Potts Park

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Der Potts Park ist ein Freizeitpark in Minden, der sich ausdrücklich an kleinere Kinder richtet. Er ist entsprechend unspektakulär ausgestattet, weil man nicht viel braucht, um etwa Dreijährige zu unterhalten, denn dort fängt es etwa an. Bei etwa elf Jahren wird es wohl aufhören, nehme ich an. Mit zwölf Jahren ist man vermutlich zu cool für den Park und geht dann erst wieder hin, wenn man eigene Kinder hat. Die Gerätschaften sind teilweise uralt, der Park ist von 1969, man sieht ihm das Alter auch deutlich an. Klingt negativ?

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Der Park ist ein Paradies für die Söhne, unsere jährlichen Besuche dort ein Höhepunkt des Sommers, gar keine Frage. Man kann sich problemlos einen ganzen Tag amüsieren, man kann sich an die eigene Kindheit erinnern, weil Spielgeräte aus den 70ern heute noch herumstehen, als hätte man sie gestern aufgebaut. Da steht tatsächlich meine Rutsche! Vom Spielplatz nebenan! Man kann zusehen, wie die eigenen Kinder Spaß haben, der genau zu ihrem Alter passst. Man kann alles immer wieder machen, nichts kostet extra. Man kann die Kinder alles machen lassen, die meisten Attraktionen sind auch für kleine Kinder selbständig machbar. Der Potts Park ist ganz entschieden einen Ausflug wert, man muss das mit Kinderaugen sehen, nur dann versteht man es. Vielleicht versteht man es auch nur ganz, wenn die Kinder noch keinen der großen Freizeitparks kennen, das kann ich mir vorstellen. Bei uns ist das so.

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Wir waren an einem Montag da, der Park war leer, wir hatten alles für uns.

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Ich habe viele Fotos gemacht, man kann sie als nostalgisch oder fortgeschritten skurril anmutende Zeugnisse eines seltsam aus der Zeit gefallenen Parks sehen – oder mit den Kinderaugen der Söhne als Erinnerungsbilder an den besten Spielplatz ihrer Kindheit, so viel Lob muss sein.

Man muss auch nicht alles verstehen, was man dort sieht. Stahl? Was?

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Bedienelemente mit einem gewissen Alter.

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Ist aber egal, es funktioniert alles.

Man muss oft selbst Hand anlegen, etwa die Schlauchboote zur Rutsche hochtragen, wie es hier die Herzdame und Sohn II tun. Sehr geile Rutsche, wie man heute sagt.

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Digitale Anzeigen braucht hier kein Mensch.

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Apropos Rutsche:

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Hier gibt es Wunder, die nur noch bei kleinen Kindern Erstaunen hervorrufen.

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Und reelle Unterhaltung. Funktionierte damals, funktioniert heute.

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Alles in einem seltsam antiquierten Design.

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Die Kinder werden sich an einen sehr bunten Park erinnern.

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Die Melancholie leerer Bänke sehen sie natürlich nicht. Egal.

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Woanders – diesmal mit einem Foodblog, Gifs, GPS und anderem

Küche: Manchmal entdeckt man ein Foodblog und staunt dann kurz, wie hübsch so etwas sein kann. Das ging mir gerade bei Tiny Spoon so.

Familie: Das ist wirklich ziemlich albern, aber ich lachte dann doch bei dem Gif Nr. 11.  Nicht direkt nach dem Essen ansehen.

Familie: Ein Artikel über GPS-Tracker für Kinder, eine ebenso abwegig erscheinende wie logische Aufrüstungsmaßnahme für Helikopter-Eltern. Also für nahezu alle Eltern, wenn man es recht bedenkt.

Familie/Reise: Bei der Frau Gminggmangg kann man gerade über etliche Einträge hinweg bei einem etwas anderen Familienurlaub mitlesen. Und das sollte man auch.

Reise: Wo ist das Meer? Ich kann die Situation nachvollziehen, ich wohne in einer deutlich abschüssigen Straße und werde dauernd von Touristen gefragt, ob die Alster da oben oder da unten liegt.

Familie: Das Nuf über Aufzughonks.

Familie: Was man als Vater so erfindet, wenn man genug Kinder hat. Ich würde das kaufen, versteht sich.

Familie: Eine Meldung zum Betreuungsgeld, die niemanden überraschen dürfte.

Gesellschaft: So geht Spaß in Deutschland.

Gesellschaft: Oliver Driesen war auf Borkum.

Feuilleton: Ein Interview mit dem Kinderbuchautor Andreas Steinhöfel.

Feuilleton: In der FAZ wird Helene Fischer erklärt.

Hamburg: Ein Artikel zur Sharing Economy in dieser Stadt.

 

Zum Willem

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Wenn man sich in Nordostwestfalen doch einmal zu einem Ausflug aufraffen kann, dann fährt man z.B. zum Willem, wie man hier sagt. Der Willem ist ein weithin sichtbares Kaiser-Wilhelm-Denkmal im Stil des späten Tschingbumm, eine monumentale Anlage, die man verblüffend weit sehen kann. Das ist auch ihr Hauptzweck.

 
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Das Denkmal steht an den ersten Hängen des Wiehengebirges, das kurz hinter Minden plötzlich aus dem Boden wächst, ohne jede Vorwarnung durch irgendein sanftes Hügelland. Als würde man aus der norddeutschen Tiefebene heraus gegen eine Wand laufen.

Zum Willem kann man mit dem Auto fahren, zu seinen Füßen ist ein Parkplatz. Die Denkmalsgaststätte dort ist schon lange geschlossen, der Kiosk auch, die ganze Anlage rund um den Parkplatz ist nicht gerade einladend, um es noch freundlich auszudrücken. Dennoch werben Tourismusmanager für die Gegend tapfer mit einem Poster des Willems auf dem der Slogan “Endlich… Urlaub” die Überschrift bildet. Nun ja. Auch als Texter muss man eben irgendwas liefern, ich kenne das Problem ganz gut.

