März, 2006 Archives
Mrz
Daumesdick oder: Mord im Schlachthaus
by Maximilian Buddenbohm in
Kindern soll man bekanntlich Märchen vorlesen, vorzugsweise natürlich solche, die seit Generationen überliefert sind. Diese Geschichten voller Mord und Totschlag verwertet die Kinderseele ganz vorzüglich, sie blüht, wächst und gedeiht dadurch. Wie sich gestern abend wieder erwies, sollte man aber ausdrücklich nur Kindern Märchen vorlesen und keinesfalls Erwachsenen, denn die können damit eher nicht umgehen.
Ich las der Herzdame abends im Bett das Märchen von Daumesdick vor, aus dem Vorrat der Gebrüder Grimm. Ein kinderloses Paar bekommt darin nach vielen Bitten ein winziges, eben nur daumengroßes Kind. Auf dem obligatorischen Weg hinaus in die Welt gerät dieses Winzkind natürlich in einige Gefahren, wird zum Beispiel von einer Kuh gefressen und verbringt unfreiwillig einige Zeit in deren Magen. Später wird es, als der Magen der nunmehr geschlachteten Kuh samt lebenden Inhalts auf einem Misthaufen liegt, von einem Wolf verschlungen und ist dann in dessen Eingeweiden gefangen, alles recht unappetitlich, aber doch mit Happy End. Während also ein Kind der Theorie nach diese erbauliche Geschichte selig lächelnd anhört, daraufhin sanft einschläft und sich durch Verarbeitung im Unterbewußten bestens entwickelt, passiert bei einer ausgewachsenen Herzdame etwas ganz anderes. Diese fragt schon während der Vorlesestunde dauernd zweifelnd nach, ob diese scheußlichen Vorkommnisse da wirklich so stehen würden und belästigt den Vorleser außerdem mit Fragen nach Sinngehalt und Erklärungsmodellen. Ferner speichert sie das Gehörte kurz vor dem Einschlafen direkt neben die Erinnerungen an Krimis, Thriller und Fleischskandale, weswegen sie mitten in der Nacht furchtbebend aus einem Traum erwacht, der sehr schön zeigt, was Märchen bei Erwachsenen auslösen.
In dem Traum war die Herzdame damit beschäftigt, eine besonders grausige Mordserie aufzuklären. Dergleichen träumt sie öfter, das Beseitigen von Schurken und Schuften aller Art sowie auch mal die Rettung der Welt gehört zu ihren nächtlichen Gewohnheiten, in dieser Nacht war es aber schlimmer als sonst. Ihre Ermittlungen führten sie zu später Stunde in den Hamburger Schlachthof, wo sie durch riesige, menschenleere Hallen ging, in denen spärliches Licht Unmengen von Tierkadavern und noch blutige Maschinen beleuchte. Dort kam sie dahinter, daß die zahlreichen, lange gesuchten Opfer der Mörderbande zwischen den Schlachtabfällen versteckt waren. Sie konnte sich gut erinnern, wie sie in dem Traum durch weggeworfene Tierhäute hindurch erst Umrisse von Köpfen sah und wie sich bei näherem Hinsehen immer deutlicher Gesichter abzeichneten. Sie wußte auch noch, wie sie hier eine einzelne Hand und dort einen abgehackten Fuß unter einem Berg von Rindereingeweiden entdeckte. Es fiel ihr schwer, an den blutigen und teils bereits in Verwesung übergegangenen Resten von Mensch und Tier zu erkennen, was dem Orte sozusagen angemessen und was Spur eines Verbrechens ungeahnten Ausmaßes war.
Die Vorgänge fand sie im Traum schwer erschütternd, was sicher auch ein wenig daran lag, daß die Täter in der Verwandtschaft der Herzdame zu finden waren. Enttäuscht und in schwerer Sinnkrise packte sie nach der Aufklärung des Falles zehn geblümte Nachthemden in einen Koffer und ging damit in ein Kloster, um sich für den Rest des Lebens angewidert dorthin zurückzuziehen. Ihre Erzählung schloß sie mit dem freundlichen Hinweis, ich möge mich freuen, in dem Traum nicht vorgekommen zu sein.
Mit anderen Worten, bei Erwachsenen löst das Vorlesen von Märchen überhaupt keine gedeihlichen Prozesse mehr aus, es gefährdet nur unnötig die seelische Stabilität. Man sollte statt dessen lieber gleich schlechte Filme gucken.
