Wir fälschen eine Tarte und geben an

Ich erwähne auf Twitter manchmal nebenbei, was ich hier abends in der Küche produziere. Das führt gelegentlich zu Nachfragen, so geschehen etwa bei der Feigen-Ziegenkäse-Rosmarin-Honig-Tarte. Die, um es gleich vorwegzunehmen, keine Tarte ist, ich weiß, aber es klingt eben besser als das schnöde deutsche Wort Blätterteig. Eine Tarte ist per definitionem aus selbstgemachtem Mürbeteig, ja, ich weiß – und ich ignoriere.

Feigentarte

 

Es gibt auch eigentlich gar kein Rezept, wenn man die Zutaten aufgezählt hat, ist man fast schon fertig, dann riecht es schon gut aus dem Backofen, auch wenn die Kombination in dieser Folge irgendwie fast nach einer Bio-Eissorte in Berlin-Mitte oder angrenzenden Stadtteilen klingt. Eine Kugel Feige-Ziegenkäse-Rosmarin-Honig, bitte! Sehr gerne, der Herr.

Wir rollen heute also nichts zu Kugeln, es geht weder um Eis noch um ein Rezept aus Österreich. Wir rollen vielmehr aus und belegen flach. Dazu brauchen wir:

Blätterteig aus dem Kühlregal

Ziegenfrischkäse in der Rolle

Feigen (zwei, drei)

Rosmarin, frisch

Honig in geringer Menge

Schmand in geringer Menge

Sehr schnell erklärt, sehr schnell gemacht. Den Blätterteig dünn mit Schmand bestreichen, man soll davon nicht satt werden, es geht nur um diese leichte und dezente Frische im Geschmack. Den Ziegenkäse in Scheiben schneiden und die Scheiben auf den Teig legen. Ich bevorzuge dabei eine Rolle, die nicht ungeheuer aromatisch ist, das findet man so meist bei den eher günstigen Produkten. Eine Rolle ist dabei überhaupt nur aus praktischen Gründen erforderlich, Scheiben sehen eben nett aus. Bei mir können die Scheiben ruhig etwas dicker sein.

Die Ziegenkäsescheiben mit dünnen Feigenscheiben belegen, wobei es zweckmäßig ist, keine überreifen Feigen zu kaufen, die kann man nicht schneiden, weder dünn noch überhaupt, man matscht nur sinnlos herum, das verdirbt die Stimmung.

Rosmarin, der bei uns nur noch Großmarin heißt, weil wir ihn in Südtirol in unfassbarer Größe gefunden haben, geradezu baumgleich, ich hatte tatsächlich keine Ahnung, dass der so groß werden kann. Zerhacken und locker über die Scheiben streuen, das kann ruhig etwas mehr sein und ich habe den begründeten Verdacht, dass Thymian auch gut funktionieren würde, mir fehlt da aber die Erfahrung. Den Honig in Tröpfchen über alles schlenkern, wirklich wenig, wirklich zurückhaltend, das wird sonst dramatisch zu süß, aber eine Ahnung von Honig ist schon nett.

Nach Packungsangabe in den Ofen, also vermutlich zwanzig Minuten bei 200 Grad, zack, fertig. Sieht gut aus, schmeckt großartig, macht deutlich etwas her, ist in gesamt 25 Minuten zu schaffen. Ein Blech für zwei Normalhungrige, das gehört für uns genau so zur Feigensaison.

That was easy! Und jetzt, wo ich schnell noch etwas im Internet nach ähnlichen Rezepten herumsuche, sehe ich gerade das hier. Eventuell war das einmal die Originalquelle? Das kann durchaus sein. Und da heißt es Quiche. Na, Hauptsache edel.

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Die Ferienzeit endet fast überall, die Leute sind zurück in den Städten und in den Staus und träumen von Freiheit und Fahrt. Da machen wir doch mal eine Ausgabe zum Thema Verkehr und Auto. Passend zu diesem Einstieg titelt die SZ: “Das Auto als Freiheitsmaschine hat keine Zukunft”. Man beachte bitte auch die Stelle mit den Schreibmaschinen, diese Meinung findet man im Moment in vielen Artikeln.