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Schilder künden oben den kompletten Umbau der Anlage an, wenn das so durchgezogen wird, dann gibt es dort bald ein ziemlich spektakuläres Ausflugslokal direkt unterm Denkmal, das sehen wir uns dann sicher wieder an. Man hat aber anscheinend gerade erst angefangen, dort herumzubuddeln.

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Kinder finden den Willem ganz interessant, weil man an seinem Podest herumklettern kann – mehr aber auch nicht. Einen Spielplatz oder sonst eine kinderkompatible Einrichtung gibt es nicht. Immerhin stehen auf dem Parkplatz oft ein Eiswagen und eine Wurstbude, das hilft etwas. Der Ausblick in die Tiefebene, bei dem die Erwachsenen unwillkürlich kurz verharren und andächtig Anerkennendes murmeln, der interessiert die Kinder aber nicht ansatzweise. Das fiel mir schon ein paar Mal auf: Kinder haben überhaupt keinen Sinn für diese Ausblick-Sache, da reicht immer eine Sekunde mit der lapidaren Feststellung: “ja, da kann man runtergucken”. Na und? Das ist den Kindern völlig wurscht. Viel spannender ist, ob sie selbst irgendwo raufkönnen.

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Und rauf konnten sie dann auch noch, denn hinterm Denkmal starten mehrere Wanderwege durch den Wald, da geht es für unsere Verhältnisse schon tatsächlich gebirgig zu. Aber dieses total befremdliche Konzept, dass Wege auch bergauf führen können, das müssen wir mit den Söhnen des Flachlandes vor dem Bergurlaub in Tirol im nächsten Jahr noch einmal gründlich besprechen. Ein Kinderstreik nach hundert Metern, weil es noch nicht wieder bergab geht, verhilft einem jedenfalls nicht zu Wanderfreuden, daran ist zu arbeiten.

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Viel weiter als bis zur ersten Schutzhütte konnten wir auf diese Art nicht kommen, dort immerhin fanden wir, liebevoll ins Holz der Sitzbank geritzt, die Vornamen zweier ehemaliger Mitschüler der Herzdame.

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Mit der Jahresangabe von damals und Herzchen, wirklich sehr romantisch. Da standen die Namen so mancher Liebespaare, der Vorname der Herzdame war aber nicht zu finden. Bei dem Schulausflug damals war wohl gerade niemand an Schnitzarbeiten für sie interessiert. Und ich hatte an dem Tag leider kein Messer dabei, sonst hätte ich das selbstverständlich sofort nachgeholt. Auch das wird vorgemerkt, versteht sich.

Aber habe ich überhaupt schon jemals einen Namen irgendwo ins Holz geschnitzt? Ich kann mich nicht erinnern. Ist das schwer? Mir fällt nur ein, dass ich mal zu Schulzeiten mit einem Lötkolben irgendwelche Frühstücksbrettchen bearbeitet habe, das war recht einfach, glaube ich,das konnte sogar ich. Beim nächsten Ausflug zur Schutzhütte nehme ich dann wohl besser einen Lötkolben mit. Immer die effizientere Lösung wählen, versteht sich.

 

Backen mit der Herzdame: Waldmeisterweingummitorte

Bis wir Kinder bekommen haben, war die Küche hier nur mein Revier, weil das Kochen in dieser Ehe fast ausschließlich mein Job ist. Gebacken wurde hier gar nichts, denn Backen mag ich nicht und die Herzdame hatte sich damit nie beschäftigt.

Waldmeisterweingummitorte

Erst durch die zahlreichen Kindergeburtstage, Kinderfeste, Kitaveranstaltungen und ähnlichen Erscheinungen ergab sich die Notwendigkeit, dauernd irgendwo Kuchen zu liefern, das war alternativlos. Man kann anscheinend keine Kinder großziehen, ohne dabei dauernd Kuchen zu backen, das ist hier so, Gegenwehr zwecklos. Dieses Backen hat die Herzdame übernommen – zunächst im mehr oder weniger passiv-aggressiven Widerstand nur mit Backmischungen und Halbfertigprodukten, dann nach und nach mit Rezepten aus ihrer Familie, schließlich sogar mit Rezeptheften, Foodblogs usw. Und weil dabei jetzt gelegentlich Ergebnisse herauskommen wie die nachfolgende Waldmeisterweingummitorte, mit der man auf jedem Kindergeburtstag wirklich Eindruck macht, werden hier in loser Folge ein paar Rezepte vorgestellt.

Woher dieses spezielle Rezept genau stammt, das lässt sich nicht mehr feststellen, es handelt sich um eine uralte Kopie aus irgendeiner Zeitschrift mit sehr viel Herzchen am Rand, mehr weiß man nicht. Es war aber damals die Lieblingskindergeburtstagstorte der Herzdame, die musste ihre Mutter wieder und wieder für sie machen. History repeating, das wird bei uns jetzt wohl auch so. Man braucht:

150 Gramm Löffelbiskuit
100 Gramm Butter
3 Blatt weiße Gelatine
1 Päckchen Götterspeise Waldmeister
100 Gramm Zucker
200 Gramm Frischkäse
2 Päckchen Vanillinzucker
3 EL Zitronensaft
Etwas grüne Speisefarbe
¼ Liter Sahne
Weingummi, viel

Nicht vergessen: Backen ohne Schürze ist ungültig, alte Regel.

Schürze

Biskuit

Die Löffelbiskuits in einen Gefrierbeutel und am besten auch noch in ein Handtuch einschlagen, es krümelt gleich nämlich wie Sau. Das verschlossene Paket vom Nachwuchs zertrümmern lassen. Ja, macht es kaputt, richtig kaputt, wir wollen das niedergemacht haben, plattgewalzt, zerstört. Die Kinder zehn Minuten gewähren lassen, das sollte reichen.

