Beifang vom 23.02.2017

Fillon, Macron und die anderen” – es gibt ein Update aus Frankreich, nein, es gibt sogar zwei! Ich finde das dort immer sehr gelungen beschrieben. Dass Fillon aber wieder Chancen haben soll, dass er überhaupt weitermacht, ist es nicht einigermaßen erstaunlich?

Eine weitere Folge von “Was schön war” aus Köln. Da war ich auch schon verblüffend lange nicht mehr, es ist eigentlich schlimm, ich mag Köln. Aber im Moment möchte ich auch gar nicht hin, aus saisonalen Gründen.

In der Zeit geht es um Lindenberg, aber diesmal nicht um meinen Nachbarn, sondern um den Ort in Brandenburg. Diese Reihe in der Zeit war überhaupt eine gute Idee.

Und ich glaube, ich möchte jetzt eine Kuckucksuhr haben (Dank an Rebekka für den Link).

Hier einmal eine amüsante Variante der Folgen eines Copyright-Streits – ein Radiosender spielt nur noch Musik von vor 1946.

Aber nun noch ein wenig Musik von jungen Leuten. Ein höchst seltsamer Clip.

So war das

Neulich habe ich Roger Willemsens “Der Knacks” gelesen, neulich ist George Michael gestorben. Und manchmal dauert es ja länger, bis zwei Gedanken so lange auf seltsamen Bahnen im Hirn herumgekreist sind, dass sie endlich einmal unerwartet zusammenstoßen und man so dasitzt und plötzlich denkt: “Ach guck. So war das. Das habe ich ja noch nie bewusst gedacht.”

Das, was da war, ist schon länger her. Ich lebte damals auf dem Land. Frau, nein, sehr schöne Frau, Haus, Garten, Karriere, nein, steile Karriere. Ein unsinnig weiter Arbeitsweg, den nahm ich für diese Frau gerne auf mich, das war ein kleiner Preis, und zwar ein ganz kleiner. Ich stand früh auf und kam spät nach Hause, im Sommer gingen wir abends noch mit dem Hund über die Felder und am Waldrand entlang, das war dann die Freizeit. Die Nachbarn grillten und hörten zu laut schlechte Musik zum Mitklatschen. Ein Idyll wie aus amerikanischen Suburbia-Romanen, da weiß man dann schon nach zehn, zwanzig Seiten, hier stimmt etwas nicht. Aber ich wusste das natürlich nicht, die Hauptfiguren verstehen ja immer alles viel zu spät, davon leben die Geschichten schon seit den Lagerfeuern. Die Hauptfigur sieht immer nur die besonders schöne Frau.

Im Garten wucherte der Giersch, wir hatten beide kein Interesse an Gartenarbeit, sollte er doch wachsen. Gartenarbeit! So trivial. Es sah im Sommer so aus, als würde das Haus schier im Giersch verschwinden, es war ohnehin nur ein sehr kleines Haus, ein kleines, enges Häuschen eigentlich. Die Pflanzen wuchsen, die Probleme wuchsen, wir sahen entschlossen weg, wir wollten nicht an die Wurzeln. Erst hinterher durchschaut man immer die Metaphern einer Lebensphase und begreift dann nicht, was man alles übersehen hat, es war doch so überdeutlich arrangiert.

Es gab einen Videoclip, damals liefen noch Videoclips im Fernsehen, von George Michael: “Spinning the wheel.” Den sah ich gerne, wenn der lief, drehte ich lauter und sah genau hin. Zum einen wegen der jazzigen Retro-Stimmung, zum anderen auch wegen der einen Backgroundsängerin. Außerdem war die Melodie gut und ganz anders als bei den sonstigen Songs zu der Zeit, diese fingerschnippende Lässigkeit war eher unüblich. Ich habe nicht gemerkt, dass da noch etwas in dem Videoclip war. Da wurde, heute ist das lächerlich deutlich, etwas gezeigt, was ich nicht hatte, aber doch dringend haben wollte: Nachtleben. In dem Clip gab es unklare Liebesbeziehungen, Verwicklungen, Andeutungen, Rausch. Halbseidene Szenen in einem dunklem Schwarzweiß, in dem man nicht alles sah, schon gar nicht alles verstand, in dem man aber überall mal eben seinen Verstand ablegen konnte. Das wollte ich auch. Ich habe es nur nicht gleich gemerkt.

