Gelesen, vorgelesen, gesehen, gehört im Juli

Mascha Kaléko: In meinen Träumen läutet es Sturm. Gedichte und Epigramme aus dem Nachlass. Das Gesamtwerk von Mascha Kaléko hat man leider geradezu bestürzend schnell durchgelesen. Und wäre es doppelt so umfangreich, man würde das immer noch denken. Und auch wenn es dreifach, vierfach wäre. Man legt die schmalen Bände nicht gerne weg.

Mascha Kaléko

Alex Capus: Mein Studium ferner Welten – ein Roman in 14 Geschichten. Geschichten aus einer Kleinstadt in der Schweiz. Die Hauptfiguren tauchen immer wieder in neuen Zusammenhängen auf, werden älter und ändern sich, die Stadt bleibt immer die kleine Stadt, eng und begrenzt. Da kommt nicht jeder raus, und wer rauskommt, der kommt womöglich zurück und weiß nicht recht, wie das zuging. Die kleine und namenlose Stadt bindet die Erzählungen und die Menschen. Ganz leichte Geschichten sind das, der Erzählstil wirkt angenehm mühelos, die inhaltliche Schwere trifft einen etwas unerwartet und ganz ohne dramatische Momente, es sind die Kleinigkeiten und Selbstverständlichkeiten des Älterwerdens, der Liebe, der Sinnfindung. Sehr gerne gelesen. Und gleich mehr von Alex Capus bestellt.

Alex Capus

Wolfgang Büscher: Berlin – Moskau. Eine Reise zu Fuß. Das Buch hat etliche Preise gewonnen, was ich auch vollkommen richtig finde. Und statt weiterer Anmerkungen bietet es sich bei diesem Buch an, den ersten Absatz zu zitieren, der Autor geht los, er macht sich zu Fuß auf den Weg nach Moskau.

“Eines Nachts, als der Sommer am tiefsten war, zog ich die Tür hinter mir zu und ging los, so geradeaus wie möglich nach Osten. Berlin war ganz still an diesem frühen Morgen. Alles, was ich hörte, war das Pochen der Schritte auf den Dielen, dann Granit. Eine Süße lag in der Luft, das waren die Linden, und Berlin lag wach, aber es hörte mich nicht. Es lag wach wie immer und wartete wie immer und hing wirren, gewaltigen Träumen nach, die aufblitzten wie das Wetterleuchten dort über dem Häusermassiv. Es hatte geregnet die Nacht, ein Bus fuhr vorüber, seine Rücklichter zogen rote Spuren über den nassen Asphalt. Verkehr kam auf, in den Alleen schrieen die Vögel, zitternd sprang die Stadt an, bald würden die Angestellten in breiter Formation in ihre Büros fahren. Damit hatte ich nichts mehr zu tun.”

Da möchte man doch weiterlesen, möchte man nicht? Ab und zu hat das Buch einen unüberlesbaren Stich ins Esoterische, das wurde von Kritikern teils bemängelt. Aber wer weiß, wenn man zu Fuß nach Moskau gehen würde – ob man selbst ohne Stich ins Esoterische dort ankommen würde?

Auch in diesem Fall gleich das nächste Buch bestellt: Wolfgang Büscher: Deutschland, eine Reise, mein nächstes Buch auf dem Handy. Er ist für dieses Buch einmal um Deutschland herumgegangen. Ich bin noch auf den ersten Seiten, da schwimmt er erst einmal quer durch den Rhein. Das würde ich eher nicht tun, aber ich würde, ich rede davon schon gebetsmühlenhaft, wirklich gerne einmal die ganze deutsche Küste ablaufen. Abwandern. Abbloggen. Sie wissen schon. Egal.

Vea Kaiser: Blasmusikpop oder wie die Wissenschaft in die Alpen kam. Meine Urlaubslektüre in Südtirol. Ich hatte einen ganzen Stapel Bücher dabei, aber mehr habe ich gar nicht geschafft, es gab da so viel Gegend zu gucken, das war mir tatsächlich wichtiger. Das Buch habe ich als E-Book auf dem Handy gelesen, ein schickes Foto gibt es davon also nicht. Das ist ihr Debütroman, eine Coming-of-age-Geschichte aus einem abgelegenen Bergdorf, mit ordentlich Comedy und Drama dabei, mit liebevoll ausgestalteten Nebenfiguren, mit sehr viel Schwung und irvinghaften Schlenkern – ein großer Spaß für den Urlaub, besonders natürlich in den Bergen. Auch von Vea Kaiser gleich das nächste Buch besorgt.

Vorgelesen

Die Herzdame liest gerade aus der Jim-Knopf-Reihe von Michael Ende vor, das wird jeder kennen, das kann man beim Zuhören quasi mitsprechen.

Michael Ende, Jim Knopf

Ein ähnlicher Effekt auch bei Mark Twains Tom Sawyer, das wir allerdings in der Ausgabe “Kinderbuchklassiker zum Vorlesen” von Arena lesen, nacherzählt von Elke Leger, mit Bildern von Markus Zöller. In dieser Ausgabe kann Sohn I leichter auch mal alleine lesen.