Biskuit

Biskuitpäckchen

Biskuitgemetzel

Die Butter weich werden lassen und mit den Biskutitrümmern gründlich verrühren, das kann ein williges Kind natürlich auch mit der Hand oder mit einem Gerät machen.

Biskuit und Butter

Rührgerät

Biskuittrümmerpampe in eine Tortenform füllen und von den Kindern sorgfältig andrücken lassen. Feste. Dann kalt stellen.

Biskuit in Tortenform

Die Gelatine in kaltem Wasser einweichen.

Herzdame hinter Gelatine

Götterspeise in ¼ Liter Wasser auflösen und 10 Minuten quellen lassen.

Götterspeise

50 Gramm Zucker einrühren, aufkochen, abkühlen lassen. Gelatine ausdrücken lassen und dann in die Götterspeise mischen.

Gelatine

Die Zitrone auspressen lassen. Wir machen das ohne Küchengerät, nichts als Kraft und Physik, auch wenn das vehementen körperlichen Einsatz erfordert. Kinder können sich ruhig einmal anstrengen. Kurz nach diesem Bild stand Sohn II übrigens auf der Zitronenpresse, die Zeit bis zum Absturz reichte aber nicht für ein gelungenes Foto.

Zitronenpresse

Den Frischkäse mit dem übrigen Zucker, dem Vanillinzucker und drei Esslöffeln Zitronensaft verrühren.

Grüne Speisefarbe, die in unserem kleinen Multikultiviertel natürlich vom Inder kommt, in die Götterspeise einrühren.

SpeisefarbeKurz bevor das Zeug fest wird, die Käsecreme mit einem Schneebesen unterrühren. Es kann durchaus eine halbe Stunde oder länger dauern, bis das Festwerden beginnt. Sahne schlagen und auch unterrühren.

Sahne

Dann die gesamte Masse, die jetzt auffällige Ähnlichkeit mit der Abdruckmasse beim Zahnarzt haben sollte, auf dem Tortenboden verteilen und glatt streichen.

Grüne Pampe

Mindestens 5 Stunden im Kühlschrank fest werden lassen. Dabei unbedingt die Kinder im Blick behalten, damit sie nicht per Fingerdruck prüfen, ob die Torte schon fest ist, dann hat man nämlich Spuren in der Torte, verdammt nochmal, das stört bei eventuell fälligen Fotos ganz ungemein und gefährdet den Familienfrieden.

Torte

Weingummi beliebiger Sorte von den Kindern nach Farben und Formen vorschulmäßig sortieren lassen.

Weingummi

Weingummi

Ansprechendes Muster auf die Torte legen – fertig.

Tortendeko

Das schmeckt jedem Kind, ist immer eine Überraschung und man ist garantiert nicht schon wieder der zehnte Apfelkuchenlieferant beim Sommerfest. Auch was wert!

Waldmeisterweingummitorte

Die Zubereitungszeit wird vom Rezept mit anderthalb Stunden angegeben, wir haben deutlich länger gebraucht, weil man unter Kinderbeteiligung die Küche wirklich unfassbar einsaut, das wirkt auf den Fotos seltsam, wenn man nicht zwischendurch aufräumt. Es ist überhaupt nicht zu fassen, was Backen mit Kindern in Küchen anrichtet. Aber Spaß macht es auch, doch, doch.

Mit Tieren und so

In der nächsten Woche sind wir auf einem Bauernhof auf der Halbinsel Eiderstedt. Ferien auf dem Bauernhof, das ist immer wieder ein Thema bei Eltern – und da werde ich den Nutzwert dieses Blogs gleich mal dramatisch erhöhen und einen total praktischen Hinweis auf eine Seite geben, die wenig Eltern zu kennen scheinen.

Es ist nämlich so, dass die Suche nach einem Ferienbauernhof in Deutschland womöglich noch zeitraubender ist als die Suche nach einem Ferienhaus – und das will etwas heißen. Es gibt aber eine Seite, auf der kann man ein Gesuch einstellen, also wann man wo mit welcher Ausstattung und welchen Attraktionen auf dem Hof Urlaub machen möchte – und dann melden sich die Betreiber der Höfe bei einem. Mit den exakt passenden freien Zeiten. Man kann auch so überaus sinnvolle Angaben wie “Internetanschluss möglich” als Bedingung einstellen, das ist in gewissen Gebieten (hallo Nordseeküste!) ein wahrer Segen. Und es hat bei uns jedenfalls super geklappt. Bei den Antworten waren zwar ein paar Höfe aus Gegenden dabei, die wir gar nicht angeklickt hatten, das war aber eigentlich auch ganz nett und hätte sogar fast zur Änderung unserer Pläne geführt. Doch, nach Angeln könnte man auch mal, keine Frage.

Die Seite findet man hier, die Urlaubsbörse bei Bauernhofurlaub.de und nein, das ist ganz und gar keine bezahlte Werbung. Das fand ich einfach nur gut und praktisch. So etwas kann man dann ja auch mal öffentlich feststellen.

 

Woanders – der Wirtschaftsteil

Ob es daran liegt, dass im Sommerloch alle Journalisten vor kleinen Snacktellerchen sitzen und unschlüssig auf leere Bildschirme starren, ob es daran liegt, dass sie sich mühsam überschüssige Pfunde abtrainieren und deswegen über jede Kalorie nachdenken, man weiß es nicht – aber die Artikel über Ernährung fliegen tief in diesem Sommer. Etwa bei der brandeins. Das hat aber Frau Haessy freundlicherweise schon nett beantwortet, da muss man nichts mehr machen.

Artikel, die gewisse Lebensmittel freisprechen, sie kursieren gerade en masse. Fett ist super, Zucker macht nichts, Fleisch ist toll und es muss nicht alles bio sein, das verlinken wir alles gar nicht erst. Man sieht die Autoren aber geradezu vor sich, wie sie nach getaner Arbeit im Garten am Grill stehen und ordentlich Fleisch nachlegen. Andere prangern natürlich den Fleischverzehr an, das wogt so hin und her. Fleischverzehr, da haben wir aber auch Fakten, das sei am Rande erwähnt, es wird die Vegetarier immerhin interessieren. Und vor dem Hintergrund dieser Fakten kann man dezent auch noch auf andere Fakten hinweisen, denn ob Fleisch gesund ist oder nicht, das ist nun einmal nicht die einzige wichtige Frage bei diesem Thema, ganz und gar nicht.

