Mrz
Klassifikation
Es gibt laut frischer Erkenntnis von Sohn I Zahnbürsten für Kinder und Zahnbürsten für Verwachsene. Denken Sie mal drüber nach.
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Die verrückten Italiener
Wenn man eine ganze Weile darüber nachdenkt, wie man denn bitte darauf kommen kann, ganz im Ernst „eine Handvoll Karpfen“ als Zutat in einem italienischen Kochbuch für Pasta-Rezepte aufzuführen und erst nach langem Nachdenken darauf kommt, daß da womöglich Kapern und nicht Karpfen steht, dann sollte man das Konzept Lesebrille womöglich noch einmal mit dem Augenarzt besprechen.
Wobei man natürlich eventuell interessante Erfahrungen am Herd verpaßt.
Mrz
Neu auf dem Nachttisch
Es gibt nicht gerade viele lebende Autoren, bei denen ich reflexmäßig alles kaufe und lese, was so erscheint – und es gibt ganz bestimmt nur einen Krimiautoren, bei dem das so ist, da mich das Genre eigentlich überhaupt nicht interessiert. Wolf Haas: Der Brenner und der Liebe Gott, erschienen 2009. Wenn Sie Wolf Haas nicht kennen, ändern Sie das, dringend. Das Buch beginnt so:
„Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, dann muß man das Maul extra erschlagen. Und da sieht man, wie ein Mensch sich verändern kann. Weil heute bin ich die Ruhe in Person. Und müßte schon etwas Besonderes passieren, daß ich mich noch einmal aufrege. Die Zeiten sind vorbei, wo mich alles gleich aus der Fassung gebracht hat. Hör zu, warum soll jedes Blutbad mein persönliches Bier sein? An und für sich sage ich da schon lange, sollen sich die Jungen drum kümmern, quasi Credo.“
Mrz
Wochenende
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß damit.
Mrz
Naturschauspiel Hamburg Mitte
Ich gehe mit Sohn I zur Kita, wie jeden Morgen an der Mauer des Spielplatzes entlang. Als ich um die Ecke biegen möchte, um zum Bäcker zu gehen, bleibt er auf einmal stehen und guckt entgeistert. Er dreht sich um und geht ein Stück zurück, beugt sich vor und guckt auf den Boden. Geht ein paar Meter, dreht sich wieder um und sucht die Steinplatten noch einmal genau ab. Dann setzt er sich hin und sieht sich seine Schuhe an, alles mit großem Erstaunen im Gesicht. Er sitzt, denkt nach und guckt ratlos. Ich möchte weiter, es ist sehr früh, es ist sehr kalt, ich habe keine Lust auf ein Sit-In an der Spielplatzmauer. Da nimmt er mich an der Hand, zieht mich zurück, zeigt auf das letzte Stück Weg, geht zwei, drei Meter mit mir gemeinsam und teilt mir dann mit, was ihn so verwundert, was so gar nicht in sein Weltbild passen will: „Keine Hundekacka! Bin ich in nichts reingetretet!“
Man muß die Wunder nehmen, wie sie kommen.
Mrz
Zur technischen Kompetenz von Kleinkindern
Natürlich ist die technische Seite der Kindheit heutzutage mit früher nicht vergleichbar. Als ich zweieinhalb Jahre alt war, in den Sechzigern, da gab es noch nicht so viel Technik im Haushalt und das, was da herumstand, das durfte ich selbstverständlich nicht anfassen. Nicht den Fernseher, nicht das Tonbandgerät, nicht die Maschinen im väterlichen Betrieb. Ich durfte diesen Dingen zusehen und zuhören, mehr aber auch nicht.
Sohn I dagegen kann so ziemlich alles bedienen, was bei uns an Geräten herumsteht, nicht unbedingt richtig, aber doch ansatzweise in der korrekten Richtung. Er kann die Spülmaschine starten, die Waschmaschine, den Staubsauger. Er weiß, wie man die Mikrowelle anwirft und daß sie klingelt, wenn sie fertig ist. Er kann CDs in die Anlage legen und auf „play“ drücken. Er kann Musik lauter oder leiser machen, er weiß, was die Maus am Computer macht. Er hat das Menü von Youtube verstanden und sucht sich seine Musikclips selber aus. Er ist ziemlich souverän, was Technik betrifft. Natürlich ist es kein Wunder, daß er Computer ganz normal findet, schließlich verbringen die Herzdame und ich nicht gerade wenig Zeit damit. Das ist alles verständlich.
