Woanders – Der Wirtschaftsteil

Die Textilwirtschaft ging wieder durch die Medien. Nicht mit Mode, nein, mit einem Nein. Nein, wir können nicht, nein, wir wollen nicht, nein, wir mögen lieber nicht – etwas für die Textilarbeiterinnen in Bangladesch und anderen Staaten verbessern. Passt gerade nicht, das muss man verstehen. Bei einigen passt es dann aber doch, Vaude z.B. ist mit an Bord, aber die sind auch sonst etwas anders. Man würde gerne noch mehr und noch größere Beispiele finden. Im erstverlinkten Text findet man auch eine Liste der teilnehmenden Hersteller.

Der Textilkonsum bei den Billiganbietern, das massenhafte Kaufen von immer neuen Stücken, es wirkt übrigens nach dem Kauf wieder zurück in schwächer entwickelte Länder, etwa wenn die abgelegte Kleidung von uns auf Märkten in Afrika landet. Es ist kompliziert, die Kausalketten des Konsums enden bei Kleidung keineswegs in der Einkaufstüte.

Ein Textilbündnis geht den Konzernen also schon zu weit, gegen TTIP haben viele Unternehmer aber nichts. Nur hin und wieder liest man Meldungen, in denen es um Widerstand gegen TTIP aus der Wirtschaft heraus geht – etwa hier beim Buchhandel.

Ein großer Name in der Geschichte der Konzerne und großen Firmen ist sicherlich John D. Rockefeller. Ein Mann, der heute aus dem Ölgeschäft aussteigen würde – das behaupten zumindest seine Erben und wenden sich erneuerbaren Energien zu. In diesem Zusammenhang ist auch Desmond Tutu interessant, an den man sich vielleicht noch aus ganz anderen Zusammenhängen erinnert. Auch er denkt über Öl nach.

Da passt ein neuer Smalltalk-Begriff, den wir schnell einbauen: Die Positiv-Maut. Da ist keine orwellsche Wortverdrehung aus Bayern, wie man zunächst annehmen könnte, das ist ein verkehrspolitisches Experiment aus einer Kleinstadt in Norwegen. Und wenn wir schon bei Vokabeln sind, werfen wir gleich noch ein neues Wort aus dem Englischen hinterher – to copenhagenize. Man ahnt es gleich, da geht es um Radwege und die Stadt, aus der das kommt, ist Pittsburgh (englischer Text) .

Über Verkehr denkt auch der Herr Dueck nach, einer der Menschen, die beruflich unentwegt über Wirtschaftsthemen grübeln. Er schreibt einen lesenswerten Rant gegen das Lachen über Google – das klingt zwar nicht so, aber da geht es um Autos und Verkehr. Aber auch um den ganzen Rest. Um den ganzen Rest im Management, der disruptive Innovation nicht versteht (wer den Begriff nicht kennt: bitte kurz hier entlang) und deswegen vielleicht mit seiner Firma, seinem Produkt, seiner Marke grandios an der Gegenwart scheitert.

Diesen Scheiternden kann man immerhin einen wertvollen Tipp mitgeben. Sie sollten sich in Kürze nach Berlin begeben, weil Berlin “so eine großartige Scheiter-Infrastruktur hat”. Das sagen nicht wir, das sagt Regine Heidorn, die das Barcamp des Scheiterns erfunden hat, eine ganz wunderbare Idee. Hier ein kleines Interview mit ihr, das Barcamp findet schon in wenigen Tagen statt – natürlich in Berlin.

Zum Schluss auch einmal etwas Nettes zu einem Thema, das hier immer wieder vorkommt. “Wie kann ich helfen?” ist ein Blog, das Hilfsangebote und unterstützende Projekte für Flüchtlinge in ganz Deutschland listet und wenn man da so runterscrollt, ist das doch etwas erfreulicher, als immer wieder die Nachrichten zur anwachsenden Fremdenfeindlichkeit, zu nicht vorhandenen Unterkünften und zu schlechter Behandlung zu lesen.

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Woanders – diesmal mit Trakl, Kafka, Selfies und anderem

Schule: Nico Lumma bei 140 Sekunden über seine Elternabendtweets. Ich twittere bei Elternabenden übrigens eher nicht, weil mich mittlerweile doch ein paar mehr Leute in unserem Stadtteildorf lesen und richtig böse Scherze hier sicher gleich die Runde machen würden. Das Internet ist als Lästerecke nur noch bedingt brauchbar, finde ich.

Schule: Ein Artikel in der Zeit über das komplexe Thema Hamburger Stadtteilschulen. Mir kommt es ein wenig so vor, als hätte mehr und mehr Eltern Angst, ihre Kinder könnten durch falsche Beschulung womöglich entgegen aller Wahrscheinlichkeit doch nur normale Menschen werden, keine Ausnahmetalente, Leuchtraketen, Wundertäter.

Familie: Das Nuf über Mama-Leaks. Es gibt vermutlich keine Mutter und keinen Vater, die dazu nicht Geschichten beitragen können. Und die meisten werden tatsächlich mehr oder weniger schmerzhaft gelernt haben, mit einer Sicherheitslücke in Metergröße umzugehen.

Gesellschaft: Ich mag es ja sehr, wenn Frau Novemberregen telefoniert.

Gesellschaft: “In zehn Jahren sind hier alle tot oder weg.” Eine Reportage aus Brandenburg.

Feuilleton: In der NZZ geht es um Kafkas frühe Jahre. Ich habe ja eine schwere Kafkaunverträglichkeit, bewundere ihn aber dennoch. Doch, das geht.

Feuilleton: Beim österreichischen Datum reist man Grodek hinterher, also dem Trakl, dem “Am Abend tönen die herbstlichen Wälder…” Sie kennen das sicher, wer kennt das nicht. Kommt das heute noch in jedem Lesebuch vor? Schreiben Schüler heute noch Trakl-Parodien mit einer schier unerträglichen Überdosis Herbst und Glanz und Gold und Dämmer und der bebenden Magd im Hain? Wahrscheinlich doch. Ist auch richtig so, finde ich. Er war eben ein ganz Großer.