Die Kuh bedroht also die Umwelt, das ist soweit leicht nachzuvollziehen. Dass die Umwelt auch die Kuh bedroht, das liest man eher selten. Aber manchmal eben doch. Wobei einem einfällt, dass es mit den Naturschutzgebieten bei uns generell nicht ganz einfach ist.

Der letzte Satz ist natürlich unbelegter Unsinn, das kann man aus diesem Artikel so gar nicht ableiten. Das machen wir aber dennoch, weil es so schön einfach und menschlich ist, sich die Wirklichkeit aus kleinen Stichproben hochzurechnen, es wird ewig ein Grundproblem unseres Hirns bleiben. Ein Problem, das natürlich auch beim Thema Wirtschaft interessant ist, denn vielleicht ist die Wirklichkeit ganz anders. Wenn man messen würde, statt zu vermuten.

Zu den Themen, bei denen wir von Vermutungen ausgehen, gehört sicher auch das Freihandelsabkommen TTIP, ein Vorhaben, gegen das viele etwas haben und über das nur wenige Interessierte umfassend Kenntnis haben. Es ist sicherlich sinnvoll, ab und zu ein paar Fakten zu dem Abkommen nachzulegen, auch wenn die Medien sich da ganz auffällig zurückhalten.

Bei TTIP ist man schon nah an Systemfragen, wie soll das alles denn überhaupt noch gehen – und da gibt es neue Lektüre zu Grundsatzfragen auf dem Markt, das könnte interessant sein.

Eine Systemfrage ist gewissermaßen auch die der Gentrification, der Veränderung unserer Städte und der Verschiebung von Bevölkerungsgruppen in Stadtteilen. Auch beim Thema der städtischen Entwicklung gibt es überraschende Meldungen, so hat etwa das allseits bekannte Hamburger Edelviertel Blankenese eine Quartiermanagerin bekommen – wie sonst nur die Problemviertel der Stadt. Was passiert da?  Wir lernen aus dem Artikel nebenbei den Begriff “urban burbs”, womöglich kommt der hier noch öfter vor. Aber ob die Stadt nun mehr Dorf braucht oder das Dorf mehr Stadt oder was – die Lage scheint einigermaßen unklar.

Unter uns verwirrten Büromenschen gibt es bei unklaren Lagen immerhin ein altbewährtes Mittel, das beruhigt und klärt, wir schmiegen uns gerne einfach mal an einen Aktenordner. Und dann geht es wieder.

Und ein Kaffee, der hilft natürlich auch, immer und bei allem. Und der Kaffee der Wahl ist künftig nicht nur fair, nein, der wird superfair.

GLS Bank mit Sinn

So Kugeln

Ich sitze am Nachmittag an meinem Schreibtisch unterm Dach im Elternhaus der Herzdame und tippe, die Söhne kommen aufgeregt angelaufen und erzählen, dass an der Straße so seltsame Kugeln liegen, sehr viele davon sogar. In verschiedenen Farben! Sie möchten bitte Eimer haben, um sie aufzusammeln. So Kugeln? Was denn für Kugeln?

Das wissen sie nicht, so bunte Kugeln eben. Also gehe ich mit und sehe mir die Kugeln an: Mirabellen aus dem Garten nebenan. Die kennen die Stadtkinder nicht, es wurde wohl höchste Zeit, dass wir wieder aufs Land gefahren sind, ihre Kenntnisse müssen dringend ein wenig erweitert werden. “Ah, de Hamborger Lüüd” höre ich neben mir, als ich in den Baum hinaufsehe, das höre ich hier immer, wenn ich mit der Herzdame und den Söhnen die Dorfstraße entlang gehe. “De Hamborger Lüüd”, man mag sich gar nicht vorstellen, dass wir hier die Stadt repräsentieren, am Ende müssen wir uns deswegen noch anständig benehmen.

Zwei ältere Damen stehen da unterm Mirabellenbaum und versuchen, ein paar Früchte zu ernten. Das klappt aber nicht so gut, denn die beiden Damen sind recht klein. Sie ziehen energisch an den Ästen, schütteln sie und machen lange Arme, das Ergebnis ihrer Bemühungen ist dennoch überschaubar. Wir werden sofort rekrutiert, wir werden auf der Stelle Mirabellenerntehelfer, die Jungs sind begeistert.

Mirabellenernte

Die Damen holen eine kleine Leiter, die Söhne holen Eimer und hängen kurz darauf im Baum und pflücken und pflücken. Die beiden Damen wirken etwas marypoppinshaft, wie sie da so unterm Baum stehen, nach oben äugen und komplett widersprüchliche Anweisungen geben. Mehr nach links, mehr nach rechts, das müsst ihr anders machen, nein, so wird das doch nichts, ihr müsst mehr hier rüber, mehr nach da hinten. Zwischendurch fällt einer der Damen ein, dass sie eher leicht und etwas provisorisch bekleidet ist und zudem noch riesige Lockenwickler im Haar hat, das mit der Mirabellenernte hat sich in diesem Jahr anscheinend eher spontan ergeben. Eigentlich wollten die beiden wohl nur ganz kurz nach dem Baum sehen. “Kann ich mich so überhaupt draußen sehen lassen?” fragt sie die andere Dame, rafft ihren Morgenmantel zusammen und fasst sich besorgt ins aufgewickelte Haar.

Die andere antwortet nach kurzem Blick auf Kleidung und Frisur: “Von deinem Anblick geht eh keiner mehr tot. Das ist völlig egal.”

