Ricardo und die Ideale

Seit Tagen starre ich immer wieder stundenlang die Timelines an. Sie halten mich vom Schreiben und vom Denken ab, diese Nachrichten von brennenden Flüchtlingsheimen und Rechtsextremisten einerseits, die Berichte von Menschen, die Flüchtligen helfen andererseits. Ich komme nicht mehr hinterher und fühle mich überrollt, das passiert mir gar nicht so oft, es ist mir jahrelang nicht passiert. Man kann vor Twitter einfach sitzenbleiben und die Texte und Links durchrauschen lassen, wenn man eine oder zwei Stunden wartet, ist schon wieder etwas Furchtbares passiert. Gleichzeitig kann man auf Facebook nachsehen, was die Hilfsgruppen in der eigenen Stadt auf die Beine stellen, und gerade in Hamburg kann sich das auch sehen lassen, gar keine Frage.

Zwischendurch eine Eilmeldung der Tagesschau auf dem Handy, man öffnet so etwas im Moment mit einem gewissen Grusel – und dann ist es vielleicht nur irgendein Sportquatsch, dem Himmel sei Dank. Da freue auch ich mich einmal über Sport, es ist selten genug. Oder, wie gestern, ist es doch wieder das Grauen. Ins Bett gehen und am Morgen nachsehen, was nun wieder passiert ist. Und ja, es ist etwas passsiert, und morgen vermutlich wieder, da muss man sich nichts mehr vormachen. Die Lage ist jetzt so.

In etlichen Blogs stehen gerade Artikel zu dieser aktuellen Lage, darunter auch etliche Berichte von Menschen, die irgendwo helfen. Auf vielen Seiten stehen Geschichten über vertriebene Großeltern oder Urgroßeltern, über Fluchterfahrungen in der eigenen Familie, da geht es um Ostpreußen und Pommern, da geht es um Rumänien und um andere Gebiete, um ungezählte Parallelen, es ist auch vollkommen egal. Flucht ist Flucht, übrigens auch aus einem sogenannten sicheren Drittland. Die Großmutter der Herzdame kam damals aus Pommern, dazu gehört ein langer Bericht, der reicht für viele Albträume, ich kenne ihn teilweise. Das sind Geschichten, die jetzt überall erzählt werden, manchmal leider eine Generation zu spät. Aber doch besser spät als nie. Es ist nicht einfach, solche Geschichten ohne Pathos zu erzählen, denn es sind große Tragödien und es geht um die ganz großen Themen.

Das Folgende spielt vor etwa zwanzig Jahren.

Ricardo, zu dessen Familie ich einmal gehörte, saß mir abends am Esstisch gegenüber. Wir sprachen über Literatur, wie wir es häufig taten, es ging um die Erzählungen von Stefan Zweig. Man konnte gut mit Ricardo diskutieren, er war belesen und neugierig. Ein älterer Mann, der sich bewundernswert gut in der Nachrichtenlage auskannte, viel besser als ich, er war in vielen Themengebieten bewandert und hatte viele, viele Reisen hinter sich. In seinem Arbeitszimmer stapelten sich die Spiegeljahrgänge, gewissenhaft gelesen und gebündelt. Morgens die dünne Regionalzeitung als Pflichtlektüre zum Frühstück, und er hätte abends nie freiwillig eine Tagesschau oder den Weltspiegel versäumt, damals war der Medienkonsum noch in allgemeingültigen Timeslots organisiert. Die Bücherwand im Wohnzimmer war sehr respektabel bestückt, auch mit Grundlagenwerken der Politik, der Philosophie und der Wirtschaft, und die standen da nicht als Deko, die waren durchgearbeitet und zerlesen. Ich war jung, es war kurz nach meiner Zeit im Antiquariat, ich war also randvoll mit Wissen über Literaturgeschichte und Dichter, mehr aber auch nicht. Ich war sicherlich etwas anstrengend in meiner daraus entsprießenden Weisheit, in mir war alles noch Theorie und Lehrbuch und Größenwahn. Wie man eben ist, wenn man noch nicht allzu viel erlebt, aber umso mehr schon gelesen hat.

“Stefan Zweig”, sagte ich, “dem hat Marcel Reich-Ranicki ja einmal parfümierte Prosa unterstellt.” Und ich freute mich, dass ich das wusste, so ein charmantes kleines Zitat, mit dem man einen bekannten Dichter mal eben komplett abschießen konnte, so etwas mochte ich. Parfümierte Prosa, was für eine gelungene Formulierung. Ricardo, das merkte ich erst nach einer Weile, Ricardo hörte mir gar nicht mehr zu. Er hatte das Buttermesser aus der Hand gelegt, sah aus dem Fenster in den dunklen Garten und hatte Tränen in den Augen. “Stefan Zweig”, sagte er nach einer Weile leise, “Stefan Zweig war ein so dermaßen netter Mensch. So höflich und hilfsbereit.” Und ich brauchte dann ziemlich lange, um zu verstehen, dass er ihn gekannt hatte.

Ricardo war als Jugendlicher aus dem Deutschen Reich geflohen, mit seiner engeren Familie, damals trug er noch einen anderen, einen deutschen Namen, er ist nicht schwer zu raten. Sie flohen in letzter Sekunde und es war knapp. Sie hatten guten Grund für die Flucht, von der großen Familie haben nur etwa sechs Personen die Nazizeit überlebt. Der Rest starb in den Lagern. Sie flohen damals nach Südamerika, wo Ricardo ein paar Jahre später an einer Exilzeitung mitarbeitete, dort hat er auch Stefan Zweig kennengelernt, der manchmal ebenfalls für dieses Blatt schrieb.