Erstaunlich aber, daß er schon gemerkt hat, daß die Herzdame und ich in verschiedenen Computerwelten leben, sie in der von Apple, ich in der von Windows. Ich weigere mich in aller Regel so gut es nur geht, etwas mit ihrer Welt zu tun zu haben, was natürlich auf Gegenseitigkeit beruht. Wir wußten das vor der Ehe und haben trotzdem geheiratet, mangelnden Mut kann man uns beiden sicherlich nicht vorwerfen. Ein aktueller Versuch von mir, eines ihrer Altgeräte zu übernehmen, ist wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt. Ich fühle mich einfach unwohl in der Apple-Umgebung. Der Sohn dagegen wechselt leicht und selbstverständlich, Systemunterschiede sind überhaupt kein Problem für ihn. Ich dachte bis gestern, er bemerke sie überhaupt nicht, ich dachte, Computer sei für ihn Computer.
Ich stehe vor dem Computer der Herzdame, der sich anscheinend aufgehängt hat – was so ein toller Apple ja angeblich nie tut, es sei denn, ich bediene ihn – ich rufe nach der Herzdame und frage, wie man ihr gottverdammtes Spielzeug jetzt endlich ausbekommt. Der Sohn, der vor meinen Füßen mit Lego spielt, guckt kurz hoch, zupft mich am Bein, zeigt auf den Bildschirm und sagt mit verbindlichem Lächeln: „Klickst du Apfel.“
Zur technischen Kompetenz von Kleinkindern wollte ich nur eben anmerken: Sie überholen uns, sobald sie die erste Taste drücken können.
Update: Siehe zu diesem Beitrag auch drüben im Skizzenblog.
Mrz
Ausgehtipp
10. März, Mittwochabend, Sankt Pauli: Eine Krimi-Lesung mit schottischen Liedern und Morden. Musik: Axel Bogdan, Texte: Zoe Beck (alias Henrike Heiland). Le Kaschemme, Rendsburger Straße 14, 20 Uhr, Eintritt 5.-. Das wird mit Sicherheit super.
Mrz
Neu auf dem Nachttisch
Und ab und zu eine Bildungslücke schließen, man bleibt ja soweit ambitioniert. Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras. Das Buch erschien zuerst 1951 und wird vielen aus der Schule oder aus dem Studium bekannt sein, es hat durch irgendeinen Zufall meinen Lebensweg nie lehrplanmäßig gekreuzt. Aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen ging ich bisher davon aus, es wäre, wie die meisten Bücher aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, sprachlich arm und inhaltlich bleigrau, dem ist, wie man bereits nach wenigen Seiten sagen kann, mit Bestimmtheit nicht so.
Das Buch schildert einen Tag in einer deutschen Stadt in unzähligen Szenenschnipseln und beginnt so:
„Flieger waren über der Stadt, unheilkündende Vögel. Der Lärm der Motoren war Donner, Hagel, war Sturm. Sturm, Hagel und Donner, täglich und nächtlich, Anflug und Abflug. Übungen des Todes, ein hohles Getöse, ein Beben, ein Erinnern in den Ruinen. Noch waren die Bombenschächte der Flugzeuge leer. Die Auguren lächelten. Niemand blickte zum Himmel auf.“
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Sohn I und die Religionen
Christentum:
Wir wohnen direkt vor einer Kirche. Auf einem Platz neben der Kirche steht eine Kreuzigungsgruppe. Sohn I geht im Winter nie daran vorbei, ohne mißbilligend auf den dort hängenden Jesus zu zeigen und zu kommentieren: „Ist nackig. Nicht gut, zu kalt.“ Jesus ist ihm ferner natürlich als Baby in der Krippe zu Weihnachten geläufig, da ist er aber deutlich weniger spannend als die Tiere ringsum. Ochs und Esel direkt am Bett zu haben, das hat was. Aber sonst – ein Baby eben, na und. Außerdem hat er eine Kinderbibel, in der Jesus über Wasser geht, was Sohn I ein grummeliges „Geht gar nicht“ entlockt. Er ist selbst ein großer Badefreund, wenn man auf Wasser gehen könnte, hätte er längst herausgefunden, wie das geht. Interessant an der Bibel ist hauptsächlich David, denn der darf mit Steinen werfen, das ist doch mal aufregend. Aber unterm Strich hat das Christentum bei Sohn I ein kleines Marketingproblem.