Ich mag die Umgangsformen hier sehr. Es dauert nur ein paar Jahre, bis man sich daran gewöhnt.

Und jetzt…

Die Herzdame hat, wie hier berichtet, tausend Dinge im Kopf, die man in den Ferien endlich machen könnte, also muss man sie, wenn man Ruhe haben möchte, und das möchte ich einigermaßen dringend, irgendwie auf ein Abstellgleis befördern. Das geht am einfachsten, in dem wir in ihr Heimatdorf fahren. Denn die Erfahrung zeigt: Nordostwestfalen in Gruppensituationen unternehmen nichts, weil sie sich gemeinsam zu nichts entscheiden können. Dieses Volk hier ist sowohl willensstark als auch entscheidungsschwach, eine eigentümliche, faszinierende Mischung. Der Nordostwestfale als solcher kommuniziert auch nicht übermäßig gerne über seine felsenfesten Absichten, weswegen Gespräche zur Tagesplanung am frühen Morgen hier etwa so verlaufen:

Die Herzdame: “Und jetzt…”

Schwiegermutter: “Man könnte ja.”

Die Herzdame: “Oder aber.”

Schwiegermutter: “Jo.”

Wie man unschwer erkennt, folgt darauf keine direkte Aktion, nein, darauf folgt eher längeres Schweigen, in dessen Verlauf alle etwas unzufrieden werden, weil ja wieder niemand etwas entscheidet oder gar macht. Jeder trifft insgeheim gewisse Annahmen über die Vorhaben der anderen. Einen Austausch lehnt man aber eher ab, man könnte dabei immerhin in Gefahr geraten, den eigenen Plan ändern zu müssen. Jeder schweigt gegen die mutmaßlich abwegigen Ideen der anderen an. Man kann sich ganz gut entspannen dabei. Stunden und Stunden vergehen, es passiert rein gar nichts. Im Grunde stellt man sich Ferien genau so vor, ich habe mich damit arrangiert. Ich kann das sogar mitspielen, man lernt ja in Beziehungen auch immer etwas. “Und jetzt?” “Jo.”

Heute morgen wäre die Familie fast zum Einkaufen gefahren, das war wirklich knapp, aber gerade noch rechtzeitig fiel jemandem ein, dass niemand weiß, was man einkaufen soll. Und da niemand Lust hatte, dazu etwas zu sagen, blieben alle sitzen und da sitzen sie immer noch. Es ist heiß im Garten, man sitzt im Schatten, das kann so bleiben.

Ich fühle mich wieder in meiner Grundannahme bestärkt, dass die Gegend hier damals nur besiedelt wurde, weil irgendein versprengter Trupp der Westfalen bei der Völkerwanderung eines Morgens aufwachte und sich dann einfach nicht entscheiden konnte, in welche Richtung man denn mal weiterziehen könnte. Sie standen da so herum und niemand machte den ersten Schritt. Und sie standen und standen. Nach ein paar Wochen wüsten Schmollens ob der Unentschlossenheit der jeweils anderen dachte der erste Westfale, ach, wenn ich hier schon so herumlungere, rode ich doch schnell ein wenig Wald und baue mir ein Haus. Was man eben so macht, wenn man sich als Germane langweilt. Die anderen kamen dann nach und nach auf ähnliche Gedanken. Irgendwann sah das Ganze aus wie ein Dorf. Und auf diesen Grundstücken, in diesen Dörfern rings um den ehemaligen Rastplatz unweit der Weser leben die Familien noch heute. Die Weltgeschichte wogte jahrhundertelang hin und her, Grenzen wurden verschoben, Regierungen kamen und gingen, der Nordostwestfale blieb.  Ab und zu stehen die Nachfahren der ersten Siedler am Ackerrand und sehen mal in die eine, dann in die andere Richtung. Dann schütteln sie wieder den Kopf und machen Abendessen.

“Was essen wir denn heute?”

“Jo.”

Ich glaube, wir bleiben noch ein paar Tage.

Landstraße

Der Krieg, das Wir und das Kind

St. Nikolai

“Was wollt ihr denn Schönes machen?” habe ich die Kinder gefragt und Sohn II wollte die Kirche Sankt Nikolai besuchen und aus der Nähe ansehen. Die Kirche, die keine mehr ist, die Hamburger Gedächtniskirche. Zerstört im Zweiten Weltkrieg, nicht wieder aufgebaut, mühsam in Ruinen erhalten, ein Denkmal. Die hatte er schon ein paar Mal aus der U-Bahn gesehen, die ließ ihm keine Ruhe.

Sohn II wird bald 5, nach meinen Erfahrungen ist es nicht unüblich, dass Kinder etwa in dem Alter nach dem Krieg fragen. Nach dem Krieg an sich, nach dem letzten Krieg in Deutschland, nach dem Krieg, den sie gerade im Radio, im Fernsehen, im Internet zufällig mitbekommen haben, in Israel, in der Ukraine, in Syrien. Warum? Und wie genau? Sterben die in echt? Alle? Auch die Kinder? Was ist mit den Kindern, wenn die Eltern sterben? Wann ist hier wieder Krieg? Hast du Krieg erlebt?

Vielleicht liegt es an den Reaktionen der Erwachsenen, vielleicht liegt es an der Art, wie die Kinder das Wort erwähnt hören, es ist jedem Kind klar, dass Krieg ein Monsterwort ist, ein Begriff für das Grauen schlechthin. Nicht irgendein Wort, nicht irgendein Umstand. Was sie nicht wissen, ist die Art, in der das Wort einen Bezug zu ihnen haben könnte. Das Grauen ist in der Welt, aber wie weit ist es weg in Raum und Zeit? Beruhigend weit weg?