Es dauerte noch ein paar Jahre, dann habe ich dieses Nachtleben nachgeholt. Ich habe mich mit einem mir heute gar nicht mehr begreiflich erscheinenden Mut in eine mir reichlich fremde Welt gestürzt, einfach weil das so sein musste und auch nicht mehr anders ging, das war alternativlos, wie man heute sagt. Und ich habe mich da ein, zwei Jahre auf eine Weise amüsiert, die mir vorher nicht bekannt war, die wohl auch nicht wiederholbar ist. Jahre mit Szenen, über die ich mich heute noch manchmal freue, wenn sie mir wieder einfallen. Jahre mit Menschen, von denen ich nicht wusste, wie sehr sie mir immer schon gefehlt hatten. Man hat vermutlich unverschämtes Glück, wenn es eine solche Phase überhaupt im Leben gibt, so eine Phase, über die man immer noch leise lacht, wenn man sich plötzlich erinnert, auch nach Jahren noch. So gründlich habe ich mich da amüsiert, dass diese Zeit bis heute in keinem Buch vorkommt, in keinem einzigen Blogeintrag, in keinem Artikel.

Irgendwann habe ich dann die Herzdame am Rande einer dieser Nächte kennengelernt, und es begann eine ganz andere Geschichte. Das Rad drehte weiter und alles war sehr gut, so wie es war. Spinning the wheel. Ein gar nicht mal so unwichtiger Song für mich. So im Nachhinein betrachtet.

Beifang vom 21.02.2017

Ich habe drüben bei der GLS Bank vier Links zum Thema Konsum zusammengestellt, vielleicht überraschend auch mit Jonathan Safran Foer dabei, der eigentlich etwas zu Trump sagt, dann aber auf den Konsum kommt. Ich lege hier fix noch einen weiteren Schriftsteller an, T.C. Boyle hat nämlich auch eine Meinung zu Trump. John Irving auch, aber hinter einer Paywall, dann eben nicht. 

Bei den GLS-Links geht es u.a. um kuratiertes Einkaufen, dazu hatte neulich auch Sven etwas geschrieben. Das war Werbung, aber ich fand es tatsächlich recht erhellend – so geht das also. Das ist eben manchmal der Vorteil bei Blogwerbung, mit etwas Glück erklärt jemand gut. Ich habe dann eine Weile überlegt, ob ich dazu auch eine Meinung habe, womöglich eine freundlich aufgeschlossene – aber ich glaube, mir ist das egal, es reizt mich überhaupt nicht. Ich finde dieses Hin- und Herschicken von Zeug ganz schrecklich, weil dann dauernd jemand hier klingelt und mich stört und ich irgendwann kurz darauf wieder Retourenpakete durch den Stadtteil tragen muss. Ich finde auch die Vorstellung schrecklich, mit einem Stylisten zu telefonieren und meine Vorlieben zu erklären, was für ein völlig absurder Gedanke. Ich finde es ja schon furchtbar, wenn ich in real existierenden Läden vom Verkaufspersonal angesprochen werde, da werde ich mir das beim Onlinehandel nicht freiwillig dazubuchen. Wenn ich online etwas kaufe, dann doch wohl damit ich nicht kommunizieren muss. Außerdem wäre ein Gespräch mit einem Stylisten in meinem Fall vermutlich auch eher lustig. Ich gehöre ja zu den Typen, die ein Kleidungsstück tatsächlich in sieben identischen Exemplaren im Schrank haben, weil es nun einmal gut ist und also ruhig jeden Tag getragen werden kann. Siehe schwarze Rollkragenpullover.

Egal. Nun noch ein Lied zur guten Nacht. Es gibt viele Filmaufnahmen von Duetten mit Peggy Lee, immer sieht es so aus, als seien ihr die Gesangspartner spontan verfallen. Faszinierend.