Die Firmen können nicht, die KonsumentInnenn wollen nicht, das klingt nicht wie eine günstige Ausgangslage für einen Markt. ”Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass wir in Zukunft nicht mehr nur Fahrzeuge der heute großen Marken fahren. Die müssen sich umstellen.” In der taz wird man auch noch einmal grundsätzlich. Das klingt sicher gut, wenn man sich auf die Verkehrswende freut, das klingt vielleicht nicht ganz so gut, wenn man in der einen oder anderen Form von der deutschen Automobilindustrie lebt. Die hat gerade noch andere ziemlich bekannt gewordene Probleme, Stichwort Zuliefererstreit. Das klang in den Hauptnachrichten und Schlagzeilen vielleicht gar nicht so spannend, das ist es aber doch, wenn man nur etwas tiefer einsteigt. In der brand eins macht man das in einem alten, aber immer noch lesbaren Artikel (gefunden hier) und landet selbstverständlich auch wieder bei Zukunftsprognosen.

Die Produzenten, die Konsumenten, wer spielt  noch mit? Die Stadtplanung hat natürlich auch etwas zu bieten, etwa Forderungen. Und immer öfter liest man, dass da nicht mehr Spuren, mehr Parkplätze, mehr Straßen gefordert werden – sondern weniger. Die Rede ist sogar von einer radikalen Abkehr vom motorisierten Individualverkehr.

Als in einer Stadt lebender Mensch kann man im Moment einerseits hier und da Fahrradspuren und ein paar E-Ladesäulen und umgewandelte Parkplätze zur Kenntnis nehmen und sich über ein wenig Wandel freuen, man kann aber auch Science-Fiction mitdenken, das macht Spaß und wer weiß, man erlebt es womöglich noch. Das in den Meldungen zur Zeit häufig vorkommende Problem mit den fehlenden Ladestationen, es lässt sich womöglich auch noch mit etwas Fantasie lösen.

Und der Freundeskreis Fahrrad spielt selbstverständlich bei all dem auch eine Rolle, in diesem Artikel hier wird ihm eine fantastische Zukunft vorhergesagt. Und immer wieder ist es übrigens interessant, wenn deutsche Projekte in Richtung nachhaltiger Wirtschaft auch einmal im Ausland zur Kenntnis genommen werden – bei den Radschnellwegen etwa ist das so. Auch so eine Ironie der Geschichte, dass dieses Land bei beiden Verkehrsmitteln, bei dem Auto und dem Rad, mit Schnellwegen verhaltensauffällig wird. Zufall oder Zusammenhang?

GLS Bank mit Sinn

Südtiroler Ergänzung zum Wirtschaftsteil, zum Konsumenten an sich und zur wichtigen Frage, ob alle bekloppt sind

Mittlerweile habe ich doch etwas Training darin, Bemerknisse aller Art sofort handschriftlich zu notieren, und sie haben sich dadurch tatsächlich vervielfacht. Man muss nur im Laufe eines Tages oft genug Shakespeare zitieren (“Mein Buch! Nur schnell mein Schreibheft her!” – der olle Hamlet ruft das), dann läuft das schon. Es kommt noch vor, dass ich es tagelang vergesse irgendwas aufzuschreiben, aber es wird doch seltener.

Manche Notizen wandern ins Manuskript, manche Notizen kommen mir nach zwei, drei Tagen eher sinnlos und viel zu banal vor, was natürlich daran liegt, dass ich meist nur furchtbar banales Zeug denke. Schlimm, aber was soll man machen. An manche Notizen kann ich nach einer Weile mit etwas Glück einen anderen Gedanken anlegen, das wird dann so ein Assoziationsdomino, ein immerhin recht unterhaltsames Spiel. Das wird übrigens eher besser, wenn man älter wird. Oder zumindest kann man sich das immer erfolgreicher einbilden, das ist auch recht, längst nicht jeder Selbstbetrug ist schädlich.

Manche Notizen sind nach ein paar Tagen noch gut oder seltsam oder interessant genug, die werden dann ein Blogeintrag oder eine Kolumne für die Zeitung. Wie der folgende sehr kurze Dialog, den ich fast wortgleich zweimal in Südtirol geführt habe. Ein ganz banaler Wortwechsel, und doch so irre, so verkehrt … Ich meine, ich schreibe hier dauernd über die Themen Ernährung, Bio, Regio, Öko, Trallala, Slowfood und Schnickschnack, ich mache mir – wie so viele! – gar nicht wenig Gedanken, was ich wann wo einkaufe und wie ich was finde und verarbeite, und ich freue mich, wenn ich etwas auftreibe, das ich gut und vertretbar und dann womöglich auch noch bezahlbar finde, das ist ja selten und kostbar und lobenswert – und dann fahre ich also in die Berge, auf eine Alm, und führe diesen Dialog:

“Haben Sie Eis?”

