Jan
Die Logik der Suppennudel
In unserer Wohnung wird demnächst die etwas angemoderte Einbauküche im ansprechenden Design der Achtziger Jahre (Farbgebung in Sand, Schlamm- und Kackbraun) gegen eine moderne Variante getauscht. Das hört man als Mieter gern, da freut man sich und träumt von kommenden Zeiten, in denen die Küche womöglich sogar fotogen sein wird, da schmeckt dann alles sicherlich besser, wenn es endlich einen dekorativen Hintergrund hat. „Suchen Sein sich mal was Schönes aus“, hieß es seitens der Verwaltung und die Herzdame ist wahrscheinlich die einzige Frau weltweit, die auf so ein Angebot mit dem denkwürdigen Satz reagiert: „Wenn ich mir die Küchendetails hätte aussuchen wollen, dann wäre ich irgendwo Eigentümerin geworden!“
Ich finde die Auswahl nicht so problematisch, diese Aufgabe übernehme ich also, in der Küche kenne ich mich eh besser aus. Die Herzdame ist bei uns ja auch für den Autokauf zuständig, das hat hier alles seine Logik, das ziehen wir durch. Was ich aber tatsächlich schwierig finde, ist die unfassbare Menge von Zeug, die sich in den Küchenschränken befindet, und die natürlich für die Zeit des Umbaus irgendwo anders hin muss. Nirgendwo sind bei uns so viele Dinge versammelt wie in der Küche, nicht einmal das Kinderzimmer kommt damit, und das will etwas heißen. Wenn man all die Dinge erst einmal aus den Küchenschränken herausholt, dann füllen sie wahrscheinlich wochenlang die ganze restliche Wohnung aus. Das kennt sicherlich jeder von Bücherregalen, deren Inhalt sich entgegen aller physikalischen Gesetzgebung im Volumen verdoppelt, wenn man die Bücher herausnimmt. Bei Küchenschränken ist es noch schlimmer. Viel schlimmer. Seit ungefähr vier Wochen bin ich nun schon damit beschäftigt, nur den Vorratsschrank leer zu kochen, damit die Aktion etwas einfacher wird. Der bisher eingetretene Erfolg besteht darin, dass seine Tür jetzt allmählich normal schließt. Es bleibt eine Herkulesaufgabe, unter anderem wegen meines Nudelkaufknalls.
Altgediente Leser werden sich vielleicht erinnern, ich habe beim letzten Umzug bereits mit Grausen darüber geschrieben, welche Mengen von Suppennudeln sich in unserer damaligen Vorratskammer fanden. Es waren so viele, dass es mich wohl zur Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe qualifiziert hätte. Das ist ein paar Jahre her, und nun ist die Lage wieder ähnlich, Besserung ist bei diesem seltsamen Thema nicht eingetreten. Aber mittlerweile glaube ich verstanden zu haben, warum ich Suppennudeln kaufe, bis der Schrank voll ist. Es ist eine Berufskrankheit.
Und zwar scheint es mir so zu sein, dass ich mich an einen klassischen Bug in einer beliebigen Software angepasst habe, das ist vielleicht ganz naheliegend, wenn man jahrelang projektleitend mit der Entwicklung von Software, Applikationen und damit verbundener Prozesslogik zu tun hat, so etwas färbt wahrscheinlich unweigerlich irgendwann ab. Warum sollte man noch normal funktionieren, wenn es alles, womit man beruflich jeden Tag zu tun hat, auch nicht tut? Programme machen nun einmal Fehler. Ich habe mir also, genau wie ich es im Büro tun würde, ein Bild vom Prozess gemacht, der beim Suppennudelkauf und seinen Randbedingungen abläuft.
Die Situation ist so: Der Zeitplan dieser Familie hier ist seit vier Jahren von der einfachen Devise „Wir kommen zu nix“ geprägt, das gilt selbstverständlich auch für das Essen. Ich koche prinzipiell gern und habe dauernd vor, großartige Dinge auf den Tisch zu bringen, scheitere aber meist am Timing. Wenn ich nun ein Essen im Sinn habe, für das ich z.B. Suppennudeln brauche, dann kaufe ich welche, das ist soweit noch im grünen Bereich und vollkommen in Ordnung, bis dahin ein sauberes Programm. Wenn ich zu dem geplanten Essen aber nicht komme, dann kaufe ich am nächsten Tag wieder Suppennudeln. Der Task „Suppennudeln kaufen“ wird nämlich nur gelöscht, wenn ich sie zubereite, nicht aber, wenn ich sie kaufe, denn dann ist der Prozess ja noch nicht fertig. Nur der fertige Eintopf löscht die Aufgabe des Kaufs. Es ist eine Suppennudelendlosschleife, ein durchgeknalltes Programmteilchen, das man einfach mal abklemmen muss, keine große Sache. So etwas erkennt ein alter Hase wie ich doch sofort, da muss ich gar nicht erst mit dem Programmierer verhandeln. Solche Fehler werden normalerweise in Minuten behoben.
Ich weiß nur noch nicht recht, bei welchem Support ich mich jetzt deswegen melden muss.
Jan
Ich komme, um zu singen
Sohn I fragt, wo ich hingehen möchte, ich erkläre ihm, dass ich ins Theater gehe, zu einem Konzert von Esther Ofarim. Er fragt, wer das sei und ich zeige ihm alte Videos von ihr auf dem iPad. Filmaufnahmen aus den sechziger Jahren, genauer gesagt vom zweiten Tag, an dem in Deutschland Farbfernsehen ausgestrahlt wurde, und wenn man das weiß, dann wirkt es gleich noch viel bunter, was die sehr junge Esther da als Kleid trägt. Sohn I wippt mit und nickt, die Musik gefällt ihm. „It’s the morning of my life“, wie passend für einen vierjährigen Jungen. Dann zeige ich einen Clip von heute, und die Frau, die da singt, ist immer noch schön, singt immer noch wie damals, ist aber viel älter und hat keinen Mann mehr dabei. Der Sohn fragt, wo denn der Mann sei, der Abi, weil der hat ihm auch gut gefallen, mit der Gitarre. Ich erkläre ihm, dass er Esther irgendwann nicht mehr gefallen hat, oder umgekehrt, was weiß ich, so etwas kommt eben vor, der Sohn kennt ja genug Beispiele im näheren Freundeskreis und in der Verwandtschaft. Ja, sagt er, das weiß er, aber gut ist das deswegen noch lange nicht. Und zusammen fand er die besser. Und er will jetzt lieber wieder die alten Sachen sehen. So.
