Der tiefere Sinn des Februars

Ein allgemeines Formtief ergreift mein Umfeld. Alles kränkelt, schwächelt, dümpelt lustlos durch die grauen Tage. Man wartet auf den Frühling, auf bessere Zeiten, auf was weiß ich. Es gibt aber jedes Jahr einen dunklen Januar, es gibt jedes Jahr einen sinnlosen Februar, da muss man eben durch. Kein Grund, sich hängen zu lassen! Niemand sagt, dass man nicht auch die trüben Wochen mit etwas Phantasie für sinnvolle Projekte nutzen kann. Ich mache das jedenfalls.

Ich beobachte das Wetter, ich beobachte die Söhne. Ich warte ab, nein, ich lauere, denn ich muss für meinen Plan den perfekten Moment erwischen. Ich warte auf die ideale Kombination aus all den unerfreulichen Zutaten dieser Jahreszeit. Es muss draußen stundenlang schneeregnen oder graupeln, die Straßen und Wege müssen unangenehm matschig sein. Alles muss nass sein. Richtig, richtig nass. Und windig darf es auch gerne sein, so windig, dass die gefühlte Temperatur weit in den Keller geht und der Regen überall hinkommt. Und am besten wäre es, wenn es drei Tage hintereinander oder noch länger so ein Wetter gäbe. Die Kinder müssen sich, damit mein Plan funktioniert, noch mit irgendeinem Virus anfreunden, das ist ja in diesen Wochen eh kaum zu vermeiden. Am besten genau dann, wenn das Wetter endgültig so wirkt, als würde es sich nie mehr ändern wollen. Dann wird alles perfekt, dann geht der Plan problemlos auf. Dann werde ich den geschwächten Kindern liebevoll die Betten aufschütteln, ich werde ihnen honigsüßen Tee machen und dicke Bücher zum Vorlesen bereit legen. Und ganz nebenbei, während ich ihnen über die heiße Stirn streichele, werde ich ihnen zuflüstern: “Wenn ihr einen Hund hättet – ihr müsstet jetzt mit ihm raus.”

Und dann werden sie das Thema monatelang nicht mehr erwähnen. Das wird schön.

(Dieser Text erschien als Sonntagskolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

Gelesen, vorgelesen, gesehen, gespielt und gehört im Januar

Gelesen

Januar – Gedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christiane Schmidjell. Da hat die Reihe tatsächlich etwas geschwächelt, und kann doch überhaupt nichts dafür. Die Auswahl ist nämlich ausgezeichnet wie immer, daran liegt es nicht. Aber das da draußen, das war nun einmal kein Januarwetter, jedenfalls nicht in Hamburg. Das passte nicht zusammen, der Blick aus dem Fenster und die Lyrik, das war, als wenn man Weihnachtslieder im Juni singt. Das Wetter hier war November, vielleicht auch Februar, aber Januar – nein, das hätte doch anders gehört. Das gehört so wie in den Gedichten dieser Sammlung, mit Schnee und Frost und Eis und so. Noch ein paar Jahre Klimwandel und man muss wohl die ganze Gedichtbandreihe komplett umstellen und neu sortieren, Monatsnamen ordnen da bald nichts mehr ein..

Der Februarband liegt hier natürlich schon bereit, da wird es aber sicher viel um den Karneval gehen – das muss man als Hanseat natürlich überblättern. Mal sehen, was dann noch übrigbleibt.

Januar-Gedichte

Erich Kästner: Doktor Erich Kästners lyrische Hausapotheke.

Lyrische Hausapotheke

Das sind die bekannteren Gedichte, Verse als Medizin für alle Gelegenheiten. Das Buch gehört in jeden gepflegten Haushalt und wenn man es länger nicht in der Hand hatte – es ist ein Genuss, es wieder zu lesen. Hilfreich und tröstend wie eine Wärmflasche. Und genau wie eine Wärmflasche erinnert es an früher.

Erich Kästner: Die 13 Monate. Mit 13 Graphiken von Celestino Piatti.

Kästner

Celestino Piatti, das muss man jüngeren Lesern vielleicht erklären, hat früher alle dtv-Buchcover gestaltet, gefühlt waren das etwa 10.000 Bändchen, die er bienenfleißig verziert hat, Monat für Monat erschienen mehrere neue Bücher mit Titelgrafiken von ihm. In immer gleicher Manier, meist in immer gleicher Farbgebung. Dicke schwarze Ränder, leuchtendes Rot oder Gelb, ein Piatti war immer auf den ersten Blick ein Piatti. Buchhandlungen mit dtv-Drehständern sahen immer ein wenig aus wie eine Piatti-Vernissage, es gab allerdings in der Regel keinen Sekt und keine Häppchen zur Begrüßung.

Die Gedichte sind von erheblicher Melancholie, aber das passt natürlich zur Betrachtung des Kalenders, das muss wohl so.

“Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege,
Der Weihnachtsmann ging heim in seinen Wald,
Doch riecht es noch nach Krapfen auf der Stiege.
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege,
Man steht am Fenster und wird langsam alt.”

Abseits der bekannteren Bände ganz sicher mein Lieblingsband. Die Kritik war damals überhaupt nicht begeistert, man fand das alles eher flach. Ich finde es ganz wunderbar. Vielleicht weil ich auch am Fenster stehe und langsam alt werde. Kann sein.

Klaus Kordon: Die Zeit ist kaputt – Die Lebensgeschichte des Erich Kästner.

Kordon/Kästner

Das ist ungemein erhellend, wenn man sich für Kästner interessiert oder gerade seine Gedichte und anderen Werke nachliest. Da hatte ich doch mehr Bildungslücken, als mir bewusst war, was seinen Lebensweg betrifft. Man liest auch einiges aus seinen Schriften schon noch ein wenig anders, wenn man um die genauen Umstände weiß, die in diesem Buch erzählt werden.

Wojciech Kuczok: Im Kreis der Gespenster – Erzählungen. Deutsch von Friedrich Griese. Eines der Bücher, bei denen es mir vollkommen schleierhaft ist, wie es in meinen Besitz kam. Hat es mir jemand empfohlen? In dem Fall vielen Dank, ich kann mich leider nicht erinnern. Das ist ein jüngerer Autor aus Polen und ich hätte das schmale Buch fast gleich nach der ersten Geschichte weggelegt, die gefiel mir nicht. Aber bei Kurzgeschichten muss man natürlich mindestens zwei lesen, bevor man etwas endgültig weglegt. Und das Buch wurde dann besser und besser, zum Ende hin fand ich es sehr gut. Fast besser noch als die Geschichten sind die kurzen Interludium-Kapitelchen dazwischen, ich mag das sehr, wenn ganz kurze Texte gut funktionieren.

Im Kreis der Gespenster

Wojciech Kuczok: Lethargie. Aus dem Polnischen in ganz wunderbares Deutsch übertragen von Renate Schmidgall, das ist so ein Fall, da denkt man beim Lesen ab und zu – na, wenn das mal im Original auch so gut ist. Wirklich groß, was die Übersetzerin da geleistet hat. Sollten Sie das Buch auch einmal lesen, achten Sie doch bitte auf die Formulierung “leibherzig und barmhaftig” an einer bestimmten Stelle. Was für eine überaus kluge Wahl, was für ein schöner Einfall. Und ein guter Roman ist es auch noch. Drei Schicksale, noch mehr Hauptfiguren, sehr präzise geschnitzte Konflikte und nebenbei viel polnische Gesellschaft und Gegenwart. Der junge Schwule, der sich vor seinen Eltern nicht outen mag, der schwerkranke Schriftsteller, dem nichts mehr einfällt, die legendär schöne Schauspielerin, die in fataler Ehe gelandet ist, die sind alle glänzend und mit Hingabe beschrieben. Dicke Empfehlung, das hat mir viel Freude gemacht. Sprachverliebt und mit ausgezeichnetem Blick für Figuren, Beziehungen und Szenen, von Kuczok kann man glatt noch mehr lesen. Allerdings hat Renate Schmidgall wohl nichts weiter von ihm übersetzt, soweit ich sehe. Schlimm.

Vorgelesen

Ich bin gar nicht zum Vorlesen von Büchern gekommen, war aber dennoch dauend mit dem Vorlesen von Wörtern, Buchstaben, Textbruchstücken beschäftigt. Das liegt daran, dass Sohn I weiterhin Lesen übt und Sohn II sich natürlich dranhängt. Allerdings führt das noch nicht zum Lesen von ganzen Texten und Geschichten, eher zu Wortdiskussionen. Wir lesen nach wie vor alles, was die Stadt zu bieten hat, von Straßenschildern bis zu Leuchtreklamen und Aufklebern an Laternenmasten, Hamburg ist überall beschriftet. Wir haben mit einiger Ernüchterung festgestellt, dass der Anteil englischer Wörter in der Stadt noch viel, viel höher ist, als man es sich ohnehin schon vorstellt – am Englischen scheitert man aber immer wieder gnadenlos als Leseanfänger.

Ein wenig seltsam ist es auch, dass man in der Schule Regeln lernt, die draußen gar nicht gelten. Warum steht an der Bäckerei “BackCafé”? Wieso ist da ein Großbuchstabe mitten im Wort? Darf man das, wer darf das, warum darf Sohn I das dann nicht? Das ist alles gar nicht so einfach.

Sohn II hört bei all dem zu, denkt nach und lernt vor sich hin, wobei er bemerkenswert wenig sagt, aber viel abspeichert. Wenn er schreibt, wird es typografisch interessant, man sehe sich etwa diesen Einkaufszettel von ihm an, auf dem er “Apfelsinen” notiert hat. Wenn der Platz nicht reicht, schreibt er eben in der nächsten Zeile zurück, warum auch nicht.

Einkaufszettel Sohn II

Ansonsten habe ich auch deswegen wenig vorgelesen, weil Sohn I gerade nichts als Comics verschlingt und das Vorlesen von Comis furchtbar ist. Man möchte sich, wenn man das als Vater erlebt, noch im Nachhinein bei allen entschuldigen, die man selbst als Kind damit bedrängt hat. Wirklich, das ist schlimm. “Was sagt der da?” “Der sagt Uff.”

Die Herzdame liest den Söhnen Sagen vor: “Die schönsten Sagen aus aller Welt”, nacherzählt von Katharina Neuschaefer und ist gerade bei den Nibelungen angekommen. Da müsste ich eigentlich zuhören, ganz sattelfest bin ich da sicher auch nicht mehr. Sohn II besteht außerdem auf der nahezu täglichen Lektüre von “Swimmy”, einem Bilderbuch von Leo Lionni, übersetzt von James Krüss. Mehr zum Buch hier.

Gesehen

Ich habe tatsächlich Filme gesehen, ist es zu fassen? Und sogar mehrere, ein höchst ungewöhnlicher Monat.

Jesus Christ Superstar. Ja, der alte Film im Hippie-Look. Da handelt es sich natürlich um ein Wiedersehen, aber wie lange mag das her sein? Vermutlich ist das wieder nicht mehrheitsfähig, aber ich mag den Film heute noch. Das liegt auch daran, dass es dieses Musical in meiner Schulzeit einmal als Schultheaterstück gab. Das war so ein Aufführung, die natürlich auf Laientheaterniveau war, aber dennoch auf eine Art Fahrt aufnahm, die einen als Zuschauer vollkommen sprachlos zurückließ. Und die mich damals sehr für diese Musik begeistert hat. Der Mitschüler, der das damals inszeniert hat, war allerdings auch durchaus begabt, wie man an seinem späteren Lebenslauf sieht.

Neue Vahr Süd. Den Film kannte ich noch nicht, das Buch schon. Ich fand den Film gut, nur den Soundtrack stellenweise seltsam unpassend, das hat man ja auch eher selten. Die Musik hat mit der Zeit, in der die Handlung spielt, nichts zu tun, das stört, da ist man im falschen Jahrzehnt. In Film und Buch sind übrigens alle Vorkommnisse, Witze und Szenen verbraten, die ich selbst jemals über die Bundeswehr erzählen könnte, was ein klein wenig gemein ist. Aber wenn Sven Regener vor einem da war, dann hat man natürlich nichts mehr zu melden. Ich fand den Film jedenfalls ganz unterhaltsam und witzig.

Willkommen bei den Sch’tis. Das haben natürlich alle schon gesehen, nur wir wieder nicht, schon klar, wir kommen ja zu nix. Eine Komödie, von der man auf keinen Fall zu viel erwarten darf, unterm Strich ist der Film schlicht harmlos und ganz nett. Es geht aber über weite Strecken um Sprachwitz und sprachliche Marotten, da bin ich verloren, so etwas liebe ich. Man hat für die deutsche Fassung des Films einen Dialekt neu erfunden und ich finde, man hat das sehr gut gemacht. Und da die Herzdame da ähnlich tickt wie ich, dauert es vermutlich Wochen, bis wir das Sprachverhalten und die Vokabeln der Hauptfiguren wieder los werden. Dasch ischt aber egal, unter unsch Blödbommeln.

Gespielt

Ich kann mich nicht erinnern, mit den Kindern etwas gespielt zu haben. Es war eher ein Monat voller grippaler Infekte und etwas trübsinnigem Herumhängen, das ist aber auch einmal schön. Wenn jeder für sich irgendwo chillt oder arbeitet oder bastelt oder CDs hört oder einschläft oder was auch immer, das muss man gar nicht in pädagogischem Eifer mit Brettspielen oder anderem Entertainment unterbrechen. Finde ich.

Gehört

Keine wilde neue Liebe gefunden. Dafür gerne wieder einmal Madness gehört. Am frühen Morgen, das ist ja gute Aufwachmusik. Das finden zwar nicht alle in dieser Familie, aber egal. Ich bin zuerst wach, ich mach die Musik an.

Und schöne Wintermusik findet man übrigens auf dem neuen Album von Diana Krall, “Wallflower”, auf dem sie Popklassiker interpretiert. Kann man statt Heizung anmachen.

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Da wurde doch gerade hinter den Kulissen dieser Kolumne ein Rekord gebrochen. Das hatten wir nämlich noch nie, dass wir am Text herumbasteln und währenddessen gleich drei Mails kommen, in denen uns fast textgleich der Aufhänger von freundlichen Leserinnen empfohlen wird. Der Text von “Bauer Willi” nämlich, der sich an die Verbraucher richtet, beziehungsweise ihnen den Marsch bläst, sie aufrüttelt, sie in jedem Fall sehr direkt anspricht. Kann man ja mal drüber nachdenken! Beim Denken helfen in dem Fall vielleicht sogar die Kommentare unter dem Artikel weiter, da wird munter von weit entfernten Standpunkten aus diskutiert, und das sogar vergleichsweise zivilsiert. Ein Blick auf die Lage der Bauern, der hilft natürlich ebenfalls weiter bei diesem Thema. Und man sollte wohl nicht vergessen, dass Bauern und Verbraucher sich sowieso nicht immer freundlich begegnen.

Der Text von Bauer Willi richtet sich an den Durchschnittsverbraucher, an Otto Normalverbraucher hätte ich fast geschrieben. Was es mit dem auf sich hat, das kann man sich übrigens auch einmal ansehen, das ist schon interessant, denn der ist ein ausgesprochen mangelgeprägtes Wesen. Geschichtlich gesehen wird sein Einkaufsverhalten wohl von der Haltung “Hauptsache satt” bestimmt.

Der Verbraucher will, so Bauer Willi, vor allem billige Ware, die aber ungespritzt und bio und regio und überhaupt, da stellt man dann fest, dass die Forderung nach dem einfachsten Produkt vielleicht doch die Forderung nach Luxus ist. Denn auch Luxus wird natürlich dauernd umdefiniert, in jeder Branche. Auch da muss man vielleicht ab und zu sein Weltbild justieren und sich fragen, welchen Luxus man sich eigentlich gönnen möchte.

Noch einmal zurück zum Bauern Willi und seiner vermutlich nachvollziehbaren Wut auf billige Lebensmittel. Lebensmittel können manchmal auch billiger werden und es ist doch ein tieferer Sinn in der Preisentwicklung, und zwar dann, wenn man sie damit vor dem Müll rettet. Herrlich kompliziert, das alles – andere Produkte müssen nämlich bekanntlich viel teurer werden, damit es alles sinnvoll bleibt oder wieder wird. Wie es sich anfühlt Lebensmittel einzusammeln, die bereits im Sinne des Handels entwertet, aber noch nicht im Müll sind, kann man hier nachlesen.

Hat man die Lebensmittel aber nicht rechtzeitig als kaufender Verbraucher oder sammelnder Foodsharer vor dem Müll gerettet, kann man sie immer noch aus dem selbigen retten. Damit sind wir dann beim “Containern”. Dazu ein kleines rechtliches Update – wann darf man eigentlich was aus dem Müll mitnehmen? Wie sehen Juristen das – wenn sie denn hinsehen müssen?

Juristen neigen natürlich zu Spitzfindigkeiten, das ist ihr Beruf. Beim Containern wie auch bei den anderen Themen hier sollte man aber das Wichtigste nicht vergessen – die Ressourcen sind wirklich knapp, wir müssen uns wirklich um Effizienz bemühen. Man spricht schon von “Peak-Alles.”

GLS Bank mit Sinn

Ein Update bei “was machen die da”

In der heutigen Folge geht um einen Handwerksbetrieb, für dieses Interview sind wir quer durch den letzten Orkan nach Lübeck gereist, wir trauen uns ja was. Lübeck also, da komme ich her, und wo ich gewohnt habe, bevor ich damals nach Travemünde zog, das kann man auf den Bildern im Beitrag sehen. Die Detailansichten dort waren jahrelang meine gewohnte Umgebung.

Da sieht man nämlich die Werkstatt, in der früher mein Vater als Meister das Sagen hatte, heute mein Bruder. Das Wohnhaus war gleich neben der Werkstatt, das war alles einmal mein Revier. Mein Bruder ist Glasermeister, da geht es also um ein Handwerk, über das gar nicht so viel bekannt ist. Aber wenn man das Interview mit ihm gelesen hat, dann weiß man natürlich erheblich mehr.

Bitte hier entlang.

Glasscherben

Hamburg wählt

Sohn I liest alles, was ihm im öffentlichen Raum vor die Augen kommt. Das sind zur Zeit also auch Wahlplakate. Eine überaus interessante Sache für ein Kind, das nach eigener Aussage “die Welt verstehen will”, und das auch noch einigermaßen dringlich. Er steht grübelnd vor diesen Plakaten, die das Wahlvolk informieren sollen.Es gibt bei dieser Wahl allerdings viele Plakate, auf denen einfach nur ein Gesicht abgebildet ist. Ein Gesicht und ein Parteiname.

“Warum soll man die denn jetzt wählen? Weil die so einen Kopf haben oder was?”

Wie erklärt man das dann bloß, ohne in geradezu rüden Sarkasmus zu verfallen? Das Kind meint es ja sowohl ernst als auch gut, das ist jetzt alt genug, um sich erstmalig mit Wahlen zu beschäftigen. Wahlen sind wichtig, das weiß er. Oben, ganz am Rand der Plakate, da steht manchmal auch noch was, ganz kurz. Und das eine Wort, das erkennt der Sohn gleich, das ist immer Hamburg, klar, das sieht er sofort. Die wollen also alle irgendwas für Hamburg, hurra, es wird schon sinnvoller. Und wenn es oben steht, dann ist es wohl die Hauptbotschaft? Also sucht er die Plakate nach diesen Kopfzeilen ab. Er steht und buchstabiert:

“Hamburg weiter vorn” (ein Plakat der SPD)

“Hamburg kann mehr” (ein Plakat der CDU)

“Hamburg gibt die Richtung vor” (ein Plakat der FDP)

“Hamburg für alle” (ein Plakat der Piraten)

Und dann erklären Sie mal einem wirklich interessierten Kind, was ein Slogan ist und was man aus diesen Slogans für die Politik der Parteien ableiten soll. Man muss da sein in Jahrzehnten angehäuftes Werbewissen abschütteln und sich vorstellen – das ist alles neu. Wenn man sich das überhaupt vorstellen kann. Man steht also vor einem Wahlplakat und erwartet Sinn und Ernst und Aussage und Glaubwürdigkeit – ach was, das kann sich doch kein Erwachsener mehr vorstellen.

Ein Plakat der Linken haben wir auf dem Weg übrigens nicht gesehen, vermutlich steht da “Mehr Hamburg für alle” drauf, fast möchte man es wetten. Die Grünen scheinen in meinem durchgentrifizierten Bahnhofsviertel auch nicht mehr zu werben, das ist hier vielleicht auch gar nicht mehr nötig – aber was mag bei denen stehen? Man traut sich gar nicht, das nachzusehen.

Die satirische Partei “Die Partei” warb hier vor Jahren mit Plakaten, auf denen als Slogan “Hamburg – Stadt im Norden” stand. Das fanden wir alle wahnsinnig witzig, was haben wir gelacht! Stadt im Norden! Ein Knaller. Hamburg weiter vorn! Man darf gar nicht drüber nachdenken. Hamburg kann mehr. Hamburg für Dich. Mein Hamburg und ich. Einfach Hamburg. Das beste Hamburg aller Zeiten. Aus gutem Grund ist Hamburg rund. Hamburg repariert. Heute ein Hamburg. Und dann natürlich noch irgendwas mit Tierfutter. Das verfolgt mich doch jetzt wieder tagelang! Schlimm.

Morgen zeige ich dem Sohn den Wahlomat, vielleicht kann ich damit wieder mehr Sinn in die Sache bringen.

Woanders – diesmal mit der Handschrift, Konsequenzen in der Erziehung, einem Chor und anderem

Schule: In der SZ geht es um die Handschrift in Finnland, wo man auf diese neuerdings verzichten möchte (Korrektur – die FAZ weiß es genauer). Ich habe, das hat mit dem verlinkten Text aber gar nichts zu tun, neulich zum ersten Mal seit ich weiß nicht wie vielen Jahren einen ganzen Text per Hand geschrieben, eine Kolumne für die Zeitung. Nicht aus irgendeinem retroaffinen Vorsatz, einfach nur weil ich schon im Bett lag und noch kurz vor dem Einschlafen eine Idee hatte. Und wenn ich noch einmal an den Computer gegangen wäre, dann hätte ich auch noch einmal in den Feedreader gesehen, kurz auf Facebook und auf Twitter und Instagram usw., und dazu hatte ich keine Lust. Also habe ich ein Notizbuch genommen und einen Kuli. Das ist anstrengend, mit der Hand zu schreiben, wenn man es jahrelang nicht mehr gemacht hat. Also abgesehen von Einkaufszetteln und dergleichen. Erstaunlich jedenfalls, ohne es überbewerten zu wollen, dass der Text am nächsten Morgen deutlich weniger Änderungsbedarf hatte, als ich es von meinen getippten Texten kenne. Daran werde ich noch ein wenig herumprobieren, interessante Sache. Man denkt wohl doch erheblich langsamer und strukturierter, wenn man mit der Hand schreibt.

Schule: Frau Novemberregen über die unsägliche Frau Steinbach und die Situation an Schulen in bestimmten Städten. Ich finde es gerade sehr reizvoll, dass die Kinder in der Grundschule von Sohn I angefangen haben Schimpfwörter auszutauschen, da kommen bei etwa fünf Nationen in seiner Klasse natürlich einige zusammen. Der Begriff der Woche war für mich Piskopat, das ist die türkische Vokabel für Psychopath. Toll, was? Das merke ich mir doch.

Familie: Kinder lernen aus den Konsequenzen der eigenen Handlungen. Nicht.

Reise: Bei Liisa gibt es in einem Artikel einen eingebetten Film, in dem es um das “Ja” in Nordschweden geht. Das führen wir hier natürlich auch sofort genau so ein.

Hamburg: In Hamburg gibt es einen Chor für alle und ich bin tatsächlich in Versuchung.

Hamburg: Im Archäologischen Museum Hamburg haben Flüchtlinge jetzt freien Eintritt. Man muss ja auch einmal die guten Nachrichten verlinken. Vielleicht vermehren sie sich?

Psychologie: Ein Text in der Zeit über Abschiede und Trennungen und was wir zurücklassen und was wir zusammen haben. Da kann man an vielen Stellen weiterdenken, wirklich schöner Text. Man beachte die Stelle mit dem transaktiven Gedächtnis.

Feuilleton: Stefan Mesch über das Buchprojekt 1000 Tode. In der neuen Version jetzt übrigens auch mit einem Text von mir, sagte ich das? Jetzt aber.

 

 

Kurz und klein

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Nachdem wir uns in der letzten Folge der Tagespolitik stark angenähert haben, machen wir jetzt einmal das Gegenteil. Und sehen uns etwas an, das ganz anders ist – anders als unser Alltag, anders als unsere Nachrichten, als unsere Traditionen. Wenn Sie glauben, Sie würden in Ihrem Leben einigen Traditionen folgen, hier geht es gleich um Menschen, die älteren Traditionen folgen. Garantiert. Es geht, und da trifft es wieder unsere üblichen Themen, um Wirtschaft, es geht um Verantwortung, um die Beziehung zwischen Mensch und Beruf. Es geht um einen der ältesten Familienbetriebe der Welt, das Houshi Ryoakan in Japan. Und wer ein wenig Sinn für Geschichten hat, dem fällt vielleicht auf, wie geeignet dieser Film als Romanvorlage ist. Der Film dauert 11 Minuten, aber das ist gut angelegte Zeit.

Es ist nicht ganz so einfach, da einen passenden Link in unserem wöchentlichen Themendomino anzulegen, aber man kann es ja einmal mit der Brücke von der japanischen Gartenkunst zu Parks versuchen. Parks, die messbar glücklich machen. Wobei Städte, wir hatten das mehrfach, auch noch auf andere Art wieder grüner werden können, hier etwa die Variante in Zürich. Hat Ihre Stadt auch so eine Strategie? Vermutlich nicht. In Grenoble wiederum geht es um eine ganz andere und höchst bemerkenswerte Art der Stadtbegrünung, da tauscht man jetzt Werbung gegen Bäume.

Und von den Parks, normalerweise städtische Orte der gepflegten und kultivierten städtischen Leere, kommen wir zur Leere im Beruf. Zur “leeren Arbeit”, wenn es auch ein nicht ganz so schönes Thema ist. Leere Arbeit in überfüllten Räumen könnte man da noch ergänzen, das widerspricht sich nämlich überhaupt nicht. Den Ausruf “Lasst mich bloß alleine” kann man nach dem letzten Artikel sofort nachvollziehen. Aber in was für Räumen diese Artikel wohl entstanden sind?

Leere auf dem Konto findet man gemeinhin eher gruselig, aber auch da gibt es Ausnahmen, wenn sie auch sehr selten sein dürften. Leere auf dem Konto, Armut, ist in aller Regel ein Problem – und zwar ein gewaltiges. Gerade wurden neue Zahlen zur Verteilung des Kapitals auf der Welt veröffentlicht und man darf staunen: Heute besitzt ein Prozent der Weltbevölkerung fast die Hälfte des Weltvermögens. Oder überrascht das schon gar nicht mehr? (Im Artikel auch der Link zum ganzen Bericht als PDF)

Diese Kolumne wird geschrieben, während die Nachrichten wieder randvoll von Pegida und Legida sind, man kommt bei den Abkürzungen kaum noch hinterher. Eine andere Demo, gar nicht so klein, ziemlich groß sogar, hatte deutlich weniger Medienpräsenz. Da ging es um Agrarpolitik und bei der Zahl der Teilnehmer möchte man vielleicht zweimal hinsehen. Oder lieber gleich nach anderen Quellen suchen, die deutlich weniger ausweisen, nämlich die Zahl der Polizei, die aber auch noch bei immerhin 25.000 liegt. Mehr zum Hintergrund der Demo hier im Tagesspiegel.

Zum Schluss haben wir in dieser Woche wieder einen Link für die Fahrradfraktion, nachdem in der letzten Woche absolut nichts zu finden war, sehr ungewöhnlich. Vielleicht liegt es an der Jahreszeit? Jetzt finden wir aber doch wieder etwas, und um das Finden geht es auch in dem Artikel: Fahrräder, die dauernd ihre Position melden.

GLS Bank mit Sinn

Ich nenne es Arbeit

Das Problem bei Kolumnen wie dieser besteht darin, dass man vor dem Schreiben ein wenig nachdenken muss. Nun ist Nachdenken im Prinzip eine feine Sache, ich würde das jederzeit empfehlen, ähnlich wie Sport. Aber genau wie beim Sport gilt auch beim Nachdenken: man kommt ja nicht dazu. Wenn auch aus anderen Gründen. Beim Sport liegt es an mangelnder Entschlusskraft und natürlich auch immer am Wetter, beim Nachdenken liegt es eher an der Optik. Man sieht beim Nachdenken nämlich nicht so aus, als würde man etwas tun. Man sieht eher so aus, als würde man da einfach nur sitzen. Man sitzt und guckt Löcher in die Luft, man sieht verfügbar und verwendbar aus. Man denkt angestrengt nach und man weiß, dass es Arbeit ist. Aber alle anderen denken: “Ach guck, er langweilt sich. Das können wir ändern!” Und sie bewerfen einen sofort mit Aufgaben und Arbeit und überhaupt mit Zumutungen aller Art, sie stellen Fragen nach weiteren, womöglich sinnvolleren Vorhaben, sie sitzen einem plötzlich plappernd auf dem Schoß. Letzteres immerhin nur, wenn es sich um meine Söhne handelt, ich will nicht übertreiben.

Aber wenn ich einfach nicht nachdenken kann, weil die anderen Menschen nun einmal so sind, wie sie sind, und wenn ich gar keine besonderen Menschen um mich habe, sondern solche, die jeder ähnlich um sich hat, also normale Familienmitglieder, Kollegen, Nachbarn – geht es dann am Ende nicht allen so? Hat nicht jeder immer jemanden neben sich, der jegliches Nachdenken gleich zu Beginn durch die Frage unterbindet, ob man jetzt mal Staub saugen könne? Oder Kaffee kochen oder die Buchungsbelege der Reisen von 2014 suchen? Denkt also am Ende niemals jemand wirklich nach – und ist die Welt nicht vielleicht gerade deswegen so, wie sie nun einmal leider ist? Denken Sie mal drüber nach!

Ach nee.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

Die Herzdame backt: Käsekuchen

Tisch mit Käsekuchen

Ich habe neun Jahre lang fleißig gebloggt, bis ich einen Sponsor gefunden habe, die Herzdame hat den ersten bereits nach einer Handvoll Kuchenrezepten (siehe ganz unten). Es gibt mir ein wenig zu denken, aber was soll man machen. Wenn ich das gewusst hätte, ich hätte mir natürlich gleich schicke Kleider angezogen und Torten produziert. Aber gut, Ehre, wem Ehre gebührt, das ist nun ihre Leistung.

Herzdame

Es geht in dieser Folge um Käsekuchen, das ist natürlich ein ganz heikles Thema. Den bekommt man so oft in falscher Konsistenz vorgesetzt, zu trocken, zu fest, zu hart am Rand, mit seltsamen Früchten drin, geschmacklich nah an Bauschaum, Käsekuchen ist gar nicht so einfach. Ich bin daher sehr angetan, dass die Herzdame vor einer Weile beim richtigen Käsekuchenrezept gelandet ist, richtig natürlich nur in dem Sinne, dass er mir genau richtig erscheint. Dazu gehört, dass da Dosenmandarinen drin sind, weil das nämlich immer schon so war. Man muss ja nicht alles ändern, nur weil man es ändern kann. Käsekuchen ohne Dosenmandarinen ist Frankfurter Kranz ohne Butter, also irgendwie sinnlos.

Dosenmandarine

Für den Teig brauchen wir:

200 g Mehl
100 g Zucker
100 g Butter
1 Ei
1 P Vanillezucker
1/2 P Backpulver

Und für die Füllung:

750 g Magerquark
150 g Zucker
4 Eier
1 P Vanillezucker
1 P Vanillepuddingpulver
1/4 l Milch
1 Dose Mandarinen

Zuerst soll eigentlich eine Springform eingefettet werden, sagen die meisten Rezepte, die Herzdame macht das anders. Sie deckt den Boden einer Springform mit Backpapier ab, bastelbegabte Kinder können gerne helfen, wie hier im Bild Sohn II. Bei beschichteten Formen muss man auch den Rand nicht unbedingt einfetten.

Springform

Springform

Aus den 200 g Mehl, 100 g Zucker, 100 g Butter, 1 Ei, 1 Packung Vanillezucker und einer 1/2 Packung Backpulver einen Teig kneten, auch dabei können Kinder helfen, das übernimmt Sohn I.

Teigrühren

Aber immer beachten – die meisten Unfälle passieren im Haushalt.

Die meisten Unfälle passieren im Haushalt

Die Krümel mit der Hand einarbeiten, so lange bis alles eine formschöne Kugel ohne Gebrösel ergibt.

Teigkneten

Der Teig kommt in die Springform, dabei einen Rand basteln.

Teig in Springform

Herzdame an Springform

Springform mit Teig

Jetzt die Füllung.

Zutaten

Aus 750 g Quark, 150 g Zucker, 1 Packung Vanillezucker, 1 Packung Vanillepuddingpulver, 4 Eiern und 250 ml Milch die Füllung zubereiten. Hierfür wird Eigelb vom Eiweiß getrennt, das Eigelb kommt direkt in die Käsemasse, das Eiweiß wird zu Eischnee geschlagen und zum Schluss untergehoben. Wenn man etwas Nervenkitzel möchte, kann man ein Kind vier Eier für ein Foto halten lassen, dann die Zutatenliste ggf. noch einmal um vier Eier erweitern.

4 Eier

Bei diesem Vorgang hatte ich eine interessante Erkenntnis. Dieses weiße Ding, dessen Existenz in der Küchenzubehörschublade mir seit Jahren ein Rätsel ist, hat tatsächlich einen Sinn! Und ich habe es nicht gewusst. Es trennt Eier, große Überraschung. Ich habe mich immer nur beim Herumräumen kurz gewundert, was das eigentlich ist. Man lernt eben nicht aus, nicht einmal vor der eigenen Küchenschublade.

DSC_0626

Das Eiweiß wird zu Schnee geschlagen.

Eischnee

Den Eischnee mit dem Rest der Zutaten verrühren.

Käsemasse

Dann diese Masse in die mit Teig ausgelegte Springform gießen.

Teig in Springform

Jetzt braucht man die Dosenmandarinen. Wenn es bei Ihnen wie bei uns zugeht, sind die zu diesem Zeitpunkt allerdings nach diversen Diebstahlsdelikten schon fast alle, weswegen man die Zutatenliste oben vielleicht besser auch um eine weitere Dose Mandarinen erweitert.

Die Mandarinen abtropfen lassen und dann im Teig versenken. Nach System, nach Willkür oder nur auf einer Seite, ganz nach Belieben. Die Grundregel bei uns scheint zu sein, dass an allen Fingern Teig kleben muss.

Mandarinen einpflegen

Mandarinen einpflegen

Teig mit Mandarinen

Dann kommt die Pracht in den Ofen. Bei 180-200 (Umluft 150-160) Grad etwa eine Stunde backen. Dabei wird zum Schluss der Rand dunkel, das soll auch so sein, alles richtig.

Teig in den Ofen

Je nach Ofen muss man aber ziemlich genau hinsehen, damit es nicht zu dunkel wird.

Herzdame vor Ofen

Und nachsehen und abwarten.

Herzdame mit Buch

Zwischendurch einmal die Stäbchenprobe – wenn kein Teig mehr am Stäbchen klebt, ist der Kuchen fertig.

Stäbchenprobe

Wenn er gemäß Farbe und Stäbchen tatsächlich fertig ist, sieht er etwa so aus:

Käsekuchen

Käsekuchen

Und so muss er auch aussehen, so muss er schmecken. Ich hatte beim Bearbeiten der Bilder den Eindruck, man sieht ganz gut, wie er schmeckt.

Käsekuchen anschneiden

Käsekuchen auf Teller

Wenn man den Kuchen nach diesem Rezept macht, wird der Rand nicht zu hart, der Kuchen ist fluffig und doch saftig, er ist genau, wie er gehört. Und er macht natürlich etwas her, das ist sehr kaffeetafelkompatibel und macht schwer Eindruck bei all diesen Kinder-Events, zu denen man einen Kuchen mitbringen soll. Man wirkt damit allerdings etwas streberhaft, das muss man natürlich beachten.

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