Beifang vom 20.02.2017

Ich musste heute morgen einige Stunden im Auto zubringen, ostwärts, ho! Und ich hatte Glück, denn es kam entgegen aller Erwartung nicht auf allen Sendern im Autoradio Phil Collins, es kam auch nicht Mark Forster. Es kam eine Lesung, die kann man hier weiterhin aufrufen: “Der Lärm der Zeit” von Julian Barnes. Frank Arnold liest den Anfang der Übersetzung von Gertraude Krueger. Es geht um Schostakowitsch.

Außerdem fand ich diese Buchbesprechung zu Jan Faktor interessant.

Und mehr gab es heute nicht. Noch ein Lied zur guten Nacht? Na klar. Wie singt die Dame da? Laut Spotify: “Singing and writing in a style that fuses vintage barroom cool with a here-and-now intelligence and faintly ironic wit.” Jo. Oder, wie die Söhne sagen: “Lass laufen, ist gut zum Einschlafen.”

Beifang vom 19.02.2017

Patricia Cammarata über Computerspiele und das ewige Streitthema Medienzeit. Die großzügige Ausdehnung der Medienzeit scheitert bei uns übrigens nicht an pädagogischen Idealvorstellungen der antiquierten Art, die scheitert schlicht an der überhaupt zur Verfügung stehenden Freizeit der Ganztagsschulkinder. Da passt eben gar nicht mal so viel hinein. Von rein gar nichts.

“Wir hätten mehr Sex gewollt” – schreibt Isa über einen Abend mit mir. Wobei, zugegeben, die Überschrift auch von mir kommt. Es ist eine sehr gute Überschrift, alle sagen das (egal, was aus Trump wird, sprachlich wird er uns auf jeden Fall noch viele Jahre verfolgen). Man beachte in dem Text drüben bitte auch den letzten Satz, Isa und ich sprachen da am Abend noch drüber – wir haben beide so eine Art Grunddankbarkeit, wenn sich Menschen auf einer Bühne für uns abmühen.

Und, apropos Isa, mit der gehe ich wohl auch in diese Ausstellung, deren Konzept großartig klingt.

Ein Artikel, der auf den ersten Blick rein gar nichts mir mir zu tun hat, es geht um Gartenhäuschen für Frauen, um She-Sheds. Ich habe kein Gartenhäuschen und ich bin keine Frau. Aber man hat ja Blogs auch abonniert, um auch einmal auf andere Gedanken zu kommen, und ich nehme das übrigens ernst. Weswegen ich mich nach dem Lesen also fragte – wie würde denn eigentlich ein Max-Shed aussehen? Da habe ich nun schon länger drüber nachgedacht und ich habe noch keine Antwort, was auch faszinierend ist. Ich wüsste auf Anhieb also gar nicht, was ich da gerne hätte, in einem ganz privaten Reich, das ich in dieser Wohnung nicht habe, und zwar überhaupt nicht. Vermutlich wäre es gut, wenn dieses Reich ziemlich leer wäre, vermutlich hätte ich gerne eine mechanische Schreibmaschine darin, weil ich die Dinger nun einmal mag, vermutlich wären da viele Bücher. Aber sonst? Ein Kamin, ein Ofen, so etwas. Ich denke weiter nach. Interessante Aufgabe.

Und nun noch ein Lied zur guten Nacht. Bill Fay, kennt vermutlich kein Mensch. Was schade ist. Wenn man aber eventuell leicht angetrunken und leicht melancholisch ist – lieber nicht bei ihm weiterhören, schon gar nicht “The healing day.” Wirklich nicht.

Ralf Schlatter: Sagte Liesegang

Ich stelle zum wiederholten Male fest, dass ich meinen Timelines großartige Literaturhinweise entnehmen kann. Wer auch immer mir das Buch wann und wo empfohlen hat, ich weiß es natürlich wieder längst nicht mehr, das war ein wirklich guter und sinnvoller Hinweis. Ich hätte es vermutlich nicht gelesen, wenn ich irgendwo, in einer Werbung etwa, nur den Anriss der Geschichte gelesen hätte, ein Mann kommt in den Himmel und darf dann solange noch einmal auf die Erde zurück, wie er oben einem Engel sein Leben in epischer Breite erzählt, das klingt doch – na ja. Bestenfalls. Und dann dieser Titel, bei dem man immer unwillkürlich an “Erklärt Pereira” denkt, denkt man nicht? Und an Gantenbein vielleicht auch, letzteres ist dann aber schon eher eine seltsame assoziative Verknüpfung und jetzt gerade beim Schreiben fällt mir erst auf, dass Gantenbein auch aus der Schweiz kommt, da war mein Unterbewusstsein wieder schlauer und schneller als ich, das Luder.

Das ist dann aber schon nach wenigen Seiten eine sehr feine Vater-Sohn-Geschichte, eine bittere und ganz beiläufig erzählte Familiengeschichte, eine irre Liebesgeschichte, eine geradezu mystische Fledermausgeschichte und noch einiges mehr. Es ist auf eine schwer zu beschreibende Art auch sehr viel Schweiz im Buch, womit ich nicht die ausdrückliche Schweiz meine, in der das Buch nun einmal spielt, sondern die geistige Schweiz zwischen den Zeilen. Ich fragte mich zwischendurch, was denn das Schweizerische in der Literatur eigentlich ist, wenn es das überhaupt gibt, eine Frage, die ich bei Capus auch schon hatte. Ein ganzes Leben in einer eher kleinen Welt – und man merkt den Bedarf an mehr Welt nicht, vielleicht ist es genau das. Da fehlt nichts, da erwartet man nicht mehr. Vielleicht hat Beständigkeit in der Schweiz einen ganz anderen Klang und Wert als bei uns, das wäre ja historisch auch nicht ganz unlogisch. Dass etwas reicht oder reichen kann, genau das ist vielleicht ziemlich Schweiz. Der Umkehrschluss würde dann vielleicht etwas über die Literatur aus Deutschland aussagen, das ist nach ein paar Minuten Nachdenkens gar nicht so irreführend. Jetzt müsste nur noch bitte jemand ergänzen, wo und wie da denn Österreich bleibt.

Es geht im Buch tatsächlich auch um die Frage, ob und wann eigentlich ein Leben reicht, die Antwort kann ich hier nicht vorwegnehmen. Es geht daneben um Geologen und Seismologen und Erdplatten und Höhlen. Ich bin ja immer erfreut, wenn Hauptfiguren echte Berufe haben. Und was Schlatter da bildlich wunderbar durchdacht auffährt, das führt wiederum zur Frage, ob nicht am Ende jeder Beruf, wirklich jeder, aus sich und seiner Fachsprache und seinen darin enthaltenen Metaphern und Bildern heraus zu geeigneten Romanen oder Geschichten führen müsste, noch bevor man überhaupt irgendeine Handlungsidee oder eine Hauptfigur hat? Das habe ich so pauschal noch gar nicht betrachtet, dabei arbeite ich doch als Controller. Nanu.  

Jedenfalls ein lesenswertes Buch, ich habe es mit Genuss gelesen, war angenehm überrascht und habe viel nachgedacht. Hier noch eine Rezension in der NZZ.

 

Beifang vom 18.02.2017

Bei Wired Hinweise auf Podcasts gesehen, die doch noch einmal einen Versuch wert sind. Ich scheitere bei Podcasts immer an den Gelegenheiten, sie in Ruhe zu hören. Ich dachte eine Weile, beim Kochen könnte es gut gehen – aber ich brate und klappere und rühre einfach zu laut, ich müsste das sehr laut hören. Aber dann würden die Kinder in die Küche kommen und fragen, was ich da denn höre, dann müsste ich das erklären, dann würden sie interessiert nachfragen, dann würde ich mehr erklären, dann würde wieder nichts hören. Schlimm.