20 Uhr im Sankt Pauli Theater auf der Reeperbahn. Das Licht geht aus und Esther Ofarim tritt in rauschendem Applaus auf, geht ans Mikro und sagt verlegen: „Ich komme, um zu singen.“ Das Publikum klatscht schon nach diesem Satz so, als müsse man sich die Zugaben jetzt schon hart erkämpfen und nach den ersten Klängen von „My Fishermann, my laddie-o“ hört man ein hundertfaches Seufzen im Saal.
Ich bin ein Kind aus den sechziger Jahren, es sind viele in meinem Alter da, noch mehr aber, die zur Generation meiner Eltern gehören. Menschen, die wie ich die Schallplatten von Esther Ofarim tausendfach gehört haben, Menschen, die mit ihrer Musik groß und alt geworden sind. Menschen, die hebräische Lieder mitsingen können, ohne ein Wort hebräisch zu sprechen, man hört es leise aus den Reihen, als Esther „Laila laila“ anstimmt. Das war auch auf der Platte, die in meiner Kindheit lief, und ich weiß heute noch jeden Ton, jede Silbe und jeden Kratzer. Das Publikum klatscht und klatscht nach jedem Song als könnte es ihr letzter sein. Esther hebt nach jedem Lied sachte die Schultern und schüttelt den Kopf, als wollte sie sagen: „besser kann ich es nun einmal nicht“, dabei ist hier jeder ganz sicher, dass sie eine der weltbesten Sängerinnen ist. Schüchtern wirkt sie, kleiner und schmaler denn je, vorsichtig tritt sie ins Rampenlicht, als wäre sie vielleicht gar nicht willkommen, dabei gibt es wohl wenig Künstlerinnen, denen so viel Liebe entgegengebracht wird. Alte Liebe, in Jahrzehnten gereift, in Sekunden neu entfacht, einfach durch den ersten Ton eines großen Liedes. Sie singt Stücke von Brecht und Leonard Cohen, von den Beatles, aus Musicals und hebräische Lieder. Den bittersten aller vorstellbaren Surabaya-Johnnys, das hoffnungsvollste „Somewhere over the rainbow“, das verständnisinnigste „Wednesday morning at five o’clock“. In den Zugaben auch das unverwüstliche „It’s the morning of my life“ und ganz zum Schluß Heine/Mendelssohn „Leise zieht durch mein Gemüt“ – und man möchte jeden Ton festhalten, damit es bloß nicht aufhört. Dann winkt sie im Gehen über die Schulter und ist weg. Die Menschen strömen hastig zu den Ausgängen, schnell in die Bahn, schnell nach Hause, die alten Platten auflegen. In Stimmen kann man zuhause sein.
Was ich eigentlich sagen wollte: Wenn Sie die Chance haben, eines ihrer wenigen Konzerte zu besuchen – gehen Sie bloß hin.
Jan
Die Geschichte vom Mantelmännchen gibt es nicht
Das Travemündebuch „Es fehlt mir nicht, am Meer zu sein“ ist längst erschienen, die Jugend ist damit sozusagen durcherzählt und literarisch abgefertigt. Die Geschichten in dem Buch ergeben zusammen Sinn, sie bilden einen Bogen, der sich beim Lesen für mich gut und richtig anfühlt. Ja, so war es, so ging das damals, so hat es sich angefühlt. Es gibt natürlich eine Handvoll Szenen, die nicht in dem Buch vorkommen, weil sie zwar in meiner Erinnerung noch bestens präsent waren, sich aber nicht recht in einen Kontext fügen lassen wollten. Das macht auch nichts, ein wenig Schwund ist immer, wie die Handwerker sagen. Und Schreiben ist auch nur ein Handwerk. Das Kürzen von fertigen Texten gehört überhaupt zu den besten Momenten beim Schreiben. Man wirft etwas weg und der Rest wird dadurch besser, das ist jedes Mal wieder eine Erfahrung, die begeistert. Vollständige Geschichten fehlen in dem Buch dennoch nicht, der Platz hat für alle gereicht, es kam mit der Seitenvorgabe des Verlages genau hin. Es fehlt keine einzige wichtige Figur, keine wirklich wichtige Szene.
Es gab allerdings von Anfang an eine Geschichte in meinem Kopf, von der ich wusste, dass ich sie nicht erzählen konnte, denn die Geschichte hätte nur die richtige Wirkung gehabt, wenn sie mit einem Bild geendet hätte. Einem Bild von Sarah, der weiblichen Hauptfigur, dem angebeteten Mädchen, und mir. Übrigens das einzige Bild, dass ich überhaupt von ihr habe. Bilder waren in dem Buch allerdings nicht vorgesehen und ich hätte es auch bedenklich gefunden, ein Bild von Sarah zu veröffentlichen, ohne sie vorher gefragt zu haben. Das verbot sich also von selbst, obwohl ich es immer schade fand. Es ist dann doch etwas anderes, eine Geschichte über eine Person auszumalen, selbst wenn man alles gut trifft und sich gar keine oder wenig Mühe gibt, die wahre Figur zu tarnen, als ein echtes Foto abzubilden. Ich hätte es schön gefunden, das Buch mit dem Bild enden zu lassen, aber das war einfach nicht denkbar. Deswegen fehlt die Geschichte vom Mantelmännchen in dem Buch. Es ist auch keine Geschichte, die der Handlung eine entscheidende Wendung gegeben hätte, es wäre einfach nur noch eine Geschichte von Kinderliebe und Meer gewesen, mit einer weiteren seltsamen Figur in einem Buch, in dem schon etliche seltsame Figuren vorkamen. Wahrscheinlich hätte mir die Geschichte viel Spaß gemacht, aber unentbehrlich war sie auch nicht.
