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G.
Ich habe es staunend, aber weitgehend klaglos hingenommen, als vor einigen Jahren auf Partys der Smalltalk immer öfter um das Thema Golf kreiste. Ich habe nicht laut gesagt, was ich von Golf halte, zumindest nicht sehr laut. Es waren teils recht nette und sympathische Menschen, die da über diesen abartigen Sport für Liebhaber besonders abscheulicher Moden sprachen, was sollte ich denn machen? Sie haben mir alle immer wieder versichert, Golf sei heutzutage doch gar nicht mehr so schlimm wie früher, die Leute lange nicht mehr so arrogant, die Atmosphäre im Club so wahnsinnig locker, die Bewegung an der frischen Luft so überaus wohltuend. Nun ja. Jedem Tierchen sein Pläsierchen, die Welt ist groß genug für die Golfer und für mich. Letztlich hielt ich es auch für ein normales Zeichen des Älterwerdens, dass in meinem Freundeskreis immer mehr Golfer auftauchten, das gehörte eben so. Man braucht irgendwann eine Lesebrille, man sieht seinen Orthopäden öfter, die Amalgamplomben werden getauscht, die Freunde gehen golfen, das nennt man dann Kontext. Nur im Stillen dachte ich auf diesen Partys an meine modisch geschmackssichere Mutter, die mir in meiner Kindheit, als wir noch neben einem Golfplatz wohnten, immer eingeschärft hat: „Menschen, die karierte Hosen tragen, die essen auch kleine Kinder.“
In letzter Zeit fällt mir nun auf, dass auf Partys ausufernd und ambitioniert über Gin Tonic geredet wird, und zwar fast so, als sei das ein interessantes Thema. Man diskutiert lang und breit über exotische Ginsorten, die man nur an seltsamen Orten und für erstaunliche Preise erwerben kann, man kombiniert diese Spirituosen im Geiste oder auch de facto mit allen möglichen Sorten Tonic Water, wovon es, was mir vorher gar nicht klar war, auch mehrere Sorten gibt. Und irgendwann kommt man dann zu später Stunde unweigerlich auf die „Gurkenfrage“, wobei man ernst guckt und voller Bedenken den Kopf wiegt, denn an der Gurke, das kann man auch als Außenstehender mit ordinärer Bierpulle in der Hand nicht übersehen, an der Gurke im Glas scheiden sich die Geister. Gerade gestern Nachmittag waren wir wieder auf einer Party, auf der jemand neben uns von Gin Tonic anfing, sicherlich zufällig war es ein Mensch, der gerade frisch vom Golfplatz kam. Auch er ein, das sollte man wohl betonen, ansonsten durchaus netter Zeitgenosse. Er schwärmte von einer bestimmten Sorte Gin, die sogar eine gewisse Bar bei uns um die Ecke ausschenkt und die Herzdame sagte, nicht ohne einen gewissen Spott in der Stimme, dass am Ende noch die Gurke käme, nicht wahr? Nein, sagte der Herr, denn Gedanken wolle er weit von sich weisen. Aber eine Blaubeere, jaha, eine Blaubeere im Glas, das sei es doch, das einzig Wahre. Und er betonte „eine Blaubeere“ auf „eine“. Oder eine Haselnuss, ergänzte die Herzdame bewundernswert ernst. Gin-Tonic-Trinker scheinen anfällig für den Zuruf seltsamer Zutaten. Für die nächste Party überlegen wir uns vorher ein paar amüsante Stichworte.
Und während wir noch mit dem Gin-Tonic-Golfer sprachen, mit dem ich kurz darauf experimentell prüfte, ob man einen Golfball im Treppenhaus vom dritten Stock bis in den Keller ohne nennenswerte Sachbeschädigung gerade durchfallen lassen konnte, was fast schon wieder für den Sport sprach, während ich also mit ihm diskutierte, wurde mir plötzlich klar, dass beide Themen, Golf und Gin Tonic, mit G anfangen und dass es daher in absehbarer Zeit noch ein drittes Thema geben wird, das auch mit G beginnen wird und mich ganz sicher genauso langweilen wird. Aller guten Dinge sind drei, das gilt bekanntlich erst recht für die schlechten, wer würde das ernsthaft bezweifeln? Eben.