Tom Sawyer

Weiter gelesen wurde außerdem in Kirsten Boies Seeräuber Moses, das kam hier schon vor. Es ist ein Buch von ordentlicher Dicke, das dauert eine Weile.

Kirsten Boie, Seeräuber Moses

Und zum ich weiß nicht wievielten Male las ich die Riesenbirne von Jakob Martin Strid, die hatten wir hier auch schon öfter. Das absolute Lieblingsbuch von Sohn II, und zwar mit weitem, weitem Abstand vor allen anderen Büchern. Das Buch bricht alle Vorlesewiederholungsrekorde in diesem Haushalt.

Gesehen

Nichts. Macht nichts.

Gehört

In diesem Monat ist nur ein einziger Ohrwurm hängengeblieben, er ist von Ernest Ranglin. Das Stück fällt beim ersten Hören gar nicht so auf, schleift sich aber nach einer Weile schön ein. Netter Sommersound. Infos zu Ernest Ranglin hier.

Tscherms/Obergluniger

Wir kamen am späten Nachmittag in Tscherms an. Tscherms hinter Lana, das ist der größere Nachbarort. Tscherms ist ein langgezogener Ort an der Straße zwischen Bozen und Meran, das von dort gar nicht mehr weit ist, quasi Fahrradentfernung. Wenn es auf dem Weg nicht etwas hügelig wäre, to say the least.

Eine knuffige Kirche unten im Tal, das Rathaus, ein Eiscafé, ein kleiner Laden, ein Hotel – viel mehr nicht. Alles ziemlich hübsch und überschaubar, keine Hotelpaläste, keine großen Ferienanlagen. An den Hängen hoch überall alte Höfe zwischen den Weinbergen und den zahllosen Apfelbäumen, schon im Vorbeifahren denkt man, dass man die Höfe am liebsten alle sehen möchte, dass man bei allen einmal davor stehen möchte, diesen Ausblick erleben möchte, der Ausblick muss da oben überall großartig sein. Und von jedem Hof anders. Man sieht aus dem Auto den Hang und die Berge hinauf, weiter oben entdeckt man immer noch weitere Höfe, ganz oben auch, helle Pünktchen kurz vor den Gipfeln. Irgendwo ein Schloss, das im blauen Abendlicht gerade transsylvanisch anmutet, das ist Schloss Lebenberg, ich komme später noch darauf zurück.

Schloss Lebenberg

 

Der Hof, auf dem wir uns einquartiert hatten, lag etwas unterhalb dieses Schlosses, ein paar Kurven davor. Kurven, die sich durch schmale Straßen den Hang hinaufwinden, man versteht sofort, warum die Einheimischen uralte Fiat Pandas als Bergziegen fahren, so ein SUV wie unser Mietwagen ist einfach zu breit. Viel zu breit. Besonders, wenn man die Straßen zum ersten Mal hochfährt, das kann dann alles gar nicht passen, die Hände klammern sich ans Lenkrad, man fährt Fußgängertempo. Höchstens. Nach einer Woche ist das Auto aber dann doch noch etwas schmaler geworden. Sagte die Herzdame jedenfalls, die aus noch zu erörternden Gründen den Rest der Woche am Steuer saß.

Wenn man denkt, die Kurven könnten nicht enger werden, dann bietet die Gegend gerne noch ein paar Steigerungen nach dem nächsten Knick im Weg. Die Söhne freuten sich wie auf der Achterbahn, ich als Fahrer fühlte mich auch so. Dabei war unser Hof gar nicht hochgelegen, für Südtiroler Verhältnisse war der eher irgendwo da unten, ich war nur einfach nichts gewohnt. Keine Hänge, keine Haarnadelkurven, keine schmalen Gassen mit Feldsteinmauerbegrenzung.

Wir fanden unseren Hof in Kurve Nummer neun, wenn ich es richtig erinnere, für Hamburger Verhältnisse ist das eine eindeutig alpine Wohnlage. Wir erzählten allen Menschen, die wir auf dem Hof trafen, von der abenteuerlichen Fahrt, sie hörten uns milde lächelnd zu, vermutlich kennt man das dort und weiß, das gibt sich mit der Zeit. Ich möchte mal die Ekstase eines Südtirolers erleben, der an einem Nordseedeich mehrere Kilometer schnurgeradeaus fahren kann, mit getrockneten Schafschiethubbeln als einziger Steigung, das wäre ein fairer Ausgleich für solche Erfahrungen.

Wir stiegen aus dem Auto, und während die Söhne aufgeregt über den Hof liefen, um zu verifizieren, dass es dort wirklich einen Pool gab, wie im Prospekt angegeben, blieb ich in einer Wolke aus Lavendelduft stehen. Nun habe ich Lavendel schon öfter im Leben gerochen, in Travemünde hat man damals reichlich davon angepflanzt, den pflückten die alten Damen im Vorbeigehen aus den Blumenkübeln an der Promenade und legten ihn in ihre Kleiderschränke. Aber das hier war doch etwas anderes. Das war eine Duftintensität, die ich so noch nicht erlebt hatte, das war sonnendurchglühter Lavendel, der so intensiv duftete, dass es schon unter Drogenkonsum fiel, daneben stehen zu bleiben. Eine Hundertschaft von Hummeln wippte träge auf den Blüten, man bekam sofort Lust, sich auf eine Liege neben diese Blüten zu legen, mitten hinein in diese betörende Parfümwolke, und dem Summen der Hummeln zuzuhören, ihrem sachten Wippen zuzusehen und langsam wegzudämmern, den Blick auf die am Abend immer blauer werdenden Berge. Das habe ich im Laufe der Woche dann auch gemacht, und schon diese eine Liege neben dem Lavendel wäre für mich Grund genug, da noch einmal hinzufahren.Ich habe es ja nicht so mit der Entspannung, aber doch, das hatte was.