Viele Eltern scheinen das herstellen zu wollen, dieses Gefühl, dass die Welt immer nur am anderen Ende untergeht. In der Annahme, die Kinder seien nicht alt genug für die Erkenntnis der Wahrheit. Ich gehe davon aus, dass ein Kind, das fragt, eine ehrliche Antwort verdient hat. Es gibt Elend in der Welt, es gibt Krankheit, Armut, Krieg, nichts davon ist wirklich weit weg. Die Armen liegen nachts im ganz wörtlichen Sinne vor unserer Haustür, das wissen die Jungs, das sehen sie. Die Kranken sind neben uns, die Opfer des Krieges im Stadtteil. Vielleicht ist die Dame, die gerade neben uns Obst kauft und seltsam entstellt ist, aus Syrien. Ich leugne so etwas nicht, ich wüsste auch keinen geeigneten Zeitpunkt, zu dem man den Vorhang dann doch noch heben sollte. In zwei Jahren, in drei Jahren, wann denn? “Und übrigens, mein Kind, ist die Welt ganz anders, gar nicht so toll…”

Nein, das geht doch nicht. Ich beginne gleich mit der Wahrheit, ich reduziere nur so kindgerecht wie ich kann. Man kann sagen, dass es hier Krieg gab, dass es jetzt anderswo Krieg gibt, man sollte aber ganz sicher bei Fünfjährigen nicht gerade mit den grauenvollsten Aspekten und Details beginnen.

Übrigens verstehen Kinder Krieg, den Vorgang können sie nachvollziehen. Kinder sind keine Friedensengel, sie sind oft genug selber Krieger und sie können sich ganz gut ausmalen, was passiert, wenn man genug funktionierende Waffen zur Verfügung hat und wütend ist, sehr, sehr wütend – und wenn dann keine Erzieherin rettend eingreift und energisch erklärt, dass es jetzt aber mal gut ist.

Die Gedächtniskirche ist jedenfalls so etwas von kaputt, die Kirche ist gar nicht mehr da. Da stehen Reste von Außenmauern, zumindest teilweise, da steht der Turm, der ist gerade komplett eingerüstet. “Wird er wieder aufgebaut?” Nein, er wird nur erhalten, das ist wohl gar nicht so einfach. “Starben hier Menschen bei dem Angriff?” Das beantwortet er sich dann murmelnd selber, denn wenn etwas so Großes wie die Kirche zerschossen wird und zusammenfällt – natürlich.

“Die Bomben wurden aus Ninjaflugzeugen geworfen. Nachts. Sehr viele. Die Menschen sind in so Bunker gerannt.” So erklärt Sohn I das seinem kleinen Bruder, während er über die Ruinen klettert, die er übrigens schön findet. Er redet noch weiter und mir wird beim Zuhören klar, dass sie in der Kita oder in der Vorschule schon Wissen gesammelt haben. Die Kinder haben zusammengetragen, was sie über den Krieg wissen, was sie im Fernsehen gesehen haben, was die Eltern erzählt haben, die Großeltern, sie haben das diskutiert und sich ein Bild gemacht. So etwas wird dann den Eltern nicht erzählt, das merkt man nur zufällig.

“Das sieht gut aus, so wie das hier noch steht.” Sohn I sieht sich um und zeigt auf die Trümmer. Ich zeige nach oben, wo man den Himmel sieht und erkläre, dass da das Kirchendach war. Ich zeige ihnen die Bilder auf den Schautafeln, die zeigen, wie das hier einmal ausgesehen hat. Sohn II sieht zum Turm hinauf und lässt sich die Inschriften auf den Denkmälern in allen Sprachen vorlesen, Gebet für den Frieden, Prayer for peace und so weiter. “Hier ist viel mit Gebet und so”, erklärt Sohn I, “aber nicht, weil es eine Kirche ist. Sondern weil es eine war.” Dann prüft er, wie gut man in den Ruinen klettern kann. Gegenüber wird gebaut, es sieht ein wenig so aus, als würde man heute noch Trümmer wegräumen.

Hopfenmarkt

Die Glocke im Turm schlägt und beide Kinder sind überrascht, mit einer Glocke haben sie nicht gerechnet, schon gar nicht mit einer,die so auffallend schön klingt. Das freut sie, denn von dem etwas unheimlichen Gedenkding einmal abgesehen, hat dieser Kirchturm also noch einen erfreulichen Sinn, das finden sie toll.

“Wer hat den Krieg gewonnen?” fragt Sohn II, “wir?”
Und das ist dann der Zeitpunkt, an dem man mal eben einen Abriss der deutschen Geschichte im Zwanzigsten Jahrhundert herunterleiern müsste, was man natürlich nicht kann, zumindest nicht ad usum delphini. Man ist nie genug vorbereitet, um den Fragen von Fünfjährigen standzuhalten, das kann man vergessen, Aber was man doch sagen kann, weil es nun einmal die Wahrheit ist, an der es nichts zu rütteln gibt, und weil alles andere eine Lüge wäre: dass wir nicht gewonnen haben. Dass die anderen gewonnen haben und dass das auch noch gut so war. Weil das, was die Deutschen damals gemacht haben, nicht gut war, das waren nicht die edlen Ritter, im Gegenteil. Das ist für ein Kind überraschend und schwer zu verstehen, aber das Wir, das große, glückliche Wir, das vor ein paar Tagen gerade noch freudestrahlend Fußballweltmeister geworden ist, dieses Wir hat eben eine lange Geschichte und besteht aus Menschen, die mal schuldig waren und mal nicht. Das Wir besteht aus ganz normalen Menschen, zu allem fähig. Das Wir steht nicht unbedingt immer für die Krone der Schöpfung. Es wäre schön, wenn “wir” auch in der Vergangenheit alles so heiter und sportlich erreicht hätten, wie diesen WM-Titel da, aber so ist es nun einmal nicht. Das ist nicht einfach und auch überraschend, aber der Sohn denkt nach und man soll das Nachdenken der Fünfjährigen niemals unterschätzen. Das mit dem “ mal Schuld haben und mal nicht”, das findet er dann auch vollkommen einleuchtend, das kennt er nämlich ganz gut. Und irgendwo muss Verständnis eben anfangen.

