Einschlafschwierigkeiten

Sohn II hat Einschlafschwierigkeiten. Obwohl er jeden Tag in die Vorschule geht, also früh raus und auch entsprechend früh ins Bett muss, da ist nichts zu machen. Er liegt abends lange hellwach im dunklen Zimmer, er redet mich sich selbst, er turnt im Bett herum, er geistert durch die Wohnung. Es ist einfach nicht seine Tageszeit, um friedlich wegzudämmern. “Weißt du Papa”, sagte er mir neulich, als ich wieder einmal an seiner Bettkante saß und wartete, dass er endlich einschlief, “weißt du Papa, richtig gut einschlafen kann ich eigentlich nur im Morgenkreis.”

Ich habe gefragt, was sie im Morgenkreis machen, ich bin ja nie dabei. Jetzt weiß ich, sie sitzen da alle zusammen, und es ist erwünscht, dass jeder etwas sagt. Zwar ist nicht jedem klar, worum es eigentlich geht, es gibt wohl auch gar nicht immer ein klares Thema, aber Beteiligung soll schon sein. Einige reden irgendwas, einige albern herum und einige, wie mein Sohn, schlafen eben ein, weil es manchmal so langweilig ist. Ich habe gefragt, ob das denn nicht schlimm sei, da einzuschlafen? Was die Erzieherinnen dazu sagen? Das sei schon okay, sagte der Sohn, das komme eben vor. Das Ganze sei auch nicht so irre wichtig, sondern eben nur der Morgenkreis. Und am nächsten Tag sei ja wieder einer.

Ich bin jetzt von Neid zerfressen. Das muss man sich einmal vorstellen: man geht in ein vollkommen sinnloses Meeting, das werden die meisten ja gut kennen, jedenfalls sofern sie irgendeinen Beruf haben. Alle sitzen im Kreis und reden irgendwas, wie das in Meetings so ist. Die Minuten werden länger und immer länger, sie dehnen sich schier unendlich – wenn man sich da bei mangelndem Interesse einfach zurücklehnen, gähnen und einschlafen könnte – und es würde der Karriere garantiert nicht schaden! Dieses Kind lebt doch den Traum!

Und wie bei den meisten privilegierten Menschen gilt übrigens auch bei ihm: er hat nicht die leiseste Ahnung, wie gut er es hat.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten)

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Ein kleiner Nachtrag zur letzten Woche, da ging es hier um Ungleichheit, unter anderem um ökonomische Ungleichheit. Und da fiel auch das Wort Vermögenssteuer. Es gibt jetzt einen neuen Text mit einer Idee dazu, die etwas anders als die üblichen Vorschläge ausfällt. Aber die vielleicht auch ganz plausibel ist. Der Herr Hulverscheidt von der SZ schlägt nämlich vor, nicht mehr Einkommen, sondern nur noch Vermögen zu besteuern.

Allerdings wäre das eine ziemliche Innovation, die Steuern so umzustellen, und das hatten wir ja auch in der letzten Woche: Innovationen sind gar nicht so willkommen, vieles geht gerade vielen zu schnell. Der Spiegel erinnert an eine erzwungene und überhaupt nicht willkommene Innovation, nämlich die Umstellung bei den Glühbirnen. Hat sich das nun gelohnt? Mit höchst interessantem letzten Absatz.

Dann beschäftigen wir uns gleich noch ein wenig weiter mit der Innovation und der Neuerung, wenn wir schon dabei sind. Helsinki gibt es jetzt in transparent, mit ganz offener Datenlage, und der Artikel dazu in der brandeins wurde in der letzten Woche in den sozialen Netzwerken so oft geteilt, fast könnte man annehmen, es gäbe hier auch Bedarf an solcher Offenheit. Damit rechnet man auch nicht gerade, dass Lokalpolitik irgendwie hip wird. Es geht dabei sozusagen um regionale Daten, da haben wir wieder eines der üblichen Stichworte dieser Kolumne. Und noch ein anderes Stichwort können wir mit Innovationsthemen und Digitalisierung in Verbindung bringen, denn in der SZ geht es hier um eine Bio-Bewegung fürs Netz. Im Text gibt es sogar einen Bezug zum bewussten Konsum! Und dahinter passt dann natürlich ganz gut ein Update zum Fairphone.

Noch einmal zu SPON; da gibt es einen Text über eine Wohnung, in der die Bewohner vor Modernisierung nicht zurückschrecken, im Gegenteil. Man kann hier nachlesen, wie eine Wohnung wird, die man komplett vernetzt. Vielleicht ist der entscheidende Satz zu dem Technikspielzeug aber doch: “Wenn wir es nicht hätten, wäre es auch nicht schlimm.” Es geht euphorischer, hm?