Aber was wird es bloß sein? Welches obskure Thema mit G schafft es zum nächsten Trending Topic für die arrivierte Mittelschicht, die beruflichen Durchstarter und die Jungs mit den graumelierten Schläfen? Garnelen? Grünkohl? Go-Kart? Alles zu billig, wie mir scheint. Geigen? Giftschlangen? Götterspeise? Gehstöcke? Ich bin sehr gespannt.
Fast ein Grund, wieder öfter auf Partys zu gehen!
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Erfahrungswerte
Vor vielen, vielen Jahren habe ich mal mit einem IT-Chef zusammengearbeitet, der immer dann, wenn jemand mit hysterischer Schnappatmung zu ihm gelaufen kam und fiepend und mit fliegenden Händen von Katastrophen und Desastern auf seinem PC berichtete, sich erst einmal langsam eine Pfeife stopfte, diese dann mit mehreren Streichhölzern anzündete, sich genüsslich paffend in dichten Rauch hüllte und aus der allmählich dichter werdenden, angenehm duftenden Wolke heraus leise murmelnd verkündete: „Gehen Sie zurück in Ihr Büro und beobachten Sie die Situation.“ Dann lehnte er sich bequem zurück und wartete ab. Der Satz war natürlich ein Running Gag in der Firma.
Heute, nach dem ich selbst viele Jahre auf die eine oder andere Art Software-Support geleistet habe, weiß ich erst – der Mann war gut. Nur bleibt die Frage, was nehme ich bloß statt der Pfeife?
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Abschließende Lagunenbetrachtungen
Geschmacklich habe ich mit der neuen Wandfarbe „Lagune“ in der Küche jetzt doch endgültig abgeschlossen. Wer würde auch einem energischen Zweieinhalbjährigen widersprechen wollen, der, eine Hand beschwörend an die blaue Wand gelegt, die andere Hand mit gerecktem Zeigefinger mahnend erhoben, vor einem steht und mit steiler Zornesfalte auf der Stirn dem ewig nörgelnden und spottenden Vater ein bemerkenswert lautes „Die Wand ist schön und Du bist plöd!“ entgegenschleudert. Die Wand, wir wollen das hier öffentlich festhalten, ist also schön. Nun gut. Und das Wort „plöd“ hat zweifellos reelle Chancen, mein neues Lieblingswort zu werden. Sohn II benutzt es beispielsweise auch gerne, wenn er morgens aufwacht und noch nicht ganz einverstanden mit der allzu wachen Familie um ihn herum ist, er zieht sich dann seine Decke über den Kopf und verkündet darunter dumpf: „Das ist doch alles total plöd, das alles.“ Die Versuchung, sich zu ihm zu legen und ihm nachzusprechen, sie ist manchmal geradezu unmenschlich groß.
Die neue Küche wurde pünktlich geliefert und geradezu im Handumdrehen perfekt aufgebaut, wir suchen immer noch den Fehler. Ich habe die strahlend schöne Küche ob ihrer hellenischen Farbanmutung dann tatsächlich mit einem aufwändigen griechischen Essen eingeweiht, dass ich übrigens diesem faszinierenden Blog entnommen habe, es lohnt auf jeden Fall den einen oder anderen Blick. Die Wand so lagunenblau, das Essen so tomatenrot, und während ich noch in der Pfanne rührte, wurde die Herzdame allmählich immer grasiggrüner. Wenn man erst einmal mit Farbspielereien anfängt, kommt man offensichtlich gar nicht mehr heraus. Das zarte Grün auf ihrem Gesicht lag allerdings nicht an meinen eher bescheidenen Kochkünsten und auch nicht an den Farbreflexionen der Lagunenwand im Dämmer des goldenen Nachmittags, das kam viel mehr von einem gerade ausbrechenden Magen-Darm-Virus, durch den sich die Herzdame das restliche Wochenende über dann deutlich mehr mit dem Badezimmer als mit der Küche beschäftigt hat – allerdings ohne dabei dort die Wände anzumalen, ich habe das gelegentlich überprüft.