Nun hat vor kurzer Zeit jemand Sarah das Buch geschickt. Sie hat es gelesen und Gott sei Dank gut gefunden. Sie hat mich angeschrieben und wir haben ein paar Mails getauscht. Ich weiß jetzt, wie sie heute aussieht, ich weiß, dass aus ihr eine schöne Frau geworden ist. Ich weiß, wie sie heute heißt, in welche Stadt es sie verschlagen hat, dass sie zwei Söhne hat. Wir werden uns sicher bald wiedersehen. Ich könnte die Geschichte jetzt tatsächlich schreiben, ich könnte das Bild veröffentlichen, sie hat gar nichts dagegen, im Gegenteil. Allerdings bin ich aus dem Thema Travemünde natürlich vollkommen raus. Ich habe mittlerweile längst ein anderes Buch geschrieben, es erscheint in Kürze. Ein Buch über die zehn Jahre nach meiner Jugend an der Ostsee. Jahre, in denen das Meer keine Rolle mehr spielte, und Sarah auch nicht. Ich habe mich in eine Großstadt hinein und wieder hinausgeschrieben, ich habe im Leben und in Geschichten andere Frauen geliebt, Berufe erlernt und viele Menschen kennengelernt, die Travemünde nicht einmal kannten. Ein weiteres Buch von mir ist noch neu erschienen, das „Rosinenbrötchen“, da war ich beim Schreiben schon fast in der Gegenwart. Die Jugend ist darüber noch etwas weiter weggerückt in Richtung damals, irgendwann, in grauer Vorzeit. Andere Inhalte wurden in das Filmstudio der Erinnerung geladen, neu koloriert und nachgedreht. Travemünde ist irgendwo da draußen. Aber das Bild von Sarah und mir, es steht immer noch neben meinem Schreibtisch, da wo es die ganze Zeit stand, als ich „Es fehlt mir nicht, am Meer zu sein“ geschrieben habe. Wenn ich beim Tippen zwischendurch einmal hochsehe, dann fällt mein Blick immer wieder darauf und ich denke hin und wieder an die Geschichte vom Mantelmännchen, die mit dem Bild zusammenhängt und manchmal überlege ich, wie ich sie geschrieben hätte, wenn die Umstände sich früher günstig gefügt hätten. Die Geschichte hätte ganz vorne in das Buch eingefügt werden müssen, gleich hinter „Ein Herrengedeck für Canaris“ vermutlich, da hätte sie gepasst.
Jan
Die Entschleunigung der Menschheit
Die von der EU erzwungene Einführung der Energiesparlampen wird Folgen haben, auf die bisher nur wenige gekommen sind. Abgesehen von ein paar Menschen, die mir ähnlich sind, die also auch unter den Sammelbegriff Hektiker fallen. Wir selbst nennen uns natürlich lieber Dynamiker, Macher oder Effizienzsuperhelden, aber wir können auch mit der beleidigenden Bezeichnung Hektiker leben, da stehen wir in der Tat drüber. Wir haben nämlich gar keine Zeit, uns über so etwas aufzuregen, es gibt einfach überall und immer zu viel zu tun. Noch. Bald wird es nämlich gar nichts mehr für uns zu tun geben. Wir werden leider in Kürze aussterben und die weitere Evolution des Menschen den langsamen Typen mit der gedrosselten Reaktionszeit überlassen. Also Euch, der Mehrheit. Und das liegt an der Vorheizphase.
Das wird bekannt sein: wenn man so eine Energiesparlampe anmacht, dann dauert es einen Moment bis sie geruht, endlich Licht abzugeben. Ein paar Sekunden. Das sind leider ein paar Sekunden zu viel für uns Hektiker. Denn bis die Lampe Licht gibt, sind wir schon gegen Schränke gerannt, Treppen heruntergefallen, über Kartons gestolpert oder auf Bobbycars ausgerutscht. Der normale Mensch steht noch schafbrav am Schalter und wartet auf die Erleuchtung, wir dagegen haben uns bereits Knochen und Köpfe demoliert und können im kalten Licht des Energiesparens, wenn es denn endlich irgendwann hell genug geworden ist, unsere Wunden zählen. Die meisten Unfälle passierten immer schon im Haushalt, bei uns Hektikern wird die Quote jetzt unfassbar ansteigen. Vor einigen Tagen wurde bei uns im Treppenhaus die Beleuchtung modernisiert. Wenn ich auf den Schalter drücke, geht das Licht jetzt erst an, wenn ich schon zwei Stockwerke tiefer gerannt bin. Bis dahin ist Blindflug, und das kann man wörtlich nehmen, wenn z.B. etwas im Weg steht.
Macht es Euch schon einmal gemütlich, Ihr lieben langsamen Mitbürger – Ihr seid die schnelle Truppe bald endgültig los.
Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.
Jan
Dienstreise II
Ich: „Nächste Woche fliege ich nach München. Soll ich Dir etwas mitbringen? Etwas Typisches aus Bayern vielleicht?“
Sohn I: „Kommen iPads aus Bayern?“
Jan
Dienstreise
Sohn I: “Papa, warst Du in Frankreich?”
Ich: “Nein, ich war in Frankfurt.”
Sohn I: “Wer soll denn das unterscheiden können?”
Jan
Nebenwirkungen
Seltsame Begleiterscheinung nach ein paar Tagen mit drastisch reduziertem Fleisch- und auch Zuckerkonsum: mir schmeckt plötzlich kein Bier mehr. Gleich mal an der Alster versuchen, ob ich auch schon über Wasser gehen kann!
Jan
Last order
Da die Suchanfragen nach “Wochenhoroskop – Merlix” bzw. “Horoskop – Buddenbohm” etc. einfach nicht aufhören oder im Moment sogar wieder mehr werden, noch ein paar Worte zu der kleinen Reihe, die es auf DerWesten nun endgültig nicht mehr gibt. Anscheinend gibt es weiterhin ein sehr reges Interesse an dem Format, was mich natürlich freut. Ich habe jedoch im Moment überhaupt keine Zeit, mich um einen neuen Kunden zu kümmern, also um eine Zeitungsseite, einen Sponsor, um was auch immer, da kann man sich ja verschiedene Lösungen vorstellen. Wahrscheinlich würde sich etwas finden lassen, nehme ich an, aber ich kann mich da einfach nicht stundenlang dransetzen. Vielleicht hilft da ja dieses praktische Blogdings hier weiter?
Sollte sich also jemand aus dem Publikum hier angesprochen fühlen und denken, dass das einzig wahre Wochenhoroskop zu ihm oder zu seiner Firma, seiner Seite, seiner Redaktion passen würde, schreiben Sie mich gerne an und machen Sie mir einen Vorschlag. Ich arbeite allerdings nicht umsonst, und auch nicht nur für ein symbolisches Taschengeld, immerhin muss ich jetzt sehr viel Gemüse kaufen, um die Familie zu ernähren. Ich arbeite ebenfalls nicht für Naturalien, Ruhm oder Ehre und natürlich auch nicht für Jungfrauen oder Fische, haha, kleiner Scherz. Bei Verwendung des Wortes Honorar reagiere ich aber meist sehr aufgeschlossen und zutraulich auf alle möglichen Vorschläge.