Die Söhne fanden den Pool.

Pool

 

Wir fanden unsere Wohnung, trugen das Gepäck hinein und stellten nur kurz fest, dass auch die Wohnung genau so aussah, wie wir uns das vorgestellt hatten. Nämlich schön. Schön im Sinne von “Holla! Das ist aber echt schön hier.”

Die Bauern haben ihr jahrhundertealtes Haus in Ferienwohnungen umgewandelt und sich selbst ein neues Haus gebaut. Wir waren im alten Gemäuer, das innen einigermaßen spektakulär neu gestaltet worden ist. Da wurde beim Innenausbau teils altes Stadlholz, das seit Jahren auf dem Hof lag,  zu modernem Mobiliar verarbeitet, da wurden die alten, rohen Steinmauern in die Gestaltung einbezogen. Und das wollte ich immer schon einmal, wenigstens einmal im Leben in so eine Designwohnung, in eine Bleibe, die man tagelang gerne immer wieder ansehen möchte, weil sie so fehlerfrei wirkt, also ganz anders als die eigene Wohnung. Ich habe überhaupt nichts gegen ganz normale Ferienwohnungen, aber das war schon etwas anderes, den Urlaub in einer so durchdachten, durchdesignten und maßgeschneiderten Wohnung zu verbringen, das war seltsam erholsam. Auf eine Art, die ich sonst gar nicht kenne. Die Herzdame neigt als Nordostwestfälin natürlich nicht zu lobenden Erwähnungen, meinte aber nach einem Rundgang durch die Wohnung doch: “Sogar der Föhn taugt was”. Das entspricht einer überaus wahrmherzigen Fünf-Sterne-Bewertung, wenn man es nur richtig überträgt.

Bei der Innenfotografie habe ich zwar elend versagt, man sieht beim folgenden Link aber hoffentlich ganz gut, was ich meine, es sind die Wohnungen des Oberglunigerhofs.

Dann mussten wir allerdings sehr schnell etwas essen und fragten nach der nächsten Möglichkeit im Ort, ich wollte keinen Meter mehr fahren.

Tscherms

 

(Übrigens ein Sohn-II-Suchbild)

Aus der Antwort ergab sich dann gleich ein praktischer Reisetipp. Und nachdem ich jetzt schon mehrfach vom Südtiroler Essen geschwärmt habe, kommt jetzt etwas ganz anderes, jetzt kommt nämlich Pizza. Denn wenn die ganze Familie wilden Hunger hat, diesen Hunger, der kurz davor ist, ein echtes Problem für den Rest des Abends zu werden, dann ist Pizza bei uns immer die richtige Wahl. Die Söhne essen beide Pizza, das kann überhaupt nicht schiefgehen, das geht in solchen Momenten vor. Und, natürlich, Südtirol gehört zu Italien, die können da Pizza. Und sie geben sich Mühe damit.

Die Pizzeria Helden in Tscherms, auf der Durchfahrt von Bozen nach Meran gut zu erreichen, sie liegt direkt am Weg. Gute Pizza zu sehr netten Preisen, im Haus eine erstaunlich große Spielecke für Kinder, für Eltern ist es immer gut, so etwas zu wissen. Und wenn man abends noch ein Getränk in der Ferienwohnung braucht, das bekommt man da auch zum Mitnehmen.

Pizzeria Helden, Gampenstraße 15, Tscherms.

Pizzeria Helden

 

Die Bilder, die ich auf dem Fußweg zurück und hinauf zum Oberglunigerhof gemacht habe, sind größtenteils erheblich verwackelt. Entweder haben die zwei Bier in der Pizzeria deutlich Wirkung gezeigt, oder es gab an diesem Abend seismische Aktivität, wobei es eher unwahrscheinlich ist, dass ich zwei Bier nicht vertrage.

Berge bei Tscherms

 

Vielleicht war ich aber auch einfach nur etwas aufgeregt wegen der Aussicht überall, die fand ich nämlich wirklich umwerfend.

Berge bei Tscherms

 

Am Rande sei erwähnt, dass Sohn I diesen Abend als Beginn seiner eigenen Aufzeichnungen gewählt hat, die uns hier natürlich nichts angehen. Ich darf aber den Anfang zeigen:

Notizbuch Sohn I

 

Am nächsten Tag wollten wir mal eben zum Schloss hinaufgehen. Aber “mal eben” und Berge vertragen sich nur begrenzt, haben wir dann gelernt. Dazu in Kürze mehr.