Erst mit diesem Gespräch habe ich verstanden, und das war tatsächlich ein Schock für mich, dass die ganze Exilzeit, diese ganze Exilliteratur, etwas von gerade eben war. Das war gar nicht lange her, das lag nicht etliche Generationen und Zeitalter zurück. Das war gestern, dass Menschen weltweit gegen Nazis gekämpft hatten, vor ihnen geflohen waren. Menschen aus meinem direkten Umfeld erinnerten sich noch daran, an die Zeit, an die Erlebnisse, an die Schrecken, an alles. Menschen um mich herum wussten das alles noch – sie sprachen nur nicht darüber. Nicht in dieser Familie, nicht in anderen. Das habe ich natürlich auch vor diesem Gespräch gewusst, ich hatte es nur nicht wirklich verstanden, es war nur Theorie für mich. Das Gespräch an diesem Abend hat mein Weltbild verändert, ich habe die Exilliteratur nach diesem Gespräch ganz anders gelesen. Ich habe Geschichte anders empfunden, ich habe meine Einsortierung in die Weltgeschichte anders wahrgenommen. Und ich bin wohl ein wenig aus der Arroganz der Gegenwart, aus den lustigen Neunzigern gefallen.

Ricardo reiste gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zurück nach Deutschland, er wollte hier die Demokratie aufbauen, vielleicht auch Bundeskanzler werden oder wenigstens Minister. Das war nicht ironisch oder anmaßend gemeint, das fand er selbstverständlich, das war eben ein Gebot der Stunde. Was sollte man denn mit dem brachliegenden Land schon tun? Es musste ja vorwärts gehen, die Geschichte musste vorwärts gehen, also auch dieses zerstörte Land, dessen Sprache er nun einmal praktischerweise konnte. Und da fehlten doch sicher Menschen, die sich für den demokratischen Neuaufbau einsetzten. Also reiste er los. Seine Familie fand das allerdings nicht so naheliegend, er kam ganz alleine zurück.

Er war ein Mann, der für seine Ideale lebte, er war Demokrat durch und durch, er war Sozi, er war Pazifist. Er arbeitete mit heiligem Ernst an der Umsetzung seiner Ideale, obwohl er hier dann doch nur in der Lokalpolitik landete, nicht in Bonn. Er hat seine Aufgaben aber nicht geringgeschätzt, er fand, dass auch der kleinste politische Schritt mit Überzeugung und Einsatz gegangen werden musste. Er ging in seine kleinen Ortsverbandssitzungen im hintersten Winkel der Provinz wie in den Bundestag, er machte da keinen Unterschied. Er war auf diese Sitzungen bestens vorbereitet, er war umfassend informiert, er machte seine politischen Gegner wahnsinnig mit seinem unermüdlichen Einsatz. Er rechnete die Kosten für ein sommerliches Dorffest oder eine neue Straßenbeleuchtung am Sportplatz durch, wie er auf anderer Ebene auch die Entwicklungshilfe für Nicaragua durchgerechnet hätte, nämlich bis zu einem vernünftigen und vor allem verhandelbaren Ergebnis. Wenn die Aufgabe sinnvoll war, dann musste sie eben jemand machen, und im Zweifelsfall war er es. Er glaubte an keinen Gott, aber er glaubte an den Menschen und daran, dass Geschichte ein Ziel hat. Ein utopisches Ziel vielleicht, aber doch ein Ziel. Eine freie, gerechte, soziale Welt. Und wenn man ihm halb im Scherz erklärt hätte, dass dieser Glaube wohl auch eine Religion ist, er hätte den Witz nicht einmal verstanden. Er war kein humorvoller Mann, das nicht. Er meinte es ernst, er war ernst. Er war eher der Hans-Jochen-Vogel-Typ eines Sozialdemokraten, nicht Willy Brandt mit Gitarre und Damenbegleitung.

Er arbeitete also in der Lokalpolitik und am Weltfrieden, für ihn war das miteinander verbunden. Er war früh dabei, als man hier zu Zeiten der Friedensbewegung auf die atomwaffenfreien Zonen kam, dabei war er überhaupt kein Hippie-Freak, kein Spinner, kein Fundi-Grüner, nicht einmal ansatzweise. Er hatte sich nur überlegt, dass er beim Thema Abrüstung in der Weltpolitik nichts bewegen konnte, wohl aber vor Ort. In seinem kleinen Ortsverband. Er konnte da vielleicht vier von sieben Parteimitgliedern überzeugen, eines nach dem anderen, und so machte er unerschütterlich weiter. Nach dem Ortsverband den Kreisverband, da ging doch etwas. Er hat nicht alles erreicht, was er erreichen wollte, aber er hat auch nicht aufgegeben. Und es liegt sicher auch ein wenig an Menschen wie ihm, von denen es durchaus ein paar mehr gab, dass die Nachkriegsgeschichte in Deutschland so gelaufen ist, wie wir sie kennen. Er hat den Dingen eine Richtung gegeben.

