüber hat die Herzdame eine ganze Weile nachgedacht. Und mir dann angeboten, doch lieber zusammenzubleiben, denn das mit dem unkontrollierten Damenbesuch, das hatte sie so nicht bedacht und der Gedanke schien ihr doch recht unsympathisch. Das nahm ich wiederum mit großer Freude zur Kenntnis, denn ich phantasierte gerade über eine Diskussion mit einem künftigen weiblichen Übernachtungsgast, sie fragte mich drohend und in giftigem Ton, ob ich als eher haarloser Mensch etwa extra für die ganzen One-Night-Stands einen Föhn im Bad hängen hätte. Das Leben als Single erschien mir schlagartig als viel zu kompliziert, um es wieder erstrebenswert zu finden. So vertrugen wir uns lieber wieder und der Wiener Walzer, den wir bis dahin im Eifer des Gefechts eher wie ein geflippertes Vieleck absolviert hatten, wurde plötzlich zu einer runden und eleganten Angelegenheit. Es ist ungemein hilfreich, Dinge zu Ende zu denken.
Ich habe dann zu Hause der Herzdame schon einmal ganz offiziell meinen Föhn geschenkt. Als Zeichen ewiger Verbundenheit, sozusagen.
Mai
Wir schalten kurz zum Sport
by Maximilian Buddenbohm in
Drüben bei Lyssa wurde in den Kommentaren ein Text zum Thema Fußball bestellt. Ich interessiere mich nun leider überhaupt nicht für Fußball. Ich habe aber natürlich auch nichts gegen Fußball, ich möchte es keinem ausreden, sich damit zu beschäftigen. Ich halte mich auch nicht für etwas Besseres oder erleuchtet, nur weil ich mich nicht für Fußball interessiere. Mit anderen Worten, mein Desinteresse ist natürlich vollkommen harmlos und unaufdringlich. Sollen doch bitte alle machen, was sie wollen, und sei es so albern, wie etwa mit Bällen zu spielen, bitte sehr. Daher eine kleine Frage an die himmlischen Mächte – warum um alles in der Welt fangen Frauen aus meinem näheren Umfeld irgendwann alle an, sich vehement für Fußball zu interessieren? Gebe ich irgend etwas Ansteckendes weiter? Erinnere ich die Damen unterbewußt an den frühen Littbarski oder den späteren wen auch immer? Frauen, mit denen ich Zeit verbringe, machen meist schon nach einigen Monaten der Freundschaft seltsame Dinge. Sie treten in den HSV ein, kaufen sich merkwürdige Accessoires, gehen zu Bundesligaspielen und kennen die Listenplätze der Regionalliga auswendig. Eine habe ich sogar im Verdacht, Bayern-München-Bettwäsche zu besitzen. Selbst Lyssa, die ich für vollkommen immun hielt, hat jetzt mit Fußball zu tun. Wenigstens dauerte es bei ihr Jahre, bis der Effekt eintrat. Die befragten himmlischen Mächte erweisen sich aber wieder, wie so oft, als nicht antwortbereit. Der Effekt bleibt daher unergründlich und ich kann alleine sehen, wie ich daran etwas Positives finden kann.
Zum Beispiel: An meinem letzten Abend in weiblicher Begleitung entglitt der Dame sichtlich die Stimmung, nachdem sie eine SMS bekommen hatte. Jemand, der für sie ein Spiel sah, schrieb ihr zwischendurch nur die Worte “Lehmann rot”, was eine beeindruckende Stirnfaltenbildung bei der Dame auslöste und sie längere Zeit ausgesprochen finster in ihr Glas sehen ließ. Das Gespräch erlahmte durch diese Ablenkung etwas und sie sah auf ihre Uhr. Das sieht man gemeinhin als Gesprächspartner nicht gerne. Bestimmt überlegte sie aber nur gerade, wie lange das Spiel, nun ohne Lehmann, noch dauerte, dachte ich mir.
Und das hat doch auch etwas Schönes für mich. Es gab nämlich Zeiten in meinem Leben, da habe ich solche bedenklichen Reaktionen bei Damen zuverlässig allein durch meine Balzversuche hervorgerufen. Heute aber ist es nur eine kleine SMS von irgendwoher, die so etwas auslöst, und die mit mir rein gar nichts zu tun hat.