Die Mailadresse finden Sie bei Bedarf im Impressum.
Und nun weiter im normalen Programm, vielen Dank für Ihr Interesse.
Jan
Taktisches Essen
In den meisten vegetarischen Kochbüchern und Rezeptsammlungen, erst recht in den veganen, findet man seitenlange Hinweise und Regelsammlungen, die einem verdeutlichen sollen, wie man mit der Auswahl der Zutaten zu bestmöglichen Ergebnis nicht nur für den Geschmack, sondern auch für die Gesundheit kommt. Kombinationsmodelle von Nährstoffgruppen, die an Lehrtafeln zur Mengenlehre erinnern, Auflistungen von Vitaminen und Spurenelementen, die an das Biobuch aus der Oberstufe damals erinnern. Nach einmaliger Lektüre hat man von all den Hinweisen nichts behalten, täglich nachlesen kommt natürlich nicht in Frage, die Theorie bleibt also erst einmal Theorie. Aber wenn man dann selber loskocht, dann kommt man doch sehr schnell darauf, wie man mit der geschickten Auswahl von Zutaten wirklich unglaubliche Ergebnisse erreicht.
Ich habe zum Beispiel gestern Rosenkohl mit Knoblauch im Ofen gemacht, eine Idee, auf die ich noch nie vorher gekommen war. Sohn I hat bei Erwähnung der Zutaten sofort beschlossen, sich bei den benachbarten Eltern nach dem dortigen Speiseplan für den Abend zu erkundigen und die Wohnung fluchtartig zu verlassen, Sohn II folgte ihm kopfschüttelnd. Die Herzdame verkündete, den Kindern dringend nachgehen zu müssen, während der Knoblauchduft aus dem Ofen schon balkanmässig schwer durch die ganze Wohnung waberte. So hatte ich ein hervorragendes Abendessen, eine vollkommen ungewohnt ruhige Wohnung und ganz unerwartet entspannte Zeit, um mich stundenlang in die Arbeit zu vertiefen. Kein Kind zog an mir, keine Herzdame wollte etwas besprechen. Keine nervtötende Kindermusik mit debilen Refrains plärrte aus der Anlage, keine ferngesteuerten Autos fuhren gegen meinen Schreibtisch. Die Familie kam erst spät zurück, nachdem man allgemein annahm, der Duft müsse wieder verflogen sein.
Es ist wirklich wahr, was in den Büchern steht! Wenn man nur alles richtig kombiniert, hat man von der vegetarischen Ernährung lauter Vorteile, mit denen man vorher gar nicht gerechnet hat. Ich bin begeistert.
(Rezept hier)
Jan
So
So, ich bin vorbereitet. Obwohl man ja als nahezu immer online lebender Mensch eigentlich gar keine Kochbücher mehr braucht. Zum einen sind Apps viel praktischer, zum anderen reicht es auch vollkommen aus, wenn man auf Twitter, Facebook, Google Plus oder wo auch immer leise etwas wie „Okra, nanu?“ oder „was ist das denn“ murmelt und ein Handyfoto dazu hochlädt – schon kommen rudelweise Foodblogger herangeschossen, deren Existenz man vorher gar nicht wahrgenommen hat, und überhäufen einen mit Texten zur Warenkunde, Rezepttipps, Fotos von zufällig bei ihnen gerade zubereiteten Gerichten mit dem Zeug und kampflustig vorgetragenen Grundsatzaussagen zum jeweiligen Kraut à la „Stängelkohl gehört auf den Kompost, nicht auf den Tisch!“ Und während man sich als tendenziell ratloser und überforderter Nichtprofikoch noch amüsiert durch die Rezepte klickt, welche die Foodblogger als pappeinfach bezeichnet haben, obwohl man cirka 20 Zutaten dafür braucht, für die man in vier Läden gehen müsste, um dann daran zu scheitern, dass man gar keinen Schnellkochtopf hat, oder keinen Bunsenbrenner oder was auch immer, wo war ich, ach ja, währenddessen fangen die Foodblogger an, sich im gewählten Medium über korrekte Zubereitungsmethoden zu befehden, dass die Fetzen fliegen. Es sind seltsame, aber liebenswerte Menschen, die Foodblogger. Sie erinnern ein wenig an Fische in Aquarien, die werden auch immer so aufgeregt, wenn man mit Futter kommt.
Und ich geh jetzt erst einmal lesen. Meinetwegen müssten dieses Jahr keine neuen Kochbücher mehr erscheinen, glaube ich.
Jan
Neues Thema, neue Nachrichten
Was macht man als online-affiner Mensch, wenn man seine Nahrung umstellt, man kauft sich natürlich nicht nur ein paar neue Kochbücher, nein, man kauft auch entsprechende Apps mit Rezepten, man abonniert die Feeds von spezialisierten Foodblogs und bookmarkt ein paar bisher unbekannte Seiten mit Bezug zum neuen Thema. Und dann stellt man noch Google-News so um, dass es eine eigene Rubrik mit Meldungen zur vegetarischen Ernährung auswirft, das ist ja kinderleicht und in wenigen Klicks fertig. Wenn ich mich mit einem neuen Thema beschäftige, dann will ich auch möglichst viel dazu wissen, und das kann man heutzutage sehr effizient gestalten. Wenn es jetzt Schlagzeilen zum Thema „Vegetarische Ernährung“ gibt, dann bekomme ich sie garantiert auch mit. Es ist immerhin beruhigend und schön, wenn man im brandaktuellen Newsstream in seinen Vorhaben bestätigt wird und hier und da noch einmal lesen kann, wie wahnsinnig gesund es ist, auf möglichst viel Fleisch zu verzichten, wie hilfreich das bei Arthrose oder anderen Gebrechen ist oder weiß der Kuckuck, was da noch alles an erfreulichen Randbedingungen stehen kann. Fitness! Gewichtsreduktion! 20 Jahre jünger! Das will ich alles, alles wissen, versteht sich.