Berge bei Tscherms
Roter Hahn

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Wir fangen mit einem ernsten Problem an, es steht vor Ihnen, in dem Becher da. Ihr Kaffee. Kaffeeprobleme hatten wir natürlich schon öfter, in dieser Meldung wird es aber etwas drastischer – und ganz nebenbei stellen wir fest, dass sich Meldungen zum Klimawandel plötzlich wirklich stark häufen.Und es ordnet uns schon einer Gruppe zu, dass wir das überhaupt zur Kenntnis nehmen können. Auch die Meldungen zum Ende der fossilen Brennstoffe, sie werden eindeutig mehr, manchmal klingen sie sogar ganz idyllisch.

Dummerweise fehlt uns ohne den eingangs erwähnten Kaffee womöglich der Antrieb, überhaupt noch weitere Meldungen über Kaffee und Klima zu lesen, es ist fatal. Kaffee treibt unseren Motor an, Kaffee ist der Sprit für unseren Einsatz – bei der brandeins kann man sich diese Sache mit dem Einsatz, dem Fleiß, gerade noch einmal klarmachen. Warum machen wir wieviel? Und nicht weniger? Ist Faulheit sinnvoll? Oder werden wir nur faul, wenn wir keinen Sinn sehen, wie es in diesem Artikel heißt?

An dieser Stelle muss man auch bedenken, wie man arbeitet, wie lange und wie oft. Denn das Modell ist in Bewegung und manches verschiebt sich, ohne dass man es recht bemerkt, die freie Zeit löst sich womöglich gerade auf. Oder, wie es in der Zeit heißt: “Der Kapitalismus kriecht in alle Ritzen.” Die Lage ist allerdings seltsam unklar, in einigen Meldungen heißt es, wir arbeiten bald alle weniger, in anderen, wir arbeiten tendenziell immer mehr. Und der Spiegel fragt Väter, was man sie immer wieder fragen muss: Vielleicht doch mal Teilzeit probieren?

Womöglich brauchen wir ja Hilfe. Vielleicht brauchen wir es, in Richtung klimaschonender Maßnahmen geschubst zu werden. Oder zu weniger Kaffee, weniger Fleisch, Alkohol, Arbeit und Stress geschubst zu werden, in die Hängematte geschubst zu werden. Oder zum Sinn. Wo immer er gerade sein mag. Da bietet sich für den Smalltalk das Wort Nudging an.

Manche Menschen wollen das Klima retten, manche wollen Dörfer retten. Da gibt es ein Berufsbild, das man so auch noch nicht auf der Rechnung hat, da gibt es nämlich Menschen, die schrumpfende Ortschaften ganz weit draußen beraten.

Für den Freundeskreis Fahrrad haben wir in dieser Woche leider nichts gefunden, vermutlich sind alle radliebenden Menschen auf ihren Rädern draußen unterwegs, statt über Radfragen zu schreiben. Auch recht! Dann enden wir in dieser Woche einmal etwas ernster als sonst und weisen auf ein lesenswertes und erschütterndes Blog hin, das über die Lage der Flüchtlinge auf Lesbos berichtet. Es gibt, siehe die aktuelle Nachrichtenlage, Grund genug für diesen Link. Bitte hier entlang.

Und um nicht ganz trostlos zu enden, hier noch der Hinweis auf ein Projekt, in dem es sich um die Arbeitsvermittlung speziell für Flüchtlinge in Deutschland dreht. Da geht doch was.

GLS Bank mit Sinn

Südtirol – die Schuhfrage endgültig geklärt

Bevor ich zu unseren Erlebnissen in Südtirol komme, muss ich noch auf einen besonderen Aspekt eingehen, der sich mit einem gewissen Zwang aufdrängt, wenn man über diese Gegend spricht. Und zwar entsteht der Zwang aus den Gesprächen, die man im Vorwege mit anderen Leuten führt. Man erzählt so nebenbei, dass man da hinfährt – und dann passiert etwas, auf das man wetten kann. Sagen wir, einen dreistelligen Betrag. Sehr geringes Risiko. Denn der Gesprächstpartner, wer immer es sein mag, wird garantiert einen Satz sagen, der das Wortpaar “festes Schuhwerk” beinhaltet. Und zwar wird er es so sicher sagen, als gäbe ein Gesetz, das ihn bei Strafandrohung zu dieser Bemerkung verpflichten würde.

Ich: “Wir fahren ja nach Südtirol.”

X: “Oh! Festes Schuhwerk!”

Als würde das Reiseziel Südtirol jeden Menschen automatisch in einen leidenschaftlichen Wanderer verwandeln, als würde einem bei der Planung schon ein Rucksack wachsen, als würde man dort nur über steile Wanderwege vom Parkplatz zum Restaurant kommen. Das habe ich schon einmal erlebt, dieses seltsam zwanghafte Erwähnen eines Reisehinweises, das kam auch hier im Blog schon einmal vor, es ist Jahre her. Da ging es um Reisen nach Mallorca, denn wenn man Mallorca sagt, dann sagt irgendjemand Mietwagen. Immer.

Das feste Schuhwerk also. Dahinter steht die Grundannahme, Südtirolreisen seien ohne Wanderschuhe quasi ungültig, dahinter steht der Gedanke, man könne da nicht hin, ohne vorher im Outdoorgeschäft etwa ein Monatsgehalt für Spezialschuhe ausgegeben zu haben. Das ist Unsinn.