Bei Read on geht es um heißes Essen. Heißes Essen ist hier eine der Sollbruchstellen in der familiären Harmonie, denn aus nicht nachvollziehbaren Gründen fängt die Herzdame mit dem Decken des Tisches, dem Suchen der Kinder, dem Befüllen der Trinkgläser etc. immer erst an, wenn ich fertig gekocht habe. Und es kann dann natürlich dauern, bis sich alle überlegt haben, was sie trinken wollen, welchen Teller in welcher Farbe sie wollen, wo sie sitzen wollen, in welchem Raum sie überhaupt essen wollen und oh! Da ist ja gar kein Tisch frei! Dann räumen sie erst einmal auf. Währenddessen stehe ich am Herd, esse beleidigt und direkt aus der Pfanne, alleine aber heiß und ja, ich habe es auch nicht immer leicht.

Zu Gerhard Henschels Arbeiterroman. Sollten Sie versehentlich Gerhard Henschel nicht kennen, lesen Sie alles von ihm, es ist großartig. Ich habe einen Band bisher noch nicht gelesen, einfach nur um noch einen ungelesenen Band zu haben. So gut ist das.

Peter Glaser verweist auf das Blog “What’s in your bedroom”. Ich wundere mich schon seit ein paar Wochen, dass wir noch keine neue Wohnung gefunden haben, wo wir doch erstmals in all den Jahren das perfekte Schlafzimmer eingerichtet haben, das uns beiden gefällt. Dabei waren beide ganz sicher, dass diese Methode verlässlich klappen würde. Sie hat bei der letzten Wohnung auch geklappt, damals hing alles an der letzten Lampe im Flur. Da hing längere Zeit nur eine nackte Glühbirne, schäbig und gemein. Nach mehreren Jahren haben wir dort endlich eine feine Lampe montiert, es gab wundervolles Licht, zack, sofort neue Wohnung gefunden, Lampe wieder abgebaut. So einfach! Der Wohnungsmarkt muss wirklich kaputt sein, wenn solche althergebrachten Methoden nicht mehr funktionieren.  

Hier noch ein weiteres Blog mit “Was schön war”. Und gleich so besonders schön.

Und dann noch etwas, das mich auch gerade beschäftigt. “Die Logik ist irre: Je mehr schlechte Nachrichten konsumiert werden, desto größer der Gewöhnungseffekt. Ohne schlechte Nachrichten, das ist, als hätten wir keine Frisur. Apokalypse geht immer, sie ist unsere Religion, sie ersetzt das Heilige. Sie ist unsere Droge gegen die Langeweile und man kann sie immer rausholen, wenn man mal wieder gar nichts zu sagen hat. Schlechte Nachrichten relativieren unsere Existenz: So schlimm wie Trump kann ich gar nicht sein. Es geht immer noch schlimmer.”

Ansonsten denke ich verschärft über bunte Rollkragenpullover nach.

Beifang vom 17.02.2017

Die Antworten von Hannes Wader in diesem Interview gemocht.

Hier geht es um Halldór Laxness und Isa empfiehlt ein Buch von Susann Pásztor, das klingt auch so, als würde man das lesen wollen.

Das fand ich interessant und bedenkenswert – warum Papier-Journalismus besser ist. Was mir übrigens Online-Journalismus tatsächlich verleidet, das sind diese furchtbaren Pop-Up-Banner auf News-Seiten, die mich bereits zehn Sekunden nach Aufruf der Seite anflehen, sofort noch einmal zu laden, denn es gibt doch schon wieder noch neuere Neuigkeiten, wichtige, dringende, bunte, klick mich, Du willst es doch auch, Du könntest was verpassen, los, klick, mach es einfach und wir legen noch einen ganzen Räucheraal obendrauf, da fühlt man sich nämlich als User wie auf dem Hamburger Fischmarkt, über den man sonntagmorgens verkatert zieht und alle paar Meter von seltsam wachen Marktschreiern angebrüllt wird. Da sitze ich dann vor diesen Aufrufen und denke mir: Von wegen. Ohne mich. Da kriege ich viel eher Lust auf ein Buch, möglichst eines aus einem vergangenen Jahrhundert sogar, denn ich bin ja noch nicht einmal mit den Informationen aus der Gründerzeit fertig, da wird irgendeine dämliche Panorama-Meldung von heute wohl noch ein paar Stunden auf mich warten können, echtjetztmal. Und obwohl es vollkommen albern ist, auf Pop-Ups emotional zu reagieren, finde ich diese Kober-Dinger auf News-Seiten tatsächlich geradezu beleidigend. Beleidigend dämlich. Dicht gefolgt von ungefragt startenden Videos, auch so ein Grund, fluchtartig weiterzuklicken oder gar das Medium zu wechseln, hin zu ruhiger Schrift, die nicht blinkt und nicht animiert wird, ohne Soundtrack daherkommt und einfach nur da ist. Selbststartende Videos gehören verboten, wer selbststartende Video in Umlauf bringt … ach, egal.

Im Blog der GLS Bank habe ich vier Links zum Thema Autoverkehr, wobei ich mich beim ersten Link gewundert habe, dass man da nicht schon längst drauf gekommen ist und beim dritten Link, wie wenig ich von Technikgeschichte weiß. Schlimm.

Und nun noch ein Lied zur guten Nacht und zum Wochenende. Ein Stück wie kaltes, klares Wasser. Dida Pelled, kann man sich auch mehr von anhören, lohnt sich.

Was schön war

Ich bin oft in der Hamburger Zentralbücherei, meistens aber nur in der riesigen Kinderabteilung im Erdgeschoss. Neulich war ich auch einmal in den oberen Etagen, weil Sohn II einen Regalmeter Hundertwasser zu Studienzwecken benötigte, er malt gerade kleinteilig. So etwas macht man als bildungsbürgerlich sein wollender Vater natürlich gerne. Ich gehe also durch die oberen Stockwerke, ich suche die Kunstabteilung. Die Zeiten, in denen ich mich in der Zentralbücherei wirklich gut auskannte, sie sind lange vorbei, das war damals im Studium, da habe ich da auch kurz gearbeitet. Ich bin etwas überrascht, wie voll das Haus ist, das merkt man gar nicht, wenn man immer nur unten durchgeht. Überall sitzen Menschen vor Notebooks, Büchern, Magazinen, Zeitungen, Noten, Tablets, Smartphones. Oder vor anderen Menschen. Da werden Vokabelkärtchen geschrieben und abgefragt, da werden Präsentationen zusammengeklickt, Lerngespräche geführt, da wird Deutsch gelernt. Und zwei unterhalten sich im Treppenhaus unangemessen laut über irgendwelche Drachen aus einer Fantasy-Reihe, völlig absurdes Fachwissen. Sie werden immer noch lauter, denn beide wissen besser, sie stehen mit erhobenen Zeigefingern voreinander und erklären sich irgendwelche Mischwesen. “Doch” , sagt der eine gerade, “dohoch! Kannste ja nachlesen! Unten Menschenkörper!”

In der Kunstabteilung steht ein älterer Herr am Regal vor Hundertwasser, grauer Pullunder, dürre Gestalt, silbergefasste Brille, eisgraue Haare, er hat so eine Ausstrahlung, die mich an einen meiner Lateinlehrer erinnert. Das ist genau der Typ, der mich gleich nach der ACI-Konstruktion in diesem Satz im Lehrbuch fragen wird. Und er wird mich dann durchdringend über die Brille hinweg ansehen, immer weiter ansehen und dann irgendwann den Kopf bedauernd schütteln und den nächsten aufrufen. Ich gehe schnell weiter und gucke erst einmal bei Klimt, der malte auch so kleinteilig, das passt schon. Ich weiß das mit dem ACI eh nicht mehr, wenn ich es überhaupt je gewusst habe, so sicher bin ich mir da nicht, meine Lateinnoten waren nie überragend. Ich mochte immer nur die Vokabeln, aber die Grammatik, meine Güte. Ich treffe dauernd solche Typen, dünne, graue und ältere Herren mit Brille, und immer denke ich: “Oh verdammt, die ACI-Konstruktion”, so wirkt Schule nach. Vielleicht sollte ich sie einfach mal lernen, diese Konstruktion, so schwer kann das doch nicht sein, mit dreißig Jahren Abstand. In der Wikipedia sieht das übrigens gar nicht so schwer aus, sehe ich gerade. Manchmal möchte man sein jüngeres Ich am liebsten kurz beiseite nehmen und fragen: “Mensch, was hast du denn?”

Eine Dame mit Perlenkette und dunkelblauem Kostüm fragt eine Bibliothekarin, ob das gewaltig dicke Buch in ihrer Hand denn auch wirklich DAS Buch über die Geschichte der Porträtmalerei sei. Die Bibliothekarin sagt leise: “Ja, das ist DAS Buch.”

An einem Tisch sitzt ein Mann, bei dem ich zweimal hinsehe. Auf den ersten Blick einer der Obdachlosen vom Hauptbahnhofsvorplatz, auf den zweiten Blick dann vielleicht doch nicht, er hat diese Art der Verwahrlosung, bei der man nicht recht weiß, ob sie auf Genie und Kreativität oder auf Alkoholismus und Nächte auf der Straße hinweist. Wirres und ziemlich langes Haar, struppiger Bart, ein Mantel, der schon bessere Jahre erlebt hat. Aber er ist doch noch halbwegs in Ordnung, der Mantel. Da sind einfach ein paar Flecken mehr drauf, als man sich selbst auf seiner Kleidung durchgehen lassen würde, aber das muss ja nichts beweisen. Harry Rowohlt konnte so aussehen, so auf der Grenze zwischen den Zuständen, vielleicht nur etwas seltsam und exzentrisch, vielleicht schon im Problembereich. Vielleicht ein Professor, ein Philosoph, ein Künstler, schlauer als wir alle. Vielleicht aber auch gleich auf dem Weg zum Kiosk, mehr billigen Schnaps kaufen. Man weiß es nicht.

Vor ihm jedenfalls ein Bücherstapel, ich kann nicht erkennen, zu welchem Thema. Voluminöse Bücher, Nachschlagewerke oder so etwas. Auf den Büchern, an den Büchern, zwischen den Büchern, auf dem Tisch: gelbe Haftnotizen. Nicht nur ein paar Zettel, das ist eher schon eine Zettelarmee, die da den Tisch eingenommen hat. Alle sind sie randvoll mit Kuli beschrieben. Der Mann produziert gerade noch weitere von diesen Zetteln, den Kopf in die linke Hand gestützt, mit der rechten immer weiter schreibend. Dann klebt er den Zettel auf eine Seite, klappt das Buch zu, nimmt das nächste Buch und den nächsten Zettel. Hinten am Tisch fallen beim Verschieben der Bücher Zettel zu Boden, da liegen auch schon einige. Beschriebene Zettel sind das da auf dem Boden, die sich leicht bewegen, wenn jemand vorbeigeht. Vielleicht sammelt er sie später wieder ein, vielleicht sind sie abgearbeitet und egal. Vielleicht sind auch alle Zettel sofort egal, nachdem er sie beschrieben hat. Vielleicht steht überhaupt nur Unsinn drauf. Vielleicht sind es die Grundlagen seiner späten Doktorarbeit, vielleicht sind es Überlegungen zur Weltformel, zu Keynes, zu Epikur, zu Gott weiß was, genau, zu Gott womöglich auch, warum denn nicht, er sitzt da ja wie Hieronymus im Gehäus. Der Blick des Mannes kann als alttestamentarisch durchgehen, was auch immer er da macht, es ist definitiv eine ernste Angelegenheit. Und ich finde es schön, dass man das nicht deuten kann, was da vorgeht, das Bild bleibt unklar. Da sitzt eben einer und arbeitet. Irgendwie. Er ist zerstreut, irre oder nur ein wenig seltsam und ungepflegt, egal.

Der Mann greift jetzt wieder über den Tisch nach einem neuen Buch, mehrere Zettel werden dabei vom Ärmel des Mantels weggefegt und segeln zu Boden, es interessiert ihn nicht, er sieht nicht einmal hin. Er schlägt das Buch auf, blättert und schreibt schon den nächsten Zettel voll, murmelt lautlos und erklärt sich dabei womöglich irgendwas, die Lyrik der Romantik, die Liebe bei Shakespeare oder die Ausdehnung des Universums vielleicht. Oder die ACI-Konstruktion im Lateinischen. Ich bin ja sicher auch nicht der einzige Mensch mit Folgeschäden.