Mein wie gesagt recht aufwändiges Lagunenküchenstartmenü fand also ganz ohne die Herzdame statt, aber es waren ja noch genug Personen übrig, wozu hat man Familie. Wenn man einmal davon absieht, dass Sohn I das Wochenende komplett bei seiner Freundin verbracht und Sohn II sich direkt vor dem Essen grob geschätzt 750 Gramm Ananas einverleibt hat, weswegen er kein rechtes Interesse mehr an einer warmen Mahlzeit aufbringen konnte. Egal, ich habe mich also feierlich allein an den Esstisch gesetzt, ein fröhliches „Dennoch! Das ist immerhin eine Familienfeierlichkeit!“ auf den Lippen. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.
„Familie ist plöd“, konterte Sohn II vom Sofa aus, wo er missmutig lag und sich den übervollen Bauch rieb. Es ist, wie gesagt, nicht immer ganz einfach, ihm zu widersprechen.
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Kehret um!
Die Zeiten sind wirr und hektisch, die wenigsten würden von sich behaupten, noch mitzukommen. Zu viel von allem, zu schnell und zu durcheinander, die Welt ist ein Kaleidoskop, das ein irres Kleinkind hektisch schüttelt. Wo findet man jetzt noch Halt und Ruhe? In der Tradition natürlich, in dem, was immer schon gut und richtig war. Also z.B. im Spargel.
Denn man braucht heute mehr als jemals Bereiche im Leben, in denen man bei der überlieferten Klarheit und Wahrheit bleiben muss, in denen es gilt, sich unbedingt all den hypermodernen Tendenzen zu widersetzen und klar zu sagen: Nein! Kein Spargelrisotto auf meinem Tisch! Kein Spargel mit Garnelen, und auch keine Spargelpizza. Bleiben Sie fest im Glauben, verlassen Sie sich auf das, was immer schon gut und heilig war. Kaufen Sie ein Kilo Spargel pro Person, denn Geiz ist eine Todsünde. Kaufen Sie Kartoffeln beim Bauern, wo sie noch so gut sind wie damals. Schneiden Sie Katenschinken in Würfel und schämen Sie sich, wenn die Kantenlänge in Millimetern, nicht in Zentimetern gemessen werden muss. Butter, Salz, Zucker, Petersilie, fertig. Das – und nur das – ist die reine Wahrheit, die wahre Lehre und der einzige Weg zum Spargelglück.
Gehen Sie hin und predigen Sie es den Verwirrten und Abweichlern, die Spargelmousse anbeten und die geschmackliche Erleuchtung erwarten. Sagen Sie ihnen, dass sie umkehren sollen, laden Sie die Sünder an Ihren Tisch, denn auch sie können in das Himmelreich des guten Geschmacks gelangen, wenn sie Buße tun, ihre exzentrischen Rezeptsammlungen wegwerfen und einsichtig werden.
Verkünden Sie die frohe Botschaft bis zum 24. Juni, dann ist Johannistag, da ist Schluss mit Spargel.
Das ist noch Zeit genug, um wieder auf den richtigen Weg zu gelangen, sollte man meinen. Amen.
(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung)
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Leben in der Lagune
Am Mittwoch wurde die alte Küche herausgerissen und abtransportiert. Um etwa 14:30 ging ich mit den Söhnen in den Park, die Herzdame wollte nur eben die ramponierten Wände und die Decke in dem nun leeren Raum weiß streichen und dann nachkommen. Ich ließ eine tatkräftig aussehende Frau in der Wohnung zurück, die sich alte Kleidung überwarf, Farbeimer in die Küche schleppte und uns fröhlich nachwinkte.
Gegen 16 Uhr teilte sie mir telefonisch mit, sie sei jetzt mit dem Abkleben der Ränder fertig, das sei etwas aufwändiger als gedacht gewesen, der Rest ginge dann aber sicher schnell, sie müsse nur noch fix das Riesenknäuel der Abdeckfolie wieder entwirren, die habe sich etwas verdingstert. Sie wolle aber zum Abendessen nachkommen, Pommes am Kiosk oder so, ohne Küche könne man ja schlecht zuhause essen.
Um 18 Uhr rief ich sie an, das Telefon klingelte sehr lange. Dann wurde abgenommen, ich hörte ein lautes Rascheln wie von großen Mengen Plastikplane und im Hintergrund die Herzdame, die Sätze brüllte, die nicht zitierfähig sind. Dann brach die Verbindung wieder ab. Ich teilte den Söhnen mit, dass ihre Mutter offensichtlich gut vorankäme, wahrscheinlich aber nicht zum Abendessen erscheinen könne.