In dieser Familie bin ich der einzige Wanderschuhinhaber. Die Herzdame lehnt Wanderschuhe aus ästhetischen Gründen rundweg ab, ich lehne es kategorisch ab, Kindern Wanderschuhe zu kaufen, aus denen sie vermutlich schon nach der nächsten kräftigen Mahlzeit wieder herausgewachsen sein werden. Es hat natürlich keinen Sinn, als einziger in der Familie Wanderschuhe zu tragen, ich renne der Truppe ja nicht dauernd 20 Kilometer voraus und erkunde das Gelände. Übrigens schon deswegen nicht, weil ich nie wieder zurückfinden würde, aber egal. Es hat noch einen weiteren Grund, warum wir keine Wanderschuhe dabei hatten, einen ziemlich speziellen Grund, und der findet sich in der Geschichte der Beziehung von der Herzdame und mir und auf Madeira.

Die Herzdame ist nicht besonders nachtragend, aber der Vorfall, um den es hier gleich geht, ist noch keine zwölf Jahre her, der ist für eine Nordostwestfälin also noch recht präsent. Damals reisten wir als noch frisches Paar nach Madeira, so ein Last-Minute-Trip, den wir uns gerade eben leisten konnten. Der allererste gemeinsame Urlaub. Und erst auf der Insel stellte die Herzdame fest, dass ich keine Badesachen, sondern nur Anzüge mithatte, denn mir lag es damals fern, einen Strand oder eine Badestelle zu besuchen. Nein, auch nicht gemeinsam, geh mir weg mit Strandromantik, ich war da recht klar positioniert. Das führte zu so lebhaften Auseinandersetzungen, dass ich mir schließlich noch auf Madeira und unter Protest eine Badehose gekauft habe, die erste überhaupt nach der Travemünder Zeit. Und sogar mit ihr baden ging. Und mit dem Sonnenbrand meines Lebens schmollend am Ufer saß. Ich war einfach noch nicht reif für Badespaß. Travemünde war nicht lange genug her.

Und weil ihr dieses Reiseerlebnis noch so präsent war, stand für die Herzdame von Anfang an fest, dass sie mit Flipflops in die Berge fahren würde. Der Mann im Anzug am Meeresufer, die Frau in Sandalen auf dem alpinen Wanderweg, das klang für sie endlich nach einem fairen Ausgleich. Eine etwas spezielle Form von Auge um Auge, vielleicht aber doch auch nachvollziehbar.

Und es ist tatsächlich so – Südtirol ohne festes Schuhwerk ist überhaupt kein Problem. Zumindest im Meraner Land, wir haben nur diesen Teil von Südtirol besucht, ich kann über die anderen Täler nichts sagen. Es gibt überall, wirklich überall, gut ausgebaute Wege, die man genau so gut als Spazierweg wie als Wanderweg betrachten und nutzen kann. Es laufen überall Menschen in Heavy-Duty-Outdoorausrüstung neben Menschen in Sandalen und Shorts herum, das passt beides und stört sich nicht. Selbst auf zweitausend Metern Höhe, etwa bei Meran2000, kann man noch gelassen spaziergehend wandeln, es ist wirklich überhaupt kein Problem.

Wanderweg Südtirol

 

Festes Schuhwerk braucht, wer sportlich und hoch wandern möchte, was man aber ohnehin nicht macht, wenn es 35 Grad warm ist und man zwei kleine Kinder dabei hat. In Südtirol kann man gerade im Sommer ganz phantastisch Urlaub machen, ohne zu wandern. Wir haben es ausgiebig getestet, es funktioniert. Man kann dort auch einfach nur alle paar Meter herumstehen und Gegend ansehen, das geht sogar mit Kindern, so toll ist die Gegend da. Und die Kinder können dabei auch ruhig barfuß sein, das hat Sohn II eine ganze Woche lang fast komplett durchgehalten. Ohne Probleme. Na gut, einmal ist er auf eine Biene getreten, das war etwas anstrengend für alle Beteiligten. Aber man kann Südtirol tatsächlich auch einfach wegen des Essens bereisen, das Essen ist sensationell, ich berichte darüber später noch ausführlicher. Und es ist vollkommen latte, welche Schuhe Sie beim Essen anhaben.

Wenn Sie über Südtirol reden und jemand murmelt “festes Schuhwerk” – Sie wissen Bescheid. Geben Sie das Geld lieber für Essen aus. Und gehen Sie, wie Sie immer gehen.

Roter Hahn

 

 

Werbung, Marken, Interessen, Content

Dieses Blog hat, wie sicherlich bekannt, einen Hauptsponsor, mit dem ich inhaltlich bestens zurecht komme, das ist eine Marke, die ich sehr gerne vertrete, die GLS Bank, für die ich auch wöchentlich schreibe. In einem gewissen Sinne ist das hier also eine Dauerwerbesendung, und da die Bank nicht irgendeine Bank ist, finde ich das auch richtig so. Zumal sich die Interessen und Werte, die die Bank vertritt, mit meinen stark überschneiden, zu dem wöchentlichen Wirtschaftsteil kam es überhaupt nur wegen dieser gemeinsamen Interessen.