Islam:
Ist ihm bisher gar nicht aufgefallen. Der Halbmond an den Moscheen hier ist einfach zu dezent.
Buddhismus:
Buddha, der lachend und mit dickem Bauch in den Schaufenstern der Asialäden sitzt, ist schon mal ein sympathischer Typ, Kinder mögen es, wenn man lacht. Vom Lachen abgesehen macht Buddha aber gar nichts, das ist natürlich schwach. Herumsitzen ist ja nun wirklich kein unterhaltsames Tagesprogramm. Außerdem heißt er, zumindest in norddeutscher Aussprache, genauso wie Butter, das ist unangemessen irritierend, denn wenn Papa bittet, Butter aus dem Kühlschrank zu holen, ist da gar keine Figur mit lachendem Mann drin. Es gibt die Butter und der Butter, wer soll das denn verstehen? Und Buddha auf Brot, das ist alles sehr seltsam.
Hinduismus:
Der Hinduismus liegt ziemlich weit vorne, dank Ganesha. Ein Elefantengott ist natürlich eine tolle Sache, Elefanten sind sowieso super. Leider hat Ganesha vier Arme, was Sohn I wiederum nicht paßt, denn so etwas gibt es gar nicht. Ein Elefantenkopf auf einem Menschenkörper, das kann schon einmal vorkommen, aber vier Arme? Man kann einem Kind auch nicht alles erzählen. Da könnte man ja gleich über Wasser laufen. Der Hinduismus ist ganz interessant, neigt aber leider zu schlimmen Übertreibungen. Nichts für kleine Skeptiker.
Tibetischer Buddhismus:
In dem Tibetladen bei uns um die Ecke hängen geschnitzte Dämonenmasken an der Wand, fürchterliche Fratzen. Sohn I steht beglückt davor und sagt anerkennend: „Monster!“ Jeden Morgen bleibt er auf dem Weg zur Kita kurz bei dem Laden stehen und staunt verträumt lächelnd sein Lieblingsmonster an. Monster sind nicht zu schlagen, etwas Tolleres kann es gar nicht geben. Außerdem gibt es Rasseln in dem Laden, Rasseln mit sehr vielen Glöckchen dran, und auch kleine Steinfiguren, die richtige Elefanten darstellen, mit vier Beinen, wie es sich gehört. Und wenn der Laden geöffnet ist, dann stehen metallene Zierdrachen davor, auf denen man reiten kann, zumindest wenn der Inhaber gerade nicht guckt. Der Sohn liebt diesen Laden. Monster! Elefanten! Drachen! Mit anderen Worten, die anderen Religionen können einpacken.
Mrz
Wochenende
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß damit.
Mrz
Neu auf dem Nachttisch
Schon wieder ein Sachbuch, ich habe es ja befürchtet. Aber wenn man an einem Buch vorbeigeht und „oh, guck mal, interessant“ murmelt und die Herzdame es einem dann sofort schenkt, dann muß man es natürlich auch lesen. Helmut Schmidt und Fritz Stern: Unser Jahrhundert – Ein Gespräch. Gerade erschienen.
Zu dem Buch muß man gar nicht viel sagen, das geistert ja gerade durch so ziemlich jedes deutsche Feuilleton. Sehr geistreiche Gespräche zwischen dem ehemaligen Bundeskanzler und dem Historiker. Vielleicht aber doch eine kleine Empfehlung. Wenn Sie nämlich zu den Menschen gehören, die nachts stundenlang wach liegen und sich mit der bohrenden Frage beschäftigen, warum Sie eigentlich jemals im Leben SPD gewählt haben, wenn Sie sich im Bett hin und herwerfen und die Frage Ihnen einfach keine Ruhe läßt – in diesem Buch finden Sie vielleicht ein paar brauchbare Hinweise zur Antwort.
Ich zitiere zur Abwechslung einmal nicht den Buchanfang, sondern eine Stelle weiter hinten, es geht um Helmut Kohl.
Stern: Ich habe ihn in den fünfziger Jahren in New York kennen gelernt, als er im rheinland-pfälzischen Landtag saß. Mein erster Eindruck war: Ein sehr provinzieller Mensch.