Das dachte ich mir heute Morgen jedenfalls so, als ich am Computer saß und mir das neue Thema überall einbaute. Und nach dem finalen Refresh sah ich gespannt auf die Google-News-Seite mit der frischen Rubrik „Vegetarisch“. Und dann las ich interessiert die allererste Meldung, die mir auf diese Art präsentiert wurde. Eine Nachricht mit der schönen Schlagzeile: „Blowjob: Vegetarier bevorzugt.“ Eine Meldung, in der es darum ging, dass Vegetarier beiderlei Geschlechts angeblich deutlich mehr Gefallen an oralem Sex finden als Fleischesser, so lautete jedenfalls das Ergebnis der Onlineumfrage einer Partnervermittlung.
Und ich dachte, während ich genüsslich in die Banane biss, die mir jetzt morgens regelmäßig mein gewohntes Wurstbrot ersetzt, dass es doch wirklich unerfindlich ist, was für ein Unsinn den Weg in die Nachrichten findet. Wirklich seltsam.
Jan
Darf es noch etwas anderes sein?
„Einen wunderschönen guten Morgen wünsche ich Ihnen!“ Die Bäckereifachverkäuferin begrüßt mich in jauchzend glücklicher Stimmlage. „Schön, dass Sie so früh schon zu uns gefunden haben!“ Sie legt den Kopf schief und versucht, meinen Blick einzufangen. Sie strahlt mich lieblich an und nickt auffordernd. „Na, was darf es denn sein?“ Sie beugt sich etwas vor, ihre rechte Hand weist wedelnd auf die übervoll mit Brötchen gefüllten Regale hinter ihr, während die andere Hand unauffällig in Hüfthöhe den brötchenbelegenden Verkäuferinnen neben ihr Zeichen gibt, damit sie mich auch alle einmal anstrahlen.
Die Bäckerei ist neu im Stadtteil, sie hat erst vor ein paar Tagen aufgemacht. In unserem heiteren kleinen Bahnhofsviertel gibt es grob geschätzt in jedem zweiten Haus einen Bäcker, aber ab und zu finden doch noch neue Ketten eine Lücke für eine ihrer Filialen. Ich bin ein großer Freund von Bäckereien, also teste ich selbstverständlich jeden neuen Laden, auch wenn es die gefühlte Nummer zwanzig in allernächster Nähe ist. Dieser Bäcker hier hat tatsächlich die wahrscheinlich besten Brötchen weit und breit, ich würde sie wirklich künftig gerne jeden Morgen kaufen, allerdings wird mir das sehr, sehr schwer fallen. Denn die Verkäuferinnen haben, das merkt man innerhalb von Sekunden nach Betreten des Geschäftes, ein intensives Verkaufstraining hinter sich. Sie haben alle dieses Talmigrinsen und die einstudierte Privatradiomoderatorentonlage, so ein gewisses heiterkeitsdurchsonntes Kieksen in der Stimme, bei dem sich mir die Nackenhaare aufstellen wie auch bei anderen Zeichen höchster Gefahr.
Ich muss das für die Leser aus dem süddeutschen Raum vielleicht näher erklären. Ich bin norddeutsch. Norddeutsche kommen, etwas vereinfacht ausgedrückt, in zwei Erscheinungsformen vor. Die einen sind die putzigen Friesen, bekannt aus Film und Fernsehen, die sind verschlossen, knurrig und maulfaul, bei näherem Kennenlernen aber sehr herzlich. Alle anderen Norddeutschen sind genau wie Friesen, nur sind sie auch bei näherem Kennenlernen nicht sehr herzlich. Ich komme aus Lübeck, das ist von Friesland ziemlich weit weg, jedenfalls kulturell betrachtet. Als ich Kind war, waren Verkäuferinnen noch vollkommen authentisch. Kein Mensch wäre damals auf den Gedanken gekommen, ihnen beizubringen, wie sie ein Verkaufsgespräch zu führen hatten. Aus meiner Jugend war ich es gewohnt, dass Einkaufen in etwa so ablief: Man betrat ein Geschäft und sah sich etwas um. Die Verkäuferin stand mit unergründlicher Miene vor ihrer Ware und schwieg. An Tagen mit exaltiert guter Laune murmelte man „Moin“, und wenn die Verkäuferin sehr, sehr gut drauf war, dann erwiderte sie sogar den Gruß. Man sah sich weiter schweigend die Ware an. Die Verkäuferin sah sich schweigend den Kunden an. Wenn das zu lange dauerte, fragte die Verkäuferin irgendwann ohne weitere Höflichkeitsfloskeln, aber mit steiler Falte auf der Stirn: „JA WAS JETZT!“ Das war das Einkaufen in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Lübeck. So gehörte das und niemand fand das komisch.
Heute wird Verkäuferinnen genau beigebracht, welche Phrasen im Verkaufsgespräch zu benutzen sind. Es wird ihnen beigebracht, jeden Kunden zu fragen, ob er nicht vielleicht mehr möchte, noch etwas anderes, noch einen Kaffee dazu, noch ein Schokobrötchen vielleicht? Etwas Süßes für den Tag, hm? Nervennahrung, haha? Dem Kunden auch einmal vertraulich zuzwinkern! Nähe schaffen! Und hat er denn schon eine Kundenkarte oder möchte er nicht vielleicht eine haben? Es wird ihnen beigebracht, den Blick des Kunden einzufangen, sie verrenken sich den Hals dabei und flattern unruhig hinter der Verkaufstheke hin und her, wenn man wider Erwarten nicht mitspielt. Sie haben gelernt, jedem Kunden zum Abschied einen besonders schönen Tag zu wünschen und sie geben sich redlich Mühe, es so klingen zu lassen, als wäre er, nur er, ganz persönlich gemeint. Der Freund des Hauses, ihr Lieblingskunde! Es ist furchtbar. Als würde ein abgerichteter Pudel vor einem herumtänzeln, Kunststückchen aufführen und dann hinterher fiepend auf ein Wurststückchen warten. Nur warten die Bäckereifachverkäuferinnen nicht auf ein Wurststückchen, sondern auf eine Zusatzbestellung. Denn dann haben sie gewonnen, man sieht es an ihrem aufleuchtenden Strahlen, wenn man tatsächlich noch ein weiteres Brötchen bestellt, weil es heute im Angebot ist, nur heute, und natürlich nur für mich. Dann haben ihre Trainer recht gehabt, dann war alles richtig, dann macht der Arbeitgeber, der vielleicht, wer weiß, als Kaffeegast getarnt hinten im Raum sitzt, zufrieden grinsend einen Pluspunkt in die Akte. „Möchten Sie noch ein Schokobrötchen? Das sind unsere leckeren Quarkbrötchen mit vielen Schokostückchen. Die sind heute im Angebot! Darf ich Ihnen eines mit einpacken?“ Ich bin ein höflicher Mensch, ich habe mich normalerweise halbwegs im Griff. Aber die Versuchung, den nächsten gezirpten Verkaufssatz mit „Schnauze, Frollein“ zu beantworten, wird in solchen Augenblicken fast übermenschlich groß.