Um 19:30 brachte ich die Kinder nach Hause, wo eine plötzlich ergraute Herzdame die Tür öffnete. Bei näherem Hinsehen war ihre Frisur durch zahllose Farbsprengsel dezent geweißt. Ich fragte freundlich, ob sie denn keine Papierhüte basteln könne, das würde man doch gemeinhin bereits als Kind lernen. Die Herzdame gab ein Knurren von sich, verschwand wieder in der Küche und schlug die Tür hinter sich zu. Nach einem kleinen Moment sah sie noch einmal kurz heraus und erklärte mir mit einem leicht irren Gesichtsausdruck, dass frei herumfliegende Abklebebänder eine interessante Struktur in neuer Farbe hinterlassen würden. Ich brachte die Kinder in Sicherheit und ins Bett.
Eine Stunde danach kam die Herzdame aus der Küche und fragte, ob eine etwas fleckig wirkende Decke nicht optisch gut zur in Kürze neu im Farbton „Lagune“ gestrichenen Wand passen könne, das sei ja quasi, also in etwa, so wolkenmäßig? Oder? So ein etwas unregelmäßiges Weiß? Cumulus? Mit so Schatten drin? Ich sagte, dass die Farbe „Lagune“ laut Beschreibung in dem Fachmagazin an Karibik erinnern solle und in der Karibik sei der Himmel gemeinhin blau, nicht weiß. Und wenn Weiß im Karibikkontext vorkäme, dann strahlend weiß. Wie das Innere der Kokosnuss, wie beim Bounty in der Werbung. Dann sah ich mir die Küche an, sagte „oh“ und tätschelte freundlich und aufmunternd die zusehends hängenden Schultern der Herzdame.
Am späteren Abend schrieb die Herzdame in desolater Stimmung auf Facebook über ihre Malerfahrungen, woraufhin sich der gesamte dort vertretene Freundeskreis überraschend als Expertenforum Innendekor erwies und in zahllosen Kommentaren sehr gute Ratschläge in Fülle ausbreitete. Wir konnten ja nicht ahnen, wie viele unserer Freunde von Malern abstammen, mit Malern intim waren oder bereits Maler im Fernsehen gesehen hatten und daher als ungewöhnlich qualifiziert zu betrachten sind. Die Hinweise lasen sich dann auch durchaus sinnvoll, fand ich. Die Herzdame saß vor dem Computer und gab beim Lesen der freundlich gemeinten Erläuterungen zu Farbqualität und Handwerkskunst kampfhundähnliche Geräusche von sich. Ich schlug ihr vor, am nächsten Tag einfach alles noch einmal schnell überzustreichen, den Rest des Abends verbrachte ich dann auf der Flucht.
Am nächsten Morgen half ich der Herzdame beim Aufstehen, sie sah sich dazu durch einen etwas heftig ausgefallenen Muskelkater nicht mehr alleine in der Lage. Ich schob sie in die Küche, brachte die Kinder zur Kita und ging ins Büro. Um 9 Uhr bereits rief die Herzdame mich an und sagte, die Farbe sei leider überraschend alle. Um 10 rief sie wieder an und sagte, die Farbe sei gar nicht alle, also nicht alle im Sinne von weg, nein, sie sei vielmehr großflächig unter die Abdeckplane gelaufen, und das würde auch die Fußspuren auf dem Teppich und dem Parkett im Wohnzimmer auf dem Weg zum Telefon erklären. Kurz darauf rief sie noch einmal an und teilte mir mit, sie würde jetzt tatsächlich mit dem Verarbeiten der Farbe „Lagune“ beginnen. Eine Stunde später erklärte sie mir, dass ein paar interessante Farbvariationen und Abtönungen in der Lagune sicher ganz natürlich aussehen würden, Lagune eben, das Meer, das sei ja auch nicht gleichmäßig. Ich schlug ihr vor, die Wand noch einmal überzustreichen. Am Mittag rief sie mich an, um mir einen Vortrag über die Intensität des Farbauftrags bei Pinsel einerseits und Rolle andererseits zu halten. Ich sagte, sie klänge auf einmal erstaunlich fachkundig. Die Herzdame sagte pikiert, sie sei immerhin Mediengestalterin für Print und Online, da würde sie sich ja wohl mit Farben auskennen. Ich sagte, ich sei Controller und könne daher im Kopf überschlagen, dass die Farbe jetzt für einen dritten Anstrich nicht mehr reichen würde. Die Herzdame legte auf.