Er war immer bereit, für die Ideale aus seiner Jugend einzutreten, mit einer Geradlingkeit, die man heute nicht mehr kennt, wenn es um Politik geht. Nicht zu lösende Probleme konnten ihn bis zur Besessenheit umtreiben, ich sehe ihn noch grübelnd im Garten auf und ab gehen, weil er nicht auf die richtige Strategie kam, die Welt wieder ein winziges Stück besser zu machen. Er redete mit sich selbst, stand mit verschränkten Armen kopfschüttelnd vor einer Hecke, die jemand dringend hätte schneiden müssen. Für so etwas hatte er weder Zeit noch Sinn, das war nicht sein Thema. Er ging kopfschütttelnd wieder weiter über den Rasen und blieb abrupt stehen, wenn ihm etwas einfiel. Ging irgendwann schnell an den Schreibtisch, die Tür zum Arbeitszimmer flog hinter ihm zu, dann hörte man ihn tippen. Das ist mittlerweile etwas aus der Mode gekommen, so allein mit sich und seinen Gedanken zu ringen, vielleicht ist es schade.

Es konnte in seinen Grübeleien tagelang um engste lokalpolitische Themen gehen, manchmal aber auch um die großen Krisen der Welt. Das war ein Mann, der am Nahostkonflikt verzweifeln konnte, weil er die Lösung nach einer längeren Reise durch die Krisenregionen doch auch nicht wusste. Das war in seinem Weltbild nicht vorgesehen, dass etwas nicht lösbar war. Ich sehe ihn vor mir, mit welcher Irritation er von Israel und Palästina erzählte. Weil er einfach nicht wusste, was zu tun war. Es musste doch einen Weg geben? Er betrachtete das wie ein Schachspiel, und er kam nicht auf den richtigen Zug. Obwohl es ihn geben musste, davon rückte er nicht ab. Er wollte Frieden und Fortschritt und Gerechtigkeit, er wollte das ganze alte SPD-Zeug, von dem heute kaum noch etwas mehr übrig ist. Er war überzeugt, dass die Welt zu verbessern sei, dass sie jetzt sofort und direkt vor Ort zu verbessern sei – und er wäre nicht darauf gekommen, nicht zuständig zu sein.

Er hat in Gaststätten nie mit dem Rücken zur Tür gesessen. Weil man ja nie wusste. Das war eine Folge der Flucht, jede Flucht wirkt ein Leben lang nach.

Mir fällt Ricardo gerade wieder ein, weil er so anders auf Probleme reagierte, als es viele tun. Nicht mit Angst oder Aggressionen und Beleidigungen, nicht mit Pathos, auch nicht mit Hurra und Theaterzauber. Nein, er hat einfach überlegt, wo er anfangen könnte, an der Sache zu arbeiten. Auf seine unspektakuläre, sachliche Art. Und dann ging es eben los. Immer den Idealen nach, weil es doch die einzig mögliche Richtung war.

In den letzten Tagen habe ich oft an ihn gedacht. Morgen, am 29.8., kann man übrigens um 15 Uhr wieder mit den Flüchtlingen aus der Hamburger Messehalle auf dem Karolinenplatz essen und Willkommen feiern. Etwas Essen und Getränke mitbringen, wie zu anderen Partys auch. Einfach so. Ganz unspektakulär.

 

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Wir fangen mit einem Text an, der dem Titel dieser Kolumne geradezu mustergültig gerecht wird. Es geht um Wirtschaft, um Wirtschaft pur. Es geht auch etwas um Süß- und Salzwasser, und es geht um das Versprechen von immer mehr von allem. Es ist ein langer Text in der Zeit, und lassen Sie sich bitte von der volkswirtschaftlichen Deko des Artikels nicht abschrecken. Das ist schon interessant und es betrifft uns tatsächlich alle. Und es erklärt auch nebenbei so einiges der aktuellen Nachrichtenlage: “Mehr ist nicht”.

Sibylle Berg wird man vermutlich nicht als Wirtschaftsexpertin auf dem Zettel haben, es ist dennoch sinnvoll, direkt nach dem Text aus der Zeit diesen Text beim Spiegel zu lesen. Passt schon.

Und dann, wir basteln an einem seltsamen Dreiklang, noch ein Artikel aus dem Handelsblatt, und bevor Sie den lesen, müssen Sie eigentlich im Kopf die Titelmelodie von “Dallas” abspielen, die Älteren erinnern sich. Da geht es nämlich um den Ölpreis, da geht es auch wieder um das Ende vom Mehr und um alten Geld- und Industrieadel. Und um den Wechsel zu etwas ganz anderem. Wenn man sich die im Artikel geschilderten Wechselwirkungen lebhaft genug vorstellt, kann man sich vermutlich ein halbes Wirtschaftslehrbuch sparen. Und apropos Öl, da gibt es noch einen kleinen Nachtrag zur letzten Woche, als es um fossile Brennstoffe und den Klimawandel ging. Für LKW gibt es da nämlich auch eine science-fictionmäßige neue Idee.

Mehr von allem, mehr Geld, mehr Gewinn, auch mehr Sinn? Wenn wir schon dabei sind, dann geht es gleich so ernsthaft weiter. Um das mit dem Sinn geht es nämlich bei Christoph Koch. Er hat darüber geschrieben, wohin wir uns mit der Suche nach dem Sinn im Beruf bringen können. Und in der brandeins fragt sich ein Autor, der aus guten Gründen nicht unter seinem richtigen Namen schreibt, was er beruflich kann. Und was er eigentlich falsch gemacht hat.

Wenn man etwas kann und auch einen Beruf hat, dann spielt man mit, dann ist man aber womöglich auch gleich Mittäter des Systems – und das System ist neoliberal, ob es einem passt oder nicht. Darum geht es in einem langen Interview in der SZ. Interessant darin besonders der Absatz über Kreative in der neoliberalen Ordnung, das ist alles sehr deutlich formuliert. Da mal drüber nachdenken, wie Kempowski gesagt hätte.