Es gibt weitere Firmen, denen ich sozusagen freundschaftlich verbunden bin, weil mich interessiert, was sie machen, auch wenn sie hier nicht als Sponsor auftreten. Etwa die Regionalwert AG Hamburg für den norddeutschen Raum, bei der wir gerade, im Rahmen äußerst bescheidener Möglichkeiten, Miteigentümer geworden sind. Die werden hier sicher noch öfter vorkommen. Das ist eine tolle Sache, das Thema interessiert mich sehr, das verdient Unterstützung. Isa und ich haben den Vorstand, den Regionalulf, vor einiger Zeit hier interviewt, wenn man das liest, versteht man das sicherlich.

Beim Thema Reise, mit dem ich mich künftig gerne etwas mehr beschäftigen möchte, ist es auf den ersten Blick nicht ganz einfach, geeignete Partner zu finden, die in dieses Muster wenigstens halbwegs hineinpassen. Für die Südtirolreise ist das allerdings gelungen, da hatte ich den Sponsor Roter Hahn – für die Kontaktvermittlung übrigens Dank an Petra von Foodfreak.

Der Rote Hahn ist eine Verbundmarke für den Urlaub auf dem Bauernhof in Südtirol, da werden etwa 1.600 Betriebe vertreten. Das klingt banal touristisch, ist es aber nicht nur, da geht es noch um etwas mehr.

Wie in Deutschland auch, können in Südtirol immer mehr bäuerliche Betriebe allein durch die Landwirtschaft nicht mehr bestehen, schon gar nicht die Biobetriebe. Wenn man sieht, dass dort auf jedem nur irgend nutzbaren Fleckchen Boden ein Apfelbaum steht, kann man sich vorstellen, dass das Angebot nach der Ernte über die Nachfrage hinausgeht. Es gibt zu viele Äpfel auf dem europäischen Markt, zumal der Konsum eher rückläufig und der Handelsweg nach Russland im Moment nicht offen ist. Auf meine Frage, warum die Apfelanbaufläche immer noch weiter erweitert wurde und wird, gab es eine interessante, ganz einfache Antwort: “Weil man es den Bauern nicht verbieten kann.” Alleine auf den Obstanbau zu setzen ist aber hier nicht mehr der richtige Weg.

Die Bauern ergänzen den Betrieb seit Jahren immer öfter um Zimmervermietung, Hofläden, bäuerliche Schankbetriebe usw., man sucht überall nach weiteren Standbeinen. Im Grunde so, wie wir das hier auch von Höfen in halbwegs ansprechender Lage kennen. Allerdings sind die Kriterien in diesem Verbund so eng ausgelegt, dass die Bauern dabei immer garantiert hauptsächlich Bauern bleiben. Sie müssen also weiter Obst anbauen oder Tiere halten, sie müssen Produkte vom Hof anbieten können, sonst sind sie nicht mehr dabei. Sie dürfen nur eine begrenzte Anzahl von Zimmern haben (maximal fünf Wohnungen oder acht Zimmer), sie können nicht aus Scheunen große Hotels machen. Da geht es also nicht um Bauernhof-Attrappen, da geht es um den Erhalt lebendige Höfe und um die Frage, wie man die Region, die landwirtschaftlichen Produkte, die Landschaft, die bäuerlichen Berufe und den Tourismus unter einen Hut bekommt, ohne dabei eine Art Agrar-Disney-Land zu erschaffen. Oder den Disney-Faktor doch immerhin so gering wie möglich zu halten. Oder genau richtig, es ist, wenn man drüber nachdenkt, tatsächlich äußerst kompliziert.

Dafür muss man sich jedenfalls fragen, was bäuerliche Tradition in Südtirol eigentlich ist, da muss man regionale Güter und Besonderheiten definieren, da muss man sich auch mit der Bio-Frage auseinandersetzen, was nicht immer einfach ist. Ich habe mit einem Bauern gesprochen, der mir sehr überzeugt sagte “Jeder denkende Mensch landet irgendwann beim Bio-Anbau”, ein anderer, ein paar Felder weiter, hat mir genau so überzeugt vorgerechnet, wie wenig Pestizide auf seinen konventionell angebauten Äpfeln landen – das ist dort wie überall, die Sache ist nicht entschieden und Meinung steht gegen Meinung. Entschieden ist nur die Sache mit der Region, die Region soll hier vorgehen. Immerhin.

Und das scheint, auch abgesehen vom Roten Hahn, bestens zu funktionieren. Wenn man durch Südtirol fährt, sieht man enorm viele Hinweise auf regionale Produkte in handwerklicher Qualität, traditioneller Qualität, Bioqualität usw., das zieht sich durch. Für kulinarisch interessierte Reisende ist das eine sehr gute Nachricht, man bekommt selbst in kleinsten Betrieben, denen man von außen eher nur Imbissqualität zutraut, erstaunlich gutes Essen. Bestellt man Apfelschorle, ist die fast immer aus eigenem Anbau oder aus direkter Nachbarschaft, bei den Betrieben des Roten Hahns fragt man sogar vergeblich nach Cola oder Fanta, das gehört zum Prinzip – man bekommt aber ganz selbstverständlich so etwas wie selbstgemachte Holunder-Limo. Aus Früchten, die vermutlich im Umkreis von wenigen hundert Metern gewachsen sind. In diesem Regionalkonzept scheinen sich dort alle weitgehend einig zu sein.