“Ja, aber nur aus eigener Herstellung, tut mir leid.”

Das Eis aus eigener Herstellung war dann in beiden Fällen ganz wunderbar, in einem Fall war es Apfeleis, und die Äpfel wuchsen vermutlich ein paar Meter weiter, wie man sich das auf einem Berg in Südtirol ganz idyllisch vorstellt, aber hey, die Gäste fragen vermutlich einfach zu oft nach Eis am Stil oder nach Cornetto oder nach Monster-Slush oder was weiß ich. “Nur aus eigener Herstellung, tut mir leid.”

Es gibt Notizen, da kann man sich nach Wochen noch aufregen. Aber wenn man es verbloggt hat, dann geht es bald wieder. Hoffentlich.

50

Und tatsächlich fühlt es sich dann nicht wie irgendein Geburtstag an, man kommt an der Wirkung der runden Zahl doch nicht recht vorbei. Man bilanziert also ein wenig, man wägt ab, man denkt an alte Pläne und überlegt deren Verfallsdatum, man stellt sich ein gemischtes Zeugnis aus, guckt noch strenger als sonst in den Spiegel und skizziert versuchsweise neue Pläne, denn man könnte ja noch dieses oder jenes, warum denn nicht, die Fünfzig ist ja nun wirklich keine Hundert. Aber man müsste dann auch mal.

Und man denkt unwillkürlich auch auf dem Großen und Ganzen herum, es ist wohl ein Alter, in dem man das ohnehin wieder einmal tun sollte, und die Nachrichtenlage das Jahres bot dazu bisher auch weiß Gott Grund genug. Man denkt hin und her, an gestern und morgen, an Liebe und Zeit und Sinn und an die Kinder und was man morgen nun wieder kochen soll und dass gleich schon wieder Weihnachten ist. Und mit fünfzig Jahren weiß man allmählich auch, welche Richtung beim Denken über wirklich wichtige Dinge zu bevorzugen ist, welches Muster nach vorläufig bestem Wissen und Gewissen der Weisheit letzter Schluss ist, was vergeht und was wiederkommt.

“Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer”, so hat das Erich Kästner in seinem August-Gedicht gesagt, in dem Buch “Die dreizehn Monate”. Ein ganz schmales, sehr durchdachtes Buch, ein wenig bitter vielleicht, weit fortgeschritten melancholisch in jedem Fall, dabei außerordentlich nett und mitfühlend, als berührte einen ein guter Freund leicht und aufmunternd im Vorbeigehen an der Schulter. Ein Buch über die Monate und die Zeit und die Wiederholungen, ein Buch über das Älterwerden, fast jede Seite ist großartig, nur beim April hat er keine Lust oder keine Idee gehabt. Na, das macht nichts. Wer hat schon Lust auf alle Monate, mir wäre vermutlich zum Februar nichts Nettes eingefallen.

Wie denkt man nach der wiederholten Lektüre des Buches, wie denkt man, wenn man fünfzig Jahre alt wird, welche Richtung ist die richtige – oder doch immerhin die einzige zu der man immer wieder findet? Es gibt da eine ganz einfache Antwort, und sie ist sicher nicht die schlechteste, wie ich mittlerweile glaube, sie klingt nur so: Im Kreis. Man muss sich damit anfreunden, dann geht es. Sehr gut sogar. Flott durch die Kurven sozusagen.

Wenn Sie im Laufe des Tage ein passendes Getränk in die Finger bekommen sollten, wir können hier jederzeit gerne virtuell anstoßen. Auch wenn ich heute noch durch Berlin laufe und mir die Stadt ansehe. Es ist ja mittlerweile schon wieder uncool, aber ich mag Berlin doch sehr, ich finde es anregend und belebend. Die Reise war ein äußerst sinnvolles Geburstagsgeschenk der Herzdame, manchmal hat sie ziemlich gute Ideen.

Prost! Sehr schön, dass Sie hier sind, vielen Dank fürs Lesen! Es ist mir ein Fest und eine Freude, immer wieder.