Die Wand ist jetzt tatsächlich verblüffend blau, obwohl der Farbeimer doch eindeutig türkis war. Andere Menschen halten die Farbe für das gute alte Petrol, ich bin mir nach längerem Hinsehen nicht mehr sicher. Eher mehr als weniger Blau. Na, warum nicht. Blaue Wand und weiße Decke, mit Flecken die wir künftig Wölkchen nennen wollen, weil wir es gut meinen. Sollten bei den Restarbeiten noch ein paar weiße Farbspritzer in der Lagune landen, werden es eben Schaumkronen auf den imaginären Wellen sein. Ich werde gelegentlich darauf zeigen und „Schau, es frischt auf!“ rufen. Weiß und Blau, das ist für mich in dieser Ausprägung allerdings nicht die Karibik, wie es die Beschreibung der Trendfarbe „Lagune“ versprochen hatte, Weiß und Blau, das ist natürlich Griechenland. Und das Sein bestimmt immer noch das Bewusstsein, ich ziehe also in Erwägung, beim Kochen aus der vegetarischen Periode direkt in die griechische Phase überzugehen. Dazu muss jetzt nur noch die neue Küche eingebaut werden, was theoretisch schon morgen passiert – wir werden berichten. Nach der Arbeit vielleicht gleich einmal ein griechisches Kochbuch kaufen? Warum eigentlich nicht?
Und nach dem Abendbrot dann künftig immer einen Ouzo aufs Haus. Yamas!
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Alles so schön bunt hier
Die Herzdame kommt mit einem kleinen Eimer Farbe aus dem Baumarkt. Wir mussten weit fahren, um irgendwo in den endlosen Weiten Nordostwestfalens endlich einen Baumarkt zu finden, der genau diese Farbe hat, es handelt sich nämlich um eine spezielle Trendfarbe, wie man in gewissen einschlägigen Magazinen nachlesen kann, so etwas gibt es natürlich nicht in jedem Laden. Aber warum sollte man freie Tage auf dem Land nicht dafür nutzen, zwischen Baumärkten hin und herzufahren, da lernt man auch einmal interessante Industriegebiete und schöne, weitläufige Parkplätze kennen.
„Lagune“, sagt sie stolz. Ich sehe mir den Pott an, in dem es türkisfarben hin und herschwappt. „Bei uns hieß das früher Türkis“, sage ich. Die Herzdame erklärt mir, dass ich ein Banause sei und von Innenausstattung keine Ahnung habe. Wir fahren zurück ins Heimatdorf, wo der Opa einen Blick in unseren Kofferraum wirft und „Ah, Türkis“ murmelt. Die Herzdame schüttelt den Kopf und sagt, das sei Lagune und das sei anders und eine Trendfarbe, eine ganz spezielle. Welche Farbe haben eigentlich Lagunen, frage ich den Opa. „Na, so türkis oder wat“ sagt er. Uropa kommt über den Hof, er sieht uns um den Farbeimer herumstehen und fragt: „Wat wollt ihr denn mit dem Türkis?“ Die Herzdame sieht gereizt aus.
Minuten später schickt mir die Herzdame einen Link zu einer Seite, auf der man die aktuellen Trendfarben in ganzer Pracht und Vielfalt bewundern kann. Ganz gewöhnliches Dreisternehotelflurbeige, so lerne ich, läuft jetzt unter „Macchiato“ und ist in, wer hätte das gedacht. Hellgrün, eine Farbe, deren zweiter Name zumindest im Wohnbereich „Schwierig“ sein sollte, nennt sich jetzt „Farn“ und ist auch in. Das abartige Orange-Apricot, das in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts an nahezu jede freie Wand in der deutschen Gastronomie verpinselt wurde, es heißt jetzt „Mango“ und ist offensichtlich wieder legal verwendbar. Nach ein paar Jahren intensiver Sonnenbestrahlung verwandelt es sich ganz von alleine in ein schwachbrüstiges „Papaya“, das ist dann quasi ein Bonusfeature.