Das Thema wird mich vielleicht noch etwas weiter umtreiben, da es mir gerade so vorkommt, als seien die Betriebe in Südtirol in dieser Hinsicht erheblich besser organisiert als z.B. die Betriebe an der Nordsee, das finde ich interessant, dem kann man auch noch weiter nachgehen. Wobei ich mehrfach gehört habe, dass die Südtiroler Bauern eine glänzende Tradition darin haben, sich gemeinsam zu organisieren, das sollen sie erheblich besser als andere können. Keine Ahnung, ob es stimmt, der flüchtige Eindruck nach nur einer Woche scheint es zu bestätigen.

Unter einigen Artikeln und Hinweisen zu unserer Südtirol-Reise wird man jedenfalls diesen Hinweis finden:

Roter Hahn

Ich habe mich in Südtirol mit Menschen vom Roten Hahn unterhalten, ich habe auch ein paar Betriebe besucht, die zu dieser Marke gehören, die werden hier in den nächsten Tagen zwischen den Reiseberichten als Reise-Tipp vorkommen und so ausgewiesen sein.

 

Seehamer See – Tscherms

Auf der weiteren Fahrt ist dann nicht mehr viel passiert. Abgesehen von einem kleinen Zwischenfall irgendwo zwischen dem Seehamer See und der Grenze zu Österreich. Da gab es plötzlich ein markerschütterndes Geschrei von der Rückbank. So ein Geschrei, bei dem man als Fahrer sofort zusammenzuckt, den Kopf einzieht und hektisch nach der Standspur sieht, nach dem Knopf für die Warnblinker und auch in alle verfügbaren Spiegel, um herauszufinden, worum es hier eigentlich gerade geht. Unfallgefahr? Wespenstich? Spinne auf dem Sitz? Monster? Marienerscheinung?

Es waren dann aber nur die Berge. Die Söhne hatten am Horizont die ersten richtigen Berge ihres Lebens gesehen, die ersten Berge, die diesen Namen auch verdienten. Die ersten Grüße der Alpen. Und wenn man noch nie Berge gesehen hat, wenn man noch gar nicht verstanden hat, wie hoch die wirklich sein können, wenn man im Grunde den Hügel neben einer Kiesgrube immer schon im engeren Bergverdacht hatte, wenn einen so ein Steinriese also völlig unvorbereitet trifft – dann kann man schon mal ausflippen.

Sohn I hat spontan beschlossen, sich diesen Anblick lebenslang zu merken, weil ihn bis zu diesem Moment noch nie etwas landschaftlich so oder überhaupt beeindruckt hat: “Das will ich mir merken, genau so.” Mit ausgestrecktem Finger in die Ferne weisend, zur Zackenlinie des Gebirges. Sohn II saß mit offenem Mund und konnte bis Südtirol den Anblick nicht glauben, völlig verzückt auf Bergspitzen starrend, auf Burgen, Bergbauernhöfe, Almen, Brücken, Serpentinen, er wies mich auf alles kreischend vor Begeisterung hin.

An der Autobahn in Österreich steht ein großes Schild: “Grüß Göttin”, ich konnte im Vorbeifahren nicht so schnell erkennen, ob es per Hand übermalt worden ist oder tatsächlich so sein soll. Kann das offiziell sein?

Guck an. Tatsächlich.

Und sonst: Tempolimit in Österreich und Italien. Eine schöne Sache, es fährt sich so entspannt, ich mag das. Kann man meinetwegen gerne sofort auch hier einführen, aber damit macht man sich bekanntlich keine Freunde. Das ist in etwa so, als würde man in den USA das Waffenverbot durchsetzen wollen.

Dann kamen wir in Tscherms an. Tscherms in Südtirol, Meraner Land.

 

In der aktuellen Nido …

… gibt es erstens eine weitere Folge der Interviewreihe “Was machen die da” in gedruckter Version. Isa und ich haben Eleonore Gregori befragt, die Programmleiterin der Pixi-Bücher. Etwas mehr dazu hier.

Nido-Magazin

 

Zweitens habe ich für diese Ausgabe eine Wirtschaftskolumne geschrieben, oder zumindest etwas in der Art. Es geht um eine Frage, die immer interessanter wird, je länger ich darüber nachdenke – wieso erziehen wir eigentlich unsere Kinder zu Fairness und Gerechtigkeit, wenn wir doch alle akzeptieren, in einer unfairen, himmelsschreiend ungerechten Gesellschaft zu leben? Was läuft da eigentlich falsch?

Nido-Magazin

Woanders – diesmal mit Island, Italien, einem Interview und anderem

Feuilleton: Beim Deutschlandradio Kultur geht es um die Kultur in Island.

Feuilleton: Ein Interview mit Gerhard Polt: “Langeweile ist mir als Empfindung so fremd wie Hunger. Ich habe höchstens Appetit.”

Hamburg: Ein Interview mit Isabella David von HH-Mittendrin.  Sie haben den Goldschatz noch nicht gefunden, das überrascht selbstverständlich nicht, alles andere wäre auch ein Wunder. Aber schön, dass sie es ohne jedes Geschwurbel sagt.