 

Bücher mit Liebe

Die Söhne haben oft Besuch, meistens von anderen Jungs. Wenn ich von Kindern rede, bezieht sich meine Erfahrung also auf eine Bande von etwa Sieben – bis Zehnjährigen, denn ich rechne die dann natürlich genauso hoch, wie es alle tun. Das sind für mich eben “die Kinder von heute”. Nur wenige dieser Kinder lesen rasend gerne. Sie lesen alle regelmäßig, das schon, aber meist mit überschaubarem Enthusiasmus. Ein wichtiges Thema in Schulhofgesprächen sind Bücher auch nicht gerade und nur Gregs Tagebücher von Jeff Kinney waren bisher ein klarer und allgemeiner Fall von “das muss man wirklich gelesen haben” – wozu man dem Autor unbedingt gratulieren muss, das ist eine Leistung. Da gab es dann auch etwas Wettbewerb, wer wohl wann zuerst die zehn oder elf Bände schafft. 

Ich frage ab und zu, was die Kinder interessiert, welche Bücher ihnen Spaß machen könnten, welche Themen gerade laufen, Agenten oder Zauberer, Mittelalter oder Zukunft, Sachbücher oder Geschichten, ich finde das spannend und helfe gerne bei der Suche. Weil ich mich als Buchmensch eben doch freue, wenn sie lesen, eh klar. Beim letzten Gespräch dieser Art gab es dann die Frage, auf die ich spontan keine Antwort wusste: “Gibt es denn auch irgendwas mit Liebe?” Also für diese Altersgruppe. In Romanen oder Geschichten. Und nach Möglichkeit natürlich für Jungs oder auch gerne für Jungs und Mädchen, nicht aber ausdrücklich für Mädchen.

Ich habe dann auf Facebook herumgefragt, und da andere Eltern vielleicht mit ähnlichen Fragen konfrontiert werden, liste ich hier einmal die Antworten, die da kamen. Vielleicht braucht sie gerade jemand, vielleicht kann jemand auch noch etwas anlegen, nur zu. Ich schreibe nicht dazu, wer was vorgeschlagen hat, ich müsste sonst alle Beteiligten erst fragen, daher einfach nur die Nennungen:

Peter Härtling: “Ben liebt Anna”. Das ist wohl der Klassiker zum Thema und in manchen vierten Klassen Schullektüre.

“Lola in geheimer Mission” von Isabel Abedi wurde vorgeschlagen, da kommt Liebe drin vor, hieß es.

“Krabat” von Otfried Preußler wurde genannt, da habe ich selbst eine Bildungslücke, nie gelesen. Den gleichen Stoff gibt es auch von Jurij Brezan: “Die schwarze Mühle”.

Astrid Lindgren: “Ronja Räubtertochter”, Deutsch von Anna-Liese Kornitzky, wurde mehrfach genannt, die Jungs hier scheinen das allerdings durch die Bank nicht interessant zu finden.

“Garmans Geheimnis” von Stian Hole, Deutsch von Ina Kronenberger.

Christine Nöstlinger mit “Olfi Obermeier” und “Luki-live”.

Andreas Steinhöfel: “Rico, Oskar und das Herzgebreche”. Da hätte ich auch selbst drauf kommen können.

Lena Hach: “Ich, Tessa und das Erbsengeheimnis”. Schon reingelesen, fängt gut an.

“Berts gesammelte Katastrophen” von Anders Jacobsson und Sören Olsson, Deutsch von Anna L. Kornitzky.

Friedrich Ani: “Meine total wahren und überhaupt nicht peinlichen Memoiren mit genau elfeinhalb”.

Kurt Held: “Die rote Zora”. Das Buch habe ich als Kind verschlungen, das war endlich mal ein Roman von anständiger Dicke. Wegen des ungeheuer traurigen Anfangs war es eine eher verstörende, aber auf jeden Fall eine sehr gute Leseerfahrung. Den Liebesbezug erinnere ich auch.

William Goldman: “Die Brautprinzessin”. Deutsch von Wolfgang Krege. Ich weiß nicht recht, ob das in Bezug auf die Liebe hinkommt.

Manfred Mai: “Leonie ist verknallt”.