Vor vier Jahren gab es so ein Verkaufstraining beim Personal meiner Bank. Es hingen damals sogar Plakate in der Filiale, in denen angekündigt wurde, dass bald alles viel freundlicher werden würde. Als ich irgendwann Bargeld einzahlen ging, fragte mich der Mann an der Kasse ekstatisch grinsend, ob er mir nicht vielleicht auch einen Termin mit einem Berater machen solle, da wäre gerade einer frei, nein? Mal kurz über die Rente reden, hm? Und er erhob sich halb, als hätte ich bereits ja gesagt, und er bemühte sich sehr, meinen Blick dabei nicht zu verlieren. In dem Drogeriemarkt um die Ecke, in dem die Kassiererinnen jeden Kunden unerbittlich wieder und wieder nach der verdammten Kundenkarte fragen müssen, gibt es Kunden, die ruhig in der Kassenschlange stehen und dann, wenn sie endlich dran sind, unversehens tourettemässig laut „Nein!“ brüllen, sobald die Kassiererin sie nur ansieht, noch bevor sie überhaupt etwas sagen kann. „Und sie wollen auch keine haben?“ fragen die Kassiererinnen dann vollkommen unbeeindruckt.
Ich habe die Bank jetzt seit vier Jahren nicht mehr betreten. Ich lasse die Herzdame Drogerieartikel kaufen. Und morgens reicht ja vielleicht auch ein Toastbrot.
Jan
Alles ganz anders
Es ist ein zeitlicher Zufall und hat eigentlich gar nichts mit dem Neuen Jahr zu tun. Es ist kein guter Vorsatz, keine hehre Absicht, eher ein reiner Vernunftbeschluss und eine medizinische Notwendigkeit. Ich werde in diesem Jahr fast oder ganz vegetarisch leben, das ist bei gewissen Gelenkkrankheiten manchmal eben angeraten, es könnte zumindest helfen. Vieles spricht dafür. Da sitzt man dann plötzlich als leidenschaftlicher Normal-, Fett- und Kantinenesser etwas ratlos vor den Ernährungsempfehlungen der einschlägigen Foren und Expertenseiten und staunt. Jenes Lebensmittel weglassen, dieses meiden, viel mehr von dem. All die Dinge, die man als Jugendlicher auf den Einkaufszettel für eine wilde Party geschrieben hat, die schreibt man dann als etwas ausgereifterer Mensch seufzend auf eine Liste mit dem Titel „Nicht mehr“. Na super! Immerhin gibt es das Internet, man kann also alles, was man jetzt wissen muss, mal eben schnell nachschlagen ohne einen ganzen Stapel Bücher kaufen zu müssen oder Stunden in der Bibliothek zu verbringen. Einfach losgegoogelt und schon hat man hunderte Treffer zu dem, was künftig noch in den Topf kommen sollte, das ist heute wirklich sehr einfach. Ich sitze vor dem Computer und lese eine Seite nach der anderen. Manches klingt ganz vernünftig und einleuchtend, nachvollziehbar erklärt und biochemisch untermauert. Manches klingt etwas wirr, manches klingt seltsam und einige Seiten – also wirklich. Ich sitze, lese und staune. Das kann doch irgendwie nicht ernst gemeint sein? Das soll dann noch Ernährung sein? Die Ratschläge lesen sich wirklich mehr als befremdlich und ich brauche verblüffend lange, bis ich merke, dass ich auf einer Seite für Veterinärmedizin gelandet bin, Abteilung Erkrankungen am Bewegungsapparat des Hundes.
Vielleicht beginne ich die Umstellung der Ernährung doch erst einmal mit ein paar Leckerlis zur Motivation?
Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung
Dez
The same procedure
In nun schon alter Tradition erscheint hier auch zu diesem Silvester wieder dieses bemerkenswerte Bilddokument, das an einen Abend besonderer norddeutscher Ausgelassenheit erinnert. Deutlich erkennt man die sogenannte Hanseaten-Ekstase in meinem Blick. Denn man muss gerade die süddeutschen und rheinländischen Leser gelegentlich daran erinnern: wir hier oben, wir sind gar nicht so. Wir können auch anders.
Wir wünschen einen guten Rutsch und ein wundervolles 2012! Bis nächstes Jahr.
Dez
Der Social-Networks-Posting-Planer für das ganze Jahr
Ohmeingott. Ein neues Jahr ist im Anmarsch. Das bedeutet: schon wieder 365 Tage lang die ganzen sozialen Netzwerke füttern müssen. 365 Tage bloggen, twittern, facebooken, flickrn, googleplussen, formspringen, quote-fmen, foursquaren und was dergleichen mehr ist – was soll man da bloß immer überall reinschreiben? Isa und ich haben da etwas für Euch vorbereitet. Wer irgendwann ratlos vor der Tastatur sitzt – ein Blick in diesen Posting-Planer reicht, und es läuft wieder.
Bitte, gern geschehen, gar kein Problem.
Der Social-Networks-Posting-Planer für das ganze Jahr
Januar:
Ausführliches Jammern über den Kater.
Ältere: Darauf hinweisen, was man früher alles vertragen hat. Das waren noch Zeiten!
Gute Vorsätze posten. Dafür gern Coelho-Tonfall benutzen. (“Meiner Seele ihre Flügel zurückgeben”, so die Richtung.)
Witze über gute Vorsätze machen.
Im Fitnessstudio die Leute doof finden, die man vor Januar nie dort gesehen hat.
Winterspeck und Weihnachtsfigur noch einmal ausgiebig thematisieren.
“Wenigstens wird’s schon wieder heller, haha.”
Klagen über die finanzielle Ebbe (Weihnachtsgeschenke, die ganzen jährlichen Abbuchungen).
Noch in der ersten Woche irgendwas mit “Das fängt ja gut an”.
Beschwerden über Heilige Drei Könige als Feiertag in BaWü, Bayern und Sachsen-Anhalt.
Sternsinger doof finden und nichts geben wollen oder aber gut finden und was geben, in diesem Fall dann natürlich doof finden, dass andere nichts geben.