Überaus angenehm, wie die Dinge sich manchmal entwickeln. Zu wissen, man selbst ist für den guten Teil des Abend zuständig, und ein Herr Lehmann für den schlechten, dafür soll mir Fußball dann doch absolut recht sein.
Mai
Der Wurzelwitz
by Maximilian Buddenbohm in
In einem anderen Blog gab es unlängst einen längeren Text gegen altsprachlichen Unterricht an deutschen Schulen. Ich selbst war auf einem altsprachlichen Gymnasium und habe heute morgen wieder feststellen können, wie außerordentlich sinnvoll das war. Man versteht zum Beispiel ohne Latein den Humor von Zahnärzten gar nicht. Etwa in dem folgenden Dialog, an dem ich heute morgen leider noch vor dem Frühstück beteiligt war:
Ich: “Bevor sie mir Vorwürfe machen, ich war drei Jahre nicht hier, ich weiß, schwerer Fehler, mea culpa.”
Meine Zahnärztin: “Hehe. Erst mea culpa, dann mea pulpa.”
Ein echter Brüller. Und dann dieses Glitzern in ihren Augen, als sie mich auf die um etwa neunzig Grad gebogene Wurzel hinwies – wir werden sicher noch viel Spaß gemeinsam haben.
Mai
Verklemmt auf der Reeperbahn
by Maximilian Buddenbohm in
Ich war wieder einmal mit meiner Freundin Birgit im Sommersalon auf der Reeperbahn, denn der letzte Abend, den wir dort verbrachten, erwies sich als so lehrreich (hier nachzulesen), daß uns nach einer Fortsetzung war. Es war überraschend warm gestern und es fiel kein Regen, es sprach also nichts dagegen, draußen vor der Tür zu sitzen und uns und das Bier unter freiem Himmel zu genießen. Nun ist der Sommersalon ein eher cooler Laden und hat als solcher auch coole Sitzgelegenheiten vor der Tür. Stillgelegte Autoscooter sind es, die da herumstehen, sowie ein, zwei normale Liegestühle, welche aber schon besetzt waren. Also zwängten wir uns hinter das Steuer eines eher winzigen dauergeparkten Gefährts. Ich weiß nicht, ob es sich bei dem Ding vielleicht um eine Version für Kinder handelte oder ob ich nicht vielleicht doch zu fettreich koche, aber die Zeiten, in denen ich in so etwas mit Begleitung elegant hineinpaßte, sind definitiv vorbei. Es war eng, sogar sehr eng. Hätte ich Birgit in einem durchschnittlichen Wandschrank auf den Schoß genommen, wäre es auch nicht enger gewesen. Aber drinnen in dem Laden war es stickig und rauchig und die Abende, an denen man in Hamburg ohne zu Frieren draußen sitzen kann, sind knapp bemessen. So blieben wir dort sitzen, wobei einzelne Arme und Beine etwas seltsam anmutend aus dem dauergeparkten Gefährt hingen. Ich legte der Raumnot gehorchend meinen Arm in einer mantafahrermäßigen Geste um ihre Schultern und ignorierte die sichtlich amüsierten Passanten nach Kräften.
Als ich nach einer Weile in den Laden ging, um am Tresen Getränkenachschub zu ordern, wollte mein verbogener, um die Dame gelegter Arm allerdings nicht so recht freiwillig in seine angestammte Position zurück und auch das Durchdrücken der unter dem Steuerrad verklemmten Knie gelang nicht gerade auf Anhieb. So schob ich mich also in recht befremdlicher Haltung zu der Bedienung, wobei mir die jugendlichen Gäste sehr freundlich aus dem Weg gingen und mich an der Theke sogar vorließen. Wahrscheinlich hielten sie mich für körperbehindert oder auch sonst schadhaft. Nette junge Leute.
Vielleicht ist es doch Zeit, coole Sitzgelegenheiten zu meiden und mich nach Etablissements mit schweren, tiefen Ledersesseln umzusehen.
Mai
Kleine Zeichen
by Maximilian Buddenbohm in
Eine Freundin rief mich an und bat um Rat bei einer Beziehungsfrage. Sie ist seit kurzer Zeit mit einem Mann zusammen, hatte auch die letzte Nacht mit ihm verbracht und am Morgen im Bad dann schockiert festgestellt, daß er ihr kein Handtuch herausgelegt hatte. Da sie aber an den anderen Morgen davor jeweils ein frisches, liebevoll bereitgelegtes Handtuch vorgefunden hatte, war sie höchst besorgt und drauf und dran, den Handtuchmangel als Zeichen einer plötzlich bevorstehenden Trennung aufzufassen, worauf sich dann auch die Frage an mich bezog: “Will der mich etwa schon loswerden?”.