Was schön war

Ich habe den Verdacht, dass dieses Format auf mittlere Distanz am besten funktioniert. Wenn ich an den Tag denke, an dem ich gerade schreibe, fällt mir nichts ein, das ist zu dicht, das muss sich alles erst setzen. Wenn ich an Tage denke, die sehr lange her sind, ist es wieder ein Fall von “Opa erzählt vom Krieg”, das will ja auch keiner. Aber wenn ich ein paar Tage zurückdenke, dann fallen mir sofort Szenen oder Bemerknisse ein, die ich schön fand, und die ich auch nicht schon zehnmal erzählt habe.

Ohne Titel

In Südtirol, oberhalb von Lana, weit oberhalb sogar, auf einem Wanderweg entlang der Hänge voller Obstbäume. Es ist heiß und irgendwo sitzt eine einsame und vermutlich deswegen sehr laute Grille. Es ist nur eine, aber sie ist weit zu hören, weiter jedenfalls, als ich es bei Grillen überhaupt für möglich gehalten hätte, weiter, als ich es je bei einer Grille gehört habe. Schmetterlinge schaukeln durch die Hitze. Äpfel, viele Äpfel, manchmal Pflaumen, selten Birnen, warum essen die Menschen eigentlich so wenig Birnen? Oder wachsen die in Südtirol nur nicht so gut? Sie stehen hier jedenfalls ganz dicht neben den Äpfeln, man könnte sie fast damit vergleichen, aber das darf man ja nicht. Eidechsen auf den Mauern am Wegesrand, kaum hat man sie gesehen, sind sie auch schon wieder weg, ein Huschen im Augenwinkel. Die Söhne laufen durch die Reihen der kleingehaltenen Bäume und pflücken unter Absingen einer der vielen Hamburger Hymnen ein paar Äpfel. Und das macht einen als Norddeutschen dann doch etwas heidikabelnostalgisch – so wollte man früher auch nie werden! -, was soll man machen. Wenn die eigenen Söhne “Klauen, klauen, Äppel wolln wir klauen, ruckzuck übern Zaun” singen und in die Äste greifen und “ein jeder aber kann das nicht, denn er muss aus Hamburg sein” mit fröhlichem Lokalpatriotismus schmettern, die Hosentaschen voller Äppel, das hat schon was, das kann man ja auch einmal zugeben.

Wie es übrigens auch etwas hatte, als dieses Lied vor ein paar Wochen auf einem Straßenfest in unserem kleinen Bahnhofsviertel gesungen wurde, von einem Kinderchor aus einer Kita und einer Vorschule hier. Da standen zehn, zwanzig Kinder auf der Bühne, alle etwa fünf Jahre alt. Kinder aus etlichen Nationen, mit verschiedenen Hautfarben und verschiedenen Hintergründen (“Ach was”, möchte man da als literaturaffiner Mensch kurz und loriotsicher zwischenrufen, schon klar). Und wo auch immer die Kinder oder ihre Eltern oder Großeltern herkamen, aus München, Rio, Danzig oder sogar aus Bremen, jetzt sind sie eben aus Hamburg und singen auf Plattdeutsch das Lied von dem Jung mit dem Tüdelband und von der Deern mit dem Eierkorv, weil das hier nun einmal dazugehört. Es gibt auch schlechtere Traditionen in der Stadt.

Das Lied wurde 1917 im Bieber-Café zuerst aufgeführt, das war bei uns um die Ecke, im Bieber-Haus gleich neben dem Bahnhof. Die Gebrüder Wolf wurden später von den Nazis verfolgt, einer starb im Lager, einer floh nach Shanghai. Das Bieber-Café, meines Wissens war es ein Tanzcafé, gibt es längst nicht mehr, aber im Bieber-Haus wurden bis vor einiger Zeit die vielen Menschen betreut, die in den letzten Monaten vor anderen Regimen und vor Kriegen wiederum zu uns geflohen sind. Und die Kinder neulich sangen das Lied nur ein paar Meter weiter. Man merkt manchmal, wie die Geschichte Pointen setzt und Fäden durch die Jahrzehnte spinnt.

Woanders – Mit einer Zeitschrift, Textauswertung, Angst und anderem

Michalis Pantelouris über die Zeitschrift Mare.

Als Mensch, der gerne mal Sachen in Excel zählt, kann ich Distant Reading ziemlich interessant finden.