Erzählen, wie man früher selbst gesternsingert hat. Das waren noch Zeiten!
Nichteltern: Fotos von ironisch gemeinten Schneemännern. Ordentlich mit Instagram verfremden! Lustige Filter anwenden! Volles Rohr!
Eltern: Fotos von Kindern mit Schneemännern.
Katzenhalter: Fotos von der Katze im Schnee.
Gemüsekistenabonnenten: Pastinaken doof finden. Über Schwarzen Rettich staunen.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.
Februar:
Witze über den vollkommen nutzlosen Winzmonat.
2012 ganz wichtig: Schaltjahr! Witze über Menschen, die an Schalttagen geboren werden, die Schaltjahre nicht verstehen, die Schaltjahre übersehen. Überhaupt Witze darüber, was man mit dem zusätzlichen Tag alles anfangen kann. Viele!
Karneval doof finden. Sehr wichtig, geht den ganzen Monat! Sehr oft posten!
Valentinstag doof finden. Witze über Schlangen von Männern vor Blumenläden. Über Abzocke der Floristeninnung schimpfen, die ganze Sache als amerikanische Unsitte bezeichnen.
Männer: Fotos von den Blumen posten, die man dennoch gekauft hat.
Frauen: In jedem Fall über das Verhalten der Männer am Valentinstag amüsieren.
Eltern: Karnevalskostümbasteln doof finden. Trotzdem natürlich Ergebnis posten.
Gemüsekistenabonnenten: Nach neuen Kohlrezepten fragen.
Katzenhalter: Fotos von der Katze auf der Heizung.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.
März:
1. März: Fragen, wann denn dieser Schalttag jetzt ist. Irre komisch!
Bei Temperaturen unter 20 Grad das Ausbleiben des Frühlings bemängeln.
Heroische Beschlüsse zum Fasten verkünden. Berichten, wie gut das in den letzten Jahren getan hat. Fortgeschrittene Humoristen verzichten jetzt auf irgendwas vollkommen Sinnloses und posten das stolz. Sieben Wochen ohne Kapern! Sieben Wochen ohne Xing! Wahlweise: Fasten doof finden.
Klagen über Zeitumstellung und Schlafmangel. Mehrmals! Behaupten, die Stunde würde einem bis zum Herbst durchgehend fehlen.
Den Deppen da draußen die Zeitumstellung erklären. Merksätze posten! Nichtversteher veralbern! Dann zur falschen Zeit “Morgen” posten.
Allergiker: Pflanzen doof finden. Sehr viel über Heuschnupfen. Symptome detailliert darstellen.
Ältere: Heitere Berichte mit Cebit-Erlebnissen von damals. Das waren noch Zeiten!
Katzenhalter: Fotos von der Katze auf der Heizung.
Literaten: Leipziger Buchmesse. Alle anderen: Nachfragen, was das schon wieder ist und ob das nicht sonst immer in Frankfurt war.
Gemüsekistenabonnenten: Wurzelgemüse nicht mehr sehen können (gilt auch ganzjährig).
Eltern: Warten, dass es endlich warm wird und man den Kindern nicht mehr so viel anziehen muss.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.
April:
Total lustige Aprilscherze (“Ich hör übrigens auf zu bloggen”).
Die Aprilscherze anderer doof finden.
Blasphemische Witze zu Ostern. Wahlweise erklären, warum blasphemische Witze nicht lustig sind.
Beschwerden über die Staus zu Ostern, am besten gleich direkt aus dem Stau heraus senden.
Diesen einen Bilderwitz mit den Schoko-Osterhasen posten.
Erste Erdbeeren melden.
Jammern über Erkältungen kurz vor dem Frühling. Symptome gründlich erläutern!
Familiäre Spargelrezepte fundamentalistisch verteidigen.
Aprilwetter doof finden.
Bei schönem Wetter: Frühling lässt sein blaues Band etc.
Katzenhalter: Bilder von Katzen im Osternest.
Eltern: Ostereierfärben doof finden. Irgendwas über nicht gefundene Ostereier und die Eier vom letzten Jahr.
Ältere: Erzählen, wie das früher auf den Ostermärschen war. Parolen wie “Petting statt Pershing” aus der Mottenkiste holen. Das waren noch Zeiten!
Gemüsekistenabonnenten: Anprangern, dass kein Spargel in der Gemüsekiste ist.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.
Mai:
Witze darüber, dass man am Tag der Arbeit nicht arbeitet.
Freiberufler: Witze darüber, dass man am Tag der Arbeit arbeitet.
Anprangern, dass die Erdbeeren noch nicht schmecken.
Anprangern, dass es immer noch nicht warm genug ist. Fragen, ob das etwa diese globale Erwärmung sein soll, die man uns seit Jahren verspricht.
Alle paar Stunden zusammenhanglos “Erdbeeren!” posten
Auf den Eurovision Song Contest freuen. Vorbereitungspostings. Live mitbloggen / -twittern. Wahlweise: Song Contest doof finden.
Irgendwas über Muttertag/Vatertag.
Irgendwas mit Wonnemonat.
Ältere: Behaupten, früher wären die Erdbeeren besser gewesen. Das waren noch Zeiten!
Gemüsekistenabonnenten: Erfahrungsaustausch zu Mairübchen suchen
Katzenhalter: Fotos von Katzen auf dem Rücken im Gras.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.
Juni:
Viel zu frühes Ende der Spargelzeit anprangern.
Spargelsilvester erklären.
Witze über Fronleichnam (Happy Kadaver, haha! Brüller!)
YouTube-Video “Wann wirds mal wieder richtig Sommer” posten.
2012: Fußball-EM. Entweder hysterische Fan-Postings, oder ununterbrochen darauf hinweisen, wie egal einem die EM ist.
Hamburger: Harley-Days doof finden. Brandneue Witze über ältere Zahnarztfrauen in Leder.
Gemüsekistenabonennten: Jetzt die Ehre des unterschätzten Mangolds retten.
Ältere: Jüngeren den 17. Juni erklären. Das waren noch Zeiten!
Eltern: Mit Kindern draußen spielen müssen, dabei andere Spielplatzeltern unerträglich doof finden.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez
Juli:
Jammern über Hitze/Kälte/Regen/Vogellärm.
Anderen den Urlaub neiden oder selbst von Mallorca aus Postkartenmotive posten.