Blassgelb, eine Farbe die faszinierend gut zu heruntergekommenen und kaputtgesparten Krankenhausteeküchen passt, heißt jetzt „Melone“ und ist geradezu ein Geheimtipp. Braun heißt natürlich auch nicht mehr Braun, nein, die Farbe nennt sich jetzt „Excrément“. Na gut, kleiner Scherz, es heißt natürlich „Noisette“, wobei ich meinen Vorschlag aber gerade in der Parteienlandschaft deutlich attraktiver und klarer finden würde. Und verkaufen würde es sich vermutlich auch, denn wer kann schon Französisch.
Egal, eine der Küchenwände unserer Wohnung in Hamburg wird nun also im Farbton „Lagune“ gestaltet, the colour formerly known as türkis, wie unsere Freunde aus dem Musikbusiness das vermutlich nennen würden. Die Farbe kennzeichnet einen Ort, so entnehme ich amüsiert einem fachkundigen Lifestylemagazin, „wo niemand stört und nur freundliche Menschen anzutreffen sind.“ Das ist doch schön, das werde ich mir auf ein Schild drucken lassen und außen an der Küchentür anbringen. „Hier ist der Ort, wo niemand stört und nur freundliche Menschen anzutreffen sind.“
Ganz wunderbar. Und fortan werde ich beim Kochen immer vergnüglich allein sein. Auch recht!
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Der Plan für den Mai
Nachdem die Herzdame und ich im April jeweils unsere persönlichen Arbeitszeit- und Einsatzrekorde gebrochen haben, ist es höchste Zeit, den Mai zu einem Monat der Entspannung und der Muße zu deklarieren. Wir haben ungewöhnlich große Projekte endgültig erledigt und abgeliefert, neue Arbeiten delegiert, Termine verlegt und Planungen neu sortiert, damit es endlich wieder so etwas wie Freizeit geben kann. Zeit für uns, Zeit für die Kinder, Zeit für Bücher, Zeit ohne To-Do-Lists. Womöglich sogar Zeit für faule Stunden ohne jeden Leistungsdruck und Langeweile. Leisure time – man muss es den Engländern ja lassen, das ist einer der gelungensten Begriffe dafür. Man muss das langsam und wollüstig aussprechen, in ein Gähnen übergehend, voller Vorfreude auf das Sofa. Leisure time, klingt das nicht schön? Dagegen klingt das deutsche „Freizeit“ doch schon wieder wie eine Anweisung: „Los, sofort frei! Drei Stunden! Nutzen Sie das!“
Und tatsächlich liegt da jetzt nach erheblichem organisatorischem Aufwand ein faszinierend ereignisloser Monat Mai vor uns, vier lange Wochen ganz ohne Druck. Also wenn man davon absieht, dass morgen unsere Küche herausgerissen und im Laufe der Woche gegen eine neue getauscht wird. Und wenn man ferner davon absieht, dass auch die Fenster herausgerissen und gegen neue getauscht werden. Und wenn man davon absieht, dass nebenbei auch das Bad ein klein wenig renoviert wird. Aber das geht bestimmt alles ganz schnell, macht fast überhaupt keinen Dreck und die paar Sachen, die man so in den Räumen stehen hat, die räumen sich bekanntlich fast von selbst in der Wohnung herum. Und die Söhne werden sich gewiss sehr vorsichtig und behutsam zwischen all den Stapeln mit Tellern, Tassen und Kosmetikartikeln bewegen, Kleinkinder neigen ja zur Rücksichtnahme und Vorsicht.
Ich: „Wieso willst Du eigentlich in einen Baumarkt?“
Herzdame: „Ich will Farbe kaufen. Man könnte ja einmal streichen, wenn man schon Zeit hat.“
Ich: „Äh…“
Herzdame: „Du gehst einfach ins Büro. Und bleib ruhig länger.“
Doch, das wird ein sehr ruhiger, langsamer Monat.
Apr
Tirili – Nachlese
Unser großartiger Tonmeister Lars hat es wieder getan und die Mitschnitte der Lesung gestern sofort bearbeitet und online gestellt – vielen, vielen Dank dafür.
Die Daheimgebliebenen können also nachhören:
Isabel Bogdan mit „Kunst und Sünde“
Isabel Bogdan mit „Faszination Darm“
Nils Mohl über Stadtrandritter und Jenfeld
Maximilian Buddenbohm mit „Wiebke“
Viel Spaß!