Und in der FAZ gibt es einen schönen Rant gegen die Disruption, bzw. gegen den vollkommen überstrapazierten Begriff. Da werden sicher ein paar ihre eigene Firma wiederfinden.

Nach diesem Artikel lassen wir das Wort Disruption im Folgenden natürlich lieber weg, es geht aber dennoch auch im nächsten Artikel um eine grundlegende Innovation. Allerdings um eine, die gar nicht einfach zu erklären ist: “Blockchain”. Ein Wort, dass wir auch für den gepflegten Smalltalk lernen müssen. Der Artikel ist gar nicht mal so kurz und gibt sich leider große Mühe, den Erfinder der Technik als Freak darzustellen, bei den üblichen Anzugträgern würde man nicht so auf der Erscheinung herumreiten. Es ist jedenfalls ein interessanter Vorgang, um den es da geht – und wer weiß, was dadurch im Finanzbereich noch alles in Bewegung gerät. Und auch im Versicherungsbereich gibt es übrigens neue Ideen, warum soll man so etwas nicht ab und zu neu erfinden?

Für den Freundeskreis Fahrrad haben wir im Schlusslink eine Meldung, in der Räder gar nicht vorkommen, aber es geht doch wieder um eine Stadt, die anfängt, Autos rauszuwerfen und sich aus Umweltgründen massiv zu wandeln. Und es ist eine Stadt, die wir in diesem Zusammenhang noch nicht hatten, die Sammlung wird allmählich immer europäischer: Madrid.

GLS Bank mit Sinn

Danke!

(Text von Jojo, acht Jahre alt)

Vielen Dank an Ursula S. für das große Legogeschenk für meinen Bruder und mich. Ich finde es super,  von Superheroes hatten wir auch bisher nicht so viel. Es ist überhaupt sehr toll, dass wir Geschenke von Leserinnen oder Lesern bekommen!

Und fast jeder, der mich kennt, hat mir übrigens zu dem Blogger-Newcomer-Titel neulich gratuliert, persönlich oder online oder am Telefon, das hat mich auch gefreut, vielen Dank!

 

Terminhinweis

Am 29. März, das ist ein Dienstag, findet im Hamburger Hafenklang eine “Electric Night” des Verlags edel & electric statt. Dort stellen diverse BloggerInnen jeweils zehn Minuten lang ihre Lieblingsbücher vor, das nennt sich Blogger Book Pitch. Es treten auf: Isabel Bogdan, Kathrin Weßling, Mara Giese, Sophie Weigand, Miriam Semrau, Karla Paul, Stevan Paul (die beiden haben den gleichen Nachnamen, ist mir noch nie aufgefallen, guck an) Dirk Bathen, Nico Lumma und auch ich. Laut Verlag wird es laut und wild, laut Kathrin Weßling werden wir alle toll aussehen.

Was soll ich sagen, in Wahrheit ist es kompliziert. Ich bin als geborener Hanseat weder laut noch wild, ich sehe schon gar nicht toll aus. Ein Lieblingsbuch habe ich natürlich auch nicht, wer hat das schon, das ist ja eine ganz seltsame Vorstellung – ich will eigentlich nur neben Isa sitzen, wie immer. Na, aber das wird schon! Wer immer strebend sich bemüht, der kann auch etwas lesen.

Vielleicht sehen wir uns? Es wird sicher sehr unterhaltsam, ich lasse dafür sogar meinen Tanzkurs ausfallen, das muss also etwas werden. Der Abend kostet überschaubare 5 Euro Eintritt. 

Woanders – Die vierundzwanzigste Sonderausgabe Flucht und Fremdenfeindlichkeit

Österreich: Die Zeit über eine ganz einfache Wahrheit, die erstaunlich viele Menschen problemlos ausblenden können – “Wer Obergrenze sagt, der muss auch Tränengas sagen.” Wir können beim Thema Obergrenze auch kurz an Anne Frank denken, das passt schon. Ich hatte übrigens einmal die Ehre, mit einer Frau zu reden, die genau wie Anne – und sogar zur gleichen Zeit und in der gleichen Stadt wie Anne – die Besatzungszeit in einem Versteck auf einem Dachboden zugebracht hat.  Solche Gespräche beeinflussen die Einstellung zum Thema Flucht und Asyl und Migrationsmöglichkeit erheblich. Die Dame lebt schon länger nicht mehr, vielleicht würde sie, wie etwa Fritz Stern, die Zeitläufte mittlerweile doch etwas bitter bilanzieren.