Im nächsten Artikel gibt es einen Begriff, den man vermutlich auch im Hinterkopf haben sollte, wenn man an seinen Job und an seine Leistung und überhaupt an sein Leben denkt: Negativity Bias. Wir neigen dazu, Dinge zu schlecht zu sehen, weil das evolutionär einmal Sinn gemacht hat. Oder immer noch macht? Der Artikel heißt aber verheißungsvoll: “Alles wird gut”. Ist das die Meldung, die uns hier immer gefehlt hat? Oder ist das nur ein weiteres, programmgemäß einsortiertes Versatzstück aus dem neuerdings so beliebten Baukasten “Constructive News”? Denn eventuell ist auch die positive Meldung nur Ausdruck des wirtschaftlichen Kalküls einer Medienfirma. Es ist so dermaßen kompliziert – und war Meinungsbildung eigentlich einmal einfacher?

Für den Freundeskreis Fahrrad gibt es in dieser Woche leider nichts, dafür aber etwas für alle Menschen, die ab und zu auch ihre Füße als Verkehrsmittel einsetzen. In Wien gibt es eine Fußverkehrsbeauftragte, da ist schon die Berufsbezeichnung so nett, das muss man doch unbedingt verlinken. Und zu der Fußverkehrsbeauftragten passt noch ein anderer Begriff aus folgendem Text, da geht es um die bespielbare Stadt. Und so enden wir mit positiven Nachrichten und schönen Bezeichnungen, das ist auch einmal erholsam.

GLS Bank mit Sinn

Kurz und klein

Woanders – diesmal mit Abriss, Kreuzfahrt, Spenden und anderem

Hamburg: “Hamburg ist autoaggressiv […] Hamburg muss sich vor Hamburg schützen.” In der Zeit geht es wieder um den Abrisswahn in der Stadt.

Hamburg: In der Welt geht es um Kreuzfahrtschiffe in der Stadt.

Hamburg: Es werden mehr Läden, in denen man direkt und sehr praktisch für die Flüchtlinge spenden kann. Hier im Bild ein Beispiel aus Sankt Georg, das ist im Edeka in der Langen Reihe, in einigen Budni-Filialen ist es ähnllich, etwa in der Feldstraße.  Man kauft vorgepackte Pakete zu reduzierten Preisen, die werden dann dahin geliefert, wo sie gebraucht werden. Ganz einfach. Kann man nebenbei erledigen.

Flüchtlingshilfe bei Edeka

 

Deutschland: Mareice hat sich um Flüchtlinge gekümmert.

Irgendwasmitmedien: Der Kioskforscher über Ausmalhefte für Erwachsene.

Familie: Bei Nieselpriem geht es um Paul, und Paul ist super.

Familie: Eine Produktbesprechung bei “Mama hat jetzt keine Zeit”. Es gibt schon sehr erstaunliches Kinderzubehör.

Feuilleton: Auch ein spezielles Schicksal: Andreas Wolf ist Hauptfigur in einem Roman geworden. Quasi.

Reise: Es ist dann doch etwas schade, dass wir in Südtirol nicht bei diesem Herrn hier waren. Er ist offensichtlich angemessen besessen von seinem Produkt, to say the least. 

Küche: In der kinderfreien Zeit habe ich diese Suppe gekocht, sehr einfach, sehr lecker. Und, um auch endlich einmal einen chefkochmäßigen Kommentar anzubringen, mit etwas Ziegenfrischkäse drin ist sie noch besser. Und beim Rosmarin großzügig sein.

Küche: Mit dem Zucchinirest dann das hier gemacht und gedacht, Salbei sollte man sowieso öfter verarbeiten. Bei Hellofresh kann man diese Zutatenkisten mit Rezepten bestellen, das habe ich nicht gemacht, sie haben aber auch eine ganz nette Rezept-App, die nutze ich. Wie auch die von Kptn Cook, dort werden immer nur genau drei Gerichte pro Tag vorgeschlagen, diese Begrenzung finde ich gut. Besser zumindest als drölftausend Gerichte zur Auswahl. Irgendwo habe ich gelesen, dass Kptn Cook künftig mit Supermärkten kooperieren möchte. Wenn das darauf hinausläuft, dass man dort dann die Zutaten zu den Rezepten zusammengestellt mitnehmen kann, finde ich das logischer als die bestellten Kisten, weil man tagesaktuell entscheiden kann. Im Vorbeigehen. Bestellkisten passen bei uns nie zum Wochenplan, weil der Wochenplan nun einmal nicht planmäßig verläuft.

Küche: Und dann noch dieses Risotto aus der Zeit gemacht, auch easy, auch gut. Schmeckt aber schon nach deutlich Herbst, das muss man natürlich abkönnen.

 

49

Gerade wenn man älter wird, muss man sich genau beobachten, denn so viele werden leicht irre, wenn sie älter werden. Sie werden schrullig, seltsam, wunderlich, jeder kennt reihenweise Beispiele von älteren Verwandten, Freunden, Kollegen, sie sind überall. Diese seltsamen Vögel, hinter deren Rücken man milde den Kopf schüttelt. Möchte man da dazugehören? Möchte man, so viele Jahre nach dem letzten Schulbesuch, doch wieder verhaltensauffällig werden?