Ein Artikel über Angststörungen. Man beachte den kleinen Satz mit der Angabe “100 Prozent”. Been there, done that, got the t-shirt.

Zahlen zu Elektroautos in Hamburg. Sehr kleine Zahlen. Man muss sich dazu vielleicht ergänzend vorstellen, wie intensiv z.B. Kinder wie unsere Söhne das Aussterben der Benziner herbeisehnen, weil sie eine Stadt ohne Lärm und Gestank für ziemlich erstrebenswert halten. Sicher sieht die Lage auf den Straßen schon ganz anders aus, wenn sie in das Führerscheinalter kommen. Na, man hofft so vor sich hin.

Aljoscha Brell über Lychen. Von Lychen habe ich noch nie etwas gehört, aber vielleicht sollte man da mal in diesen Gasthof. Oder in den See. Schon der Begriff Flößerstadt ist doch ausgesprochen anziehend.

Ein Text über die Swing-Jugend in Hamburg. Die Herzdame und ich gehören ja zu den Leuten, die an den Schauplätzen von damals wieder Swing tanzen. Die alten und sehr alten Leute, die da ab und zu stehenbleiben und gucken, die haben in ihrer Jugend mittlerweile vermutlich eher Rock’n Roll als Swing getanzt, aber es bleibt doch so eine Tanzerinnerungslinie in der Stadt, wenn man öffentlich und draußen tanzt. Wie mir gerade eine Dame am Rande eines Tanzabends in Planten & Blomen zuflüsterte, als sie sich die Paare ansah: “Das konnte ich auch alles. Mit so Überschlag, wissen Sie? Und ganz schnell. Ach, man kriegt gleich wieder Lust.”

Wo wir schon beim Tanzen sind: Alice und Ellen Kessler werden 80.

Rufus Wainwright singt Shakespeare. Beim ersten Hören fand ich es nicht überzeugend, aber nach zwei, drei Versuchen – was für ein schönes Stück.

Gelesen – Petra Gust-Kazakos: Ganz weit weg – Leselust und Reisefieber

Petra Gust-Kazakos ist vielleicht von ihrem Blog bekannt, es ist dieses hier. Sie hat ein Buch über Reisen und Bücher geschrieben, ich habe es auf der Zugfahrt von Hamburg nach München gelesen, was natürlich, bei aller Bescheidenheit, ein äußerst cleverer Schachzug von mir war. Denn besser kann ein Buch für so eine Zugfahrt in Länge und Inhalt kaum passen, machen Sie das also ruhig nach.

Allerdings hatte die Lektüre auch Nachteile, die sollen hier nicht verschwiegen werden. Denn es geht in dem Buch um andere Bücher, und ich bin leider äußerst anfällig für die bei solcher Lektüre entstehenden Wünsche. Weswegen jetzt noch rund zehn weitere Titel auf meiner ohnehin ellenlangen Buchwunschliste stehen, es ist wirklich schlimm.

Und wieder gemerkt: Ich habe eine seltsame Schwäche für Sekundärliteratur. Ich lese ausgesprochen gerne, was andere über Bücher schreiben und an ihnen herumerklären, wenn sie Geschichten dazu erzählen und Hintergründe schildern. Ich habe dabei gar keinen Ehrgeiz, etwas zu lernen, ich finde es tatsächlich einfach unterhaltsam. Und ich lese so etwas sogar so gerne, dass ich es so gut wie nie dazu kommen lasse, weil ich sonst vermutlich gar keine Romane und Erzählungen mehr lesen würde, um die es doch eigentlich immer geht. Romanführer und dergleichen fallen für mich klar unter Suchtmittel.

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Einige Meldungen zu Konsum und zu Nachhaltigkeit, die passen noch ganz gut zur letzten Woche, in der wir ein paar Produktionsbedingungen von landwirtschaftlichen Produkten thematisiert haben.

In der Zeit geht es um das, was deutsche Firmen durch Verpflichtung der Zulieferer tun können. Oder die Regierung. Oder alle zusammen. Optimistische Meldungen klingen allerdings anders.

Dennoch gibt es natürlich Produkte, hinter denen intensive Bemühungen um Fairness und Verantwortung auch im globalen Sinne stehen. In der brandeins sieht sich der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich einige Produkte genauer an, darunter auch das Fairphone, das hier schon mehrfach vorkam.