Sehr viel über das Grillen. Witze über Vegetarier. Angeben mit den Fleischmengen, die man vertilgt hat. Blähungen verschweigen.
Jammern über die Sommergrippe. Symptome ausführlich erläutern!
Tour de France-Fan-Postings. Wahlweise Tour de France doof finden / Fans doof finden. Dopingwitze! Viele!
Fragen, ab wann eigentlich Sommerreifen drauf müssen.
Katzenhalter: Bild von dem toten Rotkehlchen, das die Katze angeschleppt hat. Dann Grundsatzdiskussion mit Vogelschützern.
Sommer doof finden.
Alsterwasser/Radler doof finden.
Beschwerden über zu wenig bekleidete Menschen in Großstädten (“Parmesanhacke”)
Gemüsekistenabonennten: Irgendwas mit Bohnen. Zum Beispiel in die Ohren, haha.
Ältere: Sommer von damals lindgrenmäßig verzerrt beschreiben. Das waren noch Zeiten!
Eltern: Klagen über das viele Gepäck, das man auf Reisen für Kinder verstauen und tragen muss.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.
August:
Jammern über den drohenden Herbst und die Sommerhitze.
Wespen doof finden.
Ausflüge aufs Land machen. Landbevölkerung unerträglich doof finden.
Mehrmals immer gleich über das Meer, das Schwimmen und das Eisessen schreiben.
Ältere: Darauf hinweisen, dass man früher als Kind gar nicht eingecremt wurde. Das waren noch Zeiten!
Eltern: Irgendwas mit Muscheln basteln, fotografieren und posten.
Eltern: Ende der Sommerferien herbeisehnen.
Autofahrer: Hass auf Mähdrescher thematisieren.
Nicht vergessen, den ersten Pflaumenkuchen zu erwähnen. Familiäre Pflaumenkuchenrezepte fundamentlistisch verteidigen.
Gemüsekistenabonennten: Obstorgien.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.
September:
Beschwerden über Lebkuchen in den Supermärkten. Behaupten, das käme auch immer früher.
Angeben mit komplett gekauften Weihnachtsgeschenken.
Angeben mit komplett geplanter Silvesterfeier.
Fotos von buntem Laub. Mehrmals! Alle Instagram-Register!
Eltern: Bilder von Kindern im Herbstlaub.
Katzenhalter: Bilder von der Katze im Herbstlaub.
Jammern über die erste Erkältung.
Oktoberfest doof finden. Auch doof finden, dass es im September stattfindet.
Rilkegedicht posten: Herr, es ist Zeit. etc. Vollzitat!
Erzählen, wie man den 11.9. erlebt hat.
Eltern: Irgendwas über verbastelte Kastanien.
Männer: Sich freuen, dass Frauen wieder Röcke mit Stiefeln tragen.
Ältere: Darauf hinweisen, dass man früher die Heizungen erst im November oder bei 10
Zentimetern Schnee angemacht hat. Das waren noch Zeiten!
Frauen: Beschwerden über an Erkältung sterbende Männer.
Gemüsekistenabonnenten: Kürbisrezepte.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.
Oktober:
Kinder, die an Halloween um Süßes bitten, doof finden.
Halloween überhaupt doof finden.
Witze über sich selbst, weil man nix eingekauft hat und im Dunkeln sitzt und stillhält, wenn Kinder vor der Tür stehen.
Den 3. Oktober lauthals ignorieren. Wahlweise erzählen, wie man selbst den Mauerfall erlebt hat. Das waren noch Zeiten!
Zeitumstellung doof finden.
Laubpuster doof finden.
Laternenumzüge doof finden.
Literaten: Frankfurter Buchmesse. Deutscher Buchpreis. Literatur-Nobelpreis (“Nie gehört, den Namen!”.
Gemüsekistenabonnenten: Nach Steckrübenrezepten fragen. Über Quitten staunen.
Eltern: Laternenbasteln doof finden. Irgendwas über Pseudo-Krupp.
Katzenhalter: Bilder von Katzen auf Heizungen.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.
November:
Frühe Dunkelheit doof finden.
Weihnachtsgeschenkesuche doof finden.
Über Leute lustig machen, die jetzt schon Weihnachtsgeschenke kaufen. Sie insgeheim beneiden.
Weihnachten schon mal doof finden.
Nebel doof finden.
Novemberdepression doof finden.
11.11.: Karneval doof finden
Irgendwas mit Abgrillen.
Gemüsekistenabonnenten: Fragen, was eigentlich Topinambur ist. Irgendwas über Rosenkohl/Grünkohl/Rotkohl/Weißkohl/Stängelkohl/Wirsingkohl/Chinakohl.
Eltern: Strohsternebasteln besonders doof finden.
Katzenhalter: Endlich wieder Bilder von Katzen auf Heizungen.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.
Dezember:
Ökotestergebnisse zu Pestiziden in Mandarinen abschreiben.
Weihnachtsmärkte doof finden.
Weihnachtsessen doof finden, trotzdem das komplette Menü posten.
Foto vom Adventskranz / sonstiger Weihnachtsdeko verbreiten. Instagram jetzt endlich ganz ausreizen!
Firmenweihnachtsfeiern doof finden.
Freiberufler: doof finden, dass man keine Weihnachtsfeiern hat.
Eltern: Irgendwas Sarkastisches über abgefertigte Kinder.
Nicht-Eltern: Irgendwas Sarkastisches über abgefertigte eigene Eltern.
Fragen, wann man eigentlich Winterreifen draufmacht.
Bemerkungen über weiße Weihnacht / keine weiße Weihnacht.
Jahresrückblickfragebogen ausfüllen, “same procedure” drüberschreiben und auf die Jahresrückblickfragebögen der letzten X Jahre verlinken.
Sofort posten, wenn man zum ersten mal gewhamt wurde.
Dinner for one-Witze machen.
Nase rümpfen über Menschen, die Silvester mit Y schreiben.
Katzenhalter: Bilder von Katzen in Geschenkboxen.
Ältere: Darauf hinweisen, wie groß die Schneeflocken früher waren. Kommentatoren: Mit “Ja, früher war mehr Lametta” drauf antworten. Das waren noch Zeiten!
Silvester doof finden, um Mitternacht irgendwas schreiben statt zu feiern.
Anke Gröner: Irgendwas mit Gomez.
Immer:
Total doof finden, dass alle so vorhersehbar schreiben.
Anke Gröner: Irgendwas mit Opern.