Mrz
Fast in letzter Sekunde
by Maximilian Buddenbohm in
Die Woche begann damit, daß jemand die Herzdame und mich um Haaresbreite überfahren hätte, während wir zu Fuß auf dem Weg zum Bahnhof über einen eisglatten Zebrastreifen gingen. Interessant dabei, daß ich, als das Auto mit beträchtlicher Geschwindigkeit auf uns zurutschte, nicht etwa mein Leben an mir vorüberziehen sah, wie man es immer liest, meine Seele in Gottes Hand befahl, den Himmel aufgehen sah oder zumindest noch einmal die Hand der Herzdame inniglich drückte, nein, was ich dachte war wahrheitsgemäß nur: “Bei dem Scheißwetter möchte ich ja nicht auf dem Asphalt rumliegen”.
Da hätte ich doch mehr von mir erwartet. Man sollte immer einen hehren Gedanken parat haben.
Mrz
Sehr konstruktive Gedanken
by Maximilian Buddenbohm in
Wenn man eines dieser zögerlichen Dinger am Köpfchen packen und noch ein klein wenig mehr aus der Erde ziehen würde, wenn man es dann mit dem Fingernagel oben mehrmals einritzen und die Blütenblätter auseinanderbrechen würde, vielleicht würde es dann schlagartig Frühling werden.
Mrz
Wunschbloggen mit Milch
by Maximilian Buddenbohm in
Auf besonderen Wunsch zweier Damen (siehe Kommentare zum letzten Beitrag) hier eines der Beweisbilder zur Geschichte mit dem Storyboard.
Man braucht natürlich etwas Phantasie, um das Bild richtig würdigen zu können, man erkennt sonst zum Beispiel die rauhe, zerklüftete Landschaft nicht, in die dieses Hochhaus gebaut wurde. Man könnte auch übersehen, daß das weiße Dings auf dem Dach natürlich ein Hubschrauberlandeplatz ist.
Um die Situation der Aufnahme richtig zu erfassen, muß man ferner bedenken, daß ich mich während der Aufnahme ziemlich weit aus einem kreisenden Hubschrauber lehnen mußte, um den richtigen Winkel zu erwischen. Keine angenehme Erfahrung, aber was tut man nicht alles, für seine Herzdame.
Bei dem Gebäude handelt es sich übrigens um die Zentrale des Weltkonzerns “Ja”. Eine sehr erfolgreiche Firma, obwohl dort normale Milchkartons unangenehmerweise in grüner Farbe beschriftet werden, wodurch sie immer nach Buttermilch oder Schlimmerem aussehen.
Mrz
Abendunterhaltung mit Milch
by Maximilian Buddenbohm in
Die Herzdame hat in ihrer schier endlosen Weiterbildung mittlerweile die überaus unerfreulichen mathematischen und betriebswirtschaftlichen Aufgaben weit hinter sich gelassen und beschäftigt sich nun mit eher bunten Medienthemen. Dabei sollte sie gestern ein Storyboard entwerfen, für eine Kamerafahrt auf ein Gebäude in umgebender Landschaft. Sie kam aber nach einigen Versuchen mit Bleistift darauf, daß ihre gezeichneten Gebäude immer nur wie schiefe Milchtüten aussehen, was sie als peinlich empfand. Sie bat mich daher, statt der Zeichnungen Photos zu machen, die sie dann zu einem Storyboard zusammenfügen wollte. Mangels Modellgebäuden in unserer Wohnung wurde dafür ein tatsächlicher Milchkarton auf die Landschaft des Ehebettes plaziert. Warum ein photographierter Milchkarton im Bett, der ein Gebäude sein soll, weniger peinlich ist als eine Zeichnung, die kein Milchkarton sein soll, aber doch so aussieht, entzieht sich meiner Kenntnis. Die spinnen, die Medienmenschen, aber ihr Wunsch war mir natürlich Befehl.
So schob die Herzdame den Milchkarton auf der Suche nach der richtigen Position durch das Ehebett, simulierte Stehlampe schwenkend Sonnenuntergänge und mit untergeschobenen Kopfkissen Berge und Täler, während ich, von einer Leiter aus einen Photographen im Hubschrauber imitierend, phantastische Panoramaaufnahmen des Arrangements machte. Die Herzdame erklärte mir dabei des längeren den Sinn und Zweck der Übung, aber ich konnte sie leider überhaupt nicht verstehen, da ich rollenkonform lautstark einen Hubschrauber nachmachte.
Ich nehme durchaus auch Aufgaben ernst, die ich nicht verstehe.




