April, 2006 Archives
Apr
Aus dem Trainingslager
by Maximilian Buddenbohm in
Die Frühlingslesung rückt näher, erschreckend näher sogar. Die Herzdame ist der Ansicht, ich müsse mangels einschlägiger Erfahrung unter möglichst realen Bedingungen trainieren, Texte laut und wohlartikuliert zu lesen. Dazu trägt sie sehr gerne bei, was ihr möglich ist. Das heißt, ich lese laut vor mich hin, während die Herzdame auf dem Sofa vor mir sich mit Feuereifer die Seele aus dem Leib hustet, mit imaginären Sitznachbarn über den Blödmann am Mikro spricht, an den falschen Stellen lacht, ihr Handy klingeln läßt oder sms schreibt. Sie hat auch schon mitten im Text kommentarlos den Raum verlassen, nach jedem zweiten Wort “Lauter!” gebrüllt und ist laut polternd von einem ebenfalls imaginären Klappstuhl gefallen. Sie gibt sich wirklich Mühe.
Seit sie auf die Idee gekommen ist, mich beim Lesen mit Unterwäsche und Kuscheltieren zu bewerfen, hat die Sprechübung auch einen Aspekt von Torwarttraining bekommen, aber das ist in diesem WM-Jahr ja nur stimmig. Immer mit dem Zeitgeist gehen.
Apr
Mutig voran
by Maximilian Buddenbohm in
Aus verschiedenen, leider hier gar nicht erläuterbaren Gründen, habe ich gerade, zumindest für mein Verständnis, alles Recht der Welt schwer mißgestimmt zu sein und zwar in weit fortgeschrittenem Ausmaß. Das kommt ja mal vor, daß man mit dem, was einem im Leben so geboten wird, nicht ganz einverstanden ist, um es betont milde auszudrücken, das gibt es auch im gepflegtesten Alltag. Natürlich bin ich aber kein Typ, der sich lange in der Opferrolle des Schlechtbehandelten wohl fühlen würde. Ich lehne es vielmehr weitestgehend ab, anderen Menschen mit meinen Fehlstimmungen auf den Wecker zu gehen, wenn es nicht gerade vollkommen unvermeidbar ist. Rücksichtsvoll wie ich bin, habe ich daher den Tag heute weitestgehend damit zugebracht, mich in geradezu leidenschaftlicher Weise in eine betont fröhliche Stimmung zurückzudenken, um zum Beispiel der Herzdame nicht den gemeinsamen Tanzabend durch depressives Herumgejammer und zerbeulte Launen zu verderben. Nein, so etwas tut man nicht, da gibt man sich eher ein gewaltigen Ruck, richtet sich seelisch heroisch auf und tritt dem Leben, dem Walzer und vor allem der Herzdame strahlend und positiv entgegen. Menschen, die sich selbst gut kennen und die eigenen Reaktionsmuster abschätzen können, lassen sich von gelegentlichem schweren Wetter nicht ausreichend beeindrucken, um es sich unnötig anmerken zu lassen, solche Menschen leisten erfolgreich Gegenwehr. Dachte ich zumindest. Die Herzdame ist aber eine scharfsinnige Frau, der, als wir uns in der Tanzschule trafen, ein Blick auf mich und meine mühsam präparierte sonnige Ausstrahlung reichte, um mich mit den Worten: “So ein tapferer kleiner Kerl” zu begrüßen.
Es gibt einfach Tage, die kann man nicht gewinnen.
Apr
Kleine Schwächen
by Maximilian Buddenbohm in
Die Herzdame hat einen geländetauglichen Charakter und ist nicht leicht zu erschüttern, aber natürlich gibt es auch bei ihr einige Schwachstellen. Zum Beispiel eine als panisch zu bezeichnende Angst vor Spritzen, welche bewirkt, daß sie nach so einem kleinen Stich gerne mal umfällt und in Arztpraxen für Aufruhr sorgt. Aller Erfahrung nach fällt sie sogar mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit dem Arzt nach dem Pieks vor die Füße, wie sie mir des längeren erklärt hat. Heute morgen waren wir nun beide zu einer Schutzimpfung (hat ja auch etwas von Romantik, das erste Mal gemeinsam in einem Sprechzimmer) und ich habe mich insgeheim schon das ganze Wochenende darauf gefreut, nach erfolgter Impfung die erbleichende Herzdame in meinen Armen aufzufangen und zur nächsten Liege zu tragen, denn so etwas ist ja eine ausgezeichnete Gelegenheit, sich als Gentleman mit sehr hohem Nutzfaktor zu erweisen. Und was passiert – nichts. Die Herzdame guckt nur etwas krampfhaft zur Decke, der Arzt sticht, sie zieht sich ungerührt wieder an und geht aufrechten Schrittes aus dem Behandlungsraum. Einfach so.
Ich fühle mich um eine glänzende Möglichkeit betrogen.
Apr
Mädchenbier
by Maximilian Buddenbohm in
Ich habe schon seit über eine Woche dauernd Lust auf etwas, das ich bis vor ganz kurzer Zeit noch als Pipi- oder Mädchenbier bezeichnet habe, während die Herzdame es gerne weiter als Spülwasser tituliert, auf diese neumodischen, goldigen, nach Sonnenschein im Glas aussehenden Varianten eines anständigen Pils. Ich hoffe doch sehr, es liegt nur am akuten Sonnenentzug in dieser Stadt, daß es mich plötzlich zu so etwas drängt, und nicht etwa an einer grundsätzlichen und dauernden Geschmacksänderung.
Wie steht man denn sonst da, wenn man so etwas womöglich in einer Kneipe bestellt. Wie peinlich.
Apr
Theaterabend: Die Ziege oder Wer ist Sylvia
by Maximilian Buddenbohm in
Es hat einen irgendwie merkwürdigen Beiklang, so nach dem letzten Eintrag, aber das Stück “Die Ziege oder wer ist Sylvia” in den Hamburger Kammerspielen handelt tatsächlich von Sodomie, von der Liebe zu einer Ziege. Im ideellen und durchaus auch im körperlichen Sinne, da bleibt es nicht bei zarten Andeutungen. Natürlich reiner Zufall, daß es hier auf diesen anständigen Seiten schon wieder um geliebte Tiere geht.
Das Stück von Edward Albee soll, wenn man den Zeitungskritiken glaubt, viele Fragen zur Moral und zur Wirkung der Liebe aufwerfen. Ich denke es mir bei allem Respekt vor dem Autor eher so: Er hatte die interessante Idee, daß sich ein Mann von fünfzig Jahren plötzlich in eine Ziege verliebt – und viel mehr fiel ihm dann auch nicht ein zu dem Thema, zu Ende gedacht wird da eher wenig und ein moralisch aufrührendes Stück ist dann doch etwas anderes. Macht aber nichts! Ganz egal, wenn das Stück so brillant inszeniert und so grandios besetzt ist. Vor allem mit Catrin Striebeck in der weiblichen Hauptrolle, die absolut hinreißend ist und mit einer Leidenschaft spielt, die geradezu raumfüllend ist. Guntbert Warns und Stefan Jürgens ebenfalls in Bestform, Sven Fricke in der Nebenrolle des Sohnes zeigt wundervoll, wie man mit einigen wenigen Sätzen eine Figur vollkommen überzeugend darstellen kann.
Sie alle spielen viel besser als das Stück ist, es ist eine Freude, ihnen zuzusehen, es lohnt den Besuch. Vorführungen noch bis 30.April. Hingehen!
Aber wie kann es eigentlich sein, daß meine Freundin Andrea und ich die einzigen Menschen unter sechzig Jahren in so einer Vorführung sind? Können die Jahrgänge vor uns etwa mit Sodomie mehr anfangen? Man sollte ja eigentlich denken, wir wären ein geburtenstarker Jahrgang, der ganze Arenen füllen könnte. Seltsam.
Das war leider bei allen Theaterbesuchen der letzten Zeit sehr deutlich, man geht da doch anscheinend erst als Rentner hin. Aber auch das hat natürlich seinen Vorteil – an den Theaterabenden fühle ich mich so wenigstens durch und durch jung.
Apr
Von Affen und Schweinen
by Maximilian Buddenbohm in
Kinder lieben Kuscheltiere. Jeder erinnert sich wohl an den Favoriten seiner Kindheit und gar nicht wenig Erwachsene haben die Bettpartner der Kindheit noch irgendwo herumliegen. Ich hatte als Kind eine als innig zu bezeichnende Beziehung mit einem plüschigen Orang-Utan von beträchtlicher Größe. Er war fast so groß wie ich. Meine Großmutter führte einmal ein längeres Gespräch mit diesem Affen und merkte erst an der komplett ausbleibenden Reaktion, daß es sich nicht um mich handelte. Für die Leser, die mich nicht persönlich kennen, sei aber angemerkt: Es hat sich dann doch weitestgehend zurechtgewachsen.
Die Herzdame, die auf dem Land aufgewachsen ist, mußte sich natürlich nicht mit Stofftieren begnügen, gab es in ihrer nächsten Umgebung doch echtes Viehzeug, mit dem man prima spielen konnte. Ich habe da bei dem Besuch über Ostern ein überaus faszinierendes Bild aus ihrer Kindheit gefunden. Auf dem Land kraulen Kinder natürlich keine leblosen Stoffaffen, da schwingen sie noch echte Schweine, bzw. Ferkel. Das hier abgebildete Tier dürfte nach diesem Erlebnis wohl keinen Ringelschwanz mehr gehabt haben.
Kein Wunder, daß aus der Herzdame ein sehr zupackender Mensch geworden ist.
Apr
Labskaus – ein besonderes Vergnügen -
by Maximilian Buddenbohm in
Da ich regelmäßig für die Herzdame und mich koche, kommt es eher selten vor, daß ich einmal ein Fertiggericht esse. So selten, daß ich mich manchmal schon darauf freue. Einerseits wegen der gewonnenen Zeit, anderseits auch wegen der Geschmackserinnerung, denn früher habe ich, wie sicher viele männliche Singles, längere Zeit praktisch von Fertiggerichten gelebt. Als die Herzdame in der letzten Woche einmal sehr lange im Büro blieb, habe ich mir daher mit Freude eine Dose Labskaus aufgemacht, ein Vergnügen, daß Süddeutsche sicher nicht verstehen können und auch nicht müssen. Dummerweise hatte ich aber eine Dose der falschen Marke erworben, ein wirklich schwerer Fehler, denn es schmeckte tatsächlich in etwa so, wie es aussah – bei Labskaus ein überaus unangenehmer Effekt. Ich habe dennoch etwa die Hälfte davon gegessen. Als mir zusehends blümerant wurde, habe ich das Abendessen aber doch aufgegeben. Unter normalen Umständen hätte ich die Reste auch sofort entsorgt, allerdings wurde mein Magen auf dem Weg in die Küche etwas rebellisch und ich hatte es plötzlich sehr eilig, mich etwas hinzulegen. Um der Herzdame trotzdem den wenig erfreulichen Anblick einer halbgegessenen Labskausportion zu ersparen, stellte ich die Schüssel mit dem Rest zunächst zurück in die Mikrowelle, um sie erst einmal schnell verschwinden zu lassen und später zu entsorgen. Ich bin auch in Krisensituationen durchaus noch zu fürsorglichen Gedanken fähig, stellte ich dabei mit Freuden und nicht ohne Stolz fest.
Die Herzdame, die etwa drei Tage später etwas in der Mikrowelle heiß machen wollte, war überaus unangenehm überrascht von den mittlerweile nicht schöner gewordenen Resten meiner Fertiggerichtfreuden, an die ich seit jenem Abend keinen Gedanken mehr verschwendet hatte. Kaum zu beschreiben, wie Labskaus aussieht, wenn man es ein paar Tage stehen läßt, unglaublich, nun ja, organisch. Wenn ich den Blick der Herzdame richtig gedeutet habe: Furchterregend.
Es ist mir leider nicht gelungen, ihr überzeugend zu vermitteln, daß meine eigentliche Absicht, nämlich ihr die Reste gerade nicht zu Gesicht kommen zu lassen, doch wohl höher zu bewerten ist als die ungeplante Tatsache, daß sie nichtsahnend hineingegriffen hat. Wir haben uns aber vollkommen problemlos darauf einigen können, daß es auf absehbare Zeit in diesem Haushalt kein Labskaus mehr geben wird. Wobei sie sich noch nicht ganz sicher ist, ob sie aus unserer Küche überhaupt je wieder irgendwas essen wird.
Apr
Schöne Ostern allerseits
by Maximilian Buddenbohm in
Die Herzdame und ich fahren über Ostern in ihr Heimatdorf, wo man beim Osterfeuer der alten Tradition halber reichlich “Schwatten” (Kaffee mit Korn) trinkt. Das ist selbstverständlich ein hundsgemeines Getränk mit gravierenden Folgen für den Tag danach, aber ich sehe das sportlich. In einer Ehe muß man auch mal ein Opfer bringen können, und sei es, sich den Trinkgewohnheiten des Stammes der Frau anzupassen. Ich erwarte von ihr im Gegenzug ja auch zum Beispiel den Verzehr von Labskaus – dazu dann in ein paar Tagen mehr. Wir wünschen schöne Feiertage!
Apr
Hier arbeitet Fachpersonal
by Maximilian Buddenbohm in
Wenn man Urlaub hat und nicht wegfährt, liegt man meistens nicht, wie eigentlich geplant, auf der Couch und liest wundervolle Bücher, man erledigt vielmehr dauernd dies und das, bringt Dinge weg und holt sie ab, räumt auf und kauft ein, macht Termine und sucht Parkplätze, bis sich so ein langer, freier Werktag auf gefühlte zwei Stunden reduziert hat und plötzlich vorbei ist. Immerhin kommt man aber in den ungewohnten Genuß, mit mehr Menschen als nur mit den Büronachbarn Kontakt zu haben. Ich habe an einem einzigen Tag in wenigen Stunden zum Beispiel folgende Menschen erleben dürfen: Einen Hamburger Taxifahrer, der nicht wußte, wo die Lange Reihe ist, was in dieser Stadt in etwa heißt, daß man wahrscheinlich keine einzige Strasse kennt. Mit dem kameradschaftlichen Hinweis “Du mir zeigen” brauste er dann in dramatisch überhöhter Geschwindigkeit an den richtigen Abzweigungen vorbei, bevor ich mir eine passende Strecke überlegt hatte. Kurz darauf eine Frau in einer Textilreinigung, die auf meine Frage nach der möglichen Entfernung von Flecken aus einem Pullover wörtlich antwortete :”Ja was weiß ich denn.” Eine Verkäuferin an einer Käsetheke (“Hier arbeitet Fachpersonal”, stand auf einem Schild), die auf die Frage, welcher Käse noch in der geschmacklichen Richtung von Old Amsterdam liegen würde, antwortete: “Sie müssen schon selber wissen, was ihnen schmeckt” und offenkundig nur eben Schnitt- von Streichkäse unterscheiden konnte.
Die Frau im Blumenladen, die Strelitzien nicht dem Namen nach kannte, sondern erst nach Zeigen mit dem Finger meinen Wunsch verstand, fiel da schon gar nicht mehr auf.
Ich bin gespannt, wann mich der erste Busfahrer nach dem Weg zur nächsten Haltestelle fragt.
Apr
Die Herzdame rollt
by Maximilian Buddenbohm in
Die Herzdame war als Kind für eine Feriensaison im Kinderzirkus, eine anscheinend prägende Erfahrung. Sie neigt auch heute noch zu durchaus artistischen Freizeitbeschäftigungen, wie etwa dem Rhönradturnen. Das habe ich mir heute zum ersten Mal angesehen und war beeindruckt. Wenn man auf diesem seltsamen Gerät etwas kann, ist es wirklich sehr schön anzusehen, die Bewegungen wirken schwebend, schwerelos und elegant. Die Übungen im Bild festzuhalten war aber naturgemäß schwierig, denn die dauernde Drehung stört beim Zielen doch ungemein. Ich habe daher in bester DDR-Trainer-Manier die Herzdame angehalten, wieder und wieder durch die Halle zu kreisen, bis endlich ein brauchbares Bild gelungen war: “Du sollst da nicht rumstehen, du sollst rollen”.
Die Menschen, die solche Bilder beruflich herstellen, müssen entweder eine Engelsgeduld haben oder eine gnadenlose Kommandohaltung, denn freiwillig positioniert sich anscheinend kein Sportler in die ideale, bildgerechte Haltung und bleibt ausreichend lange so. Man lebt übrigens auch verblüffend gefährlich, wenn man solchen Bildern hinterherläuft. Das Gefühl, jeden Moment von dem Rhönrad eines anderen Turners zermalmt werden zu können, empfand ich eindeutig als hinderlich bei den Bemühungen um die Motivwahl. Auch die Schmerzensschreie anderer junger Damen, die aus ihren Rädern fielen und über herumliegende eigene Körperteile fuhren, waren nicht eben konzentrationsfördernd. Alles in allem eine bereichernde, aber anstrengende Erfahrung für mich.
Es war mir daher schon etwas unangenehm, als wir zu Hause feststellten, daß die Herzdame sich für die Bilder blutige Füße geturnt hatte. Daher wird das beste Bild hier auch selbstverständlich sofort dokumentiert, damit die Schäden einen Sinn haben.
Mehr Bilder hier.
Apr
Leichte Irritation
by Maximilian Buddenbohm in
Wenn ich die Herzdame um einen kleinen Gefallen bitte und diese dann scherzhaft nach dem Lohn dafür fragt, wenn ich daraufhin ebenso scherzhaft Naturalien vorschlage, etwa Sex oder Blumen, sollte ich dann vielleicht länger darüber nachdenken, wenn die Antwort lautet: “Oh toll, Blumen!”?
Apr
Theaterabend: Die Entdeckung der Currywurst
by Maximilian Buddenbohm in
Im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater läuft seit vorgestern eine Bühnenfassung der Novelle “Die Entdeckung der Currywurst” von Uwe Timm. Vor dem Theater steht jetzt ein Imbißwagen der, extra und passend zum Stück, Currywurst verkauft, welche die Herzdame und ich auch zur Einstimmung probierten. Die Firma, die dort die Chance zur Werbung für ihre Wurstwaren nutzt, sollte sich allerdings schämen für die lausige Qualität, die dort angeboten wird, denn wenn die erwartete Bratwurst nach schlabberiger Brühwurst schmeckt, kann sie mit keiner noch so guten Sauce mehr gerettet werden.
Für mich ist Uwe Timm ein Autor, dem es um das Besondere hinter dem Alltäglichen geht, um die Geschichten, die den Begriffen erst Geschmack und Würze geben. Versessen auf das Wunderland an Erlebnissen und Personen, das sich nur dann offenbart, wenn man genauer hinsieht, nachfragt, mitdenkt und nachfühlt. Geht man mit dieser Haltung durch das Leben, wird eben auch der Hintergrund einer Currywurst zu einer bezaubernden Geschichte, zu einer Erzählung mit interessanten Figuren, besonderen Umständen, mit Dramatik und Witz. Diese seltsame Verbindung eines profanen Auslösers mit dem ganz Besonderen einer Lebensgeschichte liebe ich an dieser Erzählung. Uwe Timm kann sich in seinem Buch mit vollkommen nachvollziehbaren Stolz an den gefundenen Schätzen erfreuen und dem Leser ergeht es bei der Lektüre nicht anders, man übernimmt die Inhalte beglückt und spielerisch in sein eigenes Erzählrepertoire. Gerade die Entdeckung der Currywurst dürfte ein Musterbeispiel für dieses Leseergebnis sein, die Geschichte von Lena Brücker, die in der Endzeit des Zweiten Weltkriegs den fahnenflüchtigen Soldaten Hermann Bremer versteckt und kurz darauf durch einen Zufall die Currywurst erfindet ist sicher Allgemeingut geworden, zumindest in Hamburg. Von dem Problem mit Berlin reden wir hier lieber nicht.
Lena Brücker ist keine besondere Frau und Hermann Bremer ist kein spektakulärer Held, daher ist es auch ein eher leises und feines Buch, die Geschichte lebt nicht von Schlagzeilen sondern wird erst durch liebevolles Nachsinnen zu einer bemerkenswerten Angelegenheit. Dramatik liefert der historische Rahmen genug. Warum das Theaterstück nur aus Schlagzeilen besteht, ist mir daher vollkommen unerfindlich. Die Hauptfigur der Lena Brücker (Saskia Fischer) ist seltsam krawallig angelegt und agiert in permanenter Aufregung, sie ist im Tonfall überzogen vulgär und einfach zu laut. Ihre Gefühlswelt kann man nicht recht nachvollziehen. Diese Spielart paßt doch eher in das Ohnsorgtheater, nur wäre sie dort wenigstens erfolgreich erheiternd, nehme ich an. Das Berührende und Feine an der Geschichte dieser einfachen Frau, die einen Deserteur versteckt und liebt, während ringsum die Welt untergeht, bleibt für mich gänzlich auf der Strecke, übrig bleibt eine eher hektische Szenenfolge, die zwar eine Geschichte erzählt, aber nichts mitschwingen läßt. Auch die männliche Hauptfigur (Torben Krämer) überzeugt mich nicht, auch ihm werden die stilleren Momente, die seine schwere Lage besser darstellen würden als das wilde Agieren, von der Regie (Johannes Kaetzler) nicht gegönnt. Warum schließlich die teils glänzend besetzten Nebenfiguren so deutlich ins Klamaukhafte abdriften müssen, erschließt sich aus dem Stück nicht, aus dem Buch schon gar nicht.
Überzeugend aber das unverändert bleibende Bühnenbild (Peter Schmidt), daß im Zusammenspiel mit den Lichteffekten bemerkenswert souverän durch etliche Zeitebenen und Ortswechsel trägt und wenigstens etwas von der vermißten Gefühlstiefe der eigentlichen Geschichte rettet. Durch den Bedeutungswandel, den eine Wand oder ein Fenster hier aushalten, ahnt man zumindest ein wenig davon, daß es eigentlich um eine Geschichte vor allem hinter den Dingen geht.
Als wir das Theater verließen, hatte der Imbißwagen schon geschlossen, obwohl man dadurch wahrscheinlich den Hauptumsatz des Abends verpaßte. Wir fanden es seltsam stimmig.
PS: Ich bin übrigens der Ansicht, daß man Zuschauer, die es fertig bringen, ihr Handy während der Vorstellung laut klingeln zu lassen und die dann noch, nachdem sie den Anruf weggedrückt haben, mit laut piepsenden Tasten eine SMS schreiben, aus dem Theater prügeln sollte. Aber sonst bin ich natürlich ein friedliebender Mensch.
Apr
Lokalpatriotismus
by Maximilian Buddenbohm in
Die Herzdame und ich waren im Theater, worüber ich später noch ausführlicher berichten werde, hier aber schon eine Kleinigkeit vorweg. Im Laufe des Stückes sagte der Hauptdarsteller den Satz “Ich komme aus Petershagen an der Weser”. Sicher kein poetisches Meisterstück erster Klasse, er wird aber doch einigen Zuschauern in Erinnerung bleiben, da die Stimme der Herzdame aus dem Zuschauerraum, gedämpft aber doch sehr gut allgemein hörbar, ebenso unvorhergesehen wie von Begeisterung getragen erwiderte: “Ich auch!”
Die Herzdame liebt ihre Heimat, kein Zweifel.
Apr
Entspannungstherapie auf der Reeperbahn
by Maximilian Buddenbohm in
Selbstverständlich ist es etwas albern, sich länger mit der Frage abzugeben, was genau es für einen selbst bedeutet, vierzig Jahre alt zu werden. Es ist natürlich auch einfach nur eine Zahl, Vierzig ist gar kein Alter und selbstverständlich stehen einem noch alle Möglichkeiten offen. Aber ja doch. Warum ich bei Treffen mit Gleichaltrigen, denen das Ereignis in diesem Jahr ebenfalls bevorsteht, dennoch regelmäßig in äußerst sentimentalen Themengefilden mit vehementen Anfällen von “weißt du noch…” lande, kann ich mir gar nicht recht erklären.
Gestern abend war ich mit meiner Freundin Birgit, wenige Tage jünger als ich, im Sommersalon auf der Reeperbahn, einer meiner bevorzugten Adressen, wenn es um einen entspannten Abend geht. Birgit hatte gerade festgestellt, daß die Kurse, die sie an der Hamburger Universität nehmen möchte, unter die Bezeichnung “Kontaktstudium für ältere Erwachsene” fallen und war einigermaßen angeschlagen von diesem Begriff. Ich schlug ihr folgerichtig vor, in der Mensa nach dem Seniorenteller zu fragen. Einige wenige Getränke später waren wir bereits bei der Planung monströser Alles-vorbei-Partys, fragten uns gegenseitig nach Faltenbildung und grauen Haaren, zählten auf, was wir alles nicht mehr erreichen würden und taten uns nach Kräften leid. Man muß sich bei solchen Gelegenheiten ja nur kurz fragen, wer aus dem Bekannten- und Freundeskreis bereits tot, schwer krank, ruiniert oder geisteskrank ist, um sich die Stimmung und den Schwung sehr erfolgreich zu ramponieren. “Was macht eigentlich die Dings?” “Die hat sich doch umgebracht.” “Ach…”.
Um uns herum war es während des Gesprächs voll geworden, wir sahen uns etwas um und stellten fest, daß wir mit Abstand die ältesten Gäste waren. Nicht nur mit etwas Abstand, sondern mit dramatischen rund zwanzig Jahren Abstand. Vielleicht war eine Party zum Studienbeginn dort eingefallen, vielleicht war es ein feiernder Abiturjahrgang, wir müssen jedenfalls gewirkt haben wie die zuständigen Jugendbetreuer.
Und während wir die extrem jungen Gäste beobachteten, die ums uns her angestrengt, aber unbedingt lässig sein wollend herumstanden, deutlich auf Wirkung bedacht und sich sorgsam selbstinszenierend, dauernd guckend, wer wohl guckt und mit allen Anzeichen von geradezu fieberhaftem Balzverhalten, aus unserer Sicht modisch albern, aber sicher sehr durchdacht aufgebrezelt und durch und durch auf Show bedacht, da haben wir es doch gemerkt: So jung möchte man auf keinen Fall noch einmal sein. Vierzig ist schon in Ordnung. Ein feines Alter. Man kann einfach irgendwo sitzen. Ohne dauernd auf seine Wirkung zu achten, ohne sich etwas beweisen zu müssen, ohne krampfhaft permanent die Flirtwirkung testen zu müssen. Einfach so. Herrlich! Was für eine Freiheit. Wir rutschten tiefer in die Sessel und stellten übereinstimmend fest: Mit vierzig Jahren hat man sich etwas Entspannung redlich verdient.
Apr
Heimatgeschichten: Bildbeweis
by Maximilian Buddenbohm in
Falls man sich vielleicht fragt, ob ich nicht vielleicht übertreibe, wenn ich das hier oft erwähnte Heimatdorf der Herzdame als bemerkenswerten Ort und die Bewohner als speziellen Menschenschlag darstelle, hier ein Bildbeweis vom letzten Wochenende. Die Herzdame machte freundlicherweise mit ihrem Handy dieses Photo von einer kleinen Nachmittagsvergnügung, kurz bevor sie durch den auf den Tanz folgenden reichlichen Umtrunk nicht mehr zu klarer Zielpeilung fähig war. Es geht dort wirklich so zu, in Nordostwestfalen. Eine fremde, faszinierende Welt, in der man überaus viel Spaß haben kann.
Die Mutter der Herzdame leitet diese Tanzgruppe und die Herzdame ist daher mit diesen Bräuchen aufgewachsen. Sie könnte auch durchaus selber mittanzen und ich hoffe sehr, auch hierfür irgendwann Bildbeweise liefern zu können. Allerdings scheint so etwas leider nur dann stattzufinden, wenn ich nicht dabei bin, ich habe es daher bisher nie gesehen.
Vielleicht müssen wir ja erst ein paar Jahre verheiratet sein, bevor ich reif für den Anblick bin.