Wobei man übrigens viel leichter Artikel findet, die aus Konsumentensicht und auch für Konsumenten geschrieben werden, als Artikel, die sich an die Wirtschaft und ihr Führungspersonal richten. So wie hier etwa.

Wie viel Konsum ist normal?” Das wird bei den Krautreportern erörtert, und nahezu zwingend landet der Artikel dann bei der Konsumkritik an sich.

Da kann man gut einen kleinen Scherz einfügen, nämlich ein paar Produkte, die in dieser Präsentation recht klar nicht normal sind (wobei die Grenzen fließend sind). Man möchte das nicht im Einkaufswagen haben, oder? Weil einem sofort auffällt, wie irre das ist. Warum gibt es das überhaupt? Hat das nicht auch einen Bezug zu unserer Einstellung gegenüber Lebensmitteln, die vermutlich genau so gravierend im Wandel ist, wie unsere Einstellung zum Kochen? “Die sinnliche Welt der kulinarischen Genüsse gerät zu einer ähnlichen Nische wie die der Ölmalerei, des Klavierspiels oder der Poesie.” Und das fängt nicht in der Küche an, das beginnt im Laden.

Wenn man nicht nur die Produkte mit der Plastikverpackung eben, sondern mehr und mehr Konsum für eher irre hält, dann landet man wieder beim Minimalismus. Bei dem man aber auch nicht stehenbleiben muss, man kann ja weiterdenken, etwa zum Solarpunk, endlich einmal ein ganz neuer Begriff. In einem der weiterführenden Links am Ende des Artikels wird Solarpunk so definiert:  “A collaborative effort to imagine and design a world of prosperity, peace, sustainability and beauty, achievable with what we have from where we are.” Das klingt so positiv, das kann man ruhig mal ausdrücklich erwähnen.

In diesen Zusammenhang passt etwas weiter gefasst noch ein Text im Spiegel über den Zusammenhang des Heimwehs der digitalen Weltbürger mit ihren zahlreichen selbstgemachten Produkten.

Da sind wir  dann noch einmal bei sinnlichen Genüssen, eine gute Gelegenheit für einen Link, der sich mit dem Geruchssinn befasst, der kommt sonst eher selten vor. Man könnte das auch noch auf Solarpunk beziehen, machen wir doch mal etwas ganz anders und neu. Hier entlang zum Osmodrama, warum soll es nicht auch neue Kunstformen geben.

GLS Bank mit Sinn

Auf dem Burger-Hof in Lana/Südtirol

Ein Text von Jojo Buddenbohm, acht Jahre alt, mit Ergänzungen von Johnny Buddenbohm, sechs Jahre alt, sowie Fotos von Maximilian Buddenbohm, deutlich älter.

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Wir waren in den Bergen, in Südtirol in Italien, auf dem Burgerhof. Das war in Lana, das ist eine kleine Stadt dicht bei Meran.

Ohne Titel

Der Burger-Hof ist schön, auch wenn er für Kinder nicht ganz so viel bietet. Aber er hat einen großen Pool im Garten, in dem mein Bruder Johnny und ich sehr oft waren, ich bin da immer wieder hinein gesprungen. Der Pool wird nicht beheizt, aber das Wasser war trotzdem okay, in Südtirol ist es meistens sehr warm im Sommer.

Ohne Titel

Es gab keine Tiere, das ist ein Bio-Obsthof hauptsächlich mit Äpfeln und ein wenig Wein.

Ohne Titel

Auf dem Hof sind oft auch andere Kinder, mit denen kann man dann spielen und wenn man eine Wohnung über denen wohnt, kann man sich auch Briefe mit einer Schnur von oben nach unten schicken. Das haben wir oft gemacht, weil wir dort zwei Kinder kennengelernt haben.

Ohne Titel

Von den Wohnungen aus gab es einen tollen Blick ins Tal. Wenn es dunkel wurde und die Lichter überall angingen, sah das immer sehr schön aus, wie kleine Funken aus einem Feuer, nach denen man greifen könnte. Die Berge auf der anderen Talseite und einen kleinen Wasserfall sah man auch sehr gut und weiter weg sogar die Dolomiten.

Ohne Titel

Papa und ich sind morgens zum Brötchenholen gegangen, der Weg ging steil ins Tal und war auf dem Rückweg dann richtig anstrengend.