Hamburg: In der Stadt werden wieder Zäune gegen Obdachlose errichtet. So meint man hier nämlich, soziale Probleme lösen zu können.

Hamburg: Patricia war im Miniaturwunderland und wirkt einigermaßen begeistert. Nachvollziehbar.

Fotografie: Der Herr Gommel sucht etwas, und ich hoffe sehr für ihn, dass er etwas findet.

Reportage: Hier geht es um das Leben nach Utøya, um das Weiterleben und Gedenken. Schweres Thema , ein Text, der einen mitnimmt, Vorsicht.

Reise: Ein sehr beeindruckender Reisebericht: Going North von Oliver Kucharski. Mit wahnsinnig tollen Bildern, bei denen man dann doch dezent neidisch wird. Man beachte die besten Vögel der Welt!

Seehamer See

Wir fuhren morgens von Reichertshausen aus los, Richtung Südtirol. Ich dachte während der Fahrt über ein Thema nach, dass mir kürzlich auf Twitter zugeworfen wurde, da hat nämlich jemand vorgeschlagen, ich finde leider gerade nicht wieder, wer es war, Isa und/oder ich sollten “White-Rabbit-Reisen” machen und darüber schreiben. Das bezieht sich natürlich auf Alice im Wunderland, es gibt hier im Urban Dicitonary eine schöne Erklärung der vermutlich ohnehin bekannten Phrase “Follow the white rabbit”. Man kann es natürlich für Reisezwecke ein wenig umdefinieren und deuten, was das weiße Kaninchen unterwegs sein könnte. Die Kinder können Hinweisgeber der besonders irrationalen Art sein, sie sollten es sicherlich auch sein, wenn man als Familie unterwegs etwas Spaß haben möchte. Die sozialen Medien können ebenfalls Spuren legen, das klappt übrigens auch faszinierend gut. Man schreibt auf Twitter “Meran” und Minuten später schreibt jemand, wo man da hingehen soll. Und alle Arten von mehr oder weniger absurden Zufällen und Bekanntschaften unterwegs sind natürlich auch genau richtig.

Man kann sich grundsätzlich entscheiden, solchen Hinweisen gegenüber aufgeschlossen zu sein, wir haben das in Südtirol, vor allem in Meran so gemacht – und es hat sich gelohnt, dazu später noch mehr. Man kann ausdrücklich offen für Zufälle und Ablenkungen sein, für Irrwege, Abbiegungen und Absonderliches. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr gefällt mir dieser Gedanke des immer wieder zufallsgesteuerten Reisens, da muss ich noch mehr versuchen, ich bin viel zu organisationsbesessen. Und deswegen ärgert es mich immer noch, dass ich den kleinen weißen Kaninchen in Gestalt der Söhne am Autobahnparkplatz Seehamer See nicht gefolgt bin.

Wir haben von München an Stau gespielt, bis zur Grenze immer wieder in allen Versionen, kurz, lang, Stop-and-go, halbstündiges Rollen bei 30 km/h, was man sich nur an Fahrnichtvergnügen ausdenken kann, am Straßenrand ein Blechschaden nach dem anderen. Es war ein allgemeines Reisewochenende, das war uns vorher klar, Spaß machte es dennoch nicht, wie überhaupt Autofahren eher nie Spaß macht, finde ich.

Am Seehamer See, noch gar nicht weit von München entfernt, mussten die Kinder mal aus dem Auto. Wenn man dort etwas über den Platz geht, sieht man am unteren Ende des etwas abschüssigen Geländes einen Weg, der zu einer Straße führt. Und hinter der Straße ist ein See. Das sieht dort landschaftlich hübsch aus, da stehen Bootshäuschen am Rand, da gibt es freundlich begrüntes und bewaldetes Ufer – und badende Menschen. So etwas erwartet man nicht gerade an einem Autobahnparkplatz, meistens sind hinter Autobahnparkplätzen nichts als Leitplanken, Zäune und Gegend, ohne Wege und Attraktionen.

Es ist also so, dass man auf diesem Autobahnparkpatz hält und 100 Meter weiter in einen Badesee steigen kann. Einfach so, direkt hinter dem Parkplatz. Eine wirklich einladende Stelle, genau vor uns badete gerade ein Pärchen, das einen winzigen und sehr vergnügten Hundewelpen zwischen sich hin- und herschwimmen ließ, eine Szene, die für Sohn II Tage später noch ziemlich wichtig werden sollte, über dieses Bild hat er lange nachgedacht.

Natürlich, wir hätten da einfach baden sollen. Stundenlang, wenn es denn Spaß gemacht hätte, und keine Frage, das hätte es. Aber Herr Buddenbohm hatte ja einen Plan, der Plan beinhaltete ein Ziel und natürlich eine Tageszeit. Herr Buddenbohm wollte also weiterfahren. Die Herzdame war etwas unentschieden, die Söhne dann eher ziemlich bedröppelt, als wir sie wieder zum Auto zogen. Wir stiegen wieder in das glühende Auto und fuhren im Schneckentempo weiter nach Süden. Das war dumm. Ein, zwei Stunden hätten der Reise nicht geschadet, im Gegenteil.

Und ich kann mir jetzt Gedanken machen, wie wir noch einmal zum Seehamer See kommen. Schlimm.