Aufgrund meiner reichen Lebenserfahrung konnte ich sie natürlich beruhigen. Es ist unwahrscheinlich, daß sich ein Mann mit so subtilen Hinweisen aus einer Beziehung verabschiedet (“Eigentlich möchte ich doch lieber nicht mit ihr zusammen sein, aber darüber zu reden ist doof. Ich lege einfach mal kein Handtuch hin, vielleicht geht sie dann von selbst. Frauen sind ja sensibel, sagt man, sie versteht das also schon. Wenn das nicht klappt, mache ich eben den Kaffee jeden Tag etwas dünner. Irgendwann muß sie ja merken, worum es geht.”) Es ist dagegen sehr wahrscheinlich, daß ein Mann irgendwann annimmt, daß die besuchende Dame allmählich in der Lage sein könne, sich selbst ein Handtuch aus dem Regal zu nehmen. Wie überwältigend der erste Überschwang auch sein mag, in der Regel hört man doch irgendwann auf, die geliebte Person wie einen Staatsgast zu behandeln und geht allmählich zu familiäreren Formen über (“Ich bin doch hier nicht dein Page!”).
Aber trotzdem fasziniert mich die Vorstellung, man könne auf diese Art eine Trennung einleiten. So undramatisch. Ein Blick auf das fehlende Handtuch, die schlagartige Erkenntnis, der Abgang. In Japan merkt man ja angeblich, daß einem gekündigt wurde, wenn morgens kein Stuhl mehr vor dem Schreibtisch steht, ein sehr ähnlicher Sachverhalt. Vielleicht könnte man auch zum Beispiel bei Ehepaaren Scheidungen auf diese Art stilvoll einleiten, etwa in dem die Frau nur eine Hälfte des Bettes frisch bezieht. Oder in dem der Ehepartner mit Küchendienst abends nur ein einsames Kotelett brät. Faszinierende Möglichkeiten! Wobei die Herzdame und ich natürlich keineswegs die Absicht haben, künftig getrennte Wege zu gehen, wie ich an dieser Stelle wohl anmerken sollte.
Und daß sie heute morgen den Frühstückstisch nur für sich allein gedeckt hat, liegt sicher nur daran, daß sie annahm, ich hätte ohnehin keine Zeit. Wie auch immer sie darauf kam.
Mai
Der Techniker
by Maximilian Buddenbohm in
Während ich in der letzten Woche an einem verträumten Bürovormittag versuchte, eine harmonische Stimmung in mir zu generieren, in dem ich sämtliche Zellen eines leeren Excel-Blattes mandalamäßig mit netten Farben befüllte, standen plötzlich zwei Männer in Overalls in meinem Büro. “Guten Tag, wir sind der Techniker”, sagen sie zeitgleich. Ich sehe sie etwas verblüfft an und frage nach: “Sie beide sind DER Techniker?”. Die Männer sehen sich an, zeigen aufeinander und antworten dann perfekt synchron: “Ja, er ist der Techniker.”
Das kommt wohl dabei heraus, wenn man in Jobsharingverträgen nicht genau festlegt, wer wann arbeitet, nehme ich an. Die beiden haben dann seltsam gestelzt den Grund ihres Auftritts bekanntgegeben, wobei allerdings nur noch einer sprach: “Bei ihnen wurden Zugerscheinungen festgestellt.” Ein angestellter Hausmeister hätte vermutlich einfach gesagt “Bei ihnen zieht’s wohl”, aber die neuerdings outgesourcten Haustechniker stellen natürlich Zugerscheinungen fest. Alles wird komplizierter.
Das war auch der Moment, in dem ich beschloß, ein verlängertes Wochenende zu brauchen. Wenn man Erscheinungen hat, sollte man sich dringend erholen.