Deutschland: Noch in diesem Zusammenhang  “Wir haben uns entschlossen, Grenzen zu schützen und nicht Menschen.” Und hier noch ein paar Bilder von ungenutzten Grenzstationen in Europa. Wer weiß, wie die bald aussehen.

Spanien/Marokko: Noch einmal die Zeit über das “Grenzmanagement” vor Melilla. Da hat man ein anschauliches Beispiel für eine Obergrenze.

Deutschland: “Erst über Jahrzehnte eine Ellenbogengesellschaft heranziehen und sich dann wundern, wenn größere Teile der Bevölkerung sich genau so verhalten.” Da ist etwas dran.

Niger: Ein Artikel über Migranten als Ware und über die Situation an der Grenze zwischen Schwarzafrika und Nordafrika.

Europa:  “Manchmal habe ich das Gefühl, dass in Europa gerade ein schlechter Zweiter-Weltkriegs-Film gedreht wird.” Ein Interview mit einer Philosophin. Man beachte auch die Anmerkungen zu Ungarn.

Deutschland: Im Sprachlog kann man die Laudatio zum Anglizismus des Jahres nachlesen: “Refugeees welcome”.

Deutschland: Höchst erstaunliche Vorgänge um “Passersatzbeschaffungsmaßnahmen”. Es gibt immer noch Abgründe des Themas Migration, auf die man so leicht gar nicht kommt.

Deutschland: Und manche Nachrichten sind auf den ersten Blick so absurd, dass man dreimal nachsieht, ob sie nicht vom Postillon kommen: Spätaussiedlerkinder sollen keinen Kontakt mit Flüchtlingskindern haben.

Deutschland: Patrick Gensing über den Populismus als Perpetuum Mobile.

Europa: Eine absolut grauenvolle Meldung – der Guardian über in Europa verschwundene Kinder auf der Flucht.

Onesie-Warnung

Beetlebum hat hier einen Beitrag über Onesies, dazu möchte ich gerne etwas ergänzen, bzw. bestätigen. Falls jemand fragend auf das Wort sieht, hier die Wikipedia mit Erläuterungen: Onesie. Irritierenderweise steht da “for adults”, was wieder beweist, dass die Wikipedia ein Abgrund an Desinformation ist. Schlimm! Denn Onesies sind nicht, ich wiederhole: nicht! für Erwachsene. Also zumindest nicht für mich, und ich nehme stark an, auch nicht für Sie oder irgendwen, der älter als, na, etwa zehn Jahre ist. Ich erkläre mal, warum das so ist. Man muss es aus Elternsicht angehen.

Denn als Elternteil weiß man mittlerweile sicherlich: Onesies, gerade die in der ausdrücklichen Schlafanzugversion, sind an Kindern total niedlich. Oberniedlich, quietschniedlich, man möchte Kinder, die Onesies tragen, dauernd und dringend herzen und bekuscheln, man möchte sie permanent an sich drücken, und wenn man ehrlich mit sich ist, was man als aufrechter Blogger selbstverständlich immer sein sollte, kann man dabei tief in sich ein wenig Neid spüren. Neid auf diese unerreichbare Hyperkuscheligkeit, Neid auf diese sensationelle Gemütlichkeit, die man dem Kind und seinem Dress auf zehn Meter Entfernung ansieht. Neid auf diese flauschige Geborgenheit, aus der man als Erwachsener irgendwann so gründlich und unumkehrbar gefallen ist. Ein Kind im Onesie sieht nach glücklicher Kindheit und Geborgenheit und hyggeliger Sorglosigkeit aus, mehr Accessoires oder Deko braucht es gar nicht. Und weil Onesies so wahnsinnig gemütlich sind, tragen Kinder sie natürlich gerne ganztägig und überhaupt immer, am besten wochenlang. Warum soll man etwas ausziehen, was sich ideal anfühlt? Das Kind kann mit dem Onesie ins Bett gehen und braucht nicht einmal eine Decke, es hat an sich und in seinem Kleidungsstück Wärme genug, es braucht eigentlich nicht einmal ein Bett, es rollt sich einfach nur etwas ein, wo immer es gerade liegt, wie ein Tier im Wald, im Einklang mit sich und seiner Umgebung. Ein Onesie ist kein Fell, aber es ist schon ein verdammt guter Ersatz.