“Gibt es hier wieder Krieg? Wann? Kann den immer irgendwer anfangen?”

Das ist die naheliegende Frage, die sich ihm aufdrängt und ich erkläre ihm, dass es im Moment nicht so aussieht und wir großes Glück mit diesem Land und dieser Zeit haben. Dass es aber andere Kriege gibt. Jetzt gerade, er weiß es ohnehin, was soll ich da verschweigen oder vertuschen. Ich erkläre auch, dass es auf jeden ankommt, dass es immer auch eine Entscheidung der Einzelnen ist, ob etwas zum Krieg führt. Das ist ihm klar, da muss ich gar nicht weiter reden. “Man muss in der Mannschaft der lieben Menschen sein” sagt er und nickt, das kennt er nämlich auch aus dem Kindergarten, “das ist wichtig. Wenn nur genug in der Mannschaft der lieben Menschen sind, dann gibt es auch keinen Krieg.” Und das ist prinzipiell natürlich nicht falsch. Man könnte es ebenso gut bibliotheksfüllend ausformulieren, aber egal, es passt schon. Dann will er ein Eis und sieht sich um,ob in den Trümmern nicht vielleicht ein Kiosk zu finden ist. Kinder neigen nicht zum Pathos und sind oft nur sekundenlang von etwas beeindruckt.

Friedensforschung für Anfänger, so kann man also auch einen Ferientag verbringen.

Woanders – der Wirtschaftsteil

Man wirft dieser Kolumne ganz gerne mal vor, in irgendeiner Richtung tendenziös zu sein. Entweder zu sehr gegen die böse Industrie oder zu sehr dafür, zu lieb zu Greenpeace oder zu Fairtrade, richtig macht man es offenkundig nie. Da machen wir uns doch gleich weiter unbeliebt und verlinken auf zwei Artikel zu dem bösen Aluminium im bösen Deo, Sie wissen schon. Eventuell, wer weiß, ist das Aluminium nämlich doch gar nicht so böse. Sehen Sie mal hier und hier. Verwirrend, was? Heute so, morgen so. Das können wir noch steigern, Bio-Lebensmittel etwa sind jetzt doch plötzlich wieder gesünder als andere, neulich wurde es noch ganz anders verbreitet, das ist gar nicht lange her.

Es bleibt kompliziert, der erste Gedanke ist nicht immer der richtige, die erste Meldung natürlich auch nicht. Oder sagen wir so: Der erste Gedanke sollte nicht der einzige Gedanke bleiben. Denkt man z.B an ausgebeutete Textilarbeiterinnen, dann denkt man unweigerlich an Bangladesch, nicht wahr. Man kann aber auch an ein beliebtes Urlaubsland denken, es liegt fast um die Ecke, der Reiseprospekt dazu liegt evtl. im Wohnzimmer.

Aber wir würden ja so produzierte Kleidung eh nicht kaufen, wir stehen nämlich auf bio. Das kann man auch hier in der Zeit nachlesen, wobei man allerdings den letzten Absatz nicht auslassen sollte. Noch mehr zu diesen paar Sätzen dann in der FAZ.

Wir kaufen bio oder fair, fair ist natürlich auch super – das sieht man nach diesem Film auf Arte vielleicht noch differenzierter. Der Film ist lang, der ist aber auch sehr interessant. Jedenfalls schmeißen wir hier aber gerne und viel weg, um noch einmal die Zeit zu verlinken. Trost finden wir in dem Artikel nur bei dem Hinweis, dass die Dänen noch mehr wegschmeißen als wir, es ist doch immer gut, nicht der Erzschurke zu sein. Apropos Dänen: die bauen wiederum interessantere Radwege als wir. Wenn man sich vorstellt, über diese Brücke zu radeln – und wenn man sich vorstellt, eine Tageszeit zu erwischen, zu der man vielleicht alleine unterwegs ist? Das muss eine gespenstische, bewegende Erfahrung sein.

Bewegen lassen sich andere auch in Kirchen, das passt normalerweise nicht hierher. Es sei denn, dass Gebäude ist konzeptionell einigermaßen ungewöhnlich und wird per Crowdfunding finanziert, dann passt das auch.

Ungewöhnliche Gebäude stehen nach der WM auch in Brasilien sowohl herum als auch leer. Aber auch dafür kann man Ideen entwickeln.

Was noch? Wir lesen kurz nach, was Roger Willemsen zu unserem parlamentarischen System zu sagen hat, es ist ein klein wenig ernüchternd. Jedenfalls wenn man noch irgendwelche Illusionen im Kopf hatte. Und wer ernüchtert ist, der braucht neue Hoffnung, weswegen wir ausnahmsweise auch mal wieder zu einer amerikanischen Quelle linken, die machen das ja immer ganz gut, mit den frohgestimmten Vibrations. Alles wird gut mit dem Food! Fast schamhaft legen wir da dann doch noch einen deutschen Miesepeterlink an, es tut uns auch irgendwie leid.

GLS Bank mit Sinn

Kurz und klein

Guten Morgen

Ich habe irgendwann einmal geschrieben, dass Eltern in der Regel 90% der verfügbaren Tageskraft bereits verbraucht haben, noch bevor die Kinder in der Kita oder in der Schule sind. Das haben viele für einen Spitzenwitz gehalten, und nur Betroffene haben verstanden, dass dieser Satz gar kein Witz war, sondern nichts als die reine Wahrheit.