Mai
Vorsicht bei der Sportwahl
by Maximilian Buddenbohm in
In der S-Bahn steht eine Gruppe jugendlicher Türken. Sie sind in diesem Look irgendwo zwischen Gangsta, Mafiaschick und Mannschaftssport gekleidet, sie stehen alle sehr breitbeinig, drücken die Brust weit raus und können vor Kraft kaum gehen. Alle im schlimmsten Angeberalter und, wie man leicht erkennt, in schärfster Konkurrenz zueinander. Sie reden über Sport und erzählen die Großtaten vom Wochenende, was sie im Fußball klargemacht haben (“Die haben wir gekillt, aber ganz schnell”), was sie an Gewichten gestemmt haben, wie die erste Stunde Kickboxen war (“Kickboxen! Voll der Hammer!”). Alle haben natürlich fast unvorstellbare Heldentaten vollbracht. Einer erwähnt, daß er am Sonntag Nordic Walking gemacht hätte. An der Alster. Mit der Familie. Die anderen schweigen irritiert, sehen ihn an, sehen dann sich an, sehen ratlos den an, der wohl der Anführer der wilden Truppe ist, er sieht ein wenig älter aus als die anderen. Er fragt im Tonfall ausdrücklichen Unglaubens:
“Nordic Walking? So mit Stöckern gehen? Mit deinen Tanten? Willst du uns verarschen?”
Dem Angesprochenen wird natürlich klar, daß er einen fatalen Fehler gemacht hat, hektisch erzählt er von den besonderen Anforderungen an die Kondition (“Das geht auf die Pumpe, ich sag dir!”) und an die Beinmuskulatur, aber es ist sinnlos. Der Rudelchef legt ihm die Hand auf die Schulter, sieht sich im vollen Bewußtsein seiner Verantwortung im Kreise seiner Gefolgschaft um, guckt sehr ernst und sagt dann zu dem verhaltensauffälligen Jungkrieger:
“Alter, ich bin dein Freund. Wenn du schwul bist, laß uns reden.”
Man könnte darauf wetten, daß es im Laufe der Woche eine neue Anmeldung beim Kickboxen gibt.
Mai
Die erhabene Stille der Schuhgeschäfte
by Maximilian Buddenbohm in
Es gibt Momente im Leben eines Mannes, an die es keine Erinnerung gibt, sie sind einfach weg, gelöscht. Das ist zu einem Teil natürlich jugend- und alkoholbedingt, denn man durchlebt ja experimentelle Phasen, was den Getränkekonsum angeht. Bei manchen Menschen liegt es sicher auch an anderen Drogen oder sonstigen Exzessen, daß nicht mehr alles gespeichert ist, in meinem Fall liegt es teilweise aber einfach daran, daß ich mit der Herzdame in Schuhgeschäften war.
Obwohl ich eigentlich ein sehr nützlicher, interessierter und auch motivierender Einkaufsbegleiter bin, sogar zu beträchtlichem Enthusiasmus fähig, ist es doch regelmäßig so, daß mich beim Betreten eines Schuhgeschäftes eine so unfaßbare, erdrückende Langeweile überfällt, daß mein Hirn in eine Art Stand-by-Betrieb verfällt und ich erst beim Verlassen des Ladens wieder merke, daß zwischen Hereinkommen und Hinausgehen irgend etwas gewesen sein muß. Ich spüre beim Betreten des Geschäftes förmlich, wie das Denken heruntergefahren wird, es wird leiser und leiser, es verglimmt. Eine Erfahrung, für die andere in Meditationskursen viel Geld bezahlen. Alles Äußere verbleibt am Rande meines Bewußtseins, ich höre wohl die Stimmen um mich herum, ich sehe Schuhe, sehr viele Schuhe, aber es denkt nicht weiter, nichts assoziiert sich, keine Gedankenketten rattern, die Synapsen liegen still und starr. Die Herzdame spricht auf mich ein, ich sehe wie sich ihr Mund bewegt, ich höre sehr oft das Wort Pumps, aber eigentlich ist Hören nicht das richtige Wort. Die Sätze der Herzdame gelangen gar nicht als Wahrnehmung in meinen Kopf, es ist eher so, als würden sie sich in der Luft um mich herum stapeln, teilnahmslos stelle ich fest, wie sie sich auftürmen, mechanisch nickt mein Kopf von Zeit zu Zeit. Die Herzdame zeigt immer wieder auf ihre Schuhe, dann auf andere Schuhe und ganz andere Schuhe, unaufhörlich spricht sie dabei, sie murmelt Schuhfarben, Größen und Absatzhöhen, es ist eine Art Mantra, ich lasse mich darauf ein und werde innerlich vollkommen gelöst. Dabei vergehen Minuten oder Stunden, wer weiß, ich stehe und werde älter, die Erde kreist, das Sonnensystem dehnt sich aus, ich kann es spüren und mein Atem wird ruhiger und ruhiger. Wenn die Herzdame lange genug für ein Paar Schuhe brauchen würde, könnte ich dabei Erleuchtung erlangen. Ich würde diese Methode dann predigen und verbreiten, ich würde als Pumpspapst heilbringend durch die Metropolen der Welt ziehen und in Schuhgeschäften predigen, in die ich mit einem Gefolge barfüssiger Priesterinnen Einzug halten würde.
Die Herzdame steht derweil vor mir und sieht mich an und irgend etwas in ihrem Blick, daß fürchterlich bedrohlich wirkt, holt mich aus meiner Stille und Leere zurück. „Der?“, fragt die Herzdame und zeigt auf ihre Füße, die in verschiedenen Schuhen stecken „ich frage jetzt zum fünften Mal, der? Soll ich den nehmen? Hallo?“.
Und bei der Gelegenheit habe ich dann festgestellt, daß man mit einer kurzen Gegenfrage viel Kredit und ehelichen Frieden verspielen kann, obwohl ich mich ehrlich bemüht habe, Interesse zu zeigen. Interesse zu zeigen reicht aber nicht, wie die Erfahrung lehrt, es kann im Gegenteil fatale Folgen haben und dazu führen, daß die Herzdame den Rest des Tages ohne mich einkaufen geht.
Dabei habe ich nur gefragt: „Welcher ist der Neue?“
Mai
Blogger lasen in den Frühling
by Maximilian Buddenbohm in
So nervös wie gestern abend vor meinem Auftritt war ich wahrscheinlich zuletzt bei der Hochzeit mit der Herzdame, und da mußte ich viel weniger sagen. Es hat aber viel, viel Spaß gemacht, vor Publikum zu lesen, eine ganz wunderbare Erfahrung. Vielen Dank an die Organisatoren Mek und MC Winkel für die Einladung und natürlich an Herrn Paulsen für die überaus charmante Moderation! Danke auch ausdrücklich an das sehr freundliche Publikum.
Bei Herrn Paulsen finden sich die Linksammlung zur Nachlese des Abends und auch die Hinweise zu Ton und Bild.
Meine Lesetexte waren diese drei, in leicht geänderten Versionen:
Mai
Die ersten Anzeichen
by Maximilian Buddenbohm in
Die Herzdame ist nicht nur deutlich jünger als ich, sie sieht auch jung aus. Es ist noch keine drei Jahre her, da mußte sie dem Türsteher eines Nachtclubs noch ihren Personalausweis zeigen, um in das Lokal zu kommen, was mich natürlich ungeheuer amüsierte. Ich habe mir damals sicherheitshalber auch noch einmal ihren Ausweis angesehen. Um so verständlicher ihr Entsetzensschrei, als sie die Probe ansah, die ihr eine offensichtlich schlecht gelaunte Verkäuferin in einer Parfümerie am Sonnabend zu ihren Einkäufen gesteckt hatte. Statt der üblichen Duftprobe gab es da eine Minicremedose, auf der in aller Klarheit zu lesen war: “Bei den ersten Anzeichen alternder Haut”. Den Rest des Tages verbrachte die Herzdame im Badezimmer, intensiv mit der Wirkung verschiedener Lichtquellen auf ihren Teint experimentierend, während ich beruhigend auf sie einredete, ihre jugendliche Frische pries und die Probe wohlweislich für eigene Zwecke entwendete.
Das muß großartig sein, wenn man, wie diese Parfümverkäuferin, einen Job hat, in dem man schlechte Laune, Aggressionen und allgemeinen Welthaß an seinen Kunden austoben kann. Man verteilt einfach ein paar Mittelchen gegen vorzeitige Hautalterung, Augenringe, Krähenfüße oder zur Verdeckung von Narben und Hautunreinheiten willkürlich an beliebige Damen und kann sicher sein, seine Stimmung optimal gestreut zu haben. Faszinierende Vorstellung.
Es hat schon deutliche Nachteile, wenn man nur einen Bürojob hat, ganz ohne Publikumsverkehr.