So verhält es sich also mit den Onesies für Kinder. Es gibt nun den einen oder anderen Erwachsenen, den das Betrachten des Nachwuchses in diesen Dingern in die Versuchung bringt, sich selbst auch so etwas zuzulegen. Da kann man ja mal drüber nachdenken, denn die Vorstellung, dass eine ganze Familie in so etwas einen ganzen Sonntag lang auf dem Sofa herumliegt – in der Kinderstube eines Maulwurfs kann es doch kaum puscheliger und samtiger zugehen. Die Herzdame hat also Onesies für uns bestellt und zum folgenden Absatz werden Menschen wieder etwas wie “Pics or it didn’t happen” kommentieren, aber nein, oh nein, es gibt keine Pics. Aus sehr, sehr guten Gründen. And it did happen anyway.

Wir haben die Onesies also anprobiert und uns vor den Spiegel gestellt, es war ein erstaunliches Erlebnis. Ich würde mich grundsätzlich ohnehin nicht für eine Schönheit halten, aber so schlecht habe ich vermutlich noch nie ausgesehen. Ein Onesie an einem Erwachsenen ist eine textile Abwertung, es ist die Auslöschung allen Stils, aller Grazie, aller Würde, aller Form. Ja, auch und gerade aller Form, denn die Dinger sitzen grotesk unförmig, es fällt einem an Kindern nur nicht so auf. Sie hängen, weil sie ja locker sitzen sollen, schlapp an einem herunter, es ist ein wenig so, als werfe man plötzlich ganzkörperig Riesenfalten. Man sieht auch nicht etwa wie ein Astronaut, ein Rennfahrer oder ein Monteur aus, man sieht, da gibt es überhaupt nichts zu diskutieren, gleich auf den ersten Blick einfach nur wie ein Depp aus. Und zwar in der Ausführung des Volldepps.  Nach dem ersten Blick in den Spiegel verschärft sich der Eindruck beim zweiten Blick noch, denn man bekommt einen Schreck ob seiner völlig unerwarteten Volldeppenhaftigkeit. Und weil der Mensch nun einmal nicht intelligent guckt, wenn er sich erschrickt, sieht man gleich noch dümmer aus, man erreicht ganz unerwartete Dimensionen des depperten Aussehens, und man muss hier auch unbedingt noch eine optische Täuschung erwähnen, die in diesem Zusammenhang wichtig ist. Es findet im Spiegel nämlich auch eine Verzwergung des Ichs statt, weil man in einem Onesie irgendwie nach einer Figur aus Kinderwelten aussieht, nicht mehr wie ein Mensch in den besten Jahren. Man schrumpft vor sich selbst zusammen. Wenn man sich dann ruckartig aufrichtet und den Rücken gerade macht, eine naheliegende und reflexhafte Reaktion, um zu retten, was zu retten ist, sieht man aus wie der siebte Zwerg in Disneys Schneewittchen, der höchst drollig einen Soldaten parodiert. Man kann vor dem Spiegel machen, was immer man will, eine Rettung gibt es nicht.

Da so ein locker sitzendes Onesie ausgerechnet an den Hüften die größten Falten wirft, wirkt es außerdem ein wenig so, als hätte einen jemand von oben in diesen Anzug gedrückt und man wäre früher einmal wesentlich größer gewesen. Man sieht nicht nur aus wie ein Depp, sondern auch noch wie ein zusammengestauchter Depp. Ein zusammengestauchter Volldepp also, wobei die Stauchung, das Spiegelbild ist da recht eindeutig, vermutlich durch kräftige Schläge auf den Kopf erfolgte, was der ohnehin schwachen Restintelligenz des Onesie-Trägers natürlich auch nicht gerade zuträglich gewesen ist, zumindest weiß man nicht, wie man diesen Gesichtsdruck da im Spiegel sonst plausibel erklären könnte. Man wendet sich irgendwann mit Grauen und zieht sich wieder um.

Die Herzdame hat ihren Onesie auch anprobiert, die Folgen waren ähnlich. Sie war, da sie deutlich jünger ist als ich, beim Vergleich ihrer Spiegelung allerdings eher bei den Teletubbies, die habe ich natürlich nie gesehen, das ist die Gnade der frühen Geburt. Wir danken jedenfalls unserem gesunden Menschenverstand, der uns beiden eingab, uns nicht länger als für den Bruchteil einer Sekunde gegenseitig zu betrachten, es ist kaum auszudenken, was dieses Bild, hätte es sich im Kopf festgesetzt, für fatale Folgen für die Beziehung gehabt hätte. Niemand ist gerne mit einem gestauchten Volldeppen verheiratet, der an den Hüften riesige Falten wirft und ob seines irren Blickes und seiner plüschigen Kleidung aussieht wie ein Stofftier auf Drogen. Nein, wir haben sie wirklich nicht lange angehabt. Wir haben sie sehr schnell wieder eingepackt und weggeschickt. Die Söhne, die diese Szene vor dem Spiegel beobachtet haben, werden irgendwann darüber wegkommen und nicht mehr hysterisch lachen, wenn sie daran zurückdenken. Das hoffen wir jedenfalls, im Moment ist das noch nicht abzusehen. Alle paar Stunden hören wir lautes Gewieher aus dem Kinderzimmer und wissen,  es ist ihnen doch wieder eingefallen.

Was ich aber eigentlich nur eben sagen wollte: Kaufen Sie das lieber nicht.

 

Gelesen, vorgelesen, gesehen, gehört im Januar

Gelesen

Weitergelesen in Alex Capus: “Léon und Louise”, das ist ein Roman, der im letzten Monat hier schon vorkam. Ich bin ganz hingerissen von dieser Geschichte, von dieser melancholischen bis bitteren Liebesgeschichte aus dem besetzten Paris im Zweiten Weltkrieg. Wirklich sehr geschmeidig erzählt, das perlt so vor sich hin, in Rezensionen findet man das Wort “leichthändig”, das passt auch. Ein äußerst angenehmer Erzählstil, eine geradezu beneidenswert gute Geschichte. Wobei es fast ein wenig schade ist, das Buch jetzt gelesen zu haben, es ist wohl die perfekte Urlaubslektüre für den Sommer. Liegenlassen wollte ich es nach den ersten Seiten aber doch nicht, bis zum Urlaub dauert es immerhin noch ein paar Monate, ich wollte jetzt schon wissen, wie es weitergeht, nachdem sich die beiden jungen Liebenden bei diesem Bombenangriff auf der Landstraße in der französischen Provinz verloren haben. So ein schönes Buch, echtjetzmal. Und es ist immer noch Capus übrig! Demnächst wieder frische Ware auf dem Nachttisch.

Karl Krolow: Ich höre mich sagen – Gedichte

Das kam hier auch schon einmal vor, ich habe das Buch jetzt beendet. Ein dann doch etwas schwieriger Lyrikband, wunderschön aber die letzte Strophe von “Was bleibt”, ich habe sie eventuell schon einmal zitiert, egal:

Ich lasse mir Zeit jetzt und lasse

den Tag mit den Tagen vergehen.

Von allem bleibt nichts. Und ich fasse

in Luft nur und nenn’ es Geschehen.

Für so eine Strophe kann sich ein Lyrikband eben auch lohnen. Selbst wenn man mit dem Rest nicht ganz so viel anfangen kann.  Was nichts macht, ich kann Gedichte, auch wenn sie mir wenig sagen, ganz hervorragend zum Einschlafen lesen. Es ist doch interessanter, über ein seltsames Wort in einem Vers nachzudenken, als etwa über das Mittagessen des nächsten Tages.

Ich habe in letzter Zeit übrigens bei gleich zwei höchst unterschiedlichen Dichtern der Gegenwart, bei Manfred Maurenbrecher und bei Farin Urlaub, gelesen bzw, gehört, dass sie auch deswegen gerne reimen, weil ein Reim sie vielleicht gedanklich in neue Gegenden trägt, in die sie sonst beim Denken überhaupt nicht gekommen wären.  Das geht mir gar nicht mehr aus dem Kopf, so ein interessanter Aspekt.

Ursel Allenstein & Ulrike Ostermeyer (Hrsg.): Eine Welt von Schnee

Eine Schnee-Anthologie, sehr schnell zu lesen, quasi auf ex wegzublättern. Nicht weil die Beiträge schlecht wären, nein, nur weil der Schnee doch nicht bleibt. Blieb! Mittlerweile sind draußen schon wieder 12 Grad und ergiebiger Regen, vorbei die Pracht und die Herrlichkeit der weißen Aufhübschung. Das Buch enthält interessante Beiträge, man findet doch glatt Autoren, von denen man dann wieder weitere Bücher auf den Wunschzettel setzt, etwa Stefan Moster, den habe ich anscheinend bisher verpasst. Demnächst auf diesem Sender. Außerdem einige skandinavische Namen, die mir bisher nichts sagten. Immer schlimm, wenn Anthologien Bestellorgien auslösen.

Peter Rühmkorf: wenn – aber dann – vorletzte Gedichte

Rühmkorf geht ja immer.

philosophie-Magazin

Gekauft, weil Hilal Szegin auf Facebook auf diese Ausgabe der Zeitschrift hinwies, wegen des Artikels mit den Antworten der 27 Philosophen/Denker zur Situation der Flüchtlinge und des Landes. Also dieses Landes. Ich habe erst einmal auf den Seiten vor diesem Artikel etwas quergelesen. Das muss ich mir demnächst mal mit mehr Ruhe ansehen, die ersten Seiten überzeugen mich bisher überhaupt nicht.

Vorgelesen

Ilse Kieberger: Ferien mit Oma

Ein Buch aus dem gar nicht so kleinen Bestand an Büchern aus der Kindheit der Herzdame, sie hat es den Söhnen auch vorgelesen. Die Söhne waren sehr angetan und nach den Reaktionen auf Facebook zu urteilen, haben das enorm viele Leserinnen in der Kindheit gelesen. Ich kannte das Buch nicht.

Ferien mit Oma

 

 Christian Loeffelbein und Ina Hattenhauer (Illustration): Monster-Fahrt zum Käsemond – Professor Graghuls geheime Monsterschule Band 2

Der zweite Band von Professor Graghuls Monsterabenteuern, die Söhne sind weiterhin hell begeistert. Genau ihr Humor, genau richtig spannend.

Ich habe in diesem Monat wenig vorgelesen, es lag aber gar nicht an mir. Sohn I liest immer mehr und immer schneller selbst, Sohn II erkämpft sich gerade das Alphabet und übt abends so hochkonzentriert das Schreiben, dass er gar keine vorgelesenen Geschichten mitbekommen würde. Er hat in der Vorschule gemerkt, dass seine Freundin schon lesen kann und er nicht – und so geht es ja nicht! Diese Erkenntnis war vor vierzehn Tagen, jetzt buchstabiert er sich schon alleine Werbeplakate und dergleichen zusammen und schreibt erste Einkaufszettel. Läuft.

Gesehen

Noch ein paar Folgen Downton Abbey, aber zusehends lustlos, ich finde die Handlung einfach zu schwachsinnig und konsalikesk. Ich setze das wohl nicht fort.

Gehört

Arthur Schnitzler: Später Ruhm. Gelesen von Udo Samel

Das gibt es als Hörbuch bei Spotify. Den Texte kannte ich nicht, den habe ich zufällig gefunden. Ein älterer Herr wird von Wiener Jungdichtern begeistert auf einen Gedichtband angesprochen, den er vor einer Ewigkeit veröffentlicht und selbst nahezu vergessen hat. Der Band hatte damals keinen Erfolg, der Mann wurde also doch nicht Dichter, er wurde braver Beamter und war mit seinem Leben zwischen Akten und Stammtisch auch nicht unzufrieden. Selbstverständlich schmeichelt ihm aber die unerwartete Verehrung der jungen Leute. Er lässt sich verleiten, sich noch einmal mit der Literaturszene einzulassen, er will es auch mit dem Dichten noch einmal versuchen – allerdings fällt ihm überhaupt nichts ein. Dennoch sagt er noch einmal eine Lesung zu, ein Vorhaben, das gründlich und peinlich scheitert. Schnitzler selbst war nicht ganz einverstanden mit seinem Text, ich habe ihn sehr genossen. Die Stimme von Udo Samel passt wundervoll.

Was man auf Streifzügen durch die Musikgeschichte so findet – Jimmy Smith an der Hammond-Orgel, Mark Withfield an der Gitarre. Ein hervorragendes Stück, um es laut zu hören, während man sich für eine abendliche Tanzveranstaltung stylt.

Und das hier dann eher zu später Stunde nach einer Tanzveranstaltung. The Doors.

Der sehr geschätzte Bernd Begemann hat eine neue CD: “Eine kurze Liste mit Forderungen.” Wenn man bei diesem Lied Sankt Pauli gegen Sankt Georg tauscht, passt immer noch ziemlich viel. Wo auch immer dieses im Song erwähnte Stellingen eigentlich ist, in das der Herr übrigens tatsächlich mit seinem Reihenhaus-Girl gezogen ist.

Schubert kommt hier regelmäßig vor, im Moment bin ich wieder bei den Interpretationen von Matthias Goerne.

Groß aber auch der Erlkönig von ihm:

And now for something completely different, gefunden über die Spotify-Empfehlungen: The Jolly Boys mit Perfect Day. Ich finde es wunderbar.

Auf diese Art kam ich auch auf Bill Fay, von dem ich noch nie gehört hatte, hier etwas mehr über ihn. Zu Bill Fay gibt es kein interessantes Video, man kann aber hier hören, wie er sehr gelungen traurige Musik macht. Ich mag traurige Musik, ich brauche traurige Musik zur Entspannung. Nichts beruhigt mich mehr als Lieder über Liebeskummer und Weltschmerz und allerlei Leid. Eventuell bin ich etwas seltsam.

Der Ohrwurm des Monats ist aber eine Jazzmelodie, hier gespielt von Kenny Ball and his Jazzmen: Midnight in Moscow. Nach dem dritten Hören rastet es ein.

Und noch ein Youtube-Fund: Johnny Cash und Bob Dylan. One too many morning.

Davon findet man auch noch mehr:

Richard Hawley kannte ich auch nicht. Schöne Wintermusik.

Und von jenem Richard Hawley auch ein ruhiges, ein sogar sehr ruhiges Video – auch mal schön.

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Es geht um Gesellschaft und Soziales und um Ungleichheit, bzw. Ungerechtigkeit. Wir können auch bei diesem Thema einmal ganz weit vorne anfangen. Nämlich in der Steinzeit. Und das ist sogar wörtlich gemeint, denn hier geht es um Jägerinnen und Sammler, vielleicht aber doch eher um Sammlerinnen und Jäger, wie auch immer, es geht um die herumwimmelnde Frühmenschheit, jedenfalls geht es um ein Bild, das vielleicht geradegerückt werden könnte. Eines jener Bilder, die sehr viel über unser Zusammenleben aussagen und die sich auswirken bis zur Gesellschaft unserer Tage, man lese etwa einmal hier. Der Faustkeil im Bild und die Steinzeit in der Überschrift passen nur zufällig, der Rest hat schon Bezug, das sind eben die Folgen der Rollenverteilung, wir werden sie so leicht nicht los. Es ist ein weiterer Zufall, dass es gerade noch einen langen Artikel zur Steinzeit gibt, ein Interview mit dem Paläoanthropologen Friedemann Schenk. Ein empfehlenswerter Text. Man könnte vielleicht zunächst denken, er passt gar nicht hierher, aber dem ist nicht so. Es gibt bemerkenswert viele Anknüpfungspunkte zu unseren üblichen Inhalten, von der Paläo-Diät bis zur Migration und zur Ressourcennutzung.

Von der Steinzeit leiten wir zwanglos direkt über zu einem Artikel über Führungspositonen, die mit Frauen besetzt sind. Was hat sich da in den letzten zehn Jahren geändert? Kurzfassung: nichts. Quelle surprise! Na, in der Langfassung findet man dann doch ein paar Änderungen.

Aber das ist natürlich nur eine der markanten Ungleichheiten in dieser Gesellschaft. Eine andere ist die zwischen den Armen und den Reichen, dazu kann man auch viele Fragen stellen. Etwa die, warum es in unserem vergleichsweise reichen Land eigentlich noch Obdachlose gibt. Die brandeins sieht sich das genauer an.

Zum Thema Armut war gerade die Meldung mit dem Reichtum der 62 reichsten Menschen, deren Besitz, wie war es noch, dem der Hälfte der Menschheit entspricht, in allen Medien. In einigen Artikeln wurde akribisch nachgerechnet, was daran nun wie genau stimmt – als ob es darauf ankäme. Eine beeindruckende Meldung war es in jedem Fall, man kann nur vielleicht nicht viel damit anfangen. Was heißt denn das genau für uns? Hat das eigentlich etwas mit uns zu tun? Die Zeit liefert sechs Gründe, sich zu empören, darüber kann man einmal nachdenken. Aber etwas näher gehen uns vielleicht doch Meldungen wie diese – jedes fünfte Kind in Deutschland lebt in Armut. Und überhaupt geht es auch hier etwas seltsam zu, was die Verteilung angeht (man beachte das leichte Gähnen zwischen den Zeilen bei der Formulierung: “Schon erklingt der Ruf nach einer Vermögenssteuer wieder”). Eine einigermaßen originelle Schlagzeile zum Thema lautet “Reich sein lohnt sich”, in diesem Text reicht der Elan immerhin noch für etwas mehr Argumentation zur bzw. gegen die Vermögenssteuer. Im Vergleich zu der Meldung mit den Multimillionären lösten diese Meldungen zur drastischen Ungleichheit in Deutschland allerdings so gar keine allgemeine Welle aus. Seltsam eigentlich.

Ungleichheit berührt auch andere hier häufiger vorkommende Themen, etwa diesen ganzen 2.0-Zauber und auch die Zukunft der Arbeit. Mehr über diese Zusammenhänge bei SPON. Und die FAZ verbindet dann noch die “Ungleichheit des Vertrauens” mit der ökonomischen Ungleichheit. In dem Text sind gleich ein paar Stellen ziemlich interessant. Etwa die Skepsis gegenüber Innovationen: “Der allgemeinen Bevölkerung ist das Innovationstempo ganz eindeutig zu hoch geworden.” Was heißt das für alternative Wirtschaftsmodelle?

By the way – zu den Superreichen dieser Welt gibt es ab und zu Listen, wer da nun auf welchem Platz ist, wer in den Top Ten ist und wer nicht mehr und wer am aller-, allerreichsten ist, wer den größten Dagobert-Duck-Faktor hat. Wir verweisen hier lieber auf eine andere Liste, es ist die der einflussreichsten Sozialunternehmer. Deren Projekte sind im Artikel jeweils verlinkt, es lohnt sich, da einmal durchzuklicken.

Zum Schluß aber wie fast immer noch der Link für den Freundeskreis Fahrrad, da geht es diesmal um Radwege. Aus Holz. Um noch einmal auf die Ungleichheit der Vermögen zurückzukommen – in gewissen Vierteln müsste es die dann wohl in edler Wurzelholzoptik geben.

GLS Bank mit Sinn

Goldene Blogger – Newcomer des Jahres 2015: Jojo Buddenbohm

goldener-blogger-klein-gif-1-255x450Das ist natürlich unfassbar großartig, Jojo, auch bekannt als Sohn I, hat also tatsächlich gewonnen! Wir danken allen, die da mit abgestimmt haben oder auf diversen Kanälen Glückwünsche geschickt haben, das war ein ganz außerordentlich großartiger Abend gestern. Hier die Liste aller Gewinner, das Durchklicken lohnt selbstverständlich.

Wir haben die ganze Veranstaltung im Livestream angesehen, es wurde von Minute zu Minute spannender, weil man natürlich nicht wusste, wann die Kategorie der Newcomer dran war. Die Herzdame und ich starrten auf die Notebooks, die Söhne hüpften beide um uns herum, denn in dem Alter hält einen nichts auf dem Stuhl, wenn es etwas zu gewinnen gibt. Spätestens als die ihnen persönlich bekannte Patricia Cammarata gewann, war hier niemand mehr zu halten. Es wurde immer später, die Kinder wurden immer flummihafter, die Newcomer waren immer noch nicht dran, ich wurde allmählich etwas nervös. Immerhin musste der Nominierte, Wahl hin oder her, am nächsten Tag in die Schule, möglichst in halbwegs ausgeschlafenem Zustand. Die Herzdame saß auch auf Kohlen, sie musste zum Tanzkurs und überlegte minütlich, wie viele weitere Minuten Verspätung wohl gerade noch okay sein könnten.

Die Wahl war dann gerade noch rechtzeitig für die Kinder, Jojo war überglücklich, als das Ergebnis verkündet wurde. Nebenbei bemerkt eine äußerst charmante Gelegenheit, den Söhnen Tortendiagramme und Online-Abstimmungen zu erklären, besser kann man es wohl nicht treffen. Das Prinzip haben beide jetzt wirklich gründlich verstanden. Und ich war heilfroh, dass ich Jojo nicht etwas wie “Auf den Sieg kommt es nicht an, du warst immerhin nominiert, auch schön!” verkaufen musste, was pädagogisch natürlich vollkommen in Ordnung gewesen wäre, gar keine Frage, aber ein wenig anstrengend.

Die Brüder lagen sich hier laut jubelnd in den Armen, was übrigens eine interessante Erfahrung ist, normalerweise geraten sie etwa alle zehn Minuten wegen irgendeiner Nichtigkeit handgreiflich aneinander. Aber Sohn II war dann doch sehr, sehr stolz auf seinen so erfolgreichen großen Bruder, das war wirklich schön zu sehen: “Mein Bruder hat gewonnen! Mein Bruder ist toll! Und ich bin der Bruder von meinem Bruder!”

Und ich bin der Vater der beiden Brüder, darüber freue ich mich jeden Tag. Und an manchen Tagen ist diese Freude eben auch eine abendfüllende Angelegenheit.