Das merkt man sehr deutlich in den Ferien, wenn man morgens nirgendwo hin muss, oder wenn doch, dann eben irgendwann, who cares. Es ist ein so dermaßen auffällig anderes Leben, wenn man morgens nicht wie ein Drill-Sergeant hinter dem Nachwuchs herlaufen muss, dozierend, brüllend, streng guckend, ermahnend, belehrend, antreibend, drohend, finster blickend, stöhnend und das endgültige Ende aller Lustigkeit auf Erden vorhersagend. Wenn man also nicht stundenlang so sein muss, wie man ganz bestimmt nie werden wollte. Wenn man nicht gezwungen ist, permanent Sätze von sich zu geben, bei denen der innere Fünfjärhige entgeistert “WAS WAR DAS GERADE?!” fragt. Es ist wirklich phantastisch, wenn man nicht so sein muss und wenn man auch keine Stunden damit zubringen muss, über großartige pädagogische Konzepte nachzudenken, die einen endlich aus dieser Falle führen könnten, in der man unweigerlich jeden Morgen wieder landet.

Jeder schlurft hier in den Ferien irgendwann aus seinem Bett irgendwohin. Die Herzdame ins Bad, Sohn I ans Comicregal, Sohn II ins leere Elternbett, ich an den Computer. Niemand spricht, niemand beeilt sich mit irgendwas, es ist eine friedliche Zeit. Irgendwann entwickelt irgendwer eine vage Idee vom Frühstück und mangels Zeitdruck beginnt eine betont lässige familiäre Meinungsbildung. Ein Konsens wird gebildet oder auch nicht, das macht auch nichts. Wenn Sohn II nur drei Blaubeeren auf Brötchen frühstücken möchte, warum nicht, das ist mir völlig wurscht, wie man neuerdings sagt. Das wäre mir von der Menge und der Qualität her an normalen Werktagen natürlich auch völlig wurscht, bloß kein Stress beim Essen, versteht sich, ich könnte aber normalerweise nicht ignorieren, dass er eine halbe Stunde braucht, um die Beeren ansprechend anzuordnen, der kleine Wahnsinnige. Jetzt kann er das Arrangement meinetwegen bis zum Mittagessen optimieren, das macht nichts.

Und wenn der Tag so entspannt beginnt, dann merkt man gegen zehn, elf Uhr, dass man einfach irgendwas machen kann, ohne fortwährend Visionen von der abendlichen Bettruhe zu haben. Ohne ständig wiederkehrende Tagträume von diesem phantastischen, erlösenden Moment, in dem man im Elternschlafzimmer das Licht ausmacht und für ein paar Stunden Ruhe hat, echte Ruhe. Ich sitze an normalen Werktagen manchmal am Vormittag schwerst genervt vom Tagesstart im Büro und kann in Gedanken meine Hand auf dem Schalter der Lampe an meinem Bett geradezu spüren, ich fühle schon dieses sachte und erlösende Klicken, mit dem es endlich wieder dunkel und friedlich und ruhig wird. Ja, so groß kann die Sehnsucht der Eltern nach dem Feierabend sein.

Das entfällt alles in den Ferien, dafür muss man sehr dankbar sein. In den Ferien kann man am Vormittag an ganz andere Dinge denken. Also zum Beispiel an den Mittagsschlaf. Es ist zu und zu schön.

Frühstück

Woanders – diesmal mit Hamburg, Giardino, Amazon und anderem

Hamburg: Die Stadt hat ein weiteres Online-Magazin, den Elb-Salon. Von so etwas kann es gar nicht genug geben. In einer Stadt, die man nur noch als Zeitungsbrachland bezeichnen kann, muss etwas anderes wachsen. In diesem Zusammenhang immer wieder auch der Hinweis auf HH-Mittendrin, wo sich die Redaktion weiterhin über Förderer freut. Und auch nicht zu vergessen: die Elbmelancholie.

Blogosphäre: Der Herr Giardino, der schon seit dem Pleistozän in meiner Blogroll steht, ist umgezogen und wohnt online jetzt hier.

Feuilleton: Es ist nicht schwer, etwas gegen Amazon zu haben, aber dieses Argument hier kannte ich noch gar nicht. Nicht zu fassen.

Feuilleton: Die Zeit über das Code-Switching. Und bloß nicht die Kommentare lesen.

 

WM-Ende

Die Weltmeisterschaft wird an diesem Wochenende finalisiert. Und obwohl ich mich überhaupt nicht für Fußball interessiere, sehe ich das Ende doch mit leichtem Bedauern auf mich zukommen. Denn das Leben wird schwerer werden, so ohne WM. Es wird härter und anstrengender, gar keine Frage. Das liegt aber nicht daran, dass wir keine Spiele mehr sehen können, oh nein. Im Grunde haben die Söhne kein einziges Spiel wirklich durchgehend gesehen, so interessant sind die langen Phasen ohne Tore dann doch nicht, wenn man erst 4 oder 6 Jahre alt ist. Beim tatsächlich spannenden Elfmeterschießen haben sie schon friedlich geschlummert. Nein, ich bedauere das Ende der WM nur wegen der Sammelkarten mit den Spielern drauf. Denn nach der WM machen die natürlich keinen Sinn mehr. Die Alben werden, ob vollständig oder nicht, in wenigen Tagen in Vergessenheit geraten. Ist es heute noch die wichtigste Frage der Welt, ob man den brasilianischen Torwart eingeklebt hat oder nicht, ist das morgen schon völlig egal. Aus Kindersicht ist die WM dann schon damals.

Da hat es also gar keinen Sinn mehr, bereits beim Frühstück gutes Benehmen einzufordern und nebenbei mit dem baldigen Entzug des Kartennachschubs zu drohen. Es bringt auch nichts mehr, besondere Leistungen mit drei Karten extra zu belohnen. Die ganze Einfachheit im Alltag ist dahin. Das einfachste Rezept von allen, es wird ungültig. Man muss stattdessen wieder über echte pädagogische Konzepte nachdenken. Das wird anstrengend, wie man sich vorstellen kann. Wenn Sie also in den nächsten Tagen genervte Eltern sehen, die mit ihren renitenten Kindern ganz offenichtlich überhaupt nicht zurechtkommen, seien Sie bitte nachsichtig. Es handelt sich nicht unbedingt um völlig zerrüttete Familien.

Es sind vermutlich nur Eltern und Kinder, die dringend nach einer neuen Währung suchen.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)