Schmidt: Ja, das war er wohl auch. Aber die Tätigkeit in der Bundesregierung in den achtziger Jahren hat auch seinen Horizont gewaltig erweitert. Die Provinzialität, die Sie in den fünfziger Jahren empfunden haben, hatte er in den neunziger Jahren weitgehend hinter sich gelassen. Am Anfang der Kanzlerschaft war sie allerdings noch deutlich spürbar. Ich habe mich oft darüber lustig gemacht.
Stern: Aber nicht öffentlich.
Schmidt: Nicht öffentlich.
Mrz
Sonderbare Tage
Sohn I war übers Wochenende verreist, ganz allein bei den Großeltern im Heimatdorf. Er hat das sogar selbst mit denen verabredet, wir wurden nur noch informiert: „Fahr ich zur Oma.“ Gut, Reisende soll man nicht aufhalten. Die Herzdame und ich blieben in Hamburg, mit einem fröhlich glucksenden Sohn II, der sich mit seinem halben Zahn stundenlang friedlich als Apfelreibe versuchte. Das Kind war ruhig, wir hatten keine Termine – und keinen Zweieinhalbjährigen, der nonstop für Programm sorgte. Was man da plötzlich alles machen kann!
Man kann morgens aufstehen, Schokolade frühstücken und sich gleich wieder zwei Stunden hinlegen. Man kann Bücher lesen, ganze Kapitel, ohne Unterbrechung. Man kann die Bücher sogar in einem Rutsch durchlesen und dann gleich das nächste anfangen. Man kann in Ruhe am Schreibtisch arbeiten und unfaßbare Mengen wegschaffen, man kann To-do-Listen bis zum letzten mickrigen Punkt abgrasen und dann noch eben die Dateien auf dem Rechner neu durchsortieren. Man kann aufräumen, ohne daß ein kleiner Kobold alles sofort wieder durcheinanderwirft. Man kann beim Portugiesen einen Kaffee trinken gehen, ohne ein Kleinkind mit Kuchen bestechen zu müssen. Man kann Zeit für einander haben, man kann sogar, Sie wissen schon.
Man kann Salat essen, ohne auch etwas Kindgemäßes kochen zu müssen. Man kann beim Essen lesen und auf die Vorbildfunktion pfeifen. Man kann sogar einfach in ein Restaurant gehen. Man kann das Kinderzimmer neu organisieren, bis es aussieht wie im Ikea-Prospekt. Man kann ungestört telefonieren, man kann einfach so mit der Kamera rausgehen und stundenlang auf Foto-Safari, wie früher, als man noch Zeit hatte. Man kann sich um ganz vergessene Erwachsenenvergnügungen kümmern.
Man kann aber auch einfach die Stunden zählen, bis das Kind endlich wiederkommt.
Mrz
Feb
Tempi passati
Feb
Mehr
Sohn II ist sechs Monate alt, wir sind also in dem spannenden Alter angekommen, in dem man mit der Beikost anfangen kann. Feste Nahrung! Mit Kauen! Immerhin hat er auch schon einen halben Zahn. Schon seit Wochen starrt er uns beim Essen an, als würden wir ihm ungerechtfertigt etwas vorenthalten, schon seit Wochen flammt in seinem Blick eine unverkennbare Gier, wenn er der Familie beim Abendbrot zusieht. Aber Muttermilch ist so praktisch und gesund, Essen macht Dreck und überhaupt ist der richtige Zeitpunkt für erste Fütterung mit anständigem Essen eine unter Experten umstrittene Angelegenheit. Etwas später, etwas früher, man weiß es nicht so recht. Ich glaube jedoch, gestern eine ganz einfach Regel erkennt zu haben, mit der die Frage nach dem richtigen Moment, um zum Brei überzugehen, beantwortet werden kann.
Die Regel lautet: Wenn man mit dem vermeintlich selig schlafenden Baby essen geht und dieses, sobald das Essen auf den Tisch kommt, die Augen aufklappt und mißtrauisch guckt, weil es ahnt, etwas zu verpassen, wenn es dann mit tiefernstem Blick eine Weile lang aus seinem Kinderwagen heraus jeden Bissen lauernd beobachtet, den der Vater da zum Mund führt – und wenn es sich dann unvermittelt mit einem filmreifen Hechtsprung, den man dem kleinen Kerl noch lange nicht zugetraut hätte, vom Schoß der Mutter auf den Tisch stürzt, um beide Händchen in das dort liegende Steak zu krallen – dann könnte man wohl mal allmählich die erste Pastinake pürieren. Wir haben verstanden.