Fotografie: Ein ganz wunderbarer Rant über die Selfie-Seuche. Ganz meine Meinung. Aber bitte, es ist ein freies Land, hier kann jeder machen, was er will. Im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, versteht sich.

Fotografie: Zehn Meisterwerke der zeitgenössischen Bahnfotografie.

Hamburg: In der Zeit ein Bericht, warum die Kurden in Hamburg zu den Waffen greifen. Wobei da sicher keineswegs nur Kurden zu den Waffen gegriffen haben, um Irritationen gleich zu vermeiden. Die erwähnten Krawalle fanden jedenfalls nur wenige hundert Meter von meinem Schreibtisch entfernt statt; ich hatte einige Mühe, Sohn I am nächsten Tag beim Passieren der einsatzbereiten Wasserwerfer in den Nebenstraßen zu erklären, dass hier kein Krieg ausgebrochen ist. Und ich war auch nur mäßig erfolgreich. Aus Kindersicht verschwimmen die Konflikte in der Ukraine, in Syrien, im Irak, in Palästina, in Nigeria usw. gerade zu einem großen Um-uns-herum-Krieg, der sich gar nicht mehr so weit weg anfühlt.

Nordostwestfalen: Der OWL-Namensgenerator. Und immer bedenken – sie heißen da wirklich so.

Küche: Italien am Abend. Währenddessen warten hier neben mir neue Kochbücher. Schlimm.

 

Eltern und Möbel

Es folgt ein Gastbeitrag von Patricia Cammarata. Die kennen Sie entweder von ihrem eigenen Blog oder von ihrem letzten Artikel bei mir – nämlich hier. Sie schreibt bei mir eine Reihe, in der es darum geht, was sich für Erwachsene durch Kinder ändert. In dieser Folge geht es um Möbel, wozu ich kurz anmerken möchte, dass wir es hier gerade aufgegeben haben, abendfüllend über die Kinderzimmereinrichtungsplanung nachzudenken oder uns fortwährend zu grämen, dass wir nur ein Kinderzimmer haben. Es ist egal. Weil die Kinder sowieso nie darin sind. Sie schaden lieber dem Rest der Wohnung.

Jetzt Patricias neuer Text:

Dass sich die meisten Menschen erst jenseits der Dreißig entscheiden Kinder zu haben, ist rein möbeltechnisch ein Fehler. Im Grunde müsste man zu Studentenzeiten Kinder bekommen. Das ist die Zeit, in der alle Möbel gebraucht und billig sind. Die meisten Möbelstücke haben abgeschlagene Ecken, Kratzer, Farbflecken, der Stoff ist abgewetzt und sie müffeln ein wenig. Ideal für Kinder. Denn wann man Kinder hat, sehen die Möbel nach wenigen Jahren genau so aus.

Dummerweise bekommen viele (zumindest Akademiker) Kinder aber erst wenn sie einige Jahre berufstätig sind. D.h. die Studentenmöbel sind schon lange zur Mülldeponie gefahren, die Mitgift in die Ersteinrichtung der Wohnung investiert. Womöglich hat man sich vorher noch die Mühe gemacht, hochwertiges Holzparkett verlegen zu lassen.

Weil alles so teuer war, behandelt man es sehr pfleglich. Ich habe mir damals zum Beispiel ein gigantisches Sofa geleistet. In strahlend orange. Drei Meter lang und so breit, dass man die Füße nicht auf den Boden stellen kann, wenn man sich mit dem Rücken anlehnte. Es war wunderschön. Bespannt mit einem ganz exquisiten Material. Damit es keine Flecken bekommt, habe ich es mit Plastikfolie überzogen. So war ich entspannter. Man möchte ja nicht jedem Gast auf den Po schauen, ob da nicht etwas klebt, das Flecken machen könnte. Auf unsere frisch abgezogenen und gewachsten Holzdielen, habe ich vorsichtshalber Malervlies gelegt. Im Eingang musste natürlich alle ihre Schuhe ausziehen und ich saugte ihnen vorsichtshalber nochmal die Füße ab. Händewaschen nicht vergessen!

Jedenfalls. Unsere Wohnung war wunderschön. Wunderwunderschön. Wie eine Doppelseite aus der Schöner Wohnen ausgeschnitten. Spartanisch mit sehr klaren Strukturen.

Dann wurden die Kinder geboren. So lange sie sich nicht bewegten und man ihnen einfach eine Decke unterlegen konnte, war alles wie immer. Doch dann wurde aus einem Säugling ein mobiles Baby und aus dem Baby ein beschmiertes Kleinkind. Mit Rotznase und Klebehänden. Und der Fähigkeit Filzstifte zu tragen und eine Kinderschere zu bedienen, mit der man kleine Löcher in Schutzfolie schnippeln kann.

Und plötzlich versinkt die Wohnung im Chaos und die Möbel sehen wieder aus wie zu Studentenzeiten. Überall Flecken, Fingerabdrücke und Sand. Die Regale ausgeräumt, die Dekoartikel verschleppt oder umfunktioniert. Spielsachen überall.

Als wäre das nicht genug, tauchen plötzlich sogenannte “praktische” Möbelstücke auf. Die allerschlimmsten unter diesen Möbelstücken sind Höckerchen. Jedes Kind hat bei uns ein Höckerchen. Das Höckerchen soll die Selbständigkeit fördern und ist im Prinzip eine gute Sache. Die Höckerchen werden durch die Wohnung geschleppt. Vom Waschbecken in die Küche ins Kinderzimmer. Denn wenn man einen Meter groß ist, ist im Grunde alles zu hoch und ohne diese Hocker bleibt das meiste unerreichbar.

Das ist ja auch alles sehr schön. Selbständig Zähne putzen, helfen den Tisch zu decken, Sachen aus dem Kühlschrank holen, CDs aus dem Regal kramen.

Nur leider bereiten diese Hocker so unfassbare Schmerzen. An den Zehen und je nach Kindergröße (kleine Kinder, große Schemel – große Kinder, kleine Schemel) an den Schienbeinen. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich bereits an diese Hocker gestoßen bin. Manchmal falle ich auch von einem in den anderen. Ich renne eilig in die Küche, stoße mir den kleinen Zeh an dem ersten Hocker, mache schmerzerfüllt einen Ausfallschritt und lande mit dem Schienbein im zweiten Hocker, von wo aus ich wie ein gefällter Baum in Zeitlupe zu Boden falle. Manchmal schlage ich mir auch noch den Kopf an der Heizung an und während mein Körper ein einziger gellender Schmerz ist, kommen die Kinder schimpfen: Mama! Du hast schon wieder Schimpfwörter gesagt! Ganz schlimme!

Ich liege nach Luft schnappend auf dem Boden und versuche mich zu rechtfertigen, und tief in mir drin hasse ich Holzschemel.


Patricia Cammarata ist IT-Projektleiterin, Psychologin und Mutter. Seit Mai 2004 bloggt sie unter dem Pseudonym
 dasnuf. In ihrem Blog erzählt sie einer langen Familientradition folgend gerne Geschichten. Es fehlt ihr gelegentlich an Ernsthaftigkeit, aber so ist das eben, wenn man morgens gemeinsam mit den Kindern Clowns frühstückt.

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Zwei Milliarden Menschen sind mangelernährt, das rauschte so nebenbei durch die Medien. Man kann man hier noch einmal genauer nachlesen, was das heißt. Da ist es natürlich leicht, mit irren Gegensätzen zu spielen, etwa wenn wir uns direkt danach ansehen, was bei verschiedenen Kindern weltweit zum Frühstück auf den Tisch kommt. So etwas ist doch immer wieder beeindruckend.

Bei uns dagegen veröffentlichen die Medien Faustregeln, wie man aus der unvorstellbaren Fülle denn das Richtige, das Gesunde und Gute auszuwählen hat. Weil es für viele offensichtlich zu kompliziert geworden ist oder aber weil sie überhaupt nicht mehr über Ernährung nachdenken, wer weiß. Wobei all die Regeln, etwa bei uns kein oder weniger Fleisch zu essen, auch einen Bezug zur Welternährung haben, das kommt auch in diesem Artikel bei Wiwo-Green vor, in dem es darum geht, alle Menschen mit Nahrung zu versorgen.

Seltener findet man Artikel, in denen es um andere Produkte geht, mit denen auch arme und sehr arme Menschen versorgt werden müssen, obwohl das als Wirtschaftsthema natürlich interessant ist. Hier geht es etwa um Prothesen, die für Märkte in Afrika z.B. anders gefertigt werden müssen als für Europa, das bedingt auch technologische Unterschiede. Und apropos technologische Unterschiede, die führen gerade auch zu Fußballplätzen, die Strom erzeugen. Ja, Fußballplätze.

In Europa haben die Märkte und Branchen ganz andere Probleme, wir hatten in den letzten Wochen bereits einige Artikel über Uber und die Sharing-Economy und die Frage, wer dabei der Gute und wer der Böse ist. In Erinnerung an die Grundlagen unserer Bildung, also an Kinderbücher, ist es nämlich immer nützlich, das möglichst genau zu wissen.

Capital stellt jetzt fest: Die Sharing-Economy gibt es gar nicht und tatsächlich konnte man diesen Gedanken schon mehrfach lesen. Und auch für kreative Umbenennungen gab es schon einige Vorschläge. Aber wie auch immer man die Entwicklungen benennt, der große Dreh ins Digitale wird viele und umwälzende Folgen haben. Nicht alle haben wir schon parat und man muss dabei gar nicht immer sterbende Branchen vor Augen haben, wenn man an diese Folgen denkt. Veränderungen fangen schon bei Markennamen an, denn auch die ändern sich durch die neue Onlinewelt.

In deutschen Zeitungen dominiert im Moment eher kritisches Nachdenken, wenn es um diesen Wandel geht, das ist ein ganz deutlicher Trend. “Die Cheerleader der Sharing-Ökonomie sind erstaunlich talentierte Märchenerzähler, die in puncto PR den Vergleich mit Steve Jobs nicht zu scheuen brauchen.“ Das ist ein Zitat aus der FAZ, aus einem lesenswerten Artikel mit weiteren höchst interessanten Formulierungen, der sich zum Ende noch überraschend steigert. Der Autor des Textes ist niemand aus der FAZ-Redaktion, sondern dieser Herr.

Veränderungen finden natürlich nicht nur digital statt, auch auf den Straßen tut sich etwas, ganz sichtbar, wir haben hier oft genug Artikel zum Thema Nahverkehr und Rad – und manchmal wird die Veränderung durch Crowdfunding online ermöglicht. Hier z.B. ein längerer Bericht über eine Perspektive für Lastenfahrräder in Berlin.

Und im abschließenden Kulturteil singen wir, das passt dann noch einmal zum ersten Absatz, ein Lied auf die fleischlose Ernährung. Oder auch gleich zehn Lieder, warum denn nicht. Es gibt ja genug.

GLS Bank mit Sinn

Kurz und klein

Es regnet

Es regnet, Hamburg kommt wieder zu sich. Ich gehe raus, ich will mir die Stadt so ansehen, wie sie gehört, ohne das in diesem Jahr neu eingespielte Sonnenmetropolen-Update.

Sohn I: “Wo willst du hin?”
Ich: “Ich geh nur kurz raus, spazieren.”
Sohn i: “Mach mal nicht zu dolle.”

Und tatsächlich, wenn man zum Hafen runter fährt, sieht dort alles wieder nach Hamburg und Elbe aus, rain’s coming home. Es nieselt, es tröpfelt. Vielleicht ist es auch doch nur das Spritzwasser der Hafenfähren? Nein, es ist Regen, richtiger Regen. Hinter der Elbphilharmonie wird es schon wieder hell, aber über Blohm & Voss ist es noch dunkel. Der Regen zieht langsam weiter zur Nordsee, Wind schwach aus Südost. Die Ausrufer, die unentwegt die heute etwas lustlos schlendernden Touristen auf die Barkassen für Hafenrundfahrten locken wollen, sie werben lauthals mit “Original Hamburger Wetter! Nur heute, nur bei uns!”

Kapuzen, Mützen, Regenschirme, die Leute gehen an nassen Tischen und Bänken vor Cafés und Imbissbuden vorbei, dort sitzt heute niemand. Preise auf Tafeln verlaufen im Regen, man erkennt noch die Namen von sommerlichen Drinks, bald steht da wieder was von Glühwein und Grogs. Es ist seltsam dunstig über dem Fluss, die Leute machen Fotos, gucken auf die Displays und schütteln die Köpfe: Eine konturlose Ahnung von Stadt und Fluss, mehr kriegt man nicht drauf, da kann man nichts machen.

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“Himmel grau und wochentäglich!
Auch die Stadt ist noch dieselbe!
Und noch immer blöd und kläglich
Spiegelt sie sich in der Elbe.”

Der olle Heine war kein großer Hamburgfreund, nein, das kann man wirklich nicht von ihm behaupten. Einigen Touristen geht es wohl ähnlich wie ihm, man sieht es den verdrossenen Gesichtern deutlich an. Seit Monaten schwärmen alle für Hamburg im Sonnenschein, aber ausgerechnet wenn sie kommen… war ja klar. Genau so sehen hier einige Besucher aus, die Mundwinkel weit nach unten gezogen, die Schultern nach oben, als stünden sie im Unwetter auf dem Deich.

Egal, mir gefällt die Stadt so. Passt schon.

Woanders – diesmal mit G9, Noten, Honoraren und anderem

Schule: In Hamburg ist die G9-Initiative gescheitert. “Politiker aller Parteien erleichtert” schlagzeilen die Medien und man kann es sogar einmal verstehen, ja, man möchte das Gefühl sogar teilen. Und das passiert nun wirklich nicht allzu oft.

Schule: Ein Artikel über die Fairness und Sinnhaftigkeit von Schulnoten, hier bei Spektrum, also ganz wissenschaftlich. Prima Text, eine glatte 1.

Schule: Malala hat den Friedensnobelpreis gewonnen, das werden die meisten mitbekommen haben,. Das hat viel mit Schule zu tun und wenn man sich dieses Interview (engl.) mit ihr ansieht, versteht man das besser.

Kinder: Ein Film über das Flüchtligsheim in Berlin, das dadurch bekannt wurde, dass die deutschen Nachbarn der Einrichtung die ausländischen Kinder nicht auf ihren Spielplatz lassen wollten. Die Kinder spielen jetzt dennoch. Gefunden via Sven.

Kinder: Bei Lego gibt es künftig keine Shell-Tankstellen mehr. Ich glaube, die Verbindung Shell und Lego erinnere ich sogar noch aus meiner Kindheit.

Feuilleton: Tom Hillenbrand mit einem Text über Texthonorare, Fairness und Größenwahn.

Feuilleton/Wirtschaft: Der Wahnsinn der unterschiedlichen Steuersätze für Bücher und E-Books.

Und ohne jeden Zusammenhang gibt es hier noch ein frisches Bild aus der Hafencity. Warum auch nicht.

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Kartoffel-Topinambur-Gulasch mit Champignons

Es wird allmählich auch in der tropischen Zone um Hamburg herum etwas deutlicher Herbst, unsere Dachgeschosswohnung ist endlich dezent abgekühlt, da kann man sich wieder etwas intensiver mit dem Kochen beschäftigen, ohne am Herd vor Hitze einzugehen. Passend dazu gibt es etliche neue Kochbücher, die ersten liegen schon in der Küche bereit. Die Versuchsreihe im Herbst könnte in diesem Jahr sogar etwas umfangreicher ausfallen.

Katharina Seiser/Meinrad Neunkirchner/Julian Riess: Einer für alles. 80 Gerichte und ein Topf. Mehr demnächst im Blog

Los geht es mit “Einer für alles – 80 Rezepte und ein Topf” vom bewährten Team Katharina Seiser & Meinrad Neunkirchner. Falls die Namen bekannt vorkommen – die hatten wir auch schon bei “Österreich vegetarisch”, aus dem hier noch längst nicht alles vertestkocht worden ist. Das war das Buch, bei dem das Essen dauernd gerollt wurde, einige werden sich erinnern.

Neunkirchner ist kein Koch für die Zwischendurchküche, das ist, wenn man Dilettant auf meinem Niveau ist, schon etwas anspruchsvoller und die Rezepte sind manchmal so beschaffen, dass man beim Durchlesen etwas genauer hinsieht, sei es wegen eines etwas komplexeren Bearbeitungsschrittes oder wegen einer seltsamen Zutat. Haselnussöl? Weinraute (nie gehört)? Ananassalbei? Taubnesseln? Ungesüßte Kokoschips? Das gibt mein Schrank tatsächlich nicht auf Anhieb alles her. Allerdings wohne ich in dieser Hinsicht bevorzugt, da ich so ziemlich jede Zutat ohne größere Umstände bekomme.

Aber das fällt bei mir dann eher unter Wochenendküche, denn da habe ich etwas mehr Zeit, über Küchenspäße nachzudenken und zwei, drei Läden mehr abzuklappern. Gelohnt hat es sich bisher tatsächlich immer, das war bei “Österreich vegetarisch” schon faszinierend.Es ist doch reizvoll, auf einem etwas höheren Niveau zu kochen, gar keine Frage. Das könnte ich mir am Wochenende auch öfter vornehmen, aber man kommt ja zu nix.

Damit ist jedenfalls klar, dass es hier nicht um 80 pappeinfache Eintopfrezepte geht, die Sammlung ist raffinierter. Es gibt vegetarische und vegane Gerichte und solche mit Fleisch und Fisch. Es wird in dem Buch gekocht, gebraten, gedämpft und geräuchert, gebacken und gratiniert, das ist überraschend und interessant. Das mit dem Räuchern probiere ich dann mal im Heimatdorf, das geht hier schlecht. Das habe ich noch nie gemacht, aber ich finde es schon spannend.

Ein paar Rezepttitel willkürlich herausgegriffen als Beispiele für den Inhalt: Kümmelsuppe mit Rote-Bete-Nockerl, Weizen-Zwiebel-Topf mit Kochsalat und Erbsen, Miesmuschelcouscous mit Basilikum, Wachtelbohnenragout mit Salbei, Navarin vom Lamm mit Gemüsen, Geräucherte Wildschweinlaibchen mit Rotkohlsalat, Schwarzbrotauflauf mit Dörrpflaumen und Lebkuchenaroma…

Die Rezepte beziehen sich also alle auf nur einen Topf und im Buch ist das ein Emailtopf aus österreichischer Handwerkstradition, der auch in den Ofen kann. Ein anderer Topf geht aber natürlich auch.

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Ich habe es mir zum Start noch einigermaßen leicht gemacht und mit einem der einfacheren Rezepte begonnen: Kartoffel-Topinambur-Gulasch mit Champignons. Eine schöne Gelegenheit, mal wieder Topinamburen zu kaufen. Oder, wie die Herzdame mit Schrecken im Blick sagte: “Was ist das dennn?!”

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Topinambur kam also in ihrer Kindheit in Nordostwestfalen nicht vor, da fremdelt Madame dann doch sichtlich. Kindern kann man übrigens gut erklären, dass Topinamburen besonders dicke Raupen sind, die man prima essen kann. Das hat allerdings Folgen für ihren späteren Appetit, wie ich gemerkt habe. Aber für etwas Spaß lasse ich die Söhne natürlich auch einmal auf eine warme Mahlzeit verzichten, versteht sich. Sie haben es hier auch nicht immer leicht.

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Man beachte im oben verlinkten Wikipedia-Artikel zu Topinambur unbedingt die anderen Bezeichnungen für das Gemüse. Jerusalem-Artischocke, ist das nicht schön? Oder Borbel? Genau so sehen sie auch tatsächlich aus, wie Borbel, das passt perfekt. Theoretisch kann man sie ungeschält zubereiten, allerdings blieben sie bei mir auch nach intensiverer Wäsche noch schmuddelig und unansehnlich wie ungepflegter Gürteltierbauch, ich habe sie dann einfach geschält.

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Wir brauchen für das Rezept und für vier Personen:

3 Zwiebeln, 2 Knoblauchzehen, ½ EL getrockneten Majoran, ½ EL Kümmel, etwas Öl, ½ EL Tomatenmark, 1 TL Paprika edelsüß, ca. 500 ml Gemüsefond, 12 kleine Kartoffeln, 12 kleine Topinamburen (ich liebe diesen Plural), zwei Handvoll Champignons, eine Handvoll frischer Kräuter.

Das sind die Originalmengen lt. Rezept, ich habe deutlich mehr Flüssigkeit gebraucht und wegen leidenschaftlicher Pilzliebe ein paar Champignons mehr genommen.

Die Zwiebeln werden geschält und gehackt, der Knoblauch ebenso. Majoran und Kümmel ebenfalls hacken. Die Zwiebeln im Topf mit dem Öl langsam (!) goldig rösten, den Knoblauch dazugeben, ebenso Kümmel, Majoran und Tomatenmark. Kurz weiter anbraten, dann Paprikapulver dazu und gleich mit Gemüsefond auffüllen.

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Das köchelt dann etwa 20 Minuten und riecht schon einmal ganz außerordentlich gut. Dann wird der Gulaschsaft püriert – und ich unterbreche kurz das Rezept für den überaus sinnigen Hinweis, dass das eine wirklich sauleckere Soße ergibt, auch für anderen Gerichte gut verwendbar. Hätte ich auch längst selbst darauf kommen können, bin ich aber nicht. Schlimm.

Zurück zum Rezept. In den pürierten Saft gibt man die Kartoffeln und die Topinamburen und lässt alles köcheln, bis das Gemüse endlich weich ist. Dann erst die Champignons dazugeben, noch ganz kurz weiterkochen lassen – fertig. Auffüllen, fotografieren, essen.

Im Gegensatz zu mir könnten Sie beim Auffüllen auch an die frischen Kräuter denken, dann wird es womöglich noch dekorativer. Ich fand das Essen hervorragend, das wird es mit Sicherheit wieder geben. Wärmend, herbstlich, wunderbar. Die Herzdame war trotz anfänglichen Misstrauens auch begeistert. Die Söhne wollten keine zerkochten Raupen essen und haben sich lieber selbst versorgt.

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Bitte sehr, das ist hier ein liberaler Haushalt, wir tolerieren Abweichler am Tisch.

Im Grunde passte das sogar sehr gut, denn so konnten die Herzdame und ich einfach alles aufessen. Mit anderen Worten, die oben angegebenen Mengen reichen nur theoretisch für vier Personen. Oder wir sind besonders verfressen, das möchte ich nicht ausschließen. Es war aber auch wirklich lecker. Machen Sie das ruhig nach, das lohnt sich. Und es ist recht einfach, obwohl es gut eine Stunde dauert, bis man es essen kann.

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Woanders – Der Wirtschaftsteil

Die Nachrichten sind voll von Flüchtlingen und in Deutschland haben wieder verblüffend viele etwas gegen Asylanten, dabei werden gerne auch wirtschaftliche Argumente aufgeführt. Wir haben ja nix! Flüchtlinge und Asylanten sind allerdings nicht unbedingt gleichbedeutend. Da gehen die Themen eher wild durcheinander und wenn man dann noch den Begriff Wirtschaftsflüchtling dazu nennt, wird jede Diskussion sofort sinnlos, weil jeder etwas anderes meint. Da ist es Zeit, ein wenig Klarheit zu schaffen. Klarheit bei den Begriffen, Klarheit bei ein paar Zahlen. Das macht hier z.B. Volker König.

Und wie man mit Zahlen ein wenig schummelt, so dass die Ergebnisse harmonisch ins eigene Weltbild passen, das kann man hier im Bildblog nachlesen, auch dort geht es um Asylanten. Oder um Flüchtlinge? Hm.

Migranten, noch so ein Begriff. Und wenn es um Migranten geht, kann man ebenfalls etwas richtigstellen, das schadet ja nicht. Und Fachkräftemangel, noch ein weiteres wichtiges Wort in dem Kontext. Dazu gibt es sogar positive Texte, wie hier bei der Tagesschau.

Das Thema Flucht und Wanderung ist mittlerweile auch in Medien präsent, in denen man es gar nicht unbedingt vermutet. Etwa in der Brigitte – einfach so, im Rezepteteil, warum auch nicht. Und bei Munchies begegnet einem die Kombination Flucht und Essen schon wieder.

Bei uns dagegen beschäftigt man sich exzessiv mit dem modernen Kult des veganen Essens, im Tagesspiegel wird das zumindest mit diesen Bezeichnungen kommentiert. Der Text enthält den bemerkenswerten Begriff “Ich-Prothetik”, den kann man ganz wunderbar im Smalltalk gegen völlig beliebige Ideologien verwenden, das passt schon.

Manchmal liest man so quer durch die Schlagzeilen, klickt weiter und weiter, klickt noch einmal kurz zurück – und wenn man dann die richtigen Artikel nebeneinander legt, lösen sich manche Probleme zufällig wie von selbst. So ist es zwar einerseits richtig, dass sich das Artensterben in gruseligster Weise beschleunigt – aber das Gegenmittel ist quasi schon gefunden. Wir müssen nur mehr von den Tieren essen, die gerade knapp werden. That was easy!

Easy ist es sicher auch, auf bestimmte Geräte zu verzichten, die der Umwelt nicht zuträglich sind. So sind etwa Laubbläser nicht nur nervtötend laut, nein, sie sind auch sonst durchaus nachteilig. In einigen österreichischen Städten sind die Dinger jetzt deswegen verboten, die meisten dort werden es mit Freude vernommen haben. In Deutschland sind sie wohl noch überall legal, aber die ersten Petitionen für eine gesetzliche Regelung liefen schon, etwa in Berlin.

Und apropos Verbote, zum Schluss noch ein kleiner Nachtrag zu vorigen Folgen – es gibt ein Update zum Thema Plastiktütenverbot, diesmal aus Kalifornien (englischer Text). Wo mag es bei diesen Tüten wohl die nächste Verbotszone geben? In NRW? In Deutschland? In der EU? Es bleibt spannend.

GLS Bank mit Sinn

Ein Update bei “Was machen die da”

Drüben bei “Was machen wir da” haben wir diesmal Carola Ferch, vielen sicher bekannt als Blogautorin von “Frische Brise”, sie ist bei mir auch in der Blogroll zu finden. Carola geht einer Profession nach, die sich in Deutschland auf dem Rückzug befindet, das geht ja vielen alten Berufen so. Aber vielleicht ist es auch gar kein Beruf, sondern eher eine Berufung, sagt sie.

Carola ist Mutter und der Text dazu findet sich hier.

Home is where the heart is

Woanders – diesmal mit dem Krieg, der Brotdosennorm, Ello und anderem

Schule: Frau Novemberregen mit einem prima Aufregerthema, der Brotdosennorm. Ich halte mich da allerdings raus, bei manchen Themen ist es mir einfach zu anstrengend, mir eine Meinung zu bilden. Mir ist es völlig wurscht, ob die Grundschule hier eine Regel vorgibt oder nicht (sie tut es). Ich muss mir nur kurz die endlosen und aggressiv bis hysterisch geführten Diskussionsverläufe in Eltern-Foren dazu vorstellen, ob Zucker in die Tupperdose gehört oder nicht, und mir wird ganz anders, da möchte ich einfach nicht dabei sein. Da möchte ich eher den Streithähnen und -hühnern aus den verfeindeten Lagern den Kopf tätscheln und leise etwas brummen wie “Na kommt , jetzt gebt ihr euch die Hände und vertragt euch, ihr kleinen Rabauken.” Das ist vielleicht auch einer der Vorzüge des etwas reiferen Alters, man kann es irgendwann ganz prima aushalten, einfach mal keine Meinung zu haben.

Schule: Wie kann man in den Klassen 9/10 das Thema Überwachung im Internet angehen, wie kann man über die Werte Freiheit und Sicherheit reden? Hier ein Beispiel für Medienerziehung, das kommt mir gelungen vor.

Schule: Bei “Papas Wort” geht es noch einmal um den Ganztag – und um eine Petition dagegen. Man wundert sich über gar nichts mehr.

Schule: In einer Hamburger Schule konnte man die Kinder aus Hartz-IV-Haushalten an den Essensmarken erkennen. Es ist nicht zu fassen.

Familie: Auch den Kindern entgeht der Krieg nicht, nicht der in der Ukraine, nicht der in Israel, nicht der in Syrien usw. Im Blog “Kinderohren” wird das Buch “Akim rennt” von Claude K. Dubois vorgestellt, da geht es um ein Kind auf der Flucht. Für Kinder, die fragen, ab etwa sechs Jahren.

Irgendwasmitmedien: Bei Sinnundverstand gibt es einen sinnigen Artikel zum neuen Social Network Ello. Sehr sinnig und sehr lang, mehr muss man dazu gar nicht lesen.

Feuilleton: Ein Haiku.

 

Auf der Suche

Der Herbst findet einfach nicht statt. Die Tage sind zweistellig warm, in unserer Dachgeschosswohnung ist es sogar noch heiß. Die Leute in der Stadt laufen immer noch im T-Shirt herum, zur Mittagszeit ist die Luft an manchen Tagen seltsam tropisch an der Alster. Für Menschen, die den Herbst mögen, ist das ein seltsames Wetter, es ist unbefriedigend und enttäuschend. Ja, die Sonne, ja, die ist schon nett. Ja, das goldene Licht, okay, immerhin. Ganz fotogen. Wir haben noch keine Heizung angemacht, das ist auch fein, das spart Geld.

Aber von drinnen auf Regen sehen, mit einem guten Buch auf dem Schoß, womöglich sogar einem dickeren? Die Parallelwelten von Nádas liegen hier immer noch ungelesen herum, die wären doch passend für ein paar schön verregnete Herbsttage. Und apropos dick – dicke Pullover tragen? Mit einem gewissen Kuscheleffekt? Dazu gemütlich drinnen spielende Kinder, und man wüsste zur Abwechslung einmal, wo sie sind, nämlich eine Tür weiter? Leises Klickern der Legosteine aus dem Kinderzimmer, während man sachte ins nächste Nickerchen eines wohligen Sofasonntags gleitet? Das wäre doch auch nett. Statt dessen muss man schon wieder draußen Fußball spielen. Die ganze Herbstmelancholie funktioniert bei dem Wetter nicht und wenn sie nicht bald eine Chance bekommt, dann geht sie in dem wie immer zu süßlichen Weihnachtsstimmungssumpf des vierten Quartals unter, das geht doch so nicht.

Wie viele Gedichte da gar nicht erst empfunden werden, wie viele Lieder da nicht geschrieben werden! Womöglich verzögert sich das nächste Album von Element of crime gleich um ein ganzes Jahr, wenn so eine Saison der Inspiration komplett ausfällt. Womöglich erscheint DER nächste deutsche Liebesroman überhaupt nicht, weil die Autorin oder der Autor ohne Herbst einfach nicht auf die alles entscheidende Wendung kommt. Wie viele Liebesgeschichten überhaupt in so einem herbstlosen Jahr auf die entscheidende Wendung zum Guten oder Schlechten verzichten müssen, und das womöglich nicht nur in Büchern! Schlimm.

Im Wetterbericht für Norddeutschland schieben wir nun schon seit etlichen Wochen zwei Regentage vor uns her, sie rutschen jeden Morgen immer einen Tag weiter nach hinten und finden nie statt – und zwar in allen Wetter-Apps, da kann man klicken, wo immer man möchte. Darauf springen die Verschwörungstheoretiker wieder nicht an, obwohl es doch so offensichtlich ist. Aber die Damen und Herren mit den Aluhüten kümmern sich ja lieber um Albernheiten wie Chemtrails, statt der klammheimlichen Abschaffung des Herbstes nachzugehen, die doch auf der Hand liegt.

Wir sind aufs Land gefahren, wir haben die Flattr-Einnahmen dieses Blogs in den Tank gesteckt – ganz herzlichen Dank dafür! – und sind durchs sonnenverwöhnte Niedersachsen ins mediterran anmutende Nordostwestfalen gefahren. Das Maisfeld vor Schwiegermutters Küchenfenster wurde dort gerade abgeerntet. Für einen großen Acker brauchen sie heutzutage gerade einmal vierzig Minuten, da kommt auch keine rechte Erntedankromantik mehr auf, das ist eher zack und weg. Die Störche sind immer noch da und schreiten sinnend über die so plötzlich entstandenen Stoppelfelder, sie diskutieren Reiseabsichten und Flugpläne und sehen prüfend in den strahlend blauen Himmel. Was ist los mit diesem Land, was ist los mit diesem Wetter?

Rehe stehen auf dem Acker, in dem hohen Mais war eben gerade noch ihr Versteck. Sie sind nur schnell eine Kleinigkeit essen gegangen und dann das. Alles weg. Jetzt blicken sie ratlos in alle Richtungen, wissen nicht mehr, wo sie sind und vermutlich auch nicht, welche Jahreszeit es ist, denn auf dem schwarzen Stoppelacker ist es heiß. Sie laufen sinnlos im Kreis und wissen nicht weiter. Wildgänse ziehen über uns hinweg. “Die ziehen in wärmere Länder”, erklärt der Opa den Söhnen. “Noch wärmer” sagt Sohn I und nickt wissend.

Ich stehe am nächsten Tag früh auf, ich gehe gleich aus dem Haus, ich habe da so einen Verdacht. Es ist kalt draußen, man muss eben nur früh genug aufstehen. Es ist kalt wie früher im Herbst, die Älteren erinnern sich. Es ist sogar eine eiskalte Schärfe in der Luft, eine leichte Ahnung von Novembergemeinheit. Der nackte Acker riecht nach moderiger Nässe und der Morgennebel kriecht einem nach ein paar Schritten schon in die Kleidung, dass man alles zumacht und an sich zieht. Ich gehe zur Straße zwischen den Wiesen und sehe Richtung Dorf. Und da immerhin ist er dann doch, der Herbst, der sich nicht traut.

Er treibt sich im Morgengrauen auf den Landstraßen herum. Er wartet ab, bis es richtig hell ist und die Sonne herauskommt, dann versteckt er sich wieder, in seiner neuen und ungewohnten Rolle als Kalenderpartisan. Ein Nachtleben führt er, dezent und unerkannt, wie ein Siebenschläfer. Aber ich bin leise gegangen, ganz leise, ich habe mich sachte an ihn herangeschlichen. Ich habe mich hinter die große Birke gestellt und auf den Auslöser gedrückt, bevor er wieder im Wald verschwunden ist.

Es wird nicht viele Bilder von ihm geben, aber ich habe ihn doch erwischt. Bitte sehr, der Herbst 2014. Wer weiß, ob man ihn überhaupt noch einmal sieht.

Nebel

 

Wer immer strebend sich bemüht

Sohn I macht sich Gedanken über sein Essen. Er fragt nach, er hört zu, er lässt sich das alles erklären. Das mit der Massentierhaltung z.B. und auch das mit der Nahrungsindustrie. Wie wird das alles hergestellt? Er kann noch nicht alles verstehen, natürlich nicht, aber was er versteht – das findet er überhaupt nicht gut. Und er beschließt, was viele Kinder in seinem Alter beschließen: Er isst jetzt kein Fleisch mehr. Wenn das so hergestellt wird, nein, dann möchte er das lieber nicht. Die armen Tiere! Die Umwelt! Er verkündet seinen schnell gefassten Beschluss und geht an meiner Hand die Straße entlang, froh und glücklich, die Welt ein Stück besser gemacht zu haben. Das war doch gar nicht schwer, er ist ganz vergnügt. Bis er Hunger bekommt.

Da wird er schwach, da möchte er doch gerne und auch einigermaßen dringend etwas vom Imbiss da vorne. Mit anderen Worten, er ist jetzt ein Wurstbudenvegetarier. Voll der guten Gedanken und Absichten, stets nur seinen Idealen folgend – mindestens aber bis zur nächsten Versuchung. Es wäre jedoch ganz falsch, darüber zu lachen. Wir sind alle Wurstbudenvegetarier. Wir sind alle voll vom Wissen, wie es besser zugehen kann auf der Welt, gerechter, gesünder, friedlicher. Und nützt das der Welt? Es sieht nicht so aus. Auch unsere Ideale reichen nämlich stets nur bis zur nächsten Wurstbude, bis zum nächsten Streit oder zum nächsten „Ach, mir doch egal.“

Darüber habe ich mit dem Sohn gesprochen. Er hat darüber intensiv nachgedacht, auch mit sieben Jahren versteht man den Konflikt schon ganz gut. Und dann hat er es immerhin noch eine Wurstbude weiter geschafft. Denn der Mensch an sich, er ist wirklich immer voll der besten Absichten. Wenn er sich Mühe gibt, dann schafft er es meist noch ein Stück weiter. Und da in Kinder unsere Zukunft steckt, schafft die Menschheit das womöglich auch. Zumindest irgendwann. Zumindest theoretisch.

(Der Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

Die Herzdame backt: Double Chocolate Muffins

Damit konnte natürlich keiner rechnen, aber wir schaffen es tatsächlich, diese Reihe fortzusetzen. Noch eine Folge und wir können schon fast von einer Rubrik reden, es ist zu und zu schön. Es gibt heute Muffins, nach einem Rezept aus einem dieser Tim-Mälzer-Hefte, also aus “Essen & Trinken für jeden Tag”.

 

Da steht im Rezept, dass man 12 Schoko-Bonbons mit Karamellkern braucht, das ist natürlich sehr dezent formuliert. Seien wir offen: Das sind Rolos. Verblüffend an Rolos ist, dass jeder, dem man von diesem Rezept erzählt, etwas sagt wie: “Rolos! Ganz vergessen! Gibt es die noch?” So ging es mir selbst übrigens auch. Aber da es sie noch gibt, wird sie irgendwer wohl auch essen. Wer mag da jetzt die Zielgruppe sein, wenn wir es alle nicht sind? Keine Ahnung. Ich bekomme sie hier nur noch in 4-Rollen-Packungen, nicht mehr in einzelnen Rollen. Man braucht allerdings nur eine Rolle, d.h. man muss ganze drei davon rezeptfrei essen, das ist natürlich schlimm, sehr schlimm.

Für 12 Muffins braucht man:

200 g dunkle Schokolade

125 g gute Butter

220 g Mehl

30 g Kakaopulver

4 TL Weinsteinbackpulver

¼ TL Salz

2 Eier

200 g Zucker

1 Pk Vanillezucker

250 ml Buttermilch

12 Rolos

1 EL Puderzucker

und Papierbackförmchen in der Ausprägung “Hello Kitty”, letztere aber nur auf besonderen Wunsch von Sohn II, der bei Dekofragen nach wie vor pink entscheidet. Andere Motive gehen sicher auch. Das Muffinblech, das es heutzutage in jedem Haushalt zu geben hat, kann man gleich mit den Förmchen auslegen.

 

Die Schokolade wird gehackt, zertrümmert und zerbröselt, da kann man nebenbei etwas Aggressionen abbauen, das schadet ja nie.

 

125 g der Schokolade mit der Butter in einem Topf langsam zu einer schlanken Masse schmelzen und dannn gleich wieder etwas abkühlen lassen.


 

Mehl, Kako und Backpulver in eine Schüssel sieben, Salz und Schokoladenrest dazugeben.


 
Eier, Zucker und Vanillezucker 5 Minuten verrühren. Die Schokobutter nach und nach dazumischen, dabei immer weiter rühren. Dann die Buttermilch ebenfalls langsam unterrühren.


 
Sollte sich ein zufällig anwesender Hund für Buttermilch interessieren, diese in einem Schälchen auf dem Boden servieren. Sagt jedenfalls Schnuffi, der Hund, in anderem Kontext auch als Sohn II bekannt.


 
Die Mehlkakaomischung zur Eierschokomischung geben und alles mit einem Kochlöffel verrühren, aber nur ganz kurz, bis die Zutaten gerade verbunden sind. Auf dem nächsten Bild ist kein Kochlöffel zu sehen, ich weiß auch nicht, warum das so ist. Eventuell hält sich die Herzdame nicht an die Anweisungen im Rezept, Nordostwestfalen sind oft eigensinnig.

 

Die Papierförmchen halb füllen, dann in jede Form einen Rolo versenken und mit dem Rest des Teigs auffüllen.



 

Das backt dann bei 190 Grad 25 Minuten und riecht währenddessen ganz hervorragend. Den Puderzucker soll man laut Rezept hinterher über die fertigen Muffins stäuben, das fanden wir entbehrlich. Unentbehrlich sind dagegen Hello-Kitty-Fähnchen für einen Teil der Muffins. Sagt Schnuffi, der Hund.


 
Die Rolos sind übrigens nach dem Backen kein richtiger Hammerspezialsondereffekt in den Muffins, sie sind eher dezent. Nett, aber dezent. Wenn man während des Backvorgangs die übrigen drei Rollen Rolos weggelutscht hat, ist das Interesse an Muffins aber ohnehin eher schwach ausgeprägt, zumindest meiner Erfahrung nach. Sie schmecken aber tatsächlich gut,und zwar so coffeeshopgut, das kann man also wirklich gerne machen. Und diese kleine Karamellüberaschung ist schon nett. Wenn auch etwas dezent. Man könnte im Rahmen eines Forschungsprojektes sicher auch zwei Schokokaramellbonbons in einem Muffin versenken, das müsste gehen.