Na, ganz sicher doch. Aber bitte nur in dieser romantischen Version der leicht exzentrischen, dennoch unbedingt charmanten Art, die man aus freundlichen Filmen und amüsanten Romanen kennt, das ist ganz wichtig. Ich werde heute 49, ich werde nächstes Jahr 50, da heißt es also achtsam zu sein und ggf. auch den Anfängen zu wehren. Und nur jene schräge Dinge zuzulassen, die in den eigenen Plan dieses leicht exzentrischen, aber doch genau richtigen Verhaltens bei beginnender Seniorität passen. Ich zum Beispiel interessiere mich seit diesem Jahr überhaupt zum ersten Mal im Leben für das Thema Reisen, das finde ich aber inhaltlich okay, damit kann ich noch prima leben. “Mein Mann geht jetzt öfter vor die Tür.” Klar, das kann man machen.

Ich habe mich, da wird es dann schon entschieden seltsamer und spannender, gerade auch für meinen ersten Lindy-Hop-Kurs angemeldet, das geht demnächst los. Der zweite Frühling, oder wo ist man da überhaupt in der Zählung? Galoppierende Torschlusspanik?

Die Herzdame tanzt Lindy Hop sehr, sehr gut, sie macht das schon seit über zwei Jahren. Da habe ich einiges aufzuholen, wenn mir das denn überhaupt gelingen kann. Bis dahin gehen wir eher zu verschiedenen Events, das spart auch den Babysitter, man muss die Vorteile sehen. Und besser getrennte Tanzkurse als überhaupt keine offene Beziehung?

Tatsächlich kam es so: Immer, wenn ich die Herzdame zu ihren Kursen oder Partys begleitet habe, fand ich es etwas seltsam, dass die da alle zu meiner Musik tanzen. Und es kam mir mit der Zeit immer unpassender und geradezu ungeheuerlich vor, dass die sich da alle zu dieser Musik, die ich doch schon mein Leben lang gerne und dauernd höre, elegant und passend und lässig bewegen können – und ich überhaupt nicht. Und da ich mich sportlich sowieso nicht zu etwas anderem durchringen kann und auch nach langem, langem Nachdenken so gut wie alle Sportarten doof finde, langweilig und desaströs uninteressant, gibt es hier also in Kürze, nach einer dezenten Pause von acht Jahren, doch wieder Tanzcontent. Es ist in der Tat ein wenig her, dass die Herzdame und ich uns mit Standard-Latein abgemüht haben, aber ein paar Stammleser werden sich doch noch erinnern, nehme ich an.

Da wir damals aufgehört haben, gemeinsam zu tanzen, als der Bauch der schwangeren Herzdame sie aus den ersten Kurven beim Jive getragen hat, kann man das zeitlich leicht bestimmen, da muss ich nicht einmal nachrechnen. Acht Jahre. Doch so viel. Ich weiß nicht, wie lange es dauern kann, bis wir wieder gemeinsam auf eine Tanzfläche gehen, bis ich also wieder halbwegs mit ihr mithalten kann, aber es ist wohl doch damit zu rechnen. Das soll dann so aussehen. Also in etwa. Grobe Richtung.

Ich mische also wieder einmal ein neues Themenfeld ins Leben und selbstverständlich auch ins Blog. Ich laufe schon seit Wochen mit der passenden Mütze zum Swing herum, denn man muss ja immer vorne anfangen, und ich finde die Szene auch modisch übrigens sehr sympathisch. Aber ist das noch okay? Oder werde ich schon drollig?

Ich denke ernsthaft drüber nach. Aber so lange noch keine Harley vor der Tür steht, komme ich mit meinem Selbstbild noch ganz gut zurecht, glaube ich.

Nachtrag: Allerdings hat mir die Herzdame zum Geburtstag ein Longboard geschenkt, quasi die Harley unter den Boards. Es ist kompliziert.

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Bevor wir zum Hauptthema der Woche kommen, noch schnell ein Link, der gerade etwas älteren Lesern zu empfehlen ist, solchen, die sich vielleicht an die Achtziger oder gar an die Siebziger erinnern können. Denn die werden die Irritation in diesem Artikel möglicherweise verstehen, in dem sich der Autor fragt, ob sein Wertesystem vielleicht irgendwo im Damals hängengeblieben ist – und er durch Veränderungen der Gesellschaft dadurch nach links gerutscht ist. Quasi ohne sich überhaupt bewegt zu haben. Das hat viel mit Wirtschaftsgeschichte zu tun und es überrascht vielleicht auch bei diesem Thema, wie wenig Zeit vergangen ist, wie viel sich aber geändert hat.

Ansonsten aber geht es heute um etwas anderes, und das hat mit Werten erst einmal nichts zu tun. Es geht um etwas Greifbares, es geht um Fakten und Meldungen, die sachlich berichten. Wobei am Rande festzustellen ist, dass dieses Thema quasi über Nacht ein Faktenthema geworden ist, bis vor ganz kurzer Zeit war es noch im Bereich Spekulation, Mythos, das waren Geschichten aus dem Reich des Vielleicht. Nun aber gehen sämtliche Medien von der Realität des Klimawandels aus. Faszinierend. Wir machen eine kleine Rundschau nach den heißesten Wochen des Jahres.

Die Deutsche Welle schreibt, der Klimawandel existiert und: “Eigentlich wissen das ja auch alle, bis auf ein paar wirtschaftsgesteuerte, unbelehrbare Ideologen in den USA.”  

Noch drastischer: “Historians may look to 2015 as the year when shit really started hitting the fan”, schreibt Rolling Stone ganz lapidar und zählt dann ein paar Fakten auf. Man kann natürlich auch Quellen hinzuziehen, die dem Thema etwas näher stehen, kein Problem (englischer Text). Das sind teils Fakten, die wir schon öfter zur Kenntnis genommen haben, vielleicht ohne länger darüber nachzudenken, es gibt ja so viele Problemmeldungen. Andere sind aber längst gezwungen, über die Folgen des Wandels ernsthaft nachzudenken, etwa die Bewohner der Marshallinseln.

Und wenn jetzt dieser Reflex einsetzt, die Marshallinseln irgendwo unter “ferner liefen” zu verorten, am Ende der Welt, egal für uns – wir haben auch Beispiele vor der Haustür. Etwa aus Hamburg. Das ist wirklich, das ist um die Ecke, das ist jetzt.

Auch im Süden des deutschsprachigen Raums findet man selbstverständlich Beispiele, man lese etwa diesen Artikel im Tagesanzeiger aus der Schweiz. Da geht es auch um einen anderen Städtebau, eines dieser Nebenthemen, von denen wir in nicht allzu ferner Zukunft wohl noch viel mehr lesen werden.

Aber man muss ja nicht nur passiv Nachrichten hinnehmen, der Mensch kann auch etwas tun. Er kann sehr ambitioniert denken, da merken wir uns für den Smalltalk das Wort “Geoengineering”, auch wenn es da um eine Utopie geht.

Oder man denkt über die Verkehrsmittel nach, und wie sie betrieben werden. Ob es nun um Flugzeuge oder um Kreuzfahrtschiffe geht. Oder um Autos natürlich, da gibt es auch Meldungen. Die vielleicht noch gar nicht nach großen Ereignissen klingen, sie aber doch wohl schon ankündigen.

Und wer mehr über den Klimawandel lernen möchte: das geht ab 9. November in einem zeitgemäßen Format, gucken Sie mal bitte hier. Ein MOOC also, wieder etwas gelernt.

Zum Schluss noch wie fast immer der Link für den Freundeskreis Fahrrad. Da geht es heute wieder einmal um eine Stadt, aber nicht schon wieder um Amsterdam, London, Kopenhagen, Münster, das wird ja irgendwann auch langweilig. Sehen wir lieber einmal nach Ljubljana. Da macht man Platz für Yoga-Übungen. Nanu!

GLS Bank mit Sinn

Die Herzdame backt: Eierlikörkuchen vom Oberglunigerhof

Herzdame

Auf dem Oberglunigerhof in Südtirol gab es jeden Morgen zum Frühstück unter anderem gleich zwei selbstgebackenen Kuchen, wie überhaupt, ich erwähnte es bereits, das Frühstück dort super war. Unter diesen Kuchen war auch ein Eierlikörkuchen, der uns besonders gut schmeckte, er sah außerdem überhaupt nicht kompliziert aus. Die Herzdame hat Frau Platter, die Chefin des Hofs, um das Rezept gebeten, das sie uns dann mit der Hand eben notiert hat, ich weiß nicht, woher es ursprünglich stammt.

Der Kuchen ist in der Tat ganz einfach, aus Sicht von Frau Platter, die jeden Tag backt, sogar so einfach, dass auf dem Rezept, direkt nach den Zutaten, als Handlungsanweisung einfach steht: “Kuchen backen”. Über diese Textstelle im Rezept freue ich mich schon seit Wochen. Man stelle sich das in Kochbüchern oder -Apps vor, erst eine ellenlange Zutatenliste und dann darunter ganz lapidar: “Gericht kochen”. Ist das nicht wunderbar?

Herzdame an Backofen

Auf Nachfrage erfuhren wir dann natürlich noch die richtige Backzeit und die Temperatur – unter Menschen, die wirklich aus dem Handgelenk backen können, braucht man solche Angaben vermutlich gar nicht. Aber wir sind ja nur Laien, wir können hier nur Sachen ablesen und nach Vorgabe zusammenwerfen. RaspelschokoladeWir brauchen:

80 Gramm Butter

100 Gramm Zucker

5 Eier

200 Gramm gemahlene Mandeln

100 Gramm dunkle Raspelschokolade

1 TL Backpulver

2 Esslöffel Rum

1 Gläschen Eierlikör

Rum und Eierlikör

Durch dieses Rezept haben wir jetzt auch Rum im Haus, und sogar die Marke, die es schon in meiner Kindheit gab. Dann kann es bei uns im Herbst also endlich einmal Grog geben! Das habe ich schon seit Jahren immer wieder vorgehabt und doch immer wieder verpasst. Mein Lübecker Bruder schreibt im Herbst und im Winter ab und zu etwas vom Grog, den er gerade trinkt, dann denke ich jedesmal, das mache ich auch bald, habe dann aber keinen Rum im Haus, denke, den müsste ich mal kaufen und zack, ist es schon wieder Frühling. Aber in diesem Herbst! Es wird mir ein Fest. RumIch schweife ab, pardon. Wir waren bei: “Kuchen backen”.

Herzdame an Rührschüssel

Und zwar, nachdem man die Zutaten verrührt und in eine gefettete Springform gegeben hat, bei 170 Grad für 35 Minuten, es ist tatsächlich pappeinfach. Bitte nur beachten, die Schokolade erst ganz zum Schluß einzurühren. Herzdame an TeigEin Kuchen für jederzeit also, für ganz schnell, für immer wieder. Wenn auch nicht für Kinder, aber irgendwas ist ja immer.

Herzdame an Rum

Bleibt noch die Frage, was denn nun “ein Gläschen” ist, also welche Größe das hat. Was meint die Südtirolerin, wenn sie von Gläschen spricht, was hat sie da im Sinn? EierlikörUnd ist es vergleichbar mit dem Gläschen einer Nordostwestfälin oder dem eines Hanseaten? Wir haben uns nach längerer Diskussion vor dem Küchenschrank für etwas deutlich über Schnapsglas entschieden, und geschmacklich scheinen wir da auch richtig zu liegen.

Eierlikörkuchen

Der Kuchen schmeckt, obwohl er so einfach ist, ganz hervorragend, er ist sehr fluffig und doch reichhaltig, wir haben ihn jetzt schon dreimal gemacht, das sagt ja auch etwas aus. KuchenFrau Platter hat ihn nach dem Backen mit Sahne und Eierlikör verziert, wir haben ganz banal Puderzucker genommen – noch einfacher.

Sehr guter Kuchen

Und warum haben wir die Rezepte für die anderen Kuchensorten nicht mitgenommen? Schlimm! Herzdame

 

Woanders – diesmal mit Schlüsseln, Sylt, Shirts und anderem

Technik: Ich hatte neulich eine Kolumne über nicht verschließbare Autos veröffentlicht, hier eine interessante Ergänzung zum Thema “keyless entry”. Man beachte den Hinweis, die Schlüssel in Alufolie zu wickeln. Sehr gelacht.

Norddeutschland: Die Zeit über die Wohnquote auf Sylt und die Oma in Pinneberg.

Norddeutschland: Plastik am Strand von Amrum, hübsch fotografiert.

Deutschland: Ein Besuch beim Kyffhäuser.

Deutschland: Norbert Blüm telefoniert seine Kontakte ab.

Deutschland: Quasi noch ein Nachtrag zu meinem letzten Wirtschaftsteil, in dem es um Flüchtlinge ging. Einige naheliegende Gedanken und höchst bemerkenswerte Schlussfolgerungen eines Migrationsforschers unter der Überschrift “Machen wir die Grenzen auf, die Menschen kommen sowieso”.

Mode: Max Scharnigg über den Pathos-Baukasten für gewisse Polo-Shirts.

Feuilleton: Ein Artikel über E-Books auf dem Handy. Ich kann nicht nachvollziehen, warum man auf dem Handy nicht konzentriert lesen können sollte. Ich lese gerne und oft auf dem Handy Bücher, das ist gar kein Problem. Die Konzentration ist eine Frage des Textes und meiner Stimmung, nicht des Mediums. Man muss eben lesen wollen. Und wer als Jugendlicher Reclambücher unter der Bettdecke gelesen hat, wie es sich gehört, der kann ja wohl auch auf einem Handy lesen. Echtjetztmal.

Reise: “Tourist go home”, in Barcelona und auf Mallorca ist es ein wenig voll.

Feuilleton: Saša Stanišic liest in Fürstenwerder.

 

Something

Ich habe neulich auf das Tool Nuzzel hingewiesen, mit dem man sehr elegant über Twitterlisten thematisch sortierte Linklisten generieren kann, die sich fortwährend automatisch aktualisieren. Für mich die beste Tool-Entdeckung seit längerer Zeit. Nuzzel ist äußerst nützlich, wenn man gar keine Zeit oder Lust hat, der Twitter-Timeline zu folgen, aber dennoch wissen möchte, welche Texte da gerade Thema sind, welche Aufreger umgehen, worüber man spricht.

Wenn man aber gar keine Listen nutzt, sondern auf Twitter nur einfach seiner Timeline folgt und diese “melken” möchte, gibt es noch ein nützliches Tool, das heißt Something. Im Moment ist es nur für iPhone verfügbar, Android soll in Kürze folgen und nein, das ist hier keine bezahlte Werbung. Das Tool ist ganz simpel, es stellt einem einfach die per Twitter geteilten Artikel dar – aber ohne Twitter. Also auch eine Art timeline-generiertes Magazin. Die Artikel sind dann gleich für iPhone aufbereitet, das kann man in jedem Fall auf dem Handy gut lesen. Man sieht außerdem, wer den Artikel geteilt hat.

Wischt man nach rechts, lernt die App, dass man den Artikel interessant fand, wischt man nach links, war das eher nichts. Großartige Lerneffekte der App stelle ich bisher zwar nicht fest, aber das braucht es für mich auch gar nicht, ich finde es ganz gut, dass mir da erst einmal alles dargestellt wird. Man kann mit Something ziemlich fix die aktuellen Artikel überfliegen und mal eben durch das zappen, was in der eigenen Filterblase gerade interessant zu sein scheint. Das geht mit einer Hand, ganz nebenbei, auch in der Kassenschlange im Supermarkt. Oder beim Umrühren der Suppe.

Tippt man doppelt auf einen Artikel, kann man ihn teilen, an sich selbst schicken, speichern, im Browser öffnen usw., das ist ebenso einfach wie praktisch. In der Beschreibung der App heißt es: “No clutter or settings, just Something good to read”, und das trifft es tatsächlich ganz gut. Screenshot der App:

Screenshot Something

 

Und es kostet nichts.

Und überhaupt: Berge

Meran2000 Wegweiser

Wenn man in die Berge reist, also etwa nach Südtirol, dann gibt es im Vorwege nicht nur die schon besprochene Zwangsreaktion “Festes Schuhwerk!”, nein, es gibt auch noch eine andere Reaktion. Bei einem gar nicht so kleinen Teil der Freunde und Bekannten stößt man mit solchen Reisen nämlich auf komplettes Unverständnis und auf Abwehr.Weil die Berge im Weg herumstehen, weil es da eng ist, weil man Platzangst bekommt, nicht wieder weg kommt, man fühlt in den Gespächen manchmal geradezu, wie die Berge manchen Menschen seelisch auf die Pelle rücken. Als hätten sie ihre Kindheit in engen und dunklen Tälern verbracht. Dabei kommen diese Menschen aus Lübeck oder Minden oder Rostock. Seltsam.

Ich war vor dieser Reise aber noch nicht in den Bergen, zumindest von kurzen Ausflügen abgesehen, ich wusste also gar nicht, wie ich das da finden würde. Die Herzdame war eher skeptisch, schon wegen der Schuhsache, die Söhne fanden die Berge aber bereits als Idee super, denn Berge, darauf müssen wir noch zurückkommen, klingen immer nach Klettermöglichkeiten. Ich war einfach neugierig. Und ich habe dann, auch mit dem Gedanken an die Gespräche vor dem Urlaub, genau darauf geachtet, wie die Berge nun sind. Wie sie auf mich wirken, wie das mit den Beklemmungen ist, mit der Masse von Stein, die da einfach so im Weg herumliegt. Wobei genau das auch der Punkt ist, den ich eher nicht nachvollziehen konnte. Ich fand, die Berge sahen nicht nach “im Weg” aus, eher einfach nach Wegen.

Und zwar nach vielen und interessanten Wegen, nach spannenden Wegen, ich habe das vermutlich auch ein wenig aus der Perspektive der Söhne gesehen. Man sieht auf die Berge und man sieht all die Straßen, Feldwege, Pfade, Wälder, Höfe, Wiesen, die da an die Hänge drapiert worden sind, und das sieht, zumindest in Südtirol, doch sehr einladend aus. Und nicht unüberwindlich, das schon gar nicht, man sieht ja, dass die Berge dauernd überwunden werden. Von Wanderern, Radfahrern, Autos, es bewegt sich dauernd etwas über diese Berge und Hänge da.

Die Berge sehen für mich eher so aus, dass man neugierig wird. Das ist so eine Art Kinderneugierde, da merkt man den inneren Siebenjährigen, der das alles recht aufregend und abenteuerlich findet. Wie es wohl nach der nächsten Kurve ausssieht? Nach dem nächsten Wald? Hinter der Biegung dieses Bewässerungsgrabens, nach dem Weinberg da? Kann man den Hang da hochklettern, den Baum, den Skilift? Und dann? Wo ist man dann? Und kann man nicht noch höher? Ich fand die Berge viel abwechslungsreicher, als ich sie mir vorgestellt hatte, ich fand sie auch einladender und auf eine ziemlich bezaubernde Art wimmelbuchmäßig unterhaltsam. Das ging auch der Herzdame so, wir waren beide etwas überrascht von der fortgeschrittenen Hübschigkeit der Landschaft.

Und so vieles, was da gefunden werden kann. Mehr jedenfalls, als man in ein paar Tagen schaffen kann, wir reisten mit dem deutlichen Gefühl wieder ab, überhaupt nicht fertig mit der Gegend zu sein.

Und wäre es nicht so heiß gewesen, ich hätte schon Lust gehabt, überall länger herumzulaufen, auch völlig ziellos. Man braucht ja gar kein Ziel, wenn man nicht sieht, wie der Weg nach fünf Gehminuten weitergeht. Das ist ein wenig wie ein Spaziergang durch eine fremde Stadt, da kann man sich auch so treiben lassen, von Ecke zu Ecke, von Viertel zu Viertel, es könnte überall gleich etwas kommen, was man interessant findet.

So ähnlich kam uns das in Südtirol vor. Nicht eng, das ist nicht einmal anähernd das richtige Wort. Es war eher interessant verwinkelt.

Tatsächlich fand ich es da sogar so interessant, dass mir in dieser Landschaft sehr viele Ideen kamen. Ich hatte zwar Urlaub, aber Projektideen am laufenden Band. Geschichtenideen, Artikelansätze und so weiter, ich hätte da auch tausend Bilder machen können, Interviews und was weiß ich, ich hatte sogar wieder große Lust, etwas zu zeichnen, ich fand die Gegend wirklich anregend. Mir fiel dort dauernd ein, was ich alles machen könnte.

Direkt nach der Südtirolreise waren wir auf Eiderstedt an der Nordsee. Das ist das landschaftliche Gegenteil, die Antithese zu den Alpen. Oben enorm viel Blau, unten ein schmaler grüner Strich, zack, fertig ist die Landschaft. Da kommt man zur Not mit nur zwei Pinselstrichen aus, und der Eiderstedter guckt das Bild an und sagt: “Ach guck, die Heimat”. Guckste nach links, siehste meilenweit gar nichts, guckste nach rechts, sieht es auch so aus, so ist das da, und irgendwo ein Leuchtturm. Das ist eine sehr klare Angelegenheit, das schafft Luft im Kopf. Und dort fiel mir dann dauernd ein, was ich alles lassen könnte. Auch recht, gar keine Frage.

Westerhever

 Für eine vernünftige und gründliche Studie dieser Effekte müssten wir im nächsten Jahr eigentlich in umgekehrter Reihenfolge erst nach Eiderstedt und dann direkt nach Südtirol reisen, um zu sehen, was das so herum seelisch bewirkt. Und dann die beiden Jahresergebnissse vergleichen, den jeweiligen Output und die Kennziffern für Produktivität, Kreativität … kennen Sie eigentlich dieses seltsame Gefühl, wenn Aspekte des Berufs manchmal so ins Private hineinragen? Das ist auch nicht immer schön. Aber wenn ich hier schon beim Controlling lande, dann sage ich im nächsten Text etwas zu den Preisen in Südtirol. Und in Hamburg.

Roter Hahn