#suedtirol #lana

Man kann von dem Hof aus die Gaulschlucht gut zu Fuß erreichen, das ist eine Wildnis an einem Gebirgsbach, das ist wundervoll da. Nach Lana kann man auch gut zu Fuß, das ist besser als immer mit dem Auto zu fahren, auch für die Umwelt. In Lana gibt es die Bäckerei und Supermärkte und Eisläden und abends auch Veranstaltungen mit Musik. Im Nachbardorf Tscherms gibt es die Pizzeria Helden, die war gut, die kannten wir schon vom letzten Jahr.

In Lana selbst gibt es auch einen Wasserfall, zu dem man zu Fuß gehen kann, unter den haben wir uns sogar gestellt. Das haben wir noch nie vorher im Leben gemacht.

Ohne Titel

Man kann vom Hof in kurzer Zeit nach Meran und dann mit der Seilbahn auf Meran2000, da kann man auf eine Sommerrodelbahn. Das ist sehr toll, und ab neun Jahren kann man auch alleine fahren. Also nächstes Jahr.

Ohne Titel

Am letzten Tag sind wir gewandert, einen sehr langen Weg, das fand ich nicht so gut, weil es so lange bergauf ging und weil es da Kreuzottern gibt. Das war ein Rundweg, wenn man zurückgeht, geht es bergab, das war immerhin gut. Wir haben es jedenfalls alle geschafft, aber wir waren wirklich sehr kaputt.

Ohne Titel

Ergänzungen von Johnny:  Auf dem Hof gibt es ein Trampolin, das fand ich gut, und die Äpfel schmecken da auch, ich habe welche gepflückt. Der Apfelsaft vom Hof ist der beste Saft überhaupt, den kann man da auch kaufen und mitnehmen.

Ohne Titel

Das Vigiljoch ist nicht weit weg vom Hof, das ist der Berg nebenan. da kommt man mit der Seilbahn rauf und dann noch weiter mit dem Sessel-Lift. Kinder ab acht Jahren können da schon alleine fahren, also mein Bruder. Sessel-Lift ist super., das kannte ich noch nicht, das möchte ich aber gerne wieder machen.

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Vom Zerstreuen der Sorgen

Kennen Sie das Gefühl, vollkommen unnötiger Weise Angst vor etwas Neuem gehabt zu haben, vor einer Änderung, vor einer Herausforderung? Natürlich kennen Sie das, wir alle kennen das gut. Denn wir neigen dazu, uns lieber ein paar Sorgen mehr zu machen, selbst wenn sie vermutlich eher irrational sind. Das fühlt sich immer noch tausendmal besser an, als allzu sorglos in irgendein Unheil gerannt zu sein, nicht wahr? Wir sind so. Es gibt so ein unangenehmes Trottelgefühl, irgendein Risiko nicht bedacht zu haben, frohgemut gegen irgendeine Wand gelaufen zu sein. Ganz komisch, unberechtigte Sorgen fühlen sich lange nicht so dumm an wie unberechtigte Freuden. Die Bilanz nach jedem großen Schritt fühlt sich wesentlich sauberer an, wenn wir uns vorher ordentlich gefürchtet haben.

Und man findet wohl nie im Leben das rechte Maß, man kann sich nie leicht entscheiden, welche Dimension von Sorge die genau richtige ist. Also man selbst kann das für sich nicht. Andere können das manchmal schon für einen. Ein kurzes Gespräch unter Freunden und zack – alle Sorgen und Bedenken weg. Das fühlt sich sehr gut an, jemandem so helfen zu können, man sollte das oft versuchen, es macht wirklich Spaß, wenn man Sorgen wegfliegen sieht. Ich hatte da gerade ein Gespräch mit einem Sechsjährigen, einem Kumpel meines Sohnes. Der steht gerade vor seiner Einschulung, und da macht man sich natürlich Gedanken. Da hat man vielleicht auch ein paar Befürchtungen. Schule, da hört man ja so viel! Er sagte: “Vor Mathe habe ich keine Angst. Mathe ist leicht, Mathe ist ja nur Rechnen. Aber Mathematik – da wird es bestimmt richtig schwer.”

Und da habe ich seine Sorgen mal eben zerstreut, es kostete mich nur einen Satz. Wenn es doch bloß immer so einfach und klar